Schwierzina, Tino

Geschichte: Personen L-Z

Tino Schwierzina

geboren 30. Mai 1927 in Königshütte (heute Kralowska Huta) als Sohn eines Arztes
gestorben am 29. Dezember 2003 in Berlin

1933 Schulbesuch in Magdeburg
1943 Luftwaffenhelfer
1945-1948 amerikanische Kriegsgefangenschaft
1948 Abitur, Jurastudium an der Humboldt-Universität Berlin, Abschluss als Wirtschaftsjurist
von 1952 bis 1968 als Justitiar in verschiedenen staatlichen Kontoren des Fisch- und Getränkehandels sowie im VEB Bärensiegel und in der Weingroßkellerei angestellt, anschließend auf Grund gesundheitlicher Probleme in Teilrente
Oktober 1989 Eintritt in die neugegründete SDP
Februar 1990 Schatzmeister des Bezirksverbandes Berlin der SDP
vom 30. 05. 1990 bis 11. 01. 1991  Oberbürgermeister von Ost-Berlin, von der Stadtverordnetenversammlung mit 74 Ja-Stimmen, bei 42 Nein und 18 Enthaltungen gewählt, Bildung einer Großen Koalition, enge Zusammenarbeit mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper ("Magisenat")
Nach der Wiederherstellung der Einheit der Stadt bis Oktober 1995 Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und Vorsitzender des Petitionsausschusses
seit 8.3. 1996 Stadtältester von Berlin, im September 2001 von Bundespräsident Johannes Rau mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet

 

12.1.2004: Gedenkrede des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit bei der Trauerfeier für Tino Schwierzina

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat heute auf der Trauerfeier für den Berliner Politiker Tino-Antoni Schwierzina in der St. Josef Kirche in Berlin-Weißensee laut Manuskript folgende Rede gehalten:

"Dem Ruf der Geschichte kann man sich nur schwer entziehen. Im Herbst 1989 war der Ruf der Geschichte deutlich zu vernehmen. Und es gab Männer und Frauen, die ihm beherzt folgten. Männer und Frauen, denen vorher nicht im Traum eingefallen wäre, welche Rolle ihnen die Geschichte einmal zuweisen würde.

Diese Menschen konnten sich für ihre Aufgabe nicht vorbereiten. Aber sie verfügten über verborgene Talente; Fähigkeiten, die in dem Moment, da die DDR wegbrach und mit ihr alte Gewissheiten und Lebensplanungen, ans Tageslicht kamen und hell erstrahlten.

Diese Männer und Frauen haben ihre Überzeugungen gelebt. Sie verfügten über Mut, über Engagement und vor allem über Zuversicht. Sie haben sich einer für sie neuen Verantwortung gestellt. Sie sind an ihrer Aufgabe gewachsen und haben Großes bewirkt.

Zu ihnen gehört Tino Schwierzina, der erste und einzige frei gewählte Oberbürgermeister von Ost-Berlin.

Tino Schwierzina schien eine Karriere in den staatlichen Handelsorganisationen der DDR beschert. Er war Jurist, ein kompetenter und fleißiger Fachmann, der sich durch Leistung und nicht durch eine Parteimitgliedschaft hervortat.

Aber im Herbst 1989, als in atemberaubendem Tempo Altes wegbrach und Neues entstand, hat er die Chancen der neuen Zeit gesehen.
Und Tino Schwierzina hat diese Chancen mit Macht beim Schopfe ergriffen.
Er hat den Ruf der Geschichte vernommen.
Er wusste, dass die Zeit gekommen war, da man nicht abseits stehen darf, sondern für seine Überzeugungen öffentlich eintreten muss.

Und dieselbe innere Klarheit und Selbstverständlichkeit, die ihn zu DDR-Zeiten von einer Parteinahme abhielt, bestärkte ihn 1989 in seinem Eintreten für sozialdemokratische Politik. Tino Schwierzina war Gründungsmitglied der Ost-Berliner SPD.

Mit Tino Schwierzina als Spitzenkandidat wurde die SPD bei den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR (am 6. Mai 1990) stärkste Partei im Ostteil der Stadt. Und Tino Schwierzina wurde Oberbürgermeister des Ost-Berliner Magistrats.

