Siegfried Heimann: Ostberliner Sozialdemokraten in den frühen fünfziger Jahren

Geschichte der Berliner SPD

Siegfried Heimann: Ostberliner Sozialdemokraten in den frühen fünfziger Jahren

Im Osten schikaniert, im Westen vergessen? Ostberliner Sozialdemokraten in den frühen fünfziger Jahren.
von Siegfried Heimann, Vorsitzender der Historischen Kommission der Berliner SPD


Eine Vorbemerkung
Der Titel enthält eine Untertreibung und eine Übertreibung. In Ostberlin wurden die sich zur gesamtberliner Sozialdemokratie bekennenden Sozialdemokraten nicht nur „schikaniert“, sondern auch umarmt, noch häufiger aber auch in brutaler Weise verfolgt. In Westberlin waren die in Ostberlin wohnenden und meist auch arbeitenden Sozialdemokraten nicht „vergessen“ -schließlich waren sie in allen Gremien der Partei vertreten und meldeten sich auch selbstbewußt zu Wort. Aber die besondere politische Situation der nicht nur in einer Stadt, sondern auch in einer gesamtberliner Partei vereinten Ostberliner Sozialdemokraten, die aber dennoch in einer anderen Welt - in Ostberlin, der Hauptstadt der DDR - zurechtkommen mußten,  wurde in Westberlin meist nur noch deklamatorisch zur Kenntnis genommen.

Die Frage bleibt, ob es in den fünfziger Jahren überhaupt einen Spielraum für mehr als Deklamationen für die Ostberliner Sozialdemokraten gegeben hat. Darauf will ich am Schluß kurz eingehen. Zuvor möchte ich die Situation der Ostberliner SPD nach der Spaltung der Verwaltung im Jahre 1948 skizzieren, die Schwierigkeiten Ostberliner Sozialdemokraten mit der Entscheidung für eine Westbindung Westberlins beschreiben, die Reaktion der SED auf das Weiterbestehen der SPD auch in Ostberlin benennen und schließlich die Wirkung der Umarmungs- und Verfolgungspolitik der SED gegenüber den Ostberliner Sozialdemokraten untersuchen. Zuvor aber einige Informationen über dieses auch in der Forschung nur stiefmütterlich behandelte Kapitel  der  Berliner Sozialdemokratie. 


Auch Berliner Sozialdemokraten ist heute oft nicht mehr bekannt, daß die Berliner SPD bis Mitte 1961 in Ostberlin legal politisch tätig war. Aufgrund des alliierten Status der Stadt war die SPD seit Mitte 1946 auch in Ostberlin wieder als Partei offiziell zugelassen und in allen (damals) acht Ostberliner Bezirken als Teil der Berliner Landesorganisation politisch aktiv. Die politische Arbeit der Partei wurde - verstärkt nach 1948 - von der sowjetischen Besatzungsmacht und von der SED behindert, das Bekenntnis der Mitglieder zur SPD führte zu Schikanen und ein großer Teil des Organisationslebens fand - besonders seit den fünfziger Jahren - in West-Berlin statt. Dennoch bekannten sich noch Mitte 1961 über 5 ooo Sozialdemokraten in Ostberlin zur SPD (rund 12% aller Berliner Mitglieder). Nach dem Mauerbau in Berlin beschloß der Berliner Landesvorstand der SPD am 23. August 1961, die acht SPD-Kreisorganisationen in Ostberlin aufzulösen, da die gemeinsame politische Arbeit in einem Landesverband nicht mehr möglich war.


