Leitantrag (Diskussionsentwurf)

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Leitantrag (Diskussionsentwurf)

Leitantrag (Diskussionsentwurf des Landesvorstandes/Beschluss)

 

Berlin – Stadt des Wissens

 

ZehnBeschlüsse der Berliner SPD zur Bildungspolitik im 21. Jahrhundert

 

 

Zukunft braucht Bildung. Bildung und Qualifizierung sind in der Wissensgesellschaft Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt, wirtschaftliche Stabilität und soziale Sicherheit. Der gleichberechtigte Zugang zu allen Angeboten ist eine Grundfrage sozialer Gerechtigkeit und Voraussetzung für individuellen Wohlstand. Zentrales Anliegen der Sozialdemokratie ist es daher, allen Menschen, unabhängig von ihrem Alter, ihrer sozialen Situation, ihrer Herkunft oder ihrem Geschlecht, die Teilhabe an Bildung und Wissen zu garantieren. Wir wollen in Berlin Schulen, Hochschulen und Einrichtungen der Berufsbildung, die ihren Absolventinnen und Absolventen alle Chancen eröffnen. Der Hunger nach Bildung muss geweckt, das Bewusstsein, dass gute Bildung bessere Lebenschance bietet, gestärkt werden. Berlin muss Stadt des Wissens werden.

 

Berlin verfügt über ein hoch differenziertes Bildungssystem, das in seiner Vielfalt erhalten und weiter entwickelt werden muss. Das Berliner Bildungssystem ist stark, weil die Bildungsgänge durchlässig sind und aufeinander aufbauen. Es ist stark, weil es die vielen Kulturen unserer Stadt kreativ aufeinander bezieht, und es ist stark, weil es vielfältige Angebote für besondere Begabungsrichtungen bereithält.

 

Wesentlich für die Sicherung von Bildungschancen bleiben die Durchlässigkeit des Systems und die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Abschlüsse. Das garantiert in einer sich verändernden Welt die notwendige Flexibilität und Offenheit für neue Ausbildungsgänge und Berufsbilder. Gleichrangig ist die Eigenverantwortung für den Erwerb von Bildung und Qualifikationen. Bildung braucht das sinnvolle Zusammenspiel von staatlicher Verantwortung, freien Trägern und dem Engagement Einzelner. Dabei ist es eine wesentliche Aufgabe der Bildungspolitik, bestehende Ungleichheiten abzubauen und neue zu verhindern.

 

In unserer Stadt leben nicht nur Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten - die Stadt selbst ist Potenzial für neue Entwicklungen und Chancen. Deshalb muss Berlin eine Vorreiterrolle in der Bildungspolitik einnehmen. Berlin muss eine Stadt des Wissens, eine Stadt des bewussten und gezielten Nutzens von Chancen werden!

 

Sozialdemokratische Bildungspolitik ist angesichts einer sich rasant verändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit vor besondere Anforderungen gestellt:

 
 
 

Wir leben in einer Wissens- und Informationsgesellschaft, geprägt von immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischen Entwicklungen, die das Zusammenleben in der Gesellschaft beeinflussen.

Die Globalisierung fordert zu neuen Leistungen heraus. Jeder Einzelne muss sich im Rahmen der eigenen Qualifizierung gegenüber anderen Kulturen, Denk- und Arbeitsweisen öffnen. Ein leistungsorientiertes Bildungssystem muss ihn befähigen, die Chancen der Globalisierung wahrzunehmen und gleichzeitig die Kompetenzen vermitteln, die ihm helfen, auch im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Globalisierung bringt aber auch für viele Menschen Ängste mit sich, die wir ernst nehmen. Soziale Verantwortung übernehmen heißt vor allem, Teilhabe für diejenigen zu ermöglichen, die den Anschluss zu verlieren drohen oder von sich aus nicht mithalten können. Das erfordert einen Staat, der die Voraussetzung für die Verwirklichung von Chancengleichheit schafft, und eine starke Bürgergesellschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Bildung ist mehr als Erwerb von Wissen und kognitiven Fähigkeiten. Die Vermittlung sozialer Kompetenz sowie von Medienkompetenz und Methodenlernen zählt zu unseren zentralen Anforderungen an Bildung.

