Wowereit on Tour: Friedrichshain-Kreuzberg

8. September 2006 | Wowereit on Tour in Friedrichshain-Kreuzberg

Klaus Wowereit, der Juso-Bundesvorsitzende Björn Böhning, Abgeordnetenhauskandidatin Canan Bayram.
 

Viel Kreativität

„Die Kreativität ist das spezielle Standortmerkmal von Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk ist für seine Mode- und Medienprodukte weltweit bekannt“, sagte Carola Schneider vom Unternehmerverband Friedrichshain-Kreuzberg, „die Käufer der Modeartikel, die von Friedrichshainer Designern entworfen und hergestellt werden, kommen aus der ganzen Welt.“ Das hörten die zahlreichen Bürgerinnen und Bürger, die sich vor der Roten Bühne versammelt hatten gerne und applaudierten freundlich. Mit seiner Kieztour machte Klaus Wowereit am Freitagnachmittag Station am Boxhagener Platz.

 
 

Der SPD-Spitzenkandidat, der den einleitenden Hinweis des Moderators auf seinen ersten Platz in einer aktuellen Abstimmung für den bestangezogenen Prominenten gutgelaunt zur Kenntnis nahm, zeigte sich erfreut über die Entwicklung des Bezirks: „Mittlerweile erlebt die Modebranche in Berlin durch die neuen Messen einen regelrechten Boom! Das hätte man doch noch vor einigen Jahren gar nicht für möglich gehalten. Viele junge Designer finden hier in Berlin, insbesondere in Friedrichshain-Kreuzberg, nicht nur bezahlbare Mieten, sondern einen unvergleichbaren Nährboden für ihre Kreativität. Die sog. „creative industries“ boomen.“ Überzeugend illustriert wurde dieser Befund während der Talkrunde zuvor. Gleich fünf Vertreter der Mode- und Messebranche gruppierten sich um den stellvertretenden Bezirksbürgermeister Lorenz Postler, der für seine Politik im Bezirk warb: „Wir haben in den letzten Jahren die Wirtschaftsberatung, den ressortübergreifenden Bürokratieabbau, die Tourismus- und die Kreativförderung zielstrebig und mit Erfolg angepackt.“ Jetzt gehe es darum, den Kontakt zwischen den großen und den mittelständischen und kleinen Unternehmen zu intensivieren. Der neue gegründete Unternehmerverband sei dahingehend sehr erfolgreich, freute sich Postler: „Von A bis Z, von Anschütz bis Zapf sind alle mit dabei!“ Die etablierten Netzwerke funktionierten immer besser und versprächen eine gute Zukunftsentwicklung von Friedrichshain-Kreuzberg. Wohin es gehen kann, zeigte Udo Gülzow, Organisator einer der Modemessen im Bezirk: „Wir wollen die Frankfurter Allee zur international bekannten Designmeile entwickeln, um dem Modebezirk ein repräsentatives Schaufenster zu geben.“

 

Vergessen wollten aber die Politiker und Unternehmer die Kreuzberger in ihrem Bezirk, der als einziger in einer Fusion aus ehemaligen Bezirken des Ost- und Westteils der Stadt entstand, auch nicht. „Wir haben mittlerweile auch etliche Kreuzberger Unternehmen als Mitglieder gewonnen. Da arbeiten wir gut zusammen und ich hoffe, dass wir das noch ausbauen können“, sagte Carola Schneider. Dieses Thema griff Klaus Wowereit sogleich auf: „Nicht nur Friedrichshain-Kreuzberg, ganz Berlin wächst zusammen und das war und ist eine große Herausforderung. Im Osten wie im Westen haben die Bürger Berlins ihre spezielle Sozialisation und ihre Erfahrungen, und zwar in beiden Teilen der Stadt gute und schlechte Erfahrungen. Die soll keiner vergessen müssen. Vielmehr wollen wir, dass sie eingebracht werden, um das heutige Zusammenleben und die Zukunft der Stadt zu gestalten. Insbesondere Ostberliner haben aus der DDR-Zeit noch viele Verbindungen nach Osteuropa. Die lassen sich doch heute, nach der EU-Osterweiterung, zum Vorteil aller einbringen.“ Viele Parteien in der Stadt, so der Regierende Bürgermeister, setzten einseitig auf eine Karte, so etwa die Union in West-Berlin und die Linkspartei im Osten. Diese Klientelpolitik dürfe nicht sein. „Wir brauchen eine Politik für die ganze Stadt“, sagte Klaus Wowereit, „dafür steht die SPD! Nur sie ist die Partei für ganz Berlin, mit einem gleich starken Wähleranteil im Ost- wie im Westteil der Stadt, dem sie sich verpflichtet fühlt.“ Entschlossen wandte er sich gegen das aggressive Auftreten der rechtsextremistischen Parteien im Berliner Wahlkampf. Unterstützung bekam er dabei vom Juso-Bundesvorsitzenden Björn Böhning, der in Berlin studiert. Dieser forderte dazu auf, Zivilcourage zu zeigen und öffentliche Räume nicht den Rechtsextremen zu überlassen. Einen Appell, den auch die beiden Abgeordnetenhauskandidaten der SPD Canan Bayram und Stefan Zackenfels, deren Wahlkreise sich am Boxhagener Platz kreuzen, unterstützen. Erstere ist Mitbegründer einer Friedrichshainer Bürgerinitiative gegen Rechts.