Zur Situation der Ostberliner SPD nach 1948


Die Spaltung der Stadt begann sich bereits längere Zeit vor dem Herbst 1948 abzuzeichnen.  Seit Mitte 1948 wirkte sich die veränderte politische Situation in der Stadt jedoch noch mehr auf die Lage der Ostberliner Sozialdemokraten aus, die in den zentralen, vor allem aber in den bezirklichen Verwaltungen Ostberlins beschäftigt waren. In immer größerer Zahl wurden  Sozialdemokraten wegen ihrer Parteizugehörigkeit aus den Verwaltungen in Ostberlin entlassen. Es waren einschließlich der Mitglieder anderer Parteien allein aus den Bezirksämtern fast 2 000 Angestellte und Arbeiter. In einem Bericht von Joachim Lipschitz vom Prenzlauer Berg - der spätere Innensenator war zum Sprecher der "Gemaßregelten" geworden - heißt es 1949: "Den Löwenanteil unter diesen Entlassungen stellte mit etwa 55% die SPD, ca.30% waren parteilos, ca.5% gehörten der CDU und 1% der LDP an, der Rest bestand aus Mitgliedern der SED, die sich in ihrer eigenen Partei wegen Opposition... mißliebig gemacht hatten."  Nach der Bildung eines Ostberliner Magistrats unter Friedrich Ebert als Bürgermeister im November 1948 - in Westberlin als „Opernputsch“ bezeichnet - verlangte der neue Magistrat eine Loyalitätserklärung der noch verbliebenen Verwaltungsangestellten. Trotz des drohenden Verlustes des Arbeitsplatzes verweigerten eine überraschend große Zahl von rund 700 Angestellten den "Treueid". Es waren wiederum in der Mehrzahl Sozialdemokraten. Wer von den Ostberliner Sozialdemokraten allerdings die Loyalitätserklärung unterschrieb, mußte in einigen Ostberliner SPD-Abteilungen mit dem sofortigen Ausschluß aus der Partei rechnen. Um die Entlassenen kümmerte sich in West-Berlin eine "Gemaßregeltenstelle" des (West)-Berliner Magistrats unter Joachim Lipschitz als Leiter. Sie erhielten bevorzugt - aber wegen der hohen Arbeitslosigkeit in West-Berlin nicht immer - eine freie Stelle in der Westberliner Verwaltung. Es gab freie Stellen, weil nun auch in West-Berlin die letzten SED-Verwaltungsangestellten ebenfalls entlassen wurden.
Die Ende 1948 Realität gewordene Spaltung der Stadt stellte die Berliner SPD ein weiteres Mal - wie schon 1946 - vor die Frage, ob sie es verantworten kann, die Parteiorganisation auch in Ostberlin weiter aufrechtzuerhalten. Der alliierte Status der Stadt erlaubte es immer noch, aber es war klar, daß die SPD als politische Kraft in der Ostberliner Stadtpolitik nichts mehr mitgestalten konnte. Behinderungen und Gefährdungen der Mitglieder waren absehbar, zumal eine große Mehrheit vor allem auch der Ostberliner Parteimitglieder jede Zusammenarbeit mit der SED und natürlich auch mit der von der SED ins Leben gerufenen Sozialdemokratischen Aktion (SDA) ablehnte. Die Auflösung der Partei in Ostberlin aber kam nicht in Frage. Dafür war vor allem die eindeutige Haltung der Ostberliner Parteimitglieder maßgeblich, die trotz ungewisser Aussichten die Organisation am Leben halten wollten. Über den Sinn der Weiterarbeit kam es allerdings in den folgenden Jahren zu - öffentlich kaum diskutierten - Differenzen zwischen der Berliner Partei, die ihren politischen Mittelpunkt in West-Berlin hatte und ihren in immer bescheideneren Rahmen aktiven Ostberliner Mitgliedern. Sie waren, auch wenn sie selbst kaum eine Alternative nennen konnten, nicht bereit, ihre Arbeit lediglich symbolisch zu verstehen.
Die Weiterexistenz der Ostberliner SPD zu jener Zeit als Symbol zu begreifen, war sicher nicht falsch. Falsch aber ist es, die Ostberliner SPD nur unter diesem Aspekt zu sehen. Die politologische Frage nach der Funktion ihrer Weiterexistenz kann die Organisationswirklichkeit der Ostberliner SPD nicht erfassen, ganz abgesehen davon, daß einige Antworten auf die Frage nach der Funktion sehr denunziatorisch waren und sind. Etwa die Vermutung, daß der Beschluß zur Nichtauflösung der Partei 1948/49 besonders "bei den Unentwegten der Partei im Osten" so populär gewesen sei, weil er "die Fortsetzung verschiedener Arten von Unterstützung durch ihre Gesinnungsgenossen im Westen" bedeutet habe.  Abgesehen davon, daß die materielle Hilfe und Unterstützung wohl kaum einen Ausgleich für die unsichere berufliche und alltägliche Situation der Ostberliner Sozialdemokraten darstellte, war auch die Solidarität der sozialdemokratischen Genossen untereinander - zumindest bis 1948/49 - keine Einbahnstraße von West nach Ost. Noch während des Blockadewinters hatten die Ostberliner Sozialdemokraten immer wieder Kohlen für die Westberliner Kreisbüros durch die Polizeikontrollen hindurch geschmuggelt. Nicht zuletzt als Dank dafür feierten nach dem Ende der Blockade im Winter 1949 erstmals  über 2 700 Kinder und über 300 Rentner aus Ostberliner SPD-Abteilungen  bei Westberliner Sozialdemokraten das Weihnachtsfest.
Die Berliner SPD war sich der besonderen Situation ihrer Parteimitglieder in Ostberlin natürlich immer bewußt und die Solidarität mit ihnen war selbstverständlich, zumal ja inzwischen viele frühere Ostberliner Sozialdemokraten in West-Berlin lebten und arbeiteten. Aber die "Große Politik" führte dennoch dazu, daß es auch immer wieder zu "atmosphärischen Störungen" zwischen Ostberliner Sozialdemokraten und der vor allem auf die politische Situation Westberlins reagierenden Gesamtpartei kam.