Die Integration in eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft zusammentreffen, kann nur über Bildung gelingen.

Das Prinzip von Gender Mainstreaming muss im Prozess der Reform der Bildungseinrichtungen berücksichtigt werden, um unseren Anspruch an tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter Rechnung zu tragen.

Angesichts der Schnelligkeit, in der unser Wissen zunimmt und sich spezifiziert, werden den Schülerinnen und Schülern neben einem hohen Maß an allgemeiner Bildung und Fachkenntnissen vor allem methodische Fertigkeiten helfen, ihren Weg zu finden und sich in Ausbildung, Studium und Beruf weiterzuentwickeln. Neben der Aktualisierung des Wissens nimmt das “Lernen lernen” an Bedeutung zu und wird zu einer lebensbegleitenden Aufgabe.

 
 
 

Die Vielfalt Berlins spiegelt sich in seinen Bildungseinrichtungen wider. Menschen unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft treffen ebenso wie solche mit unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründen und politischen Erfahrungen zusammen.

 

Soziale Verwahrlosung, mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache, fehlende Beherrschung notwendiger Kulturtechniken nehmen zu. Immer mehr Schulen werden zu Brennpunkten sozialer Trennung und zum Spiegel gesellschaftlicher Probleme. Schulen befinden sich nicht selten in einer Abwärtsspirale, in der die Qualität des Bildungsangebots und damit die Chancen der Kinder weiter sinken. Unsere Aufgabe muss sein, über gezieltes Qualitätsmanagement und Wertausgleichsmaßnahmen die Attraktivität und Akzeptanz aller Schulen auf ein gleiches Niveau zu heben und insgesamt zu erhöhen. Denn die Akzeptanz der Schulen bei Eltern und Schülerinnen und Schülern entscheidet auch über die Wohnortwahl und über die Attraktivität von Quartieren.

 

Eltern aller Schichten nehmen die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zunehmend nicht mehr wahr. Lehrkräfte sind nicht selten mit Situationen konfrontiert, in denen sie sich überfordert fühlen. Neben den eigentlichen Aufgaben der Bildung, Wissensvermittlung und Erziehung müssen sie oft auch Sozialarbeiter für Kinder sein.

 

Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Rolle künftig Elternhaus und Familie, Schulen und Jugendeinrichtungen, Medien, Sportvereine, Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften bei der Bildung und Erziehung, der Entwicklung sozialer und kultureller Kompetenzen unserer Kinder und Jugendlichen übernehmen sollen. Alle müssen beteiligt sein; aber auch die Verantwortung der Eltern ist zu stärken. Das gesellschaftliche Angebot muss sinnvoll auf die Bedürfnisse von Eltern und Kindern abgestimmt sein. Der Staat muss da helfen, wo Eltern nicht mehr in der Lage sind, der Verantwortung gegenüber ihren Kindern nachzukommen.

 
 
 

Die Berliner SPD setzt folgende Schwerpunkte zur kreativen Weiterentwicklung des Bildungssystems:

 
1.   Chancengleichheit

Trotz beachtlicher Steigerung der Bildungsbeteiligung ist es nur teilweise gelungen, dem im Grundgesetz verankerten Gebot der Chancengleichheit nachzukommen.

Kindertagesstätten erhalten einen immer größeren Stellenwert als Bildungseinrichtung; sie werden zur Vermittlung sprachlicher, sozialer und kultureller Fähigkeiten immer wichtiger. Die Berliner SPD will deshalb durch gezielte Maßnahmen die Eltern ermuntern, die Kinder frühzeitig in einer Kita anzumelden. Für Kinder, die nicht die ausreichende Reife für das erste Schuljahr mitbringen, müssen verbindlich Vorschulklassen und Vorschulgruppen angeboten werden. Die Möglichkeit für Kinder, eine Kita zu besuchen, darf keine Kostenfrage sein.