In der Rückschau auf jene bewegte Zeit fragen wir uns: Was waren seine verborgenen Talente, von denen ich eben sprach? Was hat den Wirtschaftsjuristen, der in der Staatlichen Getränkeindustrie und in der Fischwirtschaft zuhause war und sich in den drängenden Versorgungsfragen bestens auskannte – was hat diesen Fachmann eines untergehenden Wirtschaftssystems für sein Amt als Oberbürgermeister prädestiniert? Vieles!
Was hat der Mensch Tino Schwierzina für dieses Amt mitgebracht? Alles!

Als erprobter DDR-Bürger und erfahrener Wirtschaftsmanager wusste er um die Bedeutung der kleinen Dinge. Ihm war klar, dass es darauf ankam, eine stabile Versorgungslage im Ostteil der Stadt herzustellen.

Und dem Menschen Tino Schwierzina - ich schließe hier ausdrücklich den politischen Menschen ein - dem Menschen Tino Schwierzina lagen in dieser historischen Stunde politische Glaubensbekenntnisse fern. Er war ein Mann des Pragmatismus und des Ausgleichs. Seine Menschlichkeit war das Gebot der Stunde. Es kam darauf an, die große Einigkeit in der Bevölkerung und unter den Parteien, die auch die ostdeutschen Wahlkämpfe überstanden hatte, zu erhalten.

Bei aller Konsequenz mit den ehemaligen Machthabern: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Magistratskanzlei – und etliche von ihnen arbeiten noch heute in meinem Haus – erinnern sich dankbar an die Fairness und Redlichkeit, mit der sie behandelt und in die neuen Verhältnisse integriert wurden.

Denn er verfolgte das gemeinsame Ziel aller Berlinerinnen und Berliner mit großer Konsequenz: Die Wiedervereinigung beider Stadthälften. Aber ihm war auch wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger Ost-Berlins mit erhobenem Haupt, als gleichberechtigte Partner den Weg in die Einheit gingen.

Und auch das hat den Menschen und Politiker Tino Schwierzina ausgezeichnet: Ihm ging jede Eitelkeit ab. Er wusste stets um die zeitliche Befristung seines Amtes. Er hat dies nicht nur klaglos hingenommen, sondern mit großer Energie, viel Phantasie und der ihm eigenen, leisen Beharrlichkeit auf die Abschaffung seines Amtes hingearbeitet.

Es gibt eine schöne Anekdote über Tino Schwierzina, die zeigt, welche Kraft er dem Begriff ‚Bürgernähe‘ abzugewinnen vermochte: Als ihm der Wachdienst des Roten Rathauses einmal den Zugang zu seinem Amtssitz verwehrte, weil er seinen Dienstausweis vergessen hatte, da beschloss Tino Schwierzina spontan, einen Tag der Offenen Tür im Roten Rathaus einzuführen. Der Erfolg war überwältigend, Zehntausende Menschen drängten sich an diesem Tag auf den Gängen des Rathauses. Diese Anekdote belegt nicht nur, wie gewitzt sich Tino Schwierzina für eine demokratische politische Kultur eingesetzt hat. Sie zeigt auch, wie unnachahmlich sich bei ihm der Sinn fürs Praktische mit einem ausgeprägten politischen Instinkt verband.

Er wusste mit dem (West-) Berliner Senat und Walter Momper an der Spitze einen starken Verbündeten an seiner Seite. Es war die Zeit des ‚Magi-Senats‘. Ohne die vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit dieser beiden Männer hätte die Wiedervereinigung Berlins nicht so reibungslos gelingen können.

Wir alle hier kennen das riesige Arbeitspensum, das damals zu bewältigen war. Wir alle wissen, so was schafft man nicht allein. Hinter Tino Schwierzina stand seine Familie, allen voran seine Frau. Ohne dich, liebe Brigitte Schwierzina, hätte dein Mann nicht das für Berlin leisten können, was er geleistet hat. Wir alle wissen, Tino Schwierzina war schwer herzkrank. Er war es schon lange, bevor er in die Politik eintrat. Dir, liebe Brigitte, möchte ich danken, dass du als Ärztin über seine Gesundheit gewacht hast. Aber auch dafür, dass du ihn, obwohl um seinen Gesundheitszustand wissend, immer auf seinem Weg unterstützt hast.

Im Juni 1990 erklärte Tino Schwierzina: ‚Wir bereiten unsere Stadt auf die Zukunft vor, die Berlin als eine blühende Metropole im Zentrum Europas und als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sehen wird.‘

Das ist bis heute eine große Vision. Mit ihrer Verwirklichung sind wir ein großes Stück vorangekommen. Berlin ist zur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands und zu einer blühenden Metropole im Zentrum Europas geworden, die viele Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Tino Schwierzina hat für diese Vision gelebt und gearbeitet. Erst als Oberbürgermeister Ost-Berlins, später als Vize-Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und als Vorsitzender des Petitionsausschusses. Und er hat auch als Stadtältester sein Bestes gegeben.

