"Ziel: Optimale Chancen"

Archiv der Berliner SPD
 

Archiv der Berliner SPD

Hier können Sie im Archiv unserer Internetseiten ältere Beiträge und Beschlüsse nachlesen. Oder Sie nutzen einfach die Suchfunktion.

 
Schulstruktur

"Ziel: Optimale Chancen"

Warum wir die Schulreform brauchen - Michael Müller im Interview mit dem VorwärtsBerlin (August-Ausgabe)

 

Berlin plant die größte Schulreform seit Jahrzehnten. Das Abgeordnetenhaus hat dafür noch vor der Sommerpause die Weichen gestellt. Der vorwärtsBerlin sprach mit dem SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzenden Michael Müller über die Ziele.

 

Herr Müller, Veränderungen sind immer schwierig durchzusetzen, besonders im Bildungsbereich. Bereuen Sie es angesichts der Diskussionen in der Stadt manchmal schon, eine so umfassende Schulreform beschlossen zu haben?


Nein, da hilft es ganz einfach, sich die Ausgangslage vor Augen zu halten und diejenigen im Blick zu haben, für die wir das tun. Es geht darum, dass wir unseren Kindern mehr Chancen geben wollen. Bundesweit gibt es eine Debatte, wie die Vielgliedrigkeit unseres Schulsystem aufgelöst werden kann, wie wir mehr gemeinsames Lernen ermöglichen können. Und die Berliner SPD hat gesagt: Wir handeln. Wir können nicht zulassen, dass Schülergenerationen von der Hauptschule oder der Realschule in die Perspektivlosigkeit entlassen werden. Wir wollen keine Sackgassen im Schulsystem. Unsere Schulreform sorgt dafür, dass wir ein zweigliedriges Schulsystem bekommen und zwei unterschiedliche Wege, die beide zum Abitur führen können - der eine am Gymnasium in zwölf Jahren, der andere an der Sekundarschule in dreizehn Jahren. Damit kann besser auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden.


Sie erwarten insgesamt bessere Schulabschlüsse?


Ja, das ist eines der wesentlichen Ziele. Wir wollen, dass mehr Jugendliche einen guten mittleren Schulabschluss bekommen und damit eine Berufsausbildung beginnen können. Die Sekundarschulen bieten deshalb eine bessere Praxis- und Berufsorientierung für alle Schülerinnen und Schüler. Und wer das Zeug zum Abitur hat, muss nicht die Schule wechseln. Die Sekundarschule bietet ein absolut gleichwertiges Abitur.


Dennoch hat es über die Frage des Zugangs zu den beiden Schularten eine längere Debatte in der Stadt gegeben. Stichwort „Klassenlotterie“.


Dass diese Diskussion den Blick vom eigentlichen Ziel, dem ehrgeizigen bildungspolitischen Projekt, abgelenkt hat, finde ich ausgeprochen ärgerlich. Es wird weiterhin an den Grundschulen Beratungsgespräche geben, die aufzeigen, welche Schulform im Einzelfall besser geeignet ist. Ich denke, die meisten Eltern und Schüler werden sich daran orientieren. An mehr als der Hälfte aller Gymnasien hat es ausreichend Plätze für alle Bewerber gegeben. Die Gymnasien können zukünftig bis zu siebzig Prozent Schülerinnen und Schüler aufnehmen, die dem spezifischen Profil der Schule entsprechen. Bislang hat darüber der BVG-Fahrplan - also die beste Fahrverbindung zur Schule - entschieden. Das ist sicher kein vernünftiges Kriterium. Das Aufnahmeverfahren stärkt also die Gymnasien. Aber es wird auch eine sehr starke Nachfrage an den Sekundarschulen geben, denn der Weg zum Abitur in 13 Jahren ist auch ein attraktives Angebot.


Berlins Finanzlage verschlechtert sich durch die Finanzkrise jetzt wieder. Hat das Auswirkungen auf die Schulreform?


Wir haben gesagt: Bildung ist ein Schwerpunkt für uns. Und das schlägt sich natürlich im Landeshaushalt nieder, in einem Dreiklang von den Kitas über die Schulen bis zu den Hochschulen. Bei den Kitas wollen wir den Erzieherschlüssel verbessern und bei den Freistellungen für Leitungskräfte einen Schritt vorankommen. Damit stärken wir die Qualität. Gleichzeitig finanzieren wir die nächsten beiden beitragsfreien Kitajahre - das ist sozialpolitisch für uns wichtig, weil es eine Entlastung der Normalverdiener bedeutet. Und wir weiten den Betreuungsanspruch an den Kitas auf sieben Stunden aus. Im kommenden Doppelhaushalt sind erhebliche Millionenbeträge für die Schulstrukturreform vorgesehen. Die Sekundarschulen sollen mit Erziehern und Sozialarbeitern besser ausgestattet werden. Wir werden dort überall eine Ganztagsbetreuung anbieten, an den Gymnasien werden wir die Essensversorgung sicherstellen. Dazu kommen umfangreiche Mittel aus dem Konjunkturprogramm für die Sanierung der Schulen. Und natürlich braucht unsere Stadt gut ausgestattete Hochschulen. Das ist eine Investition, die sich für Berlin auszahlt. Wir werden mehr Studienplätze anbieten können, und wir wollen die jungen Menschen für unsere Stadt begeistern und sie zum Hierbleiben einladen.


Schulreformen brauchen Rückhalt bei Eltern, Schülern und Lehrern. Wie soll der erreicht werden?


Es ist richtig: Die Schulstrukturreform, die wir vorschlagen, bringt für die Betroffenen Veränderungen mit sich. Aber das Ziel ist alle Anstrengungen wert: Wir wollen Schulen, die jede Schülerin und jeden Schüler optimal fördern, lernschwache Kinder ebenso wie hochbegabte. Und das ist an der Sekundarschule wie auch am Gymnasium möglich. Dafür werben wir um Unterstützung. Die Eckpunkte der Reform sind - von einigen wenigen konservativen Bildungspolitikern einmal abgesehen - weitgehend unumstritten. Ein längeres gemeinsames Lernen wird von maßgeblichen Bildungsexperten unterstützt. Wir machen jetzt einen großen Schritt in diese Richtung - mit unserem Pilotprojekt Gemeinschaftsschule und mit unserer Schulstrukturreform. Nach diesem großen Reformpaket muss man die Schulen in den nächsten Jahren in Ruhe arbeiten lassen.

 

Interview: Ulrich Horb