 

Die Flexibilisierung der Schuleingangsphase und der Dauer der ersten Grundschuljahre soll allen Kindern ermöglichen, ihrem Tempo entsprechend Lernstärken zu entwickeln und Lernschwächen auszugleichen.

 

Wir halten an der sechsjährigen Grundschule fest. Sie ermöglicht das gemeinsame Lernen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Schichten. Sie erlaubt eine der kindlichen Entwicklung angemessene Entscheidung über den weiteren Bildungsweg. Die sechsjährige Grundschule wird stufenweise durch Formen der inneren und äußeren Differenzierung ergänzt, um besondere Begabungen zu fördern und Lerndefizite zu beheben.

 

Aus der “Zuverlässigen Halbtagsgrundschule” heraus soll stufenweise ein Ganztagsangebot für alle Kinder in Berlin entwickelt werden. Bestehende Kooperationen mit außerschulischen Institutionen und fließende Übergänge zwischen Schulen und außerschulischen Angeboten müssen intensiv ausgebaut werden.

 

Die Gesamtschule ist die Schulform, in der Wissensvermittlung am besten mit sozialem Lernen verknüpft werden kann. Deshalb ist sie die geeignete Schulform, um den erzieherischen und Bildungsanforderungen von morgen gerecht zu werden. Gesamtschulen, die auch zum Abitur führen, werden aber nur dann als wirkliche Alternative zum Gymnasium angesehen, wenn den unterschiedlichen Begabungsprofilen ausreichend Rechnung getragen wird.

 

Die Fortsetzung und Verstärkung des Programms “CidS! – Computer in die Schulen” soll helfen, Unterschiede der Elternhäuser in Ausstattung und Zugang zur Informations- und Kommunikationstechnik auszugleichen.

 
 
 
2.   Integration

Die gemeinsame schulische Förderung behinderter und nichtbehinderter Kinder bleibt uneingeschränkter Bestandteil sozialdemokratischer Bildungspolitik.

 

Die zunehmende Globalisierung und die aus der Zuwanderung entstandene kulturelle Vielfalt in Berlin erfordern neue Anstrengungen zur Integration aller Kinder und Jugendlichen in Schule und Beruf, unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft.

 

Eine neue Bildungsoffensive für Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Herkunftssprache soll auch Begabungsreserven mobilisieren und insbesondere durch den frühen Erwerb der deutschen Sprache in Kita und Grundschule eine gleichberechtigte Teilhabe an Schule und Berufsausbildung sichern. Kurzfristig muss darauf hingewirkt werden, dass die Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss, insbesondere unter den Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunft, drastisch gesenkt wird.

 

Die Berliner SPD will benachteiligte Jugendliche im Rahmen einer schrittweisen modularen-dualen Qualifizierung an eine vollständige Berufsausbildung heranführen. Offenkundige Benachteiligungen müssen durch umfassende und differenzierte Förderprogramme behoben werden, wenn die Integration dieser Jugendlichen in die Gesellschaft gelingen soll.

 

Eine Schule, die sich als Lern- und Lebensstätte versteht und ihre Betreuungsangebote ausdehnt, bietet die besten Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Integration von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Nationalität und sozialer Herkunft. Sie wird auch in besonderer Weise den sich verändernden Arbeitsbedingungen gerecht, mit denen sich berufstätige Eltern auseinandersetzen müssen.

 
 
 
3.   Toleranz

Die Berliner SPD tritt für eine verstärkte werteorientierte Erziehung in der Kita, in allen Unterrichtsfächern und als Teil des Schullebens ein. Sozialdemokratische Bildungspolitik misst diesem Lernfeld und seiner Ausgestaltung im Sinne einer offenen, pluralen und sozialen Demokratie eine große Bedeutung zu. Wissen über die Inhalte und Wertmaßstäbe der Weltreligionen, des Humanismus und der Aufklärung sind fundamentale Grundlagen einer umfassenden Bildung und toleranten Erziehung.