So brachte das Jahr 1949 nicht nur das Ende der Blockade, sondern auch die Notwendigkeit für West-Berlin, sich zur entstehenden deutschen Bundesrepublik zu verhalten. Die damit im Zusammenhang stehende Forderung der Berliner SPD "nach Einbeziehung von ganz Berlin als zwölftes Bundesland in die deutsche Bundesrepublik" stieß in den Reihen der Ostberliner Sozialdemokraten auf Widerspruch. Die Ostberliner Sozialdemokraten mußten - zu Recht - fürchten, daß eine solche Forderung ihre Situation noch schwieriger machen würde, wie die seit der Spaltung der Verwaltung im Jahre 1948 stärker gewordenen Schikanen gegen die SPD in Ostberlin bereits ahnen ließen.
Die am 8. Januar 1950 - im Beisein von Kurt Schumacher - auf einem Landesparteitag verabschiedete Entschließung, in der der Parteitag "seine Verbundenheit mit der Bevölkerung und den Parteigenossen des Ostens" bekundete, empfanden die Ostberliner Sozialdemokraten zwar als eine Mut machende Solidaritätserklärung. Die anschließend in der gleichen Entschließung formulierte Hoffnung aber, daß "die Einheit Berlins ... nur getragen werden [kann] von einer starken, in allen Sektoren nach einheitlichen Grundsätzen wirkenden Parteiorganisation, die auf sozialistischer  und demokratischer Überzeugung für die Freiheit kämpft ", mußten sie als bloße Deklamation ansehen, denn zu sehr war die Spaltung der Stadt inzwischen Realität geworden.
Inzwischen war ja klar, daß es sich bei einer "Einbeziehung Berlins" nur um eine "Eingliederung" Westberlins handeln konnte und die Ostberliner Sozialdemokraten fragten sich besorgt, was bei einer vollzogenen "Eingliederung" Westberlins aus ihnen werden sollte. Im Jahre 1951 ging es bei den darüber wieder aufflackernden Diskussionen um die Frage der Übernahme von Bundesgesetzen durch das Westberliner Abgeordnetenhaus. Die Fragen der Ostberliner Sozialdemokraten dienten im innerparteilichen Streit zwar als Argument, das Problem selbst aber wurde ohne Rücksicht auf die Ostberliner Genossen gelöst und die Gesetze als sog."Mantelgesetze" vom Abgeordnetenhaus auch mit dem Stimmen der SPD-Fraktion übernommen.
Die Orientierung Westberlins an der Bundesrepublik war angesichts der politischen Machtverhältnisse in der Hochzeit des Kalten Krieges für die meisten Berliner Sozialdemokraten ohne Alternative, auch wenn die Übernahme mancher Bundesgesetze auch die Übernahme einer "rückschrittlichen Politik" bedeutete, wie es der Jahresbericht der Partei 1951 beklagte. Es gelte deshalb - so wurde gefordert - bei der Anwendung des Bundesrechts in Berlin bereits im parlamentarischen Vorlauf in Bonn  sicherzustellen, daß "Rücksicht auf die Berliner Sonderlage " genommen werde.
Ob damit freilich immer auch der "Sonderlage" der Ostberliner Sozialdemokraten Rechnung getragen werden sollte, blieb in dieser Absichtserklärung der Berliner SPD unerwähnt. Der Landesausschuß der Partei beschloß allerdings Ende 1951 einen "Fachausschuß für Gesamtberliner Fragen" einzurichten, um u.a. "die Organisationsteile unserer Partei in Westberlin mit größerer Sachkenntnis und - soweit das überhaupt möglich war - mit größerer Aufgeschlossenheit [!] den Vorgängen im östlichen Teil unserer Stadt" auszustatten. Die explizite Forderung nach “größerer Aufgeschlossenheit“ läßt den Schluß zu, daß nicht wenige Westberliner Sozialdemokraten diese offenbar schon vermissen ließen.
Immerhin aber vertraten - nachdem noch 1949 unter den fünf Berliner SPD-Bundestagsabgeordneten kein Ostberliner zu finden war - seit 1952/53 mit Kurt Neubauer aus Friedrichshain und Gretel Heise (später: Berger) aus Weißensee zwei einflußreiche Ostberliner Kreisvorsitzende die Interessen der Ostberliner Sozialdemokraten in Bonn. Die Tatsache, daß die beiden Bundestagsabgeordneten mit ihren Ostberliner Personalausweisen und ihren westdeutschen MdB-Ausweisen zwischen Ost- und West-Berlin hin- und herfuhren, und die Ostberliner Behörden das - wenn auch hin und wieder mit großem Erstaunen bei einigen Volkspolizisten -  akzeptierten, stellte nicht nur ein Kuriosum in der gesamtberliner Anomalität dar. Sie dokumentiert auch den großen Stellenwert, den die bloße Existenz einer selbständigen Sozialdemokratie auf dem Gebiet der DDR, wenn auch nur in Ostberlin hatte.
Im Jahre 1954 gab es allerdings erneut Differenzen zwischen einem Teil der Ostberliner Sozialdemokraten und der Mehrheit der Partei, die freilich in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wurden. Es gab - in diesem Jahr - kaum Behinderungen des (nichtöffentlichen) Versammlungslebens durch kleinliche Schikanen, dafür aber den Versuch einer Umarmung.
Anlaß war der Entschluß der SED, sich 1954 erstmals in West-Berlin an den Wahlen zum Abgeordnetenhaus zu beteiligen. Die Ostberliner Sozialdemokraten wurden in "offenen Briefen", noch häufiger aber durch direktes Ansprechen in den Betrieben aufgefordert, gemeinsam mit der SED "gegen Militaristen und Konzernherrschaft in West-Berlin" zu kämpfen. In einigen Ostberliner Abteilungen wurde deshalb über ein gewisses "taktisches" Entgegenkommen gegenüber der SED diskutiert, u.a. die Möglichkeit einer Beteiligung der SPD in Ostberlin an den bevorstehenden Volkskammerwahlen mit eigenen Listen. Der Berliner Landesvorstand und der Landesausschuß lehnten diese Anregungen aus Ostberliner SPD-Kreisen ganz entschieden ab. Auch die Beteiligung an "Abstimmungen", um "eine wirkliche Volksvertretung an Stelle volksdemokratischer Scheinparlamente zu setzen", wurde geprüft und verworfen. Als Trostpflaster für die Ostberliner Sozialdemokraten, die eigentlich mit ihren "taktischen" Überlegungen gar nicht so weit reichende Vorstellungen verknüpft hatten, blieb immerhin ein weiteres Mal der Hinweis, daß "der Bestand und die Arbeit der SPD als Mittel unserer Wiedervereinigungspolitik auch in diesem Teil der Stadt von großer Bedeutung" sei.