Sein Optimismus und seine Lebensfreude hätten noch für viele Jahre gereicht. Sein Körper, den er nie schonte, versagte ihm die Gefolgschaft.

Wir bedanken uns bei Tino-Antoni Schwierzina.
Wir verneigen uns vor diesem großen Berliner.

30.12.2003: Nachruf von Klaus Wowereit

„Die Nachricht vom Tode Tino Schwierzinas hat mich auch persönlich tief betroffen", sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. "Er war ein großartiger Mensch, ein Politiker mit Herz und Verstand. Als Bürgermeister hat er sich in der schwierigen Zeit des Übergangs nach dem Fall der Mauer rasch die Zuneigung und das Vertrauen aller Berlinerinnen und Berliner erworben. Berlin trauert um Tino Schwierzina.”

Schwierzina, sagte Wowereit weiter, habe in der Geschichte Berlins eine wichtige Rolle gespielt. Der erste und einzige frei gewählte und zugleich letzte Oberbürgermeister des Ostteils Berlins habe in der Zusammenarbeit mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper im „Magi-Senat” die Grundlagen für die Zusammenführung der beiden Stadthälften und ihrer Verwaltungen gelegt, aber auch gleichzeitig viele in der damaligen Übergangssituation akute Probleme erfolgreich gelöst.

Wowereit: „Tino Schwierzina ist in dieser Zeit Walter Mompers ‚Zwillingsbruder’ in der Funktion des Stadtoberhaupts gewesen. In seiner einzigartigen Rolle als Doppel-Bürgermeister im damaligen ‚Magi-Senat’ hat Schwierzina unter Beweis gestellt, wie Ost und West gleichberechtigt zusammengeführt werden können. Und das ist keineswegs nur eine symbolische Angelegenheit gewesen. Schwierzina und sein Partner haben damals bei vielen gemeinsamen Auftritten dafür geworben, dass Berlin Sitz des Bundestags und der Bundesregierung wird.”

Ferner wies Wowereit darauf hin, dass Schwierzina zu den Mitbegründern der SPD in der DDR und insbesondere im Ostteil der Stadt gehört habe. Der Regierende Bürgermeister: “Er konnte nicht darauf warten, bis andere es taten. Das hat seine Frau Brigitte über Tino Schwierzinas Motivation für sein politisches Engagement gesagt. Das ist ein gutes Motto. Menschen, die einfach zupacken, ohne erst groß Forderungen an andere zu stellen, bringen unsere Gesellschaft weiter. Tino Schwierzina hat uns und unsere Stadt weitergebracht. Auch in diesem Sinne bleibt er über seinen Tod hinaus ein Vorbild.”

Informationen zu Schwierzinas Werdegang finden Sie in einer Kurzbiografie der Senatskanzlei im Internet: http://www.berlin.de/RBmSKzl/Buergermeister/tino_schwierzina.html.

 

30.12.2003: Nachruf von Peter Strieder

Die Berliner SPD trauert um den ersten frei gewählten Oberbürgermeister Ost-Berlins Tino Antoni Schwierzina , der am Montag, dem 29. Dezember 2003 im Alter von 76 Jahren in einem Berliner Krankenhaus einem Herzinfarkt erlag.  "Mit tiefer Trauer hat die Berliner SPD vom Tode Tino Antoni Schwierzinas erfahren", so der Berliner SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder. "Tino Schwierzina hat einen bleibenden Platz in der Geschichte der Stadt und der Berliner SPD. Er war mit Walter Momper der Baumeister des wiedervereinigten Berlins. Der Veränderungsprozess, dessen Schwierigkeiten und Gefährdungen heute häufig in Vergessenheit geraten sind, hat Tino Schwierzina mit seiner menschlichen Ausstrahlung und vertrauensvollen Art zum Erfolg verholfen. Seine Verdienste um Berlin reichen weit über seine aktive Zeit in der Berliner Politik hinaus. Er gehörte in der ehemaligen DDR zu den Sozialdemokraten der ersten Stunde, ohne die ein wiedervereinigtes Deutschland nicht gelungen wäre. Die Berliner SPD trauert um einen verdienten Sozialdemokraten."


