Sonnemann, Grete

Geschichte: Personen L-Z

Grete Sonnemann

Grabstein Grete Sonnemann

Grabstein Grete Sonnemann. Foto: Gilbert Collé

 

Grete Sonnemann, geb. Fräntzel
geb. 12.11.1903 Berlin 
gest. 22.02.1990 Berlin 
Kommunalpolitikerin, Opfer des NS-Regimes,  Berliner Stadtälteste

 

Sie wirkte lange Jahre im Arbeitskreis Neue Erziehung, der in  den sechziger Jahren mit seinen Elternbriefen wichtige Informationsaufgaben übernahm. In den fünfziger Jahren war Grete Sonnemann Reinickendorfer Bezirksverordnete, 1958 wurde sie ins Abgeordnetenhaus gewählt. 

 

 

Lebenslauf

Grete Fräntzel wurde am 12.11.1903 als 5. von neun Kindern des Schuhmachers Friedrich Fräntzel und des früheren Dienstmädchens Maria Neugebauer am Leopoldplatz im Wedding geboren.
Ihr Vater trat 1886 in Breslau in die SPD ein, nachdem er als "Roter" keine Arbeit mehr fand, zog die Familie vorübergehend in einen Ort in Pommern und anschließend nach Berlin, hier richtete er sich im Wedding eine Schuhmacherwerkstatt ein und beschäftigte zeitweilig einige Gesellen.
Als Schulmädel steckte Grete für ihren Vater Flugblätter und Einladungen der SPD in die Türschlitze und Briefkästen der Wohnungen im Arbeiterbezirk Wedding. Ihre älteren Geschwister halfen mit, die freie Jugendbewegung aufzubauen. Ihre Schwester war Mitbegründerin der Lebens- und Gemeinschaftsschule im Bezirk Wedding. Alle politischen Richtungen der Arbeiterbewegung waren in dieser Familie vertreten.
Nachdem Grete die Volksschule absolviert hatte, ging sie auf eine Handelsschule, wo sie eine kaufmännische Ausbildung mit Erfolg absolvierte. Es war für sie selbstverständlich sich politisch zu organisieren.
1919 wurde sie zunächst Mitglied der Kommunistischen Jugend, nach kurzer Mitgliedschaft trat sie zur Sozialistischen Proletarischen Jugend über und machte 1922 die Vereinigung zur Sozialistischen Arbeiterjugend mit. Hier war sie in einer Jugendgruppe mit im Vorstand, in der Mädchenarbeit als Gruppenleiterin und anschließend bei den Jungsozialisten tätig.
1923 wurde sie Mitglied der SPD.
1926 - 1933 war sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Richard Sonnemann aktive Sportlerin im Arbeitersport (Handball und Leichtathletik), 1928 heirateten sie. Die ersten Jahre lebten sie noch im Wedding, dann zogen sie nach Reinickendorf in die Siedlung "Freie Scholle".
Im Januar/Februar 1933 war sie Entlastungszeugin in einem Prozeß der SA gegen den damaligen Schriftleiter der Zeitung der Sozialistischen Arbeiterjugend.
1933 Geburt des ersten Sohnes Klaus, 1939 Geburt des zweiten Sohnes Axel. Im gleichen Jahr wurde ihr ältester Bruder zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt und in ein Zuchthaus bei Brandenburg/Havel gebracht, dort besuchte sie ihn einige Male.
In den Jahren 1943-1946 mußte die gesamte Familie wegen der Verlagerung des Betriebes, in dem ihr Mann arbeitete, Berlin verlassen, 1946 erfolgte dann die Rückkehr in das zerbombte Berlin.
Grete Sonnemann arbeite sofort wieder aktiv in der Abteilung "Freie Scholle" mit, Schwerpunkt war zunächst die Frauenarbeit. Am 14. Oktober 1946 wurde der Arbeitskreis Neue Erziehung gegründet, sie war eines der Gründungsmitglieder.
Am 1. März 1947 wurde sie als Frauensekretärin des Kreissekretariats der SPD Reinickendorf eingestellt, eine Aufgabe war der Aufbau der politischen Arbeit der Frauen in der SPD und der Arbeiterwohlfahrt. In diesem Zusammenhang führte sie Vorarbeiten für die Einführung eines Frauenforums in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule im Bezirk Reinickendorf und den Frauengruppen der politischen Parteien, des Staatsbürgerinnenverbandes, des Clubs berufstätiger Frauen, der evangelischen und katholischen Kirche durch.
1948 begann ihre Mitarbeit als Elternvertreterin, die Kontaktaufnahme zu anderen Eltern und Werbung für die Aufgabe des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V. (ANE) wurde ein Schwerpunkt.
Ab 1951 übernahm sie die Leitung der Geschäftsstelle des ANE im Haus der Jugend "Fuchsbau". Mitarbeit im Redaktionsbeirat des "Elternblattes" und Berufung in den Erziehungsbeirat beim Senator für Volksbildung als Vertreterin des ANE.
1952 kam eine weitere Aufgabe hinzu. Grete Sonnemann wurde Bezirksverordnete in Reinickendorf, sie war tätig in den Ausschüssen für Jugend und Sport, Volksbildung, Haushalt und Bau, sie war Mitglied im Fraktionsvorstand.
1958 wird sie Abgeordnete des Bezirks Reinickendorf, Mitarbeit in den Ausschüssen für Jugend und Sport, Volksbildung, Schulwesen, Kunst und Wissenschaft. Berufung in das Kuratorium des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, der Fachhochschule für Optik und Fototechnik und der Meisterschule für das Kunsthandwerk.
1960 werden durch den ANE die Peter-Pelikan-Briefaktion eingeführt, durch die Finanzierung des Senators für Familie, Jugend und Sport erhielten Eltern, die ihr erstes Kind bekommen, diese Briefe kostenlos zugesandt.
1967 scheidet sie aus dem Abgeordnetenhaus aus, die ständig wachsende Arbeit im ANE hielt sie von einer erneuten Kandidatur ab. Nach einem Herzinfarkt gibt sie auch ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin im Juni 1970 auf. Sie ist aber weiterhin noch ehrenamtlich tätig im Vorstand des ANE, im Erziehungsbeirat beim Senator für Schulwesen und im Kuratorium des Pestalozzi-Fröbel-Hauses.
1973 wird sie gemeinsam mit ihrem Mann für 50jährige Mitgliedschaft in der SPD geehrt.
Zu ihrem 70. Geburtstag wird ihr der Ehrentitel "Stadtälteste von Berlin" verliehen.
1975 erfolgt die Verleihung der Ernst-Reuter-Plakette durch den Senator für Arbeit und Soziales Olaf Sund: "Mit dieser Plakette wird eine Frau ausgezeichnet, die im Sinne Ernst Reuters für die Entwicklung und das Ansehen dieser Stadt und für die Interessen der in ihr lebenden Menschen eingetreten ist."
Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb sie am 22.02.1990 im 87. Lebensjahr.

