Landesparteitag vom 9. April 2005: Debatte zum Werteunterricht

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Landesparteitag vom 9. April 2005: Debatte zum Werteunterricht

Landesparteitag 2005-04-09
 
Der freiwillige Religionsunterricht in Berlin bleibt erhalten und wird auch weiter mit knapp 50 Millionen Euro vom Land Berlin gefördert. Daneben aber soll es künftig - beginnend in den siebten Klassen - einen zusätzlichen Werteunterricht an den Berliner Schulen geben. Das sieht der mit klarer Mehrheit beschlossene Teil des Leitantrags zum Bereich Werteerziehung vor. Für die (in der Antragsberatung noch ergänzte) Variante I im Leitrag stimmten in geheimer Abstimmung 166 Delegierte, 51 votierten dagegen.
 

Damit wird, so der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der engagiert für diese Lösung warb, ein erkanntes Defizit beseitigt. Werteerziehung müsse an den Schulen eine stärkere Bedeutung bekommen, sie sei, so Wowereit, auch eine Aufgabe des Staates. Für das friedliche Miteinander sei es wichtig, die Grundwerte, die im Grundgesetz festgelegt seien, zu vermitteln, aber auch Einblick in die verschiedenen Religionen zu erhalten. Dies müsse in einem gemeinsamen Unterricht erlebt werden, nicht getrennt. Das neue Fach sei eine "notwendige Ergänzung".Für die Kirchen eröffne sich dabei die Chance, sich neben dem bisherigen Angebot des Religionsunterrichts auch  in das neue Fach einzubringen. Wowereit wandte sich entschieden gegen eine Abwahlmöglichkeit des neuen Fachs:: "Vielfalt ist angesagt, nicht Separation."

 
Dilek Kolat
 
Dilek Kolat, Tempelhofer SPD-Kreisvorsitzende und Abgeordnete, wies auf das gestiegene "Konfliktpotenzial in Schule und Alltag" hin, das Werteerziehung notwendig mache. "Die Religionsfreiheit wird nicht eingeschränkt." In einem neuen Fach ginge es u.a. auch darum, mehr über die gemeinsamen Wurzeln von Religion zu erfahren. Dies sollte gemeinsam geschehen, nicht indem nur  "über den anderen informiert wird".
 
Gegen eine Abwahlmöglichkeit sprach sich auch der stellvertretende Landesvorsitzende Marc Schulte aus: "Ich möchte dass alle Schülerinnen und Schülern sich zusammen über ihre Werte unterhalten und voneinander lernen." Er rief die Kirchen auf, sich am Dialog über die Ausgestaltung zu beteiligen. Der langsame Einstieg ab 2006/2007 müsse finanziell im Haushalt abgesichert werden, so Schulte.
 
Wolfgang Thierse - Landesparteitag April 2005
 
Neben Bildungssenator Klaus Böger sprachen sich als prominenteste Vertreter Christine Bergmann und Wolfgang Thierse für ein zugunsten von konfessionellem Religionsunterricht abwählbares Fach Lebenskunde/Ethik/Religion aus.  Thierse hatte in der Debatte um den Werteunterricht vor einer „Bevormundung durch den Staat“ gewarnt und rechtliche Bedenken geäußert. "Unsere Verfassung verbietet, daß sich der Staat eine Wertebevormundung anmaßt", so Thierse. Er wies auf die Erfahrungen der Kirche in der DDR hin.  Ein Vergleich, den Klaus Wowereit nicht gelten lassen wollte: „Und, lieber Wolfgang, vergleiche nicht unser Schulsystem mit dem in der DDR.“
 
Der Charlottenburger Delegierte Tilman Fichter rief die SPD auf, sich auch mit ihren eigenen Werten zu beschäftigen, hielt aber auch den Kirchen vor, den Wertverfall nicht auffangen zu können. Das zeige sich etwa daran, dass nur noch 20 Prozent der Kinder den freiwilligen Religionsunterricht besuchen.