Stern, Carola

Geschichte: Personen L-Z

Carola Stern

unter dem Namen Erika Assmus am  14.11.1925 auf Usedom geboren
gestorben am 19.01.2006 (Berlin)

Sie war Jungmädel-Gruppenführerin im BdM im Dritten Reich und  machte 1944 ihr Abitur. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie Mitglied in der FDJ, trat  später der SED bei. Dort erhielt sie eine Dozentur in der Parteihochschule der SED in der Hakeburg in Kleinmachnow am südwestlichen Stadtrand von Berlin. Vom amerikanischen Geheimdienst  CIC wurde sie als Agentin angeworben. Doch Carola Stern wurde von ihrer Freundin verraten, sodass sie am 21. Juni 1951 nach der Parteikontrollkommission der Parteihochschule West-Berlin flüchten musste.
Bis 1959 studierte sie an der damaligen Deutschen Hochschule für Politik und der Freien Universität Berlin Politik und erlebte während dieser Zeit zwei Entführungsversuche durch Agenten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zu ihrem eigenen Schutz unterschrieb die in West-Berlin publizierende Autorin anfangs mit drei Sternen, später mit dem Pseudonym Carola Stern. Sie verfasste während dieser Zeit zahlreiche Schriften über die DDR, die SED und ihre Repräsentanten. Von 1960 bis 1970 konzentrierte sich die Autorin auf die Themen Menschenrechte, Frauen- und Innenpolitik und arbeitete als Expertin für DDR-Interna. Im November 1972 trat sie in die SPD ein.
Sie war Mitbegründerin und  Vorsitzende von Amnesty International in Deutschland. Zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass gab sie die Literaturzeitschrift L ´76 - 1980 in L ´80 umbenannt - heraus. Mit Erhard Eppler und Johannes Rau gründete sie die Gustav-Heinenmann-Initiative. Sie war mit dem WDR-Journalisten Heinz Zöger bis zu dessen Tod verheiratet. Im Jahr 2000 unterzeichnete sie zusammen mit Hartmut von Hentig und Günter Grass einen Aufruf, die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nicht weiter zu verschleppen.
Nach der Wende war sie mit ihrem Mann wieder von Köln nach Berlin gezogen, wie war Mitglied in der SPD Steglitz-Zehlendorf (Abteilung 12/1 Steglitz Zentrum). Carola Stern starb nach kurzer, schwerer Krankheit am 19. Januar 2006 in Berlin.

 
Matthias Platzeck würdigt Carola Stern

Berlin, 20. Januar 2006 - Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, würdigt die verstorbene Schriftstellerin und Journalistin Carola Stern:

Die deutsche Sozialdemokratie trauert um Carola Stern, die heute im Alter von 80 Jahren verstarb. Wir verlieren mit der Schriftstellerin und Journalistin Carola Stern eine der wichtigsten publizistischen Wegbegleiterinnen der Sozialdemokratie der letzten Jahrzehnte.

Ihre zahllosen Veröffentlichungen, seien es ihre Bücher, die zu Standardwerken bundesdeutscher Nachkriegskultur geworden sind, seien es ihre engagierten journalistischen Kommentare und Berichte, haben Maßstäbe gesetzt für die Verteidigung der Demokratie, für Versöhnung, Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit und Mitmenschlichkeit.

Nach ihren frühen Erfahrungen mit dem Kommunismus, von denen sie uns schonungslos berichtete, engagierte sie sich nach ihrer Übersiedlung in den Westen mit Schriftstellern und Intellektuellen für Willy Brandt, setzte sich besonders für dessen Ostpolitik sowie später für Frauen-, Friedens- und Menschenrechtsfragen ein. Wir erfuhren von Carola Stern auch in schwierigen Situationen unserer Parteigeschichte immer wieder öffentliche Unterstützung.

Aus ihrem vielfältigen Lebenswerk will ich nur hervorheben, dass es ohne Carola Stern die Gustav-Heinemann-Initiative nicht gäbe. Sie war Mitherausgeberin von L‘76/L‘80, einer Zeitschrift, die 1976 bis 1988 mit osteuropäischen und ostdeutschen Intellektuellen Fragen von Demokratie, Menschenrechten und Frieden erörtert hat. Danach wurde sie Mitherausgeberin der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte. Auch an der Arbeit am Berliner Grundsatzprogramm der SPD wirkte sie mit.

Ihr kritischer Geist und ihre wachsame Aufmerksamkeit, auch gegenüber ihrer Partei, werden uns sehr fehlen. Ihr Andenken werden wir in Ehren halten.

 
Klaus Wowereit zum Tod von Carola Stern

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat mit Betroffenheit die Nachricht vom Tode der Journalistin und Autorin Carola Stern zur Kenntnis genommen.

Wowereit wörtlich: “Wir trauern um eine große Publizistin und einflussreiche Persönlichkeit, deren Biografie ein Stück deutscher Geschichte spiegelt. In Carola Sterns bewegtem Leben kam auch Berlin immer wieder vor. Nach ihrer Flucht aus der DDR hat sie an der Freien Universität Berlin studiert, schrieb hier ihre ersten Bücher über das SED-Regime und wählte sich hier den Namen, unter dem wir sie alle kennen, als Pseudonym. Durch ihre Lebenserfahrung geprägt war sie eine beeindruckende Demokratin, die immer für die Grundwerte unserer freiheitlichen Gesellschaft gekämpft hat. Ihre Stimme war bedeutend, wenn es darum ging, Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zu verteidigen und aufzubauen. Diese Stimme ist verstummt, ihre Bücher und ihre Texte bleiben.”

Carola Stern ist Trägerin der Louise-Schroeder-Medaille des Landes Berlin. Mehr zu dieser Ehrung auf Berlin.de unter der Adresse www.berlin.de/rbmskzl/ehrungen/index.html#louiseschroeder.


Recherche: Onur Özturan