 

Sozialdemokratische Schulpolitik will durch gezielte Maßnahmen die Eltern ermuntern, sich am Schulleben zu beteiligen und ihre Kinder darin zu unterstützen, die kulturelle Vielfalt Berlins als Bereicherung zu erfahren.

 

Die Schule muss die Heranwachsenden zu Persönlichkeiten erziehen, die in der Lage sind, urteilsfähig, mündig und verantwortlich gegenüber sich selbst wie gegenüber der Gemeinschaft handeln zu können. Leitbild einer solchen Erziehung ist die Fähigkeit und Bereitschaft zur Zivilcourage.

 

Ein so verstandener Bildungsauftrag ist geeignet, fremdenfeindlichen, rechtsextremen und rassistischen Tendenzen sowie der Entwicklung von Gewalt in der Gesellschaft entgegenzuwirken.

 
 
 
4.   Leistung

Die neuen Herausforderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt erfordern eine höhere Leistungsbereitschaft und mehr Engagement des Einzelnen. Oberstes Ziel von Bildung muss die Entwicklung selbstbewusster Persönlichkeiten sein. Aufgabe der Schule ist es, die Leistungsfähigkeit aller Schülerinnen und Schüler optimal zu entwickeln und neben kognitivem Wissenserwerb auch Medien-, Methoden- und Sozialkompetenz zu vermitteln. Dadurch werden sie optimal auf die Anforderungen des Berufslebens vorbereitet.

 

Sprachkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung, um den persönlichen und beruflichen Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

 

Die Berliner SPD strebt deshalb den frühen Beginn des Fremdsprachenlernens an. Als erster Schritt wird noch in dieser Legislaturperiode ab Klasse 3 Fremdsprachenunterricht zum ordentlichen Lehrfach. Das Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Pflichtschulzeit neben der deutschen Sprache eine Fremdsprache sprechen können. Fachunterricht soll auch in Fremdsprachen angeboten werden.

 

Die Berliner SPD will den Erwerb mathematisch-natur­wissenschaftlicher Kompetenzen systematisch von der Grundschule her aufbauen. Neue Unterrichtsformen sollen das Verständnis für mathematisch-naturwissenschaftliche Zusammenhänge erhöhen und den Zugang zu neuen Techniken erweitern.

 

Die Senkung der Ausbildungszeiten ist notwendig, um die Konkurrenzfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen unseres Bildungssystems im europäischen Wettbewerb zu garantieren. Die SPD spricht sich daher für eine Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre aus. Voraussetzung hierfür sind die Straffung der Lehrpläne, zahlreiche Ganztagsangebote sowie die gleichzeitige Sicherung der Anschlussfähigkeit und Durchgängigkeit der verschiedenen Bildungsgänge bis zum Abitur. Die besonderen Bedingungen der Gesamtschule sind dabei zu berücksichtigen. Darüber hinaus ist durch eine Flexibilisierung der Schuleingangsphase und durch eine an der individuellen Leistung orientierte Schulzeit eine weitere Kürzung der schulischen Ausbildung möglich.

 

Einen wesentlichen Beitrag zur Verkürzung der Ausbildungszeiten müssen auch die Hochschulen leisten. Sie haben durch die Gestaltung der Studiengänge sicherzustellen, dass die Studienabschlüsse von der weit überwiegenden Zahl der Studentinnen und Studenten in der Regelstudienzeit erbracht werden können.

 

Chancengleichheit bedeutet, dass jeder entsprechend seiner individuellen Begabung gefördert wird. Dies schließt eine besondere Förderung für Begabte ein. Unsere Gesellschaft braucht auch Leistungseliten, die soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

 
 
5.   Wettbewerb

Mehr Eigenverantwortung der einzelnen Schulen fördert Kreativität und den Willen zur Veränderung. Ziel ist eine Qualitätssteigerung der Schulen. Die Lehrenden und Lernenden sollen in die Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung einbezogen werden.