Nachruf von Walter Momper: "Schwierzina war der Pragmatiker der Wiedervereinigung"
(veröffentlicht in: Berliner Morgenpost vom 31.12.2003)

Mit dem am Montag verstorbenen Tino-Antoni Schwierzina haben wir einen Mann verloren, dessen Name mit der Wiedervereinigung unserer Stadt für immer verbunden bleibt. Es war eine große Leistung, dass er 1990 seinen Beruf als Wirtschaftsjurist aufgab und sich ohne politische Erfahrung - woher sollte er sie damals auch nehmen? - mit viel Mut und Gelassenheit in die Politik stürzte.

Das Wesentliche an ihm war, dass er sich in den sieben Monaten und 13 Tagen, die er zwischen Mai 1990 und Januar 1991 Oberbürgermeister von Ost-Berlin war, nie Illusionen über die Dauer seiner Amtszeit gemacht hat. Schwierzina war sich von vornherein über seinen Wählerauftrag im Klaren: dass er nämlich die beiden jahrzehntelang getrennten Teile Berlins zusammenzuführen und aus der Stadt wieder ein Gemeinwesen zu machen hatte.

Seine große Stärke war dabei, dass er ganz pragmatisch vorging. Deshalb war die Zusammenarbeit zwischen ihm, dem ersten und einzigen frei gewählten Oberbürgermeister von Ost-Berlin, und mir, dem damaligen Regierenden Bürgermeister, auch immer sehr gut. Nur durch diese Gemeinsamkeit war es uns seinerzeit in einer Ausnahmesituation möglich, innerhalb kürzester Frist für die Menschen in Ost und West mehr zu erreichen, als wir zu hoffen gewagt hatten. Manchmal hätte ich ihm allerdings ein wenig mehr Härte gegenüber Erpressungsversuchen im politischen Alltag gewünscht. So scheute er die direkte Auseinandersetzung mit dem Personal der Stadtreinigung Ost, das 1990 streikte, weil es West-Löhne haben wollte, und mit den Inhabern so genannter Modrow-Grundstücke. Schwierzina war eben auf eine Harmoniepolitik aus.

Im Übrigen war Tino Schwierzina eigentlich eine Entdeckung des früheren Regierenden Bürgermeisters Hans-Jochen Vogel. Ich erinnere mich, dass Vogel während einer SPD-Veranstaltung im März 1990 in Prenzlauer Berg den damals 62-jährigen SDP-Parteikassierer in Ost-Berlin als "seriös und lebenserfahren" bezeichnete, weshalb er als Oberbürgermeister-Kandidat in Frage komme. Und ich schloss mich diesem Vorschlag an. Dass er 76 geworden ist, verdankte Schwierzina vor allem seiner Ehefrau Brigitte, einer Internistin, die seinen Gesundheitszustand kontrollierte, seit er 1968 den ersten Herzinfarkt erlitt. Ihre Fürsorge hat ihn mindestens 1994, als er dreimal am Herzen operiert wurde, und 1999, als er fünf Wochen im Koma lag, vor dem Sensenmann bewahrt. Der Autor ist Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und war Regierender Bürgermeister (1989-91).


Nachruf von Thomas Krüger: Der Rosengärtner im Roten Rathaus
(veröffentlicht im Tagesspiegel vom 31.12.2003)

Tino Schwierzina, der erste frei gewählte Ost-Berliner Oberbürgermeister, ist am Montag gestorben. Sein ehemaliger Stellvertreter Thomas Krüger würdigt ihn

Am Tag seines 63. Geburtstages begann sein unglaubliches zweites Leben. Am 30. Mai 1990 wurde Tino Schwierzina von der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung nach dem Fall der Mauer zum Oberbürgermeister von Ost-Berlin gewählt. Seine Aufgabe war es, so schnell es ging, sich überflüssig zu machen. Das hat ihm gefallen, und er hat sich mit Freude ans Werk gemacht.

Er hatte sich schon aufs Privatisieren in der realsozialistischen Nische eingestellt. Seine Passion war es, mit seiner sympathischen Frau und kritischen Wegbegleiterin einen Rosengarten zu bestellen. Er hat sich hinter seiner Rosenhecke nicht verschanzt. Sonst wäre ihm der Spätherbst des SED-Systems und sein einsetzender Verfall entgangen.