 
 
Hier knüpfte die Bezirksbürgermeisterkandidatin der SPD Sigrid Klebba an und betonte die Stellung der Bildung im Kampf gegen rechtes Gedankengut. „Bildung ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch das Erlernen von sozialen Verhaltensweisen“, sagte Klebba, „wir wollen Vielfalt, eine Gesellschaft, in der jeder seine individuelle Freiheit auslebt. Aber das geht nur bei allgemeiner Akzeptanz von Andersdenkenden.“ Gerade deshalb solle Bildung so früh wie möglich stattfinden. Die Kandidatin der SPD lobte die Pläne von Klaus Wowereit, nach der Kostenfreiheit des dritten Kitajahres ab 2007 auch die ersten beiden Jahre beitragsfrei zu stellen – und bekam dabei verbalen Rückenwind von Elke Ferner, der stellvertretenden Vorsitzenden der SPD: „Die beitragsfreie Kita wie sie jetzt in Berlin umgesetzt werden wird, kann ein Modell sein für ganz Deutschland. Das ist ein tolles Angebot – für die Kinder, weil sie früh gebildet werden und für die Eltern, weil damit ein Meilenstein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesetzt wird“, rief die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, „wenn man wie ich aus dem Saarland nach Berlin schaut, dann kann man schon neidisch werden auf eure Kitalandschaft.“ Klaus Wowereit nahm es gerne zur Kenntnis. Der Regierende Bürgermeister lobte die Arbeit von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, die aus Kreuzberg stammt.
 
 

Zum traditionellen Schlussfoto fanden sich alle Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Bezirk auf der Bühne ein. Gutgelaunt schloss der SPD-Spitzenkandidat die Runde mit der Ankündigung, gleich noch zu Bürgergesprächen vor die Bühne zu kommen, als ein Zwischenrufer sich Gehör verschaffte: „Dann zieh aber den Anzug aus!“ – „Ach, ich habe mir gedacht, auch an den Boxhagener Platz kann man mal mit Krawatte kommen“, rief Klaus Wowereit zurück, „aber ich besprech das gleich mal mit Ihnen persönlich.“ Das tat er dann auch und begab sich in die Menge.

Text: Christoph Gerken

 
 
Mit Schlips und Kragen
Randnotizen von Conrad Ziesch

Ob Second Hand, Rockerkluft oder Haute Couture – wer sich in Friedrichshain-Kreuzberg neu einkleiden möchte, findet die passende Mode für jeden Geschmack und Geldbeutel. Klaus Wowereit hielt es mit der klassischen Variante, dem schwarzen Zweiteiler, als er vor sein Publikum auf dem Boxhagener Platz trat. „Ich denke auch in Friedrichshain-Kreuzberg kann man eine Krawatte tragen. Der Mensch bleibt auch in einem Anzug er selbst“, so der Regierende Bürgermeister schmunzelnd.

Er freue sich, dass so viele verschiedene kreative Köpfe nach Berlin kämen, um gemeinsam zu arbeiten. Vor drei Jahren hätte noch niemand damit gerechnet, dass Berlin wieder zu einer Modestadt werden würde. Zustimmung erhielt er von Lorenz Postler, dem stellvertretenden Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg: „Trotz einer relativ einkommensschwachen Bevölkerungsstruktur hat sich hier eine sehr kreative Szene gebildet.“ Große Medienunternehmen wie Universal oder Viva engagierten sich im Bezirk und brächten neue Arbeitsplätze in den Kiez. Es gäbe so die Möglichkeit, den Kontakt zwischen „Global Player“ und kleineren Unternehmen herzustellen, so Postler. Ein positives Resümee zog auch Unternehmerin Carola Schneider: „Friedrichshain-Kreuzberg hat sich europa- und weltweit einen Namen gemacht. Käufer aus der ganzen Welt kommen hierher, um die neueste Mode zu kaufen.“ Diese mode- und kunstinteressierten Touristen brächten auch der ortsansässigen Wirtschaft zusätzliche Einnahmen, bilanzierte Schneider. Zu allererst profitierten aber die Berliner Designer von dem Aufschwung ihrer Branche.


Klaus Wowereit, Ingeborg Junge-Reyer, Stefan Zackenfels.

Einer von ihnen, Alexander Bell stand beispielhaft für Künstlerinnen und Künstler die im „Alten“ Textilkaufhaus eine Plattform für ihre Produkte gefunden haben. „Das Textilkaufhaus befindet sich auf der Boxhagener Straße 93 und beherbergt die Waren von 13 Designern und Kunsthandwerkern“ so Bell. Das Haus sei für kreative Köpfe die ideale Verkaufsplattform und Möglichkeit gemeinsamer Zusammenarbeit.
Natürlich müsse die kreative Szene in Berlin erhalten bleiben, unterstrich Klaus Wowereit die Bedeutung des sich immer weiter entwickelnden Gewerbes. Die Mieten müssten bezahlbar und der Raum zur Entfaltung vorhanden bleiben. Die Zukunftsaussichten für den Modestandort Berlin seien hoffnungsvoll, so der Regierende Bürgermeister.



Fotos: Marco Gerster