Die SED und die Sozialdemokratische Aktion (SDA)

Das Wechselspiel der Ostberliner Behörden und der SED im Umgang mit der Ostberliner Sozialdemokratie - mal Umarmungsstrategie, mal Schikanen und Terror oder auch beides zugleich - war natürlich nicht zufällig. Es folgte den Zäsuren in der DDR-Geschichte, die wiederum wesentlich von der Politik der Sowjetunion geprägt waren. Der davon bestimmte Umgang mit dem "Sozialdemokratismus" in den eigenen Reihen hatte auch Auswirkungen auf die Politik gegenüber der Sozialdemokratie in der Bundesrepublik einschließlich Westberlins, damit zugleich aber auch auf die Haltung gegenüber der Ostberliner SPD.
Im Jahre 1948 versuchte die SED, eine "oppositionelle" SPD in Ostberlin ins Leben zu rufen, die angeblich "linke" Sozialdemokraten vereinte. Sie nannte sich später "Sozialdemokratische Aktion" (SDA) und stellte in der Ostberliner Stadtverordnetenversammlung, im Ostberliner Magistrat und Anfang der fünfziger Jahre auch in der Volkskammer eine "SPD-Fraktion" der Berliner Vertreter im Demokratischen Block. In ihren Stellungnahmen ("Wir als oppositionelle Sozialdemokraten") erweckten sie offenbar bewußt den Eindruck, als seien sie Teil der in Ostberlin zugelassenen SPD.
Der Anstoß zur Formierung einer „oppositionellen SPD“ für ganz Berlin war schon im Frühjahr 1948 von der sowjetischen Besatzungsmacht ausgegangen und von der SED in den folgenden Monaten in die Tat umgesetzt worden. Noch vor Beginn der Blockade hatte der Chef der Verwaltung für Zensur und Propaganda bei der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) Tjulpanow in einem Vortrag am 8.5.1948 auch die Notwendigkeit betont, eine SPD-Opposition ins Leben zu rufen.
Der ganze 1994 in den sog. Pieck-Notizen erstmals veröffentlichte Vortrag sollte - wie die Herausgeber dazu anmerken -  der SED eine „neue strategische Grundorientierung“ vermitteln, „die von der Teilung Deutschlands als vollzogener Tatsache ausging und bei strikter leninistisch-stalinistischer Ausrichtung der SED und ihrer Politik auf die Errichtung einer Ordnung in der SBZ in Anlehnung an die ‘Volksdemokratien’ und mit der Perspektive auf eigene Staatlichkeit zielte.“ Zur Frage: „Die SED und die Arbeit mit den sozialdemokratischen Massen“ heißt es:
„Es ist auch an der Zeit an die Schaffung der Opposition in den Reihen der SPD heranzugehen. Die Grundsätze in Berlin, um die sich die Opposition gruppieren kann, sind folgende :
a. gegen die antisowjetische Hetze der Sozialdemokratie
b. gegen den prinzipienlosen Block der SPD mit der CDU und der LDP
c.die Partei soll sich nach der Arbeiterklasse richten und nicht nach den Elementen der Klein-Bourgeoisie .“
Von Pieck sind: „Schaffung...SPD“ im Manuskript unterstrichen. In den übrigen Punkten beklagt Tulpanow u.a, daß die SED wenig auf die Arbeit mit der SPD vorbereitet und auch wenig über die SPD informiert sei. Er gibt ein Beispiel: „Im Bezirk Lichtenberg wurde im Februar 1948 der Versuch gemacht , in jedem der Unterbezirke 10 Adressen der Sozialdemokraten zu sammeln. Resultat: Man erhielt nur 1 Adresse.“ Das Beispiel zeigt, daß die spätere SDA auf ganz Berlin bezogen sein sollte und daß die SED anders als später in der Tat zu dieser Zeit wenig über die Ost-SPD Bescheid wußte. Wahrscheinlich hat sich das bald verändert, denn u.a ist auch dieses Beispiel von Pieck im Manuskript unterstrichen.
In einer damals ebenfalls nicht veröffentlichten Rede Wilhelm Piecks vor dem Parteivorstand der SED machte sich Pieck diese „Grundorientierung“ in fast wörtlicher Übernahme von Tjulpanows Vortrag natürlich zu eigen. 
Dazu gehörte auch die organisatorische Zusammenfassung der aus den verschiedensten Gründen oppositionellen Berliner Sozialdemokraten. Die Berliner Sozialdemokratie war geprägt von der Erfahrung mit der als Zwangsvereinigung wahrgenommenen Gründung der SED im Frühjahr 1946, die zumindest in den Westsektoren von der Mehrheit der Sozialdemokraten abgelehnt wurde.  Die Härte der Auseinandersetzungen ließ in der SPD ein Klima des „antistalinistischen Antikommunismus“ entstehen, das für Zwischentöne in der politischen Diskussion keinen Raum mehr ließ. Kritische Sozialdemokraten, die die Politik der Mehrheit der Berliner SPD nicht vorbehaltlos akzeptierten, wurden oft sehr schnell wegen angeblicher oder tatsächlicher SED-Nähe aus der Partei ausgeschlossen. Im Jahre 1948 konnten rund 90 aktive Berliner Sozialdemokraten nicht mehr in der SPD arbeiten. Es kam zu Überlegungen, eine neue Unabhängige Sozialdemokratische Partei zu gründen. Die ersten Anläufe zur Gründung dieser USPD zeigen, daß sich die verschiedensten Interessenten um dieses Potential bemühten. Nicht zuletzt gehörte im Vollzug der sowjetischen Vorgaben die SED zu diesen Interessenten.