Als einer der ersten war Tino Schwierzina zur Stelle, als sich im November 1989 die Ost-Berliner SDP konstituierte. Und als beim Parteitag im Februar 1990 seiner inzwischen wieder in SPD umbenannter Partei guter Rat teuer war, hat er sich coram publico zu Wort gemeldet. Und mit seiner Altersweisheit und Rechtskenntnis ein bisschen Ordnung in das kreative Chaos gebracht. Das haben ihm die Genossen mit der Spitzenkandidatur zu den Stadtverordnetenwahlen gedankt. Wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet. Dass er Geschichte schreiben wird, Staatsmännern die Hand gibt, von Demonstranten belagert wird.

Am 6. Mai 1990 wurde die SPD bei den Kommunalwahlen in Ost-Berlin vor der PDS stärkste Partei und Tino Schwierzina damit designierter Oberbürgermeister. Es kam zur Koalition mit der ungeliebten Blockpartei CDU, da das Bündnis 90 als natürlicher Partner nicht genügend Stimmen errang. Der Koalitionsvertrag sah – trotz CDU-Beteiligung – dem rot-grünen der anderen Stadthälfte auffällig ähnlich, doch sollten die Motorbootfahrer auf dem Müggelsee freie Fahrt und die Polizisten Namensschilder ans Revers bekommen. Der parlamentarische Auftakt war dann jedoch denkbar unglücklich. Die West-Berliner Spitzengenossen kamen auf die zwar charmante, aber schlecht eingefädelte Idee, die Senatoren Nagel, Meisner und Volkholz zugleich zu Stadträten wählen zu lassen. Tino Schwierzina musste das ausbaden und seine von der Bild-Zeitung informierte und also murrende Fraktion folgte ihm und übernahm die Stadtratsposten dann selber.

Stattdessen präsentierte die Ost-Berliner CDU dann Elmar Pieroth als Wirtschaftsstadtrat, der sich jedoch sofort in den Urlaub nach Südfrankreich aufmachte. Schwierzina zitierte ihn unter großem öffentlichem Amüsement zurück nach Berlin und wies ihn darauf hin, dass auch im Magistrat die im Senat bekannten Abmeldepflichten gelten würden.

Berlin wuchs zusammen. Im Eiltempo. Noch vor dem Vertrag zur Währungsunion tagten Magistrat und Senat zum ersten Mal gemeinsam. Sie bildeten die gemeinsame Berliner Landesregierung, quasi das Gegenstück zu den Beitrittsszenarien auf Bundesebene. Der „Magi-Senat“ mit seinen Kräfte zehrenden Mammutsitzungen war geboren und die taz personifizierte ihn postwendend als „Schwierzomper“. Ein gutes Gefühl für Tino Schwierzina, den Ost-Berlinern eine Vereinigung auf Augenhöhe anzubieten und darüber hinaus sogar eine ernst gemeinte Verfassungsdiskussion.

Er kannte das vereinte Berlin vor seiner Teilung. Er hat Willy Brandt verehrt und mit ihm die demokratische Alternative im Gedächtnis behalten und sich vermutlich nach ihr am meisten gesehnt, wenn ihn der sozialistische Alltag mit all seinen Petitessen und Verpflichtungen einholte. Wie sollte der auch an seiner Generation spurlos vorübergehen. Vielleicht ist es auch diese Ambivalenz von Hoffnung und Schmerz, die seine Neigung zu den Rosen nährte, auf deren Pflege er sich zu DDR-Zeiten und nach seiner intensiven politischen Zeit 1990 als Ost-Berliner Oberbürgermeister und dann bis 1995 als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses konzentrierte.

Tino Schwierzina nahm übrigens den Rat von Freunden und Beratern an: eine Gabe, die Politikern gewöhnlich eher abgeht. Er hatte eine natürliche, sehr authentische Art, seine Stadthälfte zu vertreten. Als die ersten Demonstranten vor dem Roten Rathaus standen, war er ganz in diesem Sinne der erste, der sich ihre Forderungen zu Eigen machte. Politik war für ihn immer mehr eine bürgernahe Dienstleistung als das machtvolle Durchsetzen von übergeordneten allgemeinen Interessen. Die Öffentlichkeit nahm ihm dennoch seine sichtbar befristete Rolle als politischer Repräsentant ab. Er hatte keine Karriereabsichten mehr. Es war vielmehr eine äußerst konkrete Utopie, in deren Dienst er sich voll und ganz stellte: die Wiedervereinigung Berlins.