 

Zentrales Element der Berliner Schulreform ist deshalb die wachsende Verantwortlichkeit der einzelnen Schule gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern, den Eltern und der Schulgemeinschaft. Hemmnisse, die der Modernisierung des Berliner Schulsystems bisher im Wege standen, müssen beseitigt werden. Die einzelne Schule übernimmt Verantwortung für ihr pädagogisches Programm und die Entwicklung eines unverwechselbaren Profils. In Zusammenarbeit mit der Schulverwaltung werden das Personalmanagement, die Personalentwicklung, einschließlich der Auswahl von Lehrerinnen und Lehrern, sowie die Ressourcenverwaltung Aufgaben der Schule. Dienststelle bleibt die untere Schulaufsichtsbehörde.

 

Die Eigenverantwortung in der einzelnen Schule verlangt eine verantwortliche Leitungskompetenz. Die Auswahl geeigneter Leitungspersönlichkeiten erfolgt durch die Schulbehörde.

 

Interne Rechenschaft und externe Kontrollsysteme sichern die Vergleichbarkeit der Bildungsangebote; sie setzen Qualitätsstandards fest und entwickeln diese weiter. Die Einhaltung von Qualitätsstandards wird durch einheitliche, regelmäßig stattfindende Leistungskontrollen gesichert. Durch geeignete Instrumente werden Lernerfolge und Wissensstand eines Bildungsganges und festgelegte Standards überprüft. Standardsetzungen am Ende der Grundschule sowie die Anforderungen an den Mittleren Bildungsabschluss und das Abitur werden extern vorgegeben, ohne dadurch die pädagogische Schwerpunktsetzung an der Einzelschule zu gefährden.

 

Die Fortentwicklung der Schulen und die Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer müssen eine grundlegende Reform der Lehrerausbildung zur Folge haben. Professionelles Unterrichten erfordert eine neue Ausrichtung der Lehrinhalte und der Pädagogik, insbesondere für die Lehramtsstudenten im Oberstufenbereich. Die Studiengänge für Lehrerinnen und Lehrer müssen attraktiv gestaltet werden, um dem schon jetzt erkennbaren Lehrermangel entgegenzuwirken. Die Zeiten für Prüfungen und Staatsexamen müssen gestrafft werden, um die übliche Gesamtdauer von acht Jahren für eine Lehrerausbildung erheblich zu verkürzen. Alle Lehrerinnen und Lehrer sollen während der Ausbildung ein Wirtschaftspraktikum ableisten, um reine Schulsozialisation zu vermeiden. Maßnahmen zur Lehrerfortbildung müssen ausgebaut werden. 

 
 
 

6.  Verantwortung

Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung, Weiterbildung und Qualifizierung müssen in der Finanzplanung der Stadt oberste Priorität haben.

 

Über eigene Budgets ist die Eigenverantwortung der Bildungseinrichtungen zu stärken. Ziel muss sein, der jeweiligen Einrichtung die freie Disposition über Sach- und Personalmittel zu ermöglichen. Die Zumessung der Budgets erfolgt nach Grundbedarf, Berücksichtigung besonderer Aufgaben und Leistungskriterien. Die Budgets der Schulen sollen auch die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft berücksichtigen. Die jetzigen Hochschulverträge werden nur fortgeschrieben, wenn darin Leistungsziele vereinbart sind.

 

Die Finanzierung des außerschulischen Bildungsbereiches von beruflicher Erstausbildung, Fort- und Weiterbildung, aber auch innerhalb der verschiedenen Bildungsbereiche erfordert mehr Gerechtigkeit! Wir wollen eine gerechtere Verteilung staatlich finanzierter Bildungsangebote für das weiterführende Studienangebot, für Fort- und Weiterbildung und deren Wahrnehmung. Dabei können Bildungskonten, Bildungsschecks und ähnliche Modelle einen Weg darstellen, mit dem nach individuellen Bedürfnissen der Anspruch auf Bildung und Weiterbildung eingelöst werden kann. Sie räumen jedem Einzelnen ein staatlich finanziertes Guthaben für Aus- und Fortbildung ein.

