Wildung, Fritz

Geschichte: Personen L-Z

Fritz Wildung

geb. 19.12.1872 in Tewel,
gest. 23.9. 1954 in Berlin-Wilmersdorf

Fritz Wildung (1872-1954) besuchte 1893 in Berlin die Abendkurse der Arbeiterbildungsschule, deren zweiter Vorsitzender er wurde. 1907 wurde er Redakteur der „Arbeiter-Turn-Zeitung", war mit Gründung der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege 1912 Geschäftsführer bis zur Auflösung, von 1920-1923 Leiter des ersten Stadtamtes für Leibesübungen in Leipzig und im Alter von fast 74 Jahren bei der Wiedergründung der SPD 1946 in Hannover noch einmal deren Sportreferent. Der Deutsche Fußball-Bund ernannte Fritz-Wildung zu seinem Ehrenmitglied. Der Deutsche Sportbund zeichnet mit der Fritz-Wildung-Plakette einen Verein oder einen Verband aus, der ein vorbildliches Modell der sozialen Hilfe im oder durch Sport aufgebaut hat.


Zum 120. Geburtstag 1992

In einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide erblickte am 19. Dezember 1872 ein Junge namens Fritz Wildung das Licht der Welt. 120 Jahre ist es her, der Geburtstag eines Mannes, der schon zu Lebzeiten bedeutende Kapitel der deutschen Sportgeschichte geschrieben hat. Wer war nun der wilde Fritz? Lassen wir ihn doch selbst sprechen. Zu seinem 25. Arbeitsjubiläum am 2. März 1928 schildert er im "Vorwärts" in launiger Weise seinen Lebensweg:

"Ich hatte schon gehofft, meine Freunde würden sich des doch wirklich nicht bedeutsamen Termins meiner 25jährigen Amtstätigkeit in der Arbeitersportbewegung nicht erinnern. Was ist denn schon daran. Tätig in der Bewegung bin ich ja ein Jahrzehnt länger. Wie ich aber zur "Turnerei" gekommen bin, das ist mir selbst bis zum heutigen Tage rätselhaft geblieben. Mein Lebensweg schien in ganz anderer Richtung laufen zu sollen. Als ich am 2. März 1983 (der 2. März scheint mein Schicksaistag zu sein) als junger Tischlergeselle nach Berlin kam, bezog ich am Schlesischen Bahnhof, in der Breslauer Straße, eine Schlafstelle, ohne zu wissen, wie ich die Miete dafür aufbringen würde. Als wertvollstes Gut hatte ich zwei Jahrgänge des "Wahren Jakob" in meinem Koffer verstaut. Als meine Wirtin diese sah, gestand sie mir, daß sie auch von der Partei, und als Reinemachefrau in der Arbeiter-Bildungsschule - ich glaube in der Markusstraße - tätig wäre. Sie riet mir, dort hinzugehen. Bald darauf wurde ich nach dem Berliner Norden verschlagen. Dort befand sich eine Filiale der Arbeiter-Bildungsschule in der Müllerstraße, gegenüber der "Schrippenkirche". Hier sollte ich meine ersten Gehversuche als zukünftiger "Arbeiterführer" machen. Ich erinnerte mich noch der ersten Diskussionsrede, zu der ich mich wohl aus dem Grunde verstiegen hatte, weil ich am selben Abend einen neuen Anzug "auf Stottern" erstanden hatte und mir darin gewaltig imponierend vorkam. Der Redeversuch schien mir mit unzweifelhafter Sicherheit zu beweisen, daß ich zum Redner völlig untauglich wäre. Vielleicht war aber daran nur die Alma B. schuld, die mich mit so großen Augen angesehen hatte, daß ich verwirrt wurde und den Faden verlor.
Aber - der Bann war gebrochen; bald redete ich wie ein Dompfaff, und nach wenigen Monaten stand ich als "Referent" vor der Klasse. Das Thema lautete: "Die Sachsengänger". Daher rührt noch heute meine Vorliebe für Volkswirtschaft, An der Wahl des Themas war aber nicht, sondern mein Lehrer schuld. Mein Lieblingsgebiet war dagegen die Literatur. Mein zweiter Vortrag behandelte denn auch die junge italienische Dichterin Ada Regri, deren erster Gedichtband unter dem Titel "Schicksal" in einer prächtigen Übersetzung von Hedwig Jahn 1894 erschienen war. Im Geheimen machte ich selbst Verse.
Im Jahre 1896 schied ich aus der Arbeiter-Bildungsschule etwas verärgert und nach meiner Meinung verkannt aus und legte mich für kurze Zeit auf die Bärenhaut, bis mich im Sommer 1897 ein Kollege überredete, eine Turnstunde der 2. Männerabteilung des Turnvereins "Fichte" in der Skalitzer Straße zu besuchen. Dieser Schritt sollte meinen späteren Lebensgang entscheidend mitbestimmen. Politisch einigermaßen vorgebildet, rednerisch und schriftstellerisch nicht ganz ohne Begabung und Übung, rückte ich bald zum Abteilungsvorsitzenden und Vereinsschriftwart auf. Technisch scheiterte ich an der turnerischen Majorsecke und blieb in der "1. Riege des zweiten Zuges" mit Auszeichnung stecken. Fortan war mir die Laufbahn des geschäftlichen Funktionärs vorgezeichnet, ich brachte es nach und nach bis zum Schriftleiter des Mitteilungsblattes, bis mich am 2. März 1907 (Schicksalstag) der Bundesvorstand als Aushilfskraft für seine Expedition nach Leipzig berief. Auf dem nächsten Bundestag in Stuttgart mußte ich ein Referat über die grundsätzliche Einstellung des Bundes halten, worauf ich zum Schriftleiter der Bundespresse gewählt wurde. Der Sprung in die Bonzenlaufbahn war geglückt. Es gab schon damals Leute, die meinten, damit sei auch für den glücklichen Starter die soziale Frage gelöst. Ich habe leider die gegenteilige Erfahrung machen müssen; bei mir fing sie von da ab erst richtig an, ein ungelöstes Problem zu sein.
Im Jahre 1910 wählte man mich in das Leipziger Stadtverordnetenkollegium, wo meine Jungfernrede einem literarischen Thema galt (die Katze läßt eben das Mausen nicht). Später brachte ich es noch zum Stadtrat , und wer weiß, was alles noch aus mir geworden wäre, wenn mich das Inflationsjahr 1923 nicht wieder nach Berlin verschlagen hätte. So habe ich es leider zu nichts mehr gebracht. Inzwischen hatte ich meine Schrittleitertätigkeit mit der Leitung der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege vertauscht."