 

Ehrung für Grete Sonnemann

Im Jahr 2000 trat die ehemalige Rektorin der Gottfried-Röhl-Grundschule (Ungarnstraße) an die SPD-Fraktion heran, ob es nicht möglich wäre, eine Straße nach Grete Sonnemann zu benennen. Die SPD-Fraktion nahm im Dezember 2000 diesen Vorschlag auf und stellte in der BVV folgenden Antrag: Das Bezirksamt wird ersucht zu prüfen, ob eine Umbenennung der Walderseestraße in Grete-Sonnemann-Straße möglich ist....Begründung: Die Walderseestraße ist benannt nach Alfred Graf von Waldersee, preußischer Generalfeldmarschall, Führer der europäischen Truppen im chinesischen Boxeraufstand 1900/1901. Die Umbenennung der Walderseestraße ... könnte ein besonderes Zeichen für Demokratie und Toleranz setzen. ...
Das Ziel war einen gleichlautenden Antrag durch die SPD-Fraktion in Reinickendorf zu initiieren. Dieses Ziel konnte durch mangelndes Interesse von Reinickendorfer Seite leider nicht umgesetzt werden. In der BVV Wedding kam es bei Einbringung des Antrages zu unschönen und sehr polemischen Äußerungen von Seiten der jüngeren CDU-Bezirksverordneten. Zum einen wurde angezweifelt, ob Grete Sonnemann so eine Ehrung überhaupt verdiene, schließlich kenne man den Namen nicht. Zum anderen wurde es als Frechheit bezeichnet, daß ohne sich davon überzeugt zu haben, ob Graf Waldersee wirklich für diese Dinge in China verantwortlich war, so sein Name aus dem Stadtbild verschwinden soll. Vielleicht hätte man vor dem Wortbeitrag einen etwas älteren aus der CDU fragen sollen, der hätte zwar sicherlich nicht solche Worte wie Jürgen Wohlrabe in seiner Funktion als Parlamentspräsident anläßlich ihres Todes gefunden: "Mit ihr verliert Berlin eine Persönlichkeit, die nach 1945 maßgeblich am Wiederaufbau der Jugendbetreuung und des Erziehungswesens beteiligt war", aber er hätte ein wenig Nachhilfe geben können.
Im März 2001 kam die SPD-Fraktion mit der Einbringung eines neuen Antrages einer Ablehnung des alten Antrages durch das Bezirksamt zuvor. Da eine Straßenumbenennung in dieser Form an viele Vorgaben gebunden ist und es massive Proteste aus Reinickendorf gab, wurde folgender Vorschlag eingebracht. Die BVV wolle beschließen: Der BVV-Saal einschließlich Foyer im Rathaus Wedding wird nach Grete Sonnemann benannt. Der BVV-Saal im Rathaus Tiergarten wird nach Charlotte Rieken benannt. Dieser Antrag wurde im Mai 2001 in den Ältestenrat und die Gedenktafelkommission überwiesen zur weiteren Beratung. 

 

 

Text: Claudia Sucker