Tino Schwierzina war so etwas wie der inkarnierte homo politicus der Wendezeit. Er war nüchterner Pragmatiker, bekennender Demokrat mit dem gebotenen Blick für Wichtiges und Unwichtiges, jungfräulich ehrlich und naiv in Sachen politischer Technik und oft fassungslos, was die mediale politische Welt so an Überraschungen bereithielt. Die ostdeutschen Politiker der Wendezeit waren, im Westen ankommend, vielleicht nur von dem komplexen Ausmaß an Freiheit überrascht, dem demokratischen Grundwert, der ihnen von dem SED-System am intensivsten abgewöhnt wurde.

Mit entwaffnender Offenheit und Gutmütigkeit haben sich aber Ostdeutsche wie Tino Schwierzina 1989 und 1990 auf den Weg in das wiedervereinte demokratische Deutschland gemacht. Sie waren und sind wichtige Sympathieträger, die den Vereinigungsprozess in die Herzen getragen haben, die gezeigt haben, dass die Vereinigung wirklich gewollt war, wie schwierig das dann in den Mühen der Ebene und mit den verletzten Seelen und Biografien auch wurde und immer noch ist.


Ein Nachruf von Gerd Schilling, ehemaliger Bezirksbürgermeister von Weißensee

Wir waren nur einige Wenige, die die erste Basisgruppe der Sozial-Demokratischen Partei (SDP) in Berlin-Weißensee im November 1989 gründeten.

Tino-Antoni Schwierzina fiel auf, weil er nicht Arbeiter oder Diplom-Ingenieur oder Pfarrer war wie die meisten von uns. Als Jurist dachte und redete er politisch und das auch noch mit geschliffenen und verständlichen Worten. Mit uns gemeinsam besaß er die Alltagserfahrungen einer bedrückenden politischen und gesellschaftlichen Diktatur, von der wir zwangsläufig geprägt waren. Auch er wollte das Land demokratisch verändern.
Er war Wirtschaftsjurist in einem Betrieb. Also nicht einer derjenigen, die in den sogenannten Justizorganen als Helfer der Partei Karriere gemacht hatten.

Als ich ihn Mitte Januar 1990 das erste Mal anlässlich der Vorbereitungen für den Runden Tisch Weißensee traf, bekannte mir der damals 62-Jährige freimütig, dass er gerade einen Herzinfarkt überstanden hatte. Er solle sich zwar nicht überanstrengen, hätte sein Arzt gesagt, aber alles was ihm Spaß mache, solle er mit Maßen ruhig tun.
Und was machte ihm mehr Spaß, als sich endlich in die öffentlichen Dinge einzumischen!

Der Runde Tisch war ihm die erste Plattform. Er kannte sich aus in der Weißenseer Geschichte und verlangte gleich in der ersten Sitzung die Rückbenennung der Weißenseer Hauptstraße in Berliner Allee, was ein Jahr später auch vollzogen wurde.
Vom Runden Tisch aus gingen wir gemeinsam in die Weißenseer Stasizentrale an der Liebermannstraße und sorgten für die Entwaffnung von deren 3000 Mitarbeitern. Das war damals nicht ungefährlich. Später wurde der Gebäudekomplex unser Rathaus.
Tino zog es aber bald weiter nach Berlin. Auf dem im Februar 1990 stattfindenden Ost-Berliner Parteitag der inzwischen in SPD umbenannten Partei konnte er wegen seines juristischen Sachverstandes und wohl auch wegen seiner Altersweisheit etwas Ordnung in die noch wirren Strukturen der Anfangsphase bringen. Es folgten prompt die Wahl zum Schatzmeister und später auch die zum Spitzenkandidaten für die ersten freien Wahlen zur Stadtverordneten-Versammlung von Ost-Berlin.
Den Wahlkampf in Weißensee organisierten wir gemeinsam. Tino war ganz frohgemut und steckte voller Ideen.
Wir klapperten Geschäfte und Handwerksbetriebe ab und erkundigten uns nach den Sorgen.
Mit Tino zusammen machte das wirklich Spaß.
Wenn ich heute aus der Distanz von 14 Jahren unser gemeinsames schwarz-weißes Wahlplakat betrachte, sehe ich zwei Männer, die Vertrauen, Zuversicht und den Willen zum Zupacken ausstrahlen.
Wir gewannen die Wahlen. Tino wurde Oberbürgermeister von Ost-Berlin und ich Bezirksbürgermeister von Weißensee.
Wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukommt: Demonstrationen, Besetzung seines Büros, Beleidigungen, Intrigen, Auseinandersetzungen mit dem West-Berliner Senat, Säuberung der Verwaltung. Andererseits suchten auch hochrangige Staatsmänner aus aller Welt Kontakt zu dem neuen ersten Mann in Ost-Berlin. Die Auftritte vor der Presse genoss er ebenso wie die Analyse von Details beim Aktenstudium im stillen Arbeitszimmer.

Uns Bezirksbürgermeister lud er einmal im Monat zur Besprechung ins Berliner Rathaus ein. Dabei erwies sich Tino als Mann von eindeutigen Entscheidungen.
In der Weißenseer Abteilung der SPD waren wir einfach stolz auf ihn, wenn wir ihn im Fernsehen sahen oder über ihn in der Zeitung lasen.
Er kam weiterhin zu unseren Abteilungssitzungen in das verräucherte Hinterzimmer der Gaststätte "Kalweit" und wir registrierten, dass er trotz aller Veränderungen noch unsere Sprache sprach und unseren Rat annahm.
Wahrscheinlich war es die Summe dieser Eigenschaften und sein sichtbarer Wille, die Einheit seiner Heimatstadt Berlin in souveräner Weise wieder herzustellen, die ihn populär machten. Dabei hatte er es mit Walter Momper als Partner von West-Berliner Seite nicht leicht.

Noch zu seinem 75. Geburtstag lag ihm diese Erinnerung auf der Seele.
In seinen späteren Ämtern als Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und als Vorsitzender des Petitionsausschusses blühte er wieder auf. Hier konnte er einerseits repräsentieren und andererseits im Detail helfen. Er führte übrigens den gesamten Ausschuss als erstes nach Weißensee.

Tino Schwierzina dachte immer in geschichtlichen Zusammenhängen. Deshalb sei mir dies gestattet: Nur wenige Male hat es in der deutschen Geschichte einen schnellen und erfolgreichen Übergang von einer Organisationsform mit starken Regeln für Obrigkeitshörigkeit hin zu einer Gemeinschaft von mündigen Bürgern gegeben.
Es ist großartig, dass wir die Veränderungen von 1989/1990 als eine derartige Wende zum Besseren so friedlich und so kraftvoll geschafft haben. Und dann auch noch die Einheit Berlins und Deutschlands!
Tino Schwierzina hat diesen Prozess mit gestaltet. Er hat einen gewaltigen Anteil an dem, wie wir in Berlin geworden sind.
Ihm lag nicht das Jammern, sondern das Ärmelhochkrempeln.
Daran erinnern wir uns heute.

 


30. Mai 1997: Tino Schwierzina, erster freigewählter Oberbürgermeister Ost-Berlins, wurde 70
Immer noch gibt es nur eine Handvoll prominenter Sozialdemokraten aus dem Osten Berlins. Einer von ihnen feierte am 30. Mai seinen 70. Geburtstag: Tino Schwierzina, einziger demokratisch gewählter Oberbürgermeister von Ost-Berlin.

"Er konnte nicht darauf warten, bis andere es taten", hat seine Frau Brigitte einmal zur schnell entschlossenen politischen Aktivität ihres Mannes gesagt. Tino Schwierzina gehörte zu den Mitbegründern der Weißenseer wie der Berliner SDP, wurde im Januar 1990 Schatzmeister der Berliner SDP im Vorstand mit Anne-Kathrin Pauk, Knut Herbst und Thomas Krüger. Kurze Zeit darauf wurde er als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters aufgestellt.

Die inzwischen umbenannte SPD wurde stärkste politische Kraft in Berlin. In den Koalitionsverhandlungen versuchte Schwierzina alles, die Parteien der Bürgerbewegungen einzubinden, doch Bärbel Bohley, Ingrid Köppe und ihre Mitstreiter entschieden sich gegen die Mitverantwortung in der Regierung und für die Opposition; sicherlich einer der Nägel in den Sarg der rot-grünen Senatskoalition im Westen. Gleichwohl arbeitete man in der Stadtverordnetenversammlung eng zusammen. In die neue Verfassung, für die sich auch Schwierzina sehr einsetzte, flossen viele Gedanken der Bürgerbewegung ein. Später wurden wesentliche Passagen daraus in die neue Gesamtberliner Verfassung übernommen.

Bereits den Wahlkampf führte Schwierzina demonstrativ in engster Gemeinsamkeit mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper. Mit ihrer öffentlich immer betonten "Zwillings Bürgermeisterschaft" wollten Momper und Schwierzina zeigen, daß Ost und West - unabdingbar aufeinander angewiesen - so gleichberechtigt wie möglich zusammenkommen müssen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit drückte sich in der reibungslosen Integration der Stadtverwaltung aus, zuallererst natürlich der Landesregierung ("Magi-Senat"). Mom per und Schwierzina warben in vielen gemeinsamen Auftritten für Berlin als neue, alte Hauptstadt. Der Vorstoß, West-Berliner Senatoren in Personalunion auch zu Mitgliedern des Magistrats zu ernennen, scheiterte allerdings. Natürlich gab es auch Reibungen zwischen Ossis und Wessis. Doch waren beide Seiten stolz auf ihr Gegenmodell zum Bund, wo Kanzler Kohl die Regierung de Maiziere immer wieder als Bittsteller behandelte. Tino Schwierzina deutete sogar den Begriff der "Laienspielschar" nicht als Beleidigung. "Das entsprach doch den Tatsachen", sagt er heute noch, "aber wir haben schnell gelernt, und das wurde auch anerkannt." Das Wendejahr 1989/90 brachte den Wechsel vom Primat des Politischen zur wirtschaftlichen und sozialen Realität. Während sich viele der SPD-Gründer hier erst zurechtfinden mußten, beherrschte Tino Schwierzina dieses Gebiet umso besser. Als Wirtschaftsjurist hatte er zu DDR-Zeiten in verschiedenen Großhandelsbetrieben in der Position eines Justitiars gearbeitet und kannte somit Kombinatsstrukturen und Alltagsproblerne der DDR- Wirtschaft aus dem Effeff. Immer wieder warnte Schwierzina vor einem "deutschen Mezzogiorno" im Osten. Er zog gemeinsam mit den OBs von Leipzig, Rostock, Magdeburg und Potsdam nach Bonn, um vor der Bundespressekonferenz Unterstützung für die bereits sei nerzeit notleidenden Kommunen und Infrastrukturprogramme zur Belebung des Arbeitsmarktes einzufordern. Die anderen, bis auf den Rostocker Kilimann sind übrigens noch im Amt - dort gab es keine westliche Stadthälfte mit dazugehörigem, erfahrenerem SPD-Personal.

Ein wichtiger Teil der kurzen Amtszeit als Oberbürgermeister bestand darin, dem Vertrauen der Bevölkerung in die öffentliche Verwaltung neue Grundlagen zu verschaffen. Sichtbare Zeichen waren die Einrichtung des Bürgerreferates und auch die Tage der Offenen Tür im Roten Rathaus, die von Zehntausenden besucht wurden. Dieser bürgernahe Politikstil lag Schwierzina, was sich später auch in seinen Aufgaben als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses und als Vorsitzender des Petitionsausschusses des Abgeordnetenhauses beweisen sollte. Heute noch bekommt er stapelweise Post von Bürgern, die um Hilfe, Rat und Unterstützung bitten.

Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl kandidierte Schwierzina wieder als Direktkandidat in Weißensee, wollte sich aber nicht über die Liste absichern lassen. Das schlechte SPD-Wahlergebnis zog auch sein persönliches Ergebnis nach unten, um 51 Stimmen verfehlte er den Wiedereinzug ins Parlament allerdings nur denkbar knapp. Die Berliner Politik verfolgt Tino Schwierzina intensiv, allein wegen seiner Mitgliedschaft in einer Reihe von Aufsichts- und Beiräten. "Die Senatskoalition hat es unglaublich schwer, einfach nur meckern hilft auch nicht weiter." Allerdings wünscht er sich mehr Bewegung in der politischen Landschaft. "Beide Parteien werden in der Großen Koalition immer weiter an Substanz und auch an Stimmen verlieren. Schon rechnerisch sind sie aber immer weiter aufeinander angewiesen. Das kann nicht ewig so weitergehen."

Vielleicht wurden ja bereits gestern neue Wege für die Berliner Politik diskutiert. Gestern abend, am "runden" Geburtstag, lud Schwierzina in seinen Bernauer Garten, nicht wie sonst am 30. Mai ins Nikolaiviertel. Vielleicht wird das Gartenfest ja eine feste Einrichtung, wie einst Harry Ristocks Treffs in der Kolonie Heimat, unter freiem Himmel über politische Alltagsgrenzen hinweg.

Christian Hossbach (Der Autor war 1990 Sprecher des Magistrats von Berlin)
aus: Berliner Stimme 10-1997, 31. Mai 1997