Im November 1948 konstituierte sich im sowjetischen Sektor ein „Aktionsausschuß“ zur Gründung einer USPD. In einer Pressekonferenz nannte der Sprecher  als Ziel der künftigen Partei, den ausgeschlossenen Sozialdemokraten eine neue politische Heimat zu geben. Eine Agitation gegen die Sowjetunion lehnte er ab. An den Vorgesprächen zur Bildung des siebenköpfigen Aktionsausschusses nahmen neben einem sowjetischen Besatzungsoffizier  August Burde, Erich Geske, Hans Bullerjahn, Arnold Munter  und als anerkannter Sprecher ausgeschlossener Sozialdemokraten im amerikanischen Sektor der ehemalige Schöneberger Kreisvorsitzende  und Bezirksverordnete Wilhelm Kischkat teil. Eine Woche später meldete sich der Geschäftsführer des „Aktionsausschusses“ August Burde wieder zu Wort. Er erklärte gegenüber der Presse, daß der Ausschuß sich das Aktionsprogramm der Berliner SPD zu eigen gemacht habe, da die SPD es nicht in die Tat umsetze. Bei allen vier Stadtkommandanten seien bereits Lizenzierungsanträge gestellt worden. Diese Mitteilung war voreilig. Die sowjetische Besatzungsmacht untersagte den Gebrauch des Namens USPD für ihren Sektor und „regte“ stattdessen die Bildung eines Landesverbands SPD im sowjetischen Sektor an. Über diese Angebot spaltete sich der Kreis der USPD-Gründer. Ein Teil der Ausschußmitglieder akzeptierte die „Anregung“ und agierte am 30. November 1948 während einer außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung bereits als „oppositionelle Sozialdemokraten“. Die Versammlung erklärte den alten Magistrat für abgesetzt und wählte einen neuen mit Friedrich Ebert als Oberbürgermeister. Die Spaltung der Berliner Verwaltung war damit besiegelt. Die willfährigen „oppositionellen Sozialdemokraten“ wurden reich belohnt: Erich Geske wurde stellvertretender Bürgermeister, Arnold Munter Stadtrat für Bau- und Wohnungswesen und Hans Bullerjahn Stadtrat für Banken und Versicherungen. Die Fiktion einer SPD-Beteiligung an der Magistratsbildung konnte in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden. Von der Gründung einer USPD wollten die neu ernannten Bürgermeister und Stadträte  nun nichts mehr wissen. Sie erklärten, nicht „durch die Gründung einer dritten Arbeiterpartei die Kräfte der Arbeiter noch mehr zu zersplittern“ zu wollen und bildeten eine „Sozialdemokratische Fraktion im Demokratischen Block“. In ihren im März 1949 beschlossenen Richtlinien definierten sie ihre Rolle als „Notgemeinschaft aller Sozialdemokraten, die durch ihre Bereitschaft zur Mitarbeit beim provisorischen Magistrat ihre aktive Opposition gegen die vernunftwidrige Spaltungspolitik des jetzigen Landesverbandes der SPD unter Beweis stellten“. Die Wortführer der „Sozialdemokratischen Fraktion“ bildeten 1950 einen „Landesrat Groß-Berlin“ der „Sozialdemokratischen Aktion“(SDA) und verabschiedeten in steter Regelmäßigkeit Resolutionen und „Offene Briefe“, in denen sie die Berliner SPD - auch die Kreisverbände im Ostsektor - zur Umkehr oder zu gemeinsamen Aktionen aufforderten. 
Der Anlaß für die Entstehung einer Gruppe von oppositionellen Sozialdemokraten in Berlin war allerdings schon um die Jahreswende 1947/1948 die von der SED inszenierte Volkskongreßbewegung. Die SED legte großen Wert darauf, daß an den in Berlin stattfindenden Volkskongressen auch Sozialdemokraten teilnehmen, die den sog.Schumacherkurs der SPD nicht mitzumachen bereit waren. Für die Berliner SPD war die Teilnahme ein Ausschlußgrund. Allerdings wußte man in Berlin auch, in welcher Weise auf die Sozialdemokraten in Ostberlin Druck ausgeübt wurde und die Parteiführung wollte deshalb "von Fall zu Fall entscheiden", wie Franz Neumann in einem Brief vom 10.1.1948 an Erich Ollenhauer und Fritz Heine schrieb. In dem Brief berichtet Neumann auch, "daß Geske ausgeschlossen ist. Bei einigen anderen sind wir zurückhaltend und sprechen nochmals mit ihnen." So berichtet Neumann weiter vom Bruder des früheren Oberbürgermeisters Werner, "der seit zwei Jahren Mitglied ist...[Er ist] Leiter eines landeseigenen Betriebes und wird von der SED unter Druck gesetzt. Er kam vorher zu mir und suchte nach einem Ausweg. Beim Kongreß wurde er programmgemäß krank, mußte aber inzwischen zur sogenannten 2. Berliner Konferenz einmal gehen. Diese war von nur ca.300 Personen (bei der ersten Konferenz waren es 1 500 Berliner) besucht. Lidke entschuldigte den schlechten Besuch mit der Weihnachtszeit und ließ nur einen vorläufigen Ausschuß wählen. In diesen hat man Werner dann ohne sein Zutun hineingewählt. Wir wollen also von Fall zu Fall entscheiden."
