Seeger, Max

Geschichte: Personen L-Z

Max Seeger

Im Herbst 1922 kam Max Seeger zur SPD, „in die 47. Abteilung damals“ mit vielleicht zweihundert Mitgliedern. „Da war die Abteilung nur wenige Straßenzüge groß.“ Sechzig Jahre späte wird der fünf- bis sechsfache Bereich von einer Abteilung mit ebensoviel Mitgliedern betreut. So ändern sich die Zeiten.
In der Forster Straße in Kreuzberg, dem alten SO 36, ist Max Seeger groß geworden. Dem Kiez ist er treu geblieben. Bis auf kurze Zeit im Krieg hat er immer dort gelebt, im Umkreis weniger Straßen. Die ganze Familie war sozialdemokratisch organisiert. „Bei Wahlen haben wir Transparente aus dem Fenster gehängt: Wählt Liste 1, Sozialdemokraten.“ Nazis, aber auch Kommunisten seien dann gekommen, hätten die Transparente zerstört. „Zu acht“, erinnerte er sich, „stand unsere Familie dann vor dem Wahllokal, Mutter, Brüder und Schwestern, alle mit Plakaten. Dann kamen die Polizisten, die sagten: Verschwindet bloß, wir können euch nicht schützen, wenn die Nazis kommen.“
Arbeit hatte er immer, als Tischler. „Ich habe auch alles genommen.“ Er musste die Familie ernähren. Und deshalb konnte er auch erst 1938 heiraten, nach zehnjähriger Verlobungszeit.
Dann blieb ihnen auch nicht mehr viel Zeit, ein Jahr später wurde er eingezogen, 1940 kam er zu den Fliegern, zum Bodenpersonal. Er hatte Glück, überstand die Jahre einigermaßen unversehrt. Wenige Tage vor dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes hätte es dann beinahe doch noch Ärger gegeben. Da war er wieder in Berlin, schlug sich zum Alex durch, während ringsum schon die russische Artillerie feuerte, und entdeckte in den Häusern nur noch die zur Verteidigung eingesetzten Hitler-Jungen. „Jungs, habe ich denen gesagt, seid ihr verrückt? Macht doch bloß, dass ihr nach Hause kommt. Da kamen die Ober-Nazis und hätte mich beinahe verhaftet.“
Nach dem Krieg ging er sofort wieder in die SPD, wurde Abteilungsvorsitzender und blieb das zwanzig Jahre lang. Und auch Bezirksverordneter blieb er neunzehn Jahre. Unbezahlten Urlaub musste er sich für jede Sitzung geben lassen, das war es ihm wert. „Am 1. Mai haben wir dann von unserer Abteilung aus immer einen Ausflug ins Grüne gemacht. Von den 400 Mitgliedern kamen im Schnitt 250 mit.“ Man kannte sich damals gut, das war mindestens so wichtig wie die politische Diskussion. „Dann sind immer mehr aus Kreuzberg rausgezogen, viele verstorben und in Heime gegangen.“ Ins Sanierungsgebiet am Kottbusser Tor zogen Studenten, Ende der siebziger Jahre wurde die 7. Abteilung mit der 6. zusammengelegt, zur 6./7. Abteilung. Max und Elisabeth Seeger zogen sich langsam zurück, ihre Enkelkinder brauchten sie schließlich auch noch, sagte Max Seeger.

Ulrich Horb