 
 
 

7.   Motivation und Engagement

Das starre Beförderungs- und Besoldungssystem des Beamtenrechts wird heutigen Anforderungen an Flexibilität, leistungsgerechter Besoldung und Förderung nicht gerecht. Deshalb sollte bundeseinheitlich der Beamtenstatus nur noch da begründet werden, wo die Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben dies erfordert. Im Schul- und Hochschulbereich ist das nicht der Fall, deshalb sollten hier Angestelltenverhältnisse begründet werden.

 

So kann auch ein Weg eröffnet werden, das Engagement von Lehrerinnen und Lehrern an besonders sozial belasteten Schulen zum Beispiel durch geringere Unterrichtsverpflichtung zu honorieren. Wir unterstützen die Dienstrechtsreform des Bundes. Den Hochschulen wollen wir möglichst weitgehende Selbständigkeit einräumen. Langfristig soll deshalb ein Modell entwickelt werden, das (wie jetzt schon in den Niederlanden) den Hochschulen auch Tarifautonomie einräumt.

 
 
 

8.   Lebensbegleitendes Lernen

Die Trennung der Lebensabschnitte Bildung, Ausbildung und Arbeit entsprechen nicht mehr den Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist davon auszugehen, dass heute schon viele im Beruf stehende Menschen nicht über die Qualifikationen verfügen, die morgen von ihnen verlangt werden. Hier bietet Weiterbildung die Chance der zusätzlichen Qualifizierung. Die Idee des lebensbegleitenden Lernens als Leitvorstellung für alle Stufen des Bildungsprozesses ist deshalb von herausragender Bedeutung. Sie setzt eine enge Verzahnung zwischen beruflicher Erstausbildung und Weiterbildung voraus.

 

Sozialdemokratische Bildungspolitik unterstützt die Stärkung der Weiterbildung als vierte Säule des Bildungssystems. In den Einrichtungen der Weiterbildung sind umfassende Neuorientierungen im Bereich der Lehr- und Lernentwicklung nötig, die auch zunehmend selbstorganisierte Lernformen berücksichtigen.

 

In einem beschäftigungsbegleitenden Qualifizierungssystem sollen anerkannte Zertifikate erworben werden können. Die Kapazitäten der Oberstufenzentren und der Hochschulen müssen für die berufliche Weiterbildung erschlossen werden.

 
 

9.   Wirtschaftsstandort Berlin

Die Anforderungen des Arbeitsmarktes an die Beschäftigten steigen. Nur eine qualifizierte Berufsausbildung eröffnet Chancen auf dauerhafte Beschäftigung. Der Bedarf der Berliner Unternehmen an ausgebildeten Fachkräften nimmt in den nächsten Jahren erheblich zu. Eine Ausbildungsoffensive ist deshalb Voraussetzung für die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Berlin.

 

Die Berufsbildenden Schulen folgen dieser Entwicklung durch eine steigende Anzahl neuer Berufsbilder und flexibilisierter Wege zu einer erfolgreichen Berufsausbildung. Die neu geordneten Ausbildungsberufe für neue Technologien werden zu einer beschleunigten Modernisierung der Berliner Wirtschaft beitragen, die geprägt ist durch mehr Kundenorientierung, Qualitätssicherung, Teamarbeit und Computerisierung. Die Berliner SPD unterstützt die verstärkte Berufsausbildung junger Frauen in diesen Zukunftsberufen. Ziel ist, den Übergang von der bisher männlich dominierten industriellen Berufsausbildung zur Gleichstellung in der Ausbildung für die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu gestalten.

 

Allen Jugendlichen muss die sichere Beherrschung elementarer Kenntnisse vermittelt werden, um sie für Ausbildungsberufe zu qualifizieren. Sie müssen am Ende ihrer Schulzeit über persönliche und soziale Kompetenzen verfügen, die sie befähigen, sich in eine Gemeinschaft verantwortungsbewusst einzubringen. Die Berliner SPD unterstützt die Umsetzung von Programmen, die es ermöglichen, benachteiligte Jugendliche im Rahmen einer modularen-dualen Qualifizierung schrittweise an eine vollständige Berufsausbildung heranzuführen.