Außer dem Reden und dem Lehren war Fritz Wildung auch exzellent im Schreiben. Bereits im Verein "Fichte" redigierte er die Vereinszeitung, übernahm später die Leitung der Redaktion, mit dem Erfolg, daß ihn der Arbeiter-Turner-Bund auf seinem Bundestag in Stuttgart im gleichen Jahr zum Redakteur der Bundeszeitschriften wählte. Unter seiner Regie konnte er dann von Leipzig aus "Die freie Turnerin", die reich illustrierte "Moderne Körperkultur", "Jugend und Sport" und die Kinderzeitschrift "Jungturnen" entwickeln und ausbauen.
Nach 1945 - der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) und damit auch die Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege waren von den Nazis 1933 verboten worden - stand Fritz Wildung als einer der Ersten als Sozialdemokrat und Sportler den Neuaufbauern mit Rat und Tat zur Seite. Als ehrenamtlicher Sportsekretär beim Parteivorstand hat er maßgeblich dazu beigetragen - wie es die Berliner Stimme am 20. September 1952 zu seinem 80. Geburtstag feststellte - daß die Entwicklung der neuen deutschen Sportbewegung zu einem großen Ganzen verlief und keine Schranken politischer oder religiöser Art dazwischen standen.
Diese Haltung ist im deutschen Sport uneingeschränkt anerkannt worden, der Deutsche Fußballbund trug ihm die Ehrenmitgliedschaft an, im Nationalen Olympischen Komitee war er persönliches Präsidiumsmitglied.
Seinen Lebensabend verbrachte Fritz Wildung in Berlin-Wilmersdorf. Dort starb er am 23. September 1954. Eine Straße inmitten der Sportstätten zwischen S-Bahn und Forckenbeckstraße erinnert an ihn.
Konrad Beck