Die Sorge der Berliner SPD war zwar verständlich, aber wenig begründet. Die Zahl der Sozialdemokraten in den verschiedenen von der SED ins Leben gerufenen und maßgeblich beeinflußten „gesamtdeutschen“ und „gesamtberliner“ Gremien blieb klein.
Am 1. Volkskongreß (6/7.12 1947) nahmen 91 Sozialdemokraten - die meisten allerdings aus den Westzonen - teil ( im ganzen waren es 2 215 Delegierte, davon gehörten  605 der SED und 245 der KPD an); am 2. Volkskongreß (17/18.3.1948) nahmen auch nur 105 Sozialdemokraten teil. Von den 1889 Delegierten waren 360 Teilnehmer in der SED und 144 in der KPD. Der auf dem 2. Kongreß gewählte Volksrat (als  eine Art Vorläufer der Volkskammer) bestand aus 400 Mitglieder, davon kamen 300 aus der SBZ und 100 aus den Westzonen: Von den 300 Mitgliedern aus der SBZ gehörten 85 der SED an,  43 der LDP, 42 der CDU und nur 10 der SPD. Den Rest stellten VdgB und die verschiedenen Massenorganisationen.
Auch in der künftigen Regierung eines „Oststaates“ waren in den Vorstellungen der SED-Führung die so gehätschelten oppositionellen Sozialdemokraten nicht vertreten. Wilhelm Pieck reiste in der zweiten Septemberhälfte 1949 mit einem Brief des SED-Politbüros im Gepäck nach Moskau, um die Vorstellungen Stalins hinsichtlich einer Staatsgründung, zumindest aber einer Regierungsbildung für einen zukünftigen Oststaat zu erkunden. Die Stalin vorgelegten „Vorschläge des Politbüros an den PV zur Bildung einer Provisorischen Regierung der Deutschen Demokratischen Republik“ listete auch die namentliche Zusammensetzung der Regierung einschließlich Parteizugehörigkeit auf. Weder in der Vorschlagsliste noch in der endgültig mit den anderen Parteien ausgehandelten Liste der Regierungsmitglieder taucht ein SPD-Mitglied auf. Nur im 105-köpfigen Plenum der Deutschen Wirtschaftskommission ist immerhin noch ein (!) SPD-Mitglied aufgezählt 
Auf der kommunalpolitischen Ebene in Ostberlin sah es nicht viel anders aus. Nach der Spaltung der Verwaltung im Herbst 1948 kam es auch zu einer Neubildung der Bezirksverwaltungen in Ostberlin. In diesen neu zusammengesetzten Bezirksämtern dominierten nun SED-Mitglieder, neben einigen wenigen CDU- und LDPD-Mitgliedern gab es ebenfalls nur wenige Mitglieder der sog. Ost-SPD, die sich als „oppositionelle Sozialdemokraten im Demokratischen Block“ vorstellten.
In einer von der SPD zusammengestellten Liste über die "Besetzung der Bezirksämter nach dem Opernputsch im Nov.1948" werden von den 88 Bezirksbürgermeistern, Stellvertretern und Bezirksräten 43 der SED und deren Massenorganisationen (1946: 24) zugeordnet,  13 der CDU-Ost (1946: 16), 17 der LDPD (1946: 8) und nur 15 der SPD-Ost (1946: 40). In der SPD-Liste heißt es zur Kennzeichnung dieser Oppositionellen: "abtrünnige Sozialdemokraten", das Wort "ausgeschlossene" ist durchgestrichen, weil es offenbar zu neutral schien.
Auch diese angeblich oppositionellen Sozialdemokraten waren oft nur unter großem Druck in diese Rolle gedrängt worden. Wie dieser Druck aussah, geht aus einem vertraulichen Bericht aus Köpenick hervor, den der Genosse Priemer im Oktober 1948 an Franz Neumann richtete: Am 22.Oktober 1948 wurden sieben Köpenicker Sozialdemokraten, die alle im Bezirksamt arbeiteten, zum Bezirksbürgermeister bestellt. Der stellvertretende SED-Bürgermeister Kleine hielt ihnen in Anwesenheit des Betriebsratsvorsitzenden einen längeren Vortrag. Er wies daraufhin, daß schon einige Ostberliner Sozialdemokraten sich bereit erklärt hätten, in einer "sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft" mitzuarbeiten, "da die Politik der Zietenstraße zu nichts führe". Er forderte die sieben Köpenicker auf, diesem Beispiel zu folgen: "Sie müßten ihre Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft anmelden, andernfalls sie entlassen werden und außerdem Gefahr liefen, ihre Wohnungen zu verlieren." Er räumte ihnen einige Tage Bedenkzeit ein, dann aber müßten sie sich erklären. Sie sollten über diese Unterredung allerdings nichts verlauten lassen. Er drohte noch abschließend, daß "sie polizeilich überwacht" würden und das Bezirksamt und die SED sei "über alle ihre Schritte unterrichtet. Viele  Sozialdemokraten folgten - wie in diesem Falle - nur zum Schein einer solchen Aufforderung und nutzten die erste Gelegenheit, um in die Westsektoren zu flüchten.