 

Oberstufenzentren entwickeln sich zu Kompetenzzentren für die berufliche Bildung. Neben der Ausbildung eröffnen sie sich neue Tätigkeitsfelder im Bereich der Fort- und Weiterbildung. Kompetenzzentren sind Ansprechpartner und Beratungsagentur für die Qualitätsentwicklung im Bereich der dualen Ausbildung. Sie arbeiten marktorientiert in enger Kooperation mit der Wissenschaft sowie den Verbänden der Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

 
 
 

10. Wissenschafts- und Forschungsstandort Berlin

Berlin und Brandenburg haben ein herausragendes Potenzial an Hochschulen, Fachhochschulen sowie außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die Vielfältigkeit dieser Wissenslandschaft zieht kreative und hoch qualifizierte Menschen sowie Führungskräfte in die Stadt. Sie tragen zur Attraktivität Berlins bei. Nur über Bildung, Wissenschaft und Forschung wird Berlin wieder zu einem leistungsfähigen Wirtschaftsstandort.

 

Die Zukunft Berlins liegt in der Verbindung von Lehre, Forschung und Entwicklung. Nicht die Investitionen in Stein sind entscheidend, sondern die Gestaltung von Prozessen und Kommunikation zwischen Forschung und Wissenschaft einerseits und Wirtschaft andererseits.

 

Berlin braucht nicht weniger, sondern mehr Abiturienten und Studierende. Wir Sozialdemokraten stehen für den Erhalt von mindestens 85.000 ausfinanzierten Studienplätzen.

 

Die Nachfrage nach Fachhochschulstudienplätzen steigt. Fachhochschulen vermitteln in einer relativ kurzen Studienzeit praxisbezogenes Wissen. In Berlin kann der Bedarf zur Zeit nicht gedeckt werden. Andererseits bildet Berlin überproportional viele Studentinnen und Studenten in dem sehr teuren Studiengang Medizin aus. Rund ein Drittel der Budgets der Berliner Universitäten fließt allein in die medizinischen Fakultäten. Die Berliner SPD fordert, diese Budgetanteile schrittweise zu kürzen, um die Mittel für den Ausbau der Fachhochschule verwenden zu können.

 

Bildungsverläufe und die zeitliche Abfolge von Lern- und Praxisphasen werden zunehmend individualisiert. Die Berufswelt erwartet nicht nur theoretische, sondern auch praxisrelevante Qualifikationen. Ein gestuftes System (modulares System) und studienbegleitende Prüfungen sollen diese Vorgaben erfüllen.

 

Wir fordern die Hochschulen auf, diesen Anforderungen in der Gestaltung der Studiengängen gerecht zu werden.

 

Über die Hochschulverträge sind stärker Anreize zu entwickeln, die die Kooperation der Hochschulen untereinander fördern und Mehrfachangebote abbauen. Ziel ist, die Leistungsfähigkeit der Fakultäten zu stärken. Die seit langem vor allem vom Wissenschaftsrat eingeforderte Strukturreform der Hochschulen ist voranzutreiben. In den Verträgen sollen sich die Hochschulen auch verpflichten, ihre schon weit fortgeschrittene Internationalisierung voranzutreiben. Dazu gehört unter anderem die Einführung integrierter Auslandssemester sowie die Vermittlung von Teilen des Lehrangebotes in englischer Sprache.

 

Die Qualität der Hochschulen, die Zahl der Absolventinnen und Absolventen und ihrer Ausbildung sind Voraussetzung für eine leistungsfähige außeruniversitäre Forschungslandschaft und die Entwicklung Berlins zu einem Zentrum der Bio- und Informationstechnologien. Die Kompetenzzentren Buch und Adlershof sind die zentralen forschungs- und wirtschaftspolitischen Investitionsschwerpunkte der Stadt.

 

Wirtschaftsfördermittel sollen so weitgehend wie möglich für den Ausbau der Wissenschafts- und Forschungslandschaft eingesetzt werden. Die Mittel dafür müssen konzentriert und zur Profilierung eingesetzt werden.