Winkler, Heinrich August

Geschichte: Personen L-Z

Heinrich August Winkler

Historiker des „deutschen Sonderweges“

Heinrich August Winkler, einer der führenden deutschen Historiker, feiert im Mai 2000 seine 40jährige Mitgliedschaft in der SPD. Der 1938 in Königsberg geborene Winkler, der in Münster, Heidelberg und Tübingen studierte, trat 1962, noch vor seiner Promotion, in die SPD ein. Zwar hatte er sich als Schüler für die CDU engagiert, brach jedoch mit dieser auf-grund des Wahlkampfes 1961, in dem Willy Brandt wegen seiner uneheli-chen Herkunft und wegen seiner Emigration diffamiert wurde, und wandte sich der Sozialdemokratie zu. Winkler hat seit dieser Zeit nicht nur zahlrei-che wichtige historische Werke publiziert, sondern auf dem Hintergrund seiner historischen Auffassungen vielfältig zu Fragen der Zeit Stellung ge-nommen.

Winkler promovierte 1963 bei Hans Rothfels mit der Arbeit „Preußischer Liberalismus und deutscher Nationalstaat“ – mit der er bereits zentrale Fragen seines Lebenswerkes aufgriff: die Schwäche des deutschen Libe-ralismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Unfähigkeit der deutschen Gesellschaft eine offene politische Kultur herauszubilden, die Beibehaltung traditionaler politisch-gesellschaftlicher Strukturen trotz ra-santer ökonomischer Entwicklung, kurz die Fragen des Komplexes, den man unter dem Stichwort „deutscher Sonderweg“ diskutiert hat. 1964-1970, in den unruhigen Zeiten der Studentenbewegung, war Winkler Wiss. Assistent an der Freien Universität Berlin, wo er sich mit einer Studie über die „politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weima-rer Republik“ habilitierte; damit thematisierte er einen anderen Aspekt des „deutschen Sonderwegs“ – die Anfälligkeit der deutschen Mittelschichten für Nationalismus und Antisemitismus, vor allem auch für den Nationalso-zialismus. Wie andere Historiker seiner Generation trieb Winkler die Frage um, wie es zu 1933, zur NS-Herrschaft und zum Juden-Genozid kommen konnte.

Der Historiker, der 1970 zum ordentlichen Professor an der FU berufen wurde und 1972 einen Ruf an die Universität Freiburg annahm, wandte sich in seinen Forschungen zunehmend der wichtigsten Alternative zur pathologischen Hauptlinie der deutschen Geschichte, der Geschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu. 1983-1987 veröffentlichte er das voluminöse 3-bändige Werk über die Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, das auf unabsehbare Zeit das Standardwerk zu diesem Themenfeld bleiben wird. Keine Frage, dass für Winkler die Sozialdemokratie die entscheidende demokratische Kraft der Weimarer Republik war, wobei ihn besonders die Frage interessierte, ob die SPD sich nicht noch weiter zur Volkspartei hin hätte entwickeln können. Obgleich Winkler bereits mit diesem Werk eine Interpretation der Epoche lieferte, legte er 1989 mit seinem Buch „Weimar 1918 – 1933“ ei-ne weitere sozio-politische Synthese dieser Periode vor. Im letzten Jahr erschien dann das wiederum Aufsehen erregende 2-bändige Werk „Der lange Weg nach Westen“, in dem Winkler die deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zur Gegenwart unter Perspektive des Verhält-nisses von Reich, Staat und Nation, der deutschen politisch-kulturellen Besonderheiten, der Durchsetzung einer demokratischen Ordnung in Deutschland betrachtet. Das Werk, das sich wie andere Veröffentlichun-gen Winklers dadurch auszeichnet, dass es auch für Nicht-Fachleute gut lesbar ist, gibt eine Gesamtinterpretation des „deutschen Sonderweges“, an dessen Ende für Winkler der „postklassische Nationalstaat“ des verei-nigten Deutschland, der in die westliche Welt integriert ist, steht.

Winkler, der Mitherausgeber von Willy Brandts Berliner Ausgabe hat sich über die Jahrzehnte nicht nur in den großen Fachdebatten, etwa im sog. Historikerstreit 1986/87, in dem es um die Gegenwartsbedeutung des NS und des Juden-Genozids ging, sondern auch in politischen Debatten zu Wort gemeldet. Nachdrücklich hat er sich für die Brandtsche Ostpolitik en-gagiert. Während der 80er Jahre hat er – wie die meisten Historiker – das deutsche Selbstverständnis auf der Basis der Zweistaatlichkeit weiterzu-entwickeln versucht, wobei er an einer besonderen westdeutschen Ver-antwortung für die Verhältnisse in der DDR, insbesondere für die Men-schen- und Bürgerrechte, festhielt. Nach der Umwälzung 1989/90 nahm er dann einen Ruf an die Humboldt-Universität in Berlin an. Hier hat er viel-fältig eine kritische Auseinandersetzung mit dem SED-System, nicht zu-letzt mit der SED-Geschichtsschreibung gefordert und vorangetrieben, auch in zahlreichen publizistischen Beiträgen die Sozialdemokratie vor einem naiven Umgang mit der PDS gewarnt. Nach den letzten Wahlen in Berlin hätte Winkler, den man als Intellektuellen im Umfeld des Seeheimer Kreises bezeichnen mag und für den Richard Löwenthal ein Leitbild ist, sicherlich eine Ampel-Koalition der Rot-Rot-Koalition vorgezogen, doch konnte auch er sich der Einsicht in die dilemmatische Situation der SPD in Berlin nicht entziehen. Eine wichtige Frage für ihn ist auch das Zusam-menwachsen der beiden Teilstaaten, die Bewältigung der „Erblast“ des SED-Systems auf der einen Seite und die Überwindung westdeutscher Selbstgefälligkeit auf der anderen Seite, d.h. der Abbau immer noch fort-dauernder  Entfremdung.

Auf eines kann sich seine Partei sicherlich verlassen: Wenn Winkler Ten-denzen der Verharmlosung der NS-Herrschaft und ihrer Verbrechen oder auch der Bagatellisierung der kommunistischen Herrschaft glaubt feststel-len zu können, wird er auch künftig pointierte Kritik üben. Eine auf Men-schen- und Bürgerrechten basierende, sozialstaatlich fundierte Demokra-tie, die eng mit den westlichen Nationen verbunden ist, wird für den enga-gierten Sozialdemokraten Heinrich August Winkler niemals zur Disposition stehen. Sie ist für ihn die Lehre, die die Deutschen nach einer bitteren Ge-schichte endlich erfolgreich ziehen konnten und die es auch künftig zu befolgen gilt.

Bernd Faulenbach

Zum Autor: Prof. Dr. Bernd Faulenbach ist Historiker an der Ruhr-Universität Bochum und Vorsitzender der historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand.
der Beitrag erschien in gekürzter Form in der Mai-Ausgabe des Vorwärts Berlin