Erinnerungen an Kurt Schumacher

Geschichte: Personen L-Z

Erinnerungen an Kurt Schumacher

Klaus Bodin: Erinnerung an Kurt Schumacher

 

„Der Alltag der ersten Nachkriegsjahre war sehr gedrückt. Wir Jüngeren standen mit leeren Händen vor unserer Zukunft. Wir waren ein besiegtes Volk. Die sowjetische Besatzungsmacht übte einen ungeheueren Druck auf die Sozialdemokraten im Osten aus.
Da waren die Berliner SPD-Kundgebungen jedes Mal ein großes Ereignis, wahre Volksversammlungen, zu denen alle kamen, die für die Sache der Freiheit Flagge zeigen wollten. Die Sozialdemokraten hatten dazu mit Plakaten aufgerufen, im RIAS wurden sie auch angekündigt. Besondere Erinnerungen habe ich an eine Veranstaltung mit Kurt Schumacher, zu der ich gemeinsam mit anderen Spandauer SPD-Mitgliedern mit der S-Bahn in den Wedding gefahren bin. Das war etwa 1947.
Im Hertha-Stadion am Gesundbrunnen herrschte Festtagsstimmung. Kurt Schumacher war in seiner Erscheinung eine beeindruckende Gestalt. Er war das geschundene Geschöpf, kriegsverseht im Ersten Weltkrieg, gequält in den Konzentrationslagern der Nazis. Er sprach fordernd, selbstbewusst auch gegen die Alliierten. Oft wandte er sich an die Jugend. Er half uns, denn er sprach uns frei von der Schuld der Nazizeit und forderte, wir sollten uns am Aufbau der Demokratie in Deutschland beteiligen. Etwa zwei Stunden dauerte diese Versammlung. Danach waren wir zuversