Zietz, Luise

Geschichte: Personen L-Z

Luise Zietz

Plakat Frauenwahlrecht
 

Luise Körner wurde am 25.03.1865 als Tochter eines selbständigen Wollwirkers in Bargteheide in Holstein geboren. Sie musste wie auch ihre drei jüngeren Geschwister in der väterlichen Weberei mithelfen, die eigentlich in einem hoffnungslosen Kampf gegen die moderne Textilindustrie war. Die Mithilfe der Kinder verhinderte, dass der Hunger "ständiger Gast" im Hause war. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete sie als Dienstmädchen und in einer Tabakfabrik. Daran anschließend erhielt sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin in einer Fröbelschule.
Sie zog nach Harnburg und heiratete dort den Hafenarbeiter Karl Zietz. Anfang der 90er Jahre begann sie in Hamburg SPD-Versammlungen zu besuchen und griff auch gelegentlich in die Diskussion ein. Die örtlichen Partei- und Gewerkschaftsorganisationen wurden auf ihr außergewöhnliches rednerisches und organisatorisches Talent aufmerksam. Immer öfter trat sie als Rednerin in Versammlungen auf. Ab 1896 widmete sie sich ganz der Partei, im gleichen Jahr trat sie beim großen Hamburger Hafenarbeiterstreik erstmals öffentlich als Rednerin auf.
Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre agitatorische Begabung machten sie schnell bekannt. Man nannte sie den "weiblichen Bebel". In Harnburg übernahm sie das Amt der Vertrauensperson der Sozialdemokratinnen und machte Harnburg in kurzer Zeit zur Hochburg der Bewegung. Auch außerhalb Hamburgs warb sie erfolgreich für die Sozialdemokratie und wurde die populärste und erfolgreichste Agitatorin der sozialdemokratischen Frauenbewegung"
Das kontinuierliche politische Engagement belastete ihre Ehe auf Dauer und sie scheiterte.
Das Vereinsrecht untersagte Frauen die Mitarbeit in politischen Parteien, besonders rigide waren die Vereinsgesetze in Preußen und im Ruhrgebiet, liberale Regelungen galten u.a. in Harnburg. Die SPD versuchte die Vorschriften des Gesetzes nach Kräften zu umgehen. Luise Zietz erklärte 1903: "Wenn mir z.B. in Thüringen das Referieren verboten wird, spricht zunächst ein Genosse zehn Minuten, und ich spreche dann in der Diskussion anderthalb Stunden"

 

1908, als mit Verabschiedung des Reichsvereinsgesetzes Frauen endlich politischen Organisationen beitreten durften, wurde Luise Zietz - nach dem Verzicht Ottilie Baaders und mit Zustimmung Clara Zetkins - als erstes weibliches Mitglied in den SPD-Parteivorstand gewählt, zuständig für Frauenarbeit.
Luise Zietz gehörte dem linken Zentrum der Partei an und war die führende Organisatorin und Repräsentantin der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Schon seit 1902 hatte sie ihre intensiven Werbungsmethoden angewandt. Ihre umfassenden Redekampagnen verhalfen ihr zu einem Wissen um die örtlichen Verhältnisse in der proletarischen Frauenbewegung und zu einer Vielzahl persönlicher Kontakte. Es war in zunehmendem Maße Luise Zietz und nicht Clara Zetkin, die die Kampagne zum Aufbau der Frauenbewegung führte, auch wenn ein Teil ihrer Werbekampagnen umstritten waren. 1904 wird Luise Zietz zusammen mit Ottilie Baader von der bürgerlich-radikalen Frauenrechtlerin Minna Cauer als die nach Clara Zetkin prominenteste Gestalt der Bewegung genannt. Es ist auch ihr zuzuschreiben, dass diese Werbekampagnen schon vor Aufhebung des Reichsvereinsgesetzes eine Zunahme der Mitgliedschaft zur Folge hatten-
Obwohl von Clara Zetkin 1910 der erste Internationale Frauentag in Deutschland initiiert wurde, wurde 1911 auf das Betreiben von Zietz hin, der Tag auf den 19. März festgelegt. Die Organisation und Verwaltung oblag ihr, sie funktionierte sie in eine Reihe von Veranstaltun- gen für das Frauenwahlrecht um. In Berlin fanden 42 Veranstaltungen statt, allein in Wedding nahmen 5000 Frauen und in Moabit weitere 5000 an einer Veranstaltung teil. 1912 war der Internationale Frauentag, trotz eines Appells von Luise Zietz in der "Gleichheit' nicht sehr erfolgreich. Sie setzte sich aber vehement für die Fortsetzung eines solchen Tages im Parteivorstand ein.
Sie publizierte keine theoretischen Arbeiten, stattdessen veröffentlichte sie zahlreiche detaillierte Studien über die Frauenarbeit in verschiedenen Erwerbszweigen sowie kurze und in einfacher Sprache gehaltene Papiere. Sie war damit zufrieden, die theoretische und politische Führung in den Händen Clara Zetkins zu wissen. Sie sympathisierte grundsätzlich mit ihren Ansichten, hatte aber Einwände gegen ihre Formulierungen. Für Zietz diente alles nur dem einen Ziel, mehr Frauen für die Partei zu gewinnen. Schon 1911 hatte sie mit einer kleinen Agitationsschrift "Die Frauen und die Reichstagswahlen" zwei Frauen ein Gespräch über die Bedeutung der Reichstagswahlen, die Steuergesetzgebung, die Haltung der Sozialdemokratie zu Religion und Familie führen lassen. 1914 fasste sie ihre Erfahrungen in einer kleinen Broschüre über die "Gewinnung und Schulung der Frau für die politische Betätigung" zusammen.
Aufgrund ihrer Einbindung in die Parteibürokratie geriet sie nun mehrfach in Konflikt mit Clara Zetkin.
Sie hatte ein ausgeprägtes Gefühl für Loyalität, das auch noch weit in den Krieg vorhielt, obwohl sie von Beginn des Krieges an mit den Auffassungen des Vorstandes in zunehmendem Maße nicht mehr übereinstimmte. In der Öffentlichkeit vertrat sie aber die Linie des Parteivorstandes, weil sie alles andere als Verstoß gegen die Parteidisziplin angesehen hätte-
Ende 1916 wurde sie offiziell in der Funktion der Frauensekretärin durch den Parteivorstand ersetzt.
1917 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der USPD, auch dort hatte sie die Verantwortung für die Frauenorganisation, bis zu ihrem Tode war sie Mitglied des Zentralkomitees.
1919/20 vertrat sie ihre Partei in der Nationalversammlung und war nach Marie Juchacz die zweite Frau, die am 19.02.1919 vor der Nationalversammlung das Wort ergriff, ab 1920 war sie Abgeordnete im Reichstag.
Luise Zietz ist am 27. Januar 1922 in Berlin verstorben.
Claudia Sucker