Umarmung und Schikanen

Die SED hatte zu Beginn der fünfziger Jahre den Kampf gegen den "Sozialdemokratismus" in den eigenen Reihen erneut auf ihre Fahnen geschrieben. Die schroffe Frontstellung änderte sich erst, nachdem die Sowjetunion im Frühjahr 1953 nicht zuletzt darin eine der Ursachen für die "ungesunde" politische Lage in der DDR sah und empfahl, "die total feindliche Position gegenüber dieser Partei [d.h. die SPD] zu verwerfen": "Es ist zu versuchen, wo und wenn es möglich ist, gemeinsame Aktionen gegen die Adenauersche Politik der Spaltung und der imperialistischen Knechtschaft zu organisieren."
Schon zu Beginn der fünfziger Jahre, aber verstärkt nach 1953 gab es deshalb immer wieder von Seiten der SED den Versuch, auch die Ostberliner Sozialdemokraten zu solchen gemeinsamen "Aktionen" zu bewegen. Auf allen regionalen Ebenen - von der Bezirksleitung der Berliner SED bis hin zu SED-Kreisleitungen und SED-Betriebsgruppen - gab es ständig wiederholte Versuche, mit dem Berliner SPD-Landesvorstand und mit SPD-Kreisvorständen oder einzelnen SPD-Abteilungen in Ostberlin anläßlich von Außenministertreffen, von sog. "Offenen Briefen" der SED oder ähnlichen Ereignissen Kontakt aufzunehmen, um -wie die SED vorschlug - darüber gemeinsam zu diskutieren oder gar dafür gemeinsam  zu demonstrieren. Die Berliner SPD hatte auf solche Anbiederungsversuche stets die gleiche Antwort. Auf Landesebene lehnte die SPD jede Anfrage schroff ab und verwies auf die vielen verhafteten sozialdemokratischen Parteigenossen. Bevor diese nicht freigelassen wären, sei an gemeinsame Gespräche oder Aktionen nicht zu denken. Die angesprochenen Kreisvorstände in Ostberlin verfuhren in ihren Erwiderungen etwas listiger. Sie machten die SED darauf aufmerksam, daß sie in Ostberlin ja nicht öffentlich politisch auftreten dürften, weshalb eine gemeinsame Aktion oder Diskussion - leider - nicht möglich wäre. Die SPD-Friedrichshain erklärte sich im April 1952 sogar zu gemeinsamen öffentlichen Großveranstaltungen bereit und benannte als Redner "unseren Genossen Werner Rüdiger (z.Z.Haftanstalt Waldheim)" oder "die Kreisvorsitzende des Kreises Pankow, unsere Genossin Gertrud Prusseit (Aufenthalt z.Zt. unbekannt)". Die Veranstaltung kam nicht zustande.
Umarmungsversuche waren allerdings keine Garantie dafür, daß deswegen Schikanen gegen einzelne Sozialdemokraten und gegen die SPD als Organisation unterblieben. Es gab eine ganze Palette von abgestuften Formen von Schikanen, die zwischen 1948 und 1961 unterschiedlich intensiv angewendet wurden. Manipulierte oder gefälschte Zustimmungserklärungen zu politischen Aktivitäten der SED sollten die Ostberliner Sozialdemokraten verunsichern. Verleumdungen von führenden Sozialdemokraten sollten sie zum Verlassen von Ostberlin veranlassen. Einzelne Mitglieder wurden an ihren Arbeitsplätzen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes oder auch der Wohnung bedroht, um sie durch derartige Einschüchterungsversuche zum Parteiaustritt zu bewegen. Und schließlich gab es fast jedes Jahr auch Verhaftungen und Verurteilungen von Ostberliner Sozialdemokraten. Es traf Funktionäre der Partei genauso wie einfache Parteimitglieder.
Im Frühjahr 1953 - noch vor dem 17.Juni - kam es bei der Verfolgung aktiver Ostberliner Sozialdemokraten zu einem Höhepunkt. Im Mai 1953 wurde der Kreissekretär aus Weißensee Herbert Mießner verhaftet. Sein Eintreten für eine selbständige Sozialdemokratie und gegen die Zwangsvereinigung im Jahre 1946 belege - wie es im Urteil heißt - seine "feindselige Einstellung". Er erhielt - der Prozeß fand nach dem 17.Juni statt - eine dreijährige Gefängnisstrafe.
Am 19.August 1953 wurde der 71-jährige Gewerkschaftssekretär und Sozialdemokrat Otto Hildebrandt  - er war seit 1900 Gewerkschafter und seit 1918 Sozialdemokrat - vom Prenzlauer Berg verhaftet und nach zehnmonatiger Untersuchungshaft zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verurteilung erfolgte wegen angeblichen Verstoßes gegen die Kontrollrats-Direktive 38. Otto Hildebrandt sollte „friedensgefährdende, faschistische Propaganda“ betrieben haben.
Den Tatbestand sah das Gericht als erfüllt an, weil Otto Hildebrandt in seiner Eigenschaft als Gewerkschaftsfunktionär Verbindung mit dem 2. Vorsitzenden der IG Bau, Otto Köppchen, der früher im Ostbüro des DGB tätig war, hatte. Aus dieser Tätigkeit seines Gewerkschaftskollegen konstruierte das Gericht die Absicht beider, eine neue „Brandstiftung“ nach dem Beispiel des 17.6.1953 vorbereitet zu haben.
Die sofort eingelegte Berufung des Verteidigers wurde vom Kammergericht als „offensichtlich unbegründet“ verworfen. Gnadengesuche wegen seines hohen Alters blieben erfolglos. Er verstarb am 2. Oktober 1954 im Ostberliner Polizeikrankenhaus.
Im Jahre 1960 waren 71 Sozialdemokraten aus Berlin in Haft, allein 29 davon waren im Jahre 1959 erstmals inhaftiert worden. Im Jahre 1961 gab es erneut 29 Verhaftungen, davon 21 nach dem 13.August. 
In den Augen der SED war - wie nicht zuletzt diese Zahlen belegen -die Ostberliner SPD zu keiner Zeit eine zu vernachlässigende Größe und das Ministerium für Staatssicherheit beobachtete deshalb auch die Aktivitäten der Partei mit besonderer Akribie. Der "Bericht über den Stand der Bekämpfung des SPD-Ostbüros bzw. der Konzentrationen ehemaliger SPD-Mitglieder, die eine feindliche Tätigkeit ausüben, durch die Organe des MfS" aus dem Jahre 1957, enthält auch eine Zusammenfassung der "operativen Bearbeitung der im Demokratischen Sektor Berlins legal arbeitenden SPD". Elf hauptamtliche Mitarbeiter waren nur für die Beobachtung der Ostberliner SPD abgestellt. Sie leiteten die Spitzelarbeit von damals 45 Informanten an, darunter waren ein Kreissekretär und mehrere Mitglieder von Kreisvorständen und Abteilungsvorständen.

Wie wirkte sich dieses Wechselbad von Umarmung und Verfolgung aus?

Die Ostberliner SPD hatte schon im Jahre 1948 viele Mitglieder verloren. Der Rückgang der Mitgliederzahlen war in erster Linie den vielen Sozialdemokraten geschuldet, die auf ihren Arbeitsplätzen in Ostberlin wegen ihrer Parteimitgliedschaft schikaniert und entlassen wurden und die - nicht immer mit Zustimmung der in Ostberlin bleibenden Sozialdemokraten - nach Westberlin umzogen. Einigen drohte Verhaftung, der sie sich nur durch die Flucht nach Westberlin entziehen konnten. Darüber hinaus hatten einige Ostberliner Kreisorganisationen im Jahre 1949 „wegen der unübersichtlichen politischen Verhältnisse“ (gemeint war die Furcht vor Spitzeln) eine Aufnahmesperre verhängt und auch Mitglieder wegen der unterschriebenen Loyalitätserklärung für den Ostberliner Magistrat ausgeschlossen. 
Zu Beginn der fünfziger Jahre kam der große Rückgang der Mitgliederzahlen in Ost- und Westberlin fast zum Stillstand. Die Ostberliner SPD aber hatte keinen Anteil an der seit Mitte der fünfziger Jahre zu verzeichnenden Zunahme der Mitgliederzahlen. Die Überalterung der Partei in Ostberlin nahm zu. Es gab zwar weiterhin eine bemerkenswerte Zahl von Neuaufnahmen in die Ostberliner SPD. Die neuen Mitglieder  konnten aber die Mitgliederverluste nicht ausgleichen, die durch den Tod von älteren Genossen  und - in größerer Zahl - durch den Umzug oder durch die Flucht nach Westberlin zu verzeichnen waren.
Der größte Verlust trat durch "Verzüge" nach West-Berlin und nach Westdeutschland ein. Es waren oft Mitglieder, die ohne Rücksprache mit dem Kreisbüro ihren Umzug vornahmen. Ein Berichterstatter aus Köpenick kommentierte den "Verzug" der Genossen mit sehr bitteren Worten, die ähnlich fast in jedem Jahresbericht zu finden sind: "Was bei diesen Verzügen an Unmoral und materialistischer Einstellung zutage trat, das mußte auf die Genossinnen und Genossen, die hier weiter treu zur Partei stehen, abstoßend und deprimierend wirken." Vor allem aber sei - so fügt er hinzu - die "Kampfkraft unserer Partei im Ostsektor" dadurch geschwächt worden.
Seit 1954 wird in der Statistik der Jahresberichte eine neue Kategorie von Mitgliedern geführt: "Die ihre Beiträge bezahlen, aber in keiner Mitgliedskartei geführt werden". Diese Mitglieder hofften damit, ihre SPD-Mitgliedschaft geheim halten zu können. Die Sorge vor Spitzeln in der Partei war immer sehr groß. Deswegen war die Partei auch bei "Neuaufnahmen" besonders vorsichtig. Ein Bürge, später sogar zwei oder drei Bürgen waren notwendig, um in die Partei aufgenommen zu werden. Eine oft vergebliche Vorsichtsmaßnahme. So stand z.B. der Kreisgeschäftführer der Köpenicker SPD von 1952 bis 1958 nicht nur bei der SPD in Lohn und Brot. Er hatte sich während seiner Zeit als Kreissekretär in Köpenick besonders intensiv um die Vervollkommnung der Kartei gekümmert, u. a. auch - aus verständlichen Gründen - eine "Betriebskartei" erstellt, "um die Genossen der einzelnen Ostberliner Betriebe von Fall zu Fall zusammenfassen zu können". Die von ihm geschriebenen Jahresberichte zeichneten sich durch eine besondere Akribie und eine Vorliebe für Statistiken aus.
Der ständige Druck auf die Sozialdemokraten besonders an ihren Arbeitsplätzen in der Verwaltung oder in VE-Betrieben zeigte natürlich auch Wirkung. Die einen wichen dem Druck aus und "verzogen" nach West-Berlin. Andere wollten ihre Wohnung oder auch ihren Arbeitsplatz nicht verlassen und ließen ihre Mitgliedschaft in der Partei allmählich "einschlafen" oder sie nutzten einen Umzug in einen anderen Ostberliner Bezirk, um sich nicht wieder bei der Partei zu melden. Sie wurden dann nach einigen Mahnungen "wegen Beitragsrückstand" aus der Kartei gestrichen.
Einige Mitglieder sprachen auch offen über die Gründe, weshalb sie aus der Partei austreten wollten. Auf den Karteikarten ist immer wieder neben dem Hinweis auf den erfolgten Austritt eine kurze Notiz zu finden: "Berufssorgen" oder "mit Rücksicht auf das Studium des Sohnes an der Humboldt-Universität ausgetreten". Einer schrieb an den Kreisvorstand: "...Aufgrund der bestehenden Verhältnisse (ich arbeite als Bauingenieur in einem VE-Betrieb) ist es mir nicht mehr möglich, meine Mitgliedschaft in der Partei aufrecht zu erhalten."
Andere wollten weder nach West-Berlin umziehen noch aus der Partei austreten, sie konnten dennoch nicht mehr - und einige über Jahre - in der Partei mitarbeiten. Sie wurden aus politischen Gründen verhaftet und oft zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Die zu Beginn gestellte Frage, ob es es für die Ostberliner Sozialdemokratie als Teil der gesamtberliner SPD einen politischen Spielraum in Ostberlin gab, kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden.
Der Umgang der SED und der von ihr abhängigen Ostberliner Behörden mit der SPD in Ostberlin macht ohne Frage deutlich, daß die Geschichte der Ostberliner SPD vor allem eine Geschichte der Behinderungen, Schikanen und Verfolgungen war. Sie hielten die ganzen fünfziger Jahre hindurch und bis zur Auflösung der Partei im Jahre 1961 an. Die immer wieder erkennbaren Umarmungsversuche der SED waren durchsichtig und instrumentell gemeint und waren auch stets schnell vergessen, wenn die politische „Großwetterlage“ einen anderen Umgang mit der Ostberliner SPD und der SPD überhaupt nahe legte. Die in Phasen der “Umarmung“ vielleicht möglichen politischen Aktivitäten, etwa die SED beim Wort zu nehmen und eine eigenständige Wahlbeteiligung als SPD außerhalb des Demokratischen Blocks anzukündigen, hätten die SED aber in nicht geringe Verlegenheit gebracht. Schon der Versuch hätte das Selbstbewußtsein der Ostberliner Sozialdemokraten gestärkt. Das aber wäre nur mit der eindeutigen Unterstützung durch die Gesamtpartei möglich gewesen. Diese Unterstützung aber blieb aus. Und mehr noch: Jeder politischen Stellungnahme aus Ostberliner Parteikreisen, die eine solche Möglichkeit zumindest prüfen wollten, wurde schnell mangelnde Parteitreue unterstellt. Kein Ostberliner Sozialdemokrat aber wollte sich das nachsagen lassen.
Die Intensität der Beobachtung durch die Staatssicherheit aber belegt, daß es noch bis 1961 (und danach) nicht wenig zu beobachten gab. Die Ostberliner SPD war schon aus diesem Grunde auch in den fünfziger Jahren keine bloße Fiktion mit Symbolcharakter. Aber  seit Mitte der fünfziger Jahre war die Ostberliner Sozialdemokratie auf dem Weg zu einer immer kleiner werdenden „Solidargemeinschaft“, die zwar einen engen Zusammenhalt pflegte, spätestens nach 1961 aber nur noch im Verborgenen blühte.
Bemerkenswert aber bleibt, daß sie trotz der beschriebenen Probleme und Schwierigkeiten die ganzen fünfziger Jahre hindurch das zu sein vermochte. Sie war deshalb in Ostberlin nie nur der „Brückenkopf“ Westberlins in der Hauptstadt der DDR. Ihre Existenz trug mit dazu bei, daß die Auseinanderentwicklung  der  beiden Welten in einer Stadt etwas länger dauerte.

 
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