Kurzbiographie

Geschichte: Personen A-K

Kurzbiographie

Der Sucher nach dem wahren Berg

Die schillerndste Figur unter den frühen sozialdemokratischen Ärzten war Dr. Raphael Friedeberg (14.3.1863 - 16.8.1940), Sohn eines Rabbiners aus Tilsit. Ende 1887 als Medizinstudent wegen "Begünstigung sozialdemokratischer Bestrebungen" ohne Abschluss von der Universität Königsberg (Ostpreußen) verwiesen, zog er nach Berlin.

Dort, in der Höhle des Löwen, unterrichtete er als Privatlehrer im Hause der Wittwe Lissauer. Erst nach dem Fall des Sozialistengesetzes durfte er sich an der Universität Unter den Linden einschreiben, sein Studium in Sachen Medizin und Nationalökonomie fortsetzen.

Von 1895 bis 1908 hatte er zusammen mit Dr. Feilchenfeld in der Brückenstraße l0 a (nahe der Jannowitzbrücke) seine Praxis; bis 1911 in der Neanderstraße 9. Angesprochen von Zadek und Christeller, stieß er 1895 zum Samariter-Kursus, wurde dort Ausbilder und 1896 Vorsitzender der (aktiven) Arbeiter-Samariter-Kolonne Berlin. 1897 leitete er als Arzt und Ausbilder die Abteilung 2 (Filiale Nord). 1899 stand er der Arbeiter-Sanitäts-Kommission vor. In dieser Eigenschaft war er jahrelang entscheidender Ratgeber bei den sozialhygienischen Bestrebungen der Ortskrankenkassen; als solcher trat er regelmäßig in den Jahresversammlungen des Zentralverbandes der Ortskrankenkassen im Deutschen Reich auf. Mehr noch: von 1900 bis 1904 hatte Friedeberg Sitz und Stimme als Stadtverordneter. Bereits

1897 hatte er Kontakt zu oppositionellen Gewerkschaftern der "Freien Vereinigung". Bedingt durch das Drei-Klassen-Wahlrecht machten sich die Männer - meist aktive Sozialdemokraten - Gedanken um geeignete Lösungen. So auch Friedeberg. In einer 4000-Leute-Versammlung der Freien Vereinigung Berlin am 4. August 1904 propagierte er den Generalstreik als taktisches Kampfmittel; eine jahrelang dauernde Diskussion über diesen Punkt und eine persönliche Veränderung in Richtung Anarchismus begann. Trotz aller Differenzen blieben August Bebel und Karl Kautzky (er hatte in der Schiedskommission den Ausschlussantrag aus der SPD  mit zu entscheiden) ihrem Hausarzt Raphael Friedeberg treu.

1911 war für Friedeberg die Berliner Zeit zu Ende. Als Kurarzt hatte er sich zwei neue Wirkungsstätten aufgebaut: Bad Kudowa (Niederschlesien) und winters Ascona (Schweiz). Dort unten am Monte Verita, dem Berg der Wahrheit, fand er zunächst Freunde und Genossen. Innerlich blieb er aber isoliert. Ein geplantes Handbuch der Anarchismus blieb Idee. 1931 zog er für immer ins Tessin, auf Besserung der Zustände in Deutschland hoffend. Das Gegenteil war der Fall.

Harald, sein Sohn, verlor 1933 durch den Machtantritt der Nazis seinen Platz als wissenschaftlicher Assistent am chemischen Institut der Berliner Universität; Julius - der Bruder - musste seine Kassenarztpraxis schließen. Der Sohn emigrierte über die Sowjetunion und Holland nach London; der Bruder - von Depression geschüttelt - schied 1939 freiwillig aus dem Leben.Von Berlin  schied 1933 Otto Braun, Ministerpräsident von Preußen a.D.. Sein Ziel war Ascona, seine Adresse Friedebergs Haus, direkt neben dem Monte Verita gelegen. Die Männer kannten sich aus Königsberg (Braun war dort lange Chef der Ortskrankenkasse), hatten sich, aller politischen Gegensätze zum Trotz, in Bad Kudowa erneut schätzen und kennen gelernt. Friedebergs Wertschätzung als Mensch und Arzt ist in Ascona erhalten geblieben.  Seine Grabstätte ist  auf dem katholischen Friedhof in Ascona.

Konrad Beck

 

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