ASF würdigt Luise Zietz (März 2005)

Anlässlich des 140. Geburtstages von Luise Zietz, der ersten Frau in einem Parteivorstand in Deutschland, am 25. März erklärt die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Elke Ferner, MdB:
Im Kampf für Chancengleichheit von Frauen und Männern, in dem Ziel, mehr Frauen für die SPD zu gewinnen, sind die Sozialdemokratinnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts Frauen wie Luise Zietz verbunden. Die deutsche Sozialdemokratie hat in den fast eineinhalb Jahrhunderten ihres Bestehens viel erreicht. Zwölf-Stunden-Arbeitstage, erbärmliche Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne, Wohnungselend in Massenquartieren gehören der Vergangenheit an.
Damals wie heute setzen sich Frauen in der SPD für gleiche Chancen, für Geschlechtergerechtigkeit, für gleiche Chancen im Beruf, für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit  und gegen Diskriminierung ein. Dank der Quotenregelung sind Frauen heute nicht mehr, wie damals Luise Zietz, Einzelkämpferinnen in ansonsten männlich besetzten Vorständen.
In ihrem Ziel, mehr Frauen für Parteien und politisches Engagement zu gewinnen, wie sie es in einer Broschüre über die "Gewinnung und Schulung der Frau für die politische Betätigung“ beschrieb, stehen die Frauen in der SPD in der Tradition von Luise Zietz.
Vor 140 Jahren wurde in Bargteheide (Holstein) Luise Zietz geboren. Sie war Dienstmädchen, Arbeiterin in einer Tabakfabrik, lernte später Kindergärtnerin. 1892 stieß sie in Hamburg zur Sozialdemokratie, 1896 trat sie beim großen Hamburger Hafenarbeiterstreik erstmals öffentlich als Rednerin der SPD auf. Man nannte sie wegen ihrer rednerischen Begabung den "weiblichen Bebel".
Luise Zietz übernahm das Amt der Vertrauensperson der Sozialdemokratinnen. Die Frauen der Arbeiterbewegung – Sozialdemokratinnen und Gewerkschafterinnen – kämpften im damaligen undemokratischen Klassenstaat für das allgemeine und gleiche Wahlrecht für alle und die Abschaffung aller politischen Privilegien als Voraussetzung für umfassende soziale Chancengleichheit.
1908 wurde Luise Zietz als erste Frau in den SPD-Parteivorstand gewählt, nachdem das preußische Vereinsgesetz aufgehoben wurde, das Frauen die Mitarbeit in politischen Organisationen verboten hatte. Im Parteivorstand war sie für die Frauenarbeit der Partei zuständig. Sie war die erste Frau im Vorstand einer Partei in Deutschland.
Von 1912 bis 1916 war sie Frauensekretärin beim Parteivorstand der SPD. Die Hauptforderung der Sozialdemokratinnen vor dem Ersten Weltkrieg war die nach dem Frauenwahlrecht, das schließlich 1918 durch Erlass des Rates der Volksbeauftragten auf Initiative der SPD eingeführt wurde.
Ihr außergewöhnliches rednerisches und organisatorisches Talent setzte Luise Zietz dafür ein, dass der SPD-Parteivorstand im Jahr 1911 den Internationalen Frauentag auf den 19. März festlegte. 1914 nutzte die Partei den Internationalen Frauentag als Auftakt für eine „Rote Woche“ als Werbewoche für die SPD.
Obwohl sie zunehmend Probleme mit der Linie des Parteivorstandes hatte, war Luise Zietz auch nach Beginn des ersten Weltkrieges loyal und diszipliniert ihrer Partei gegenüber. Sie blieb bis Ende 1916 Frauensekretärin des Parteivorstandes. 1917 gehörte Luise Zietz zu den Begründerinnen der USPD und war bis zu ihrem Tod Mitglied des Zentralkomitees. 1919/1920 war sie Abgeordnete, in der Nationalversammlung, später im Reichstag.
Luise Zietz starb im Alter von 57 Jahren am 27. Januar 1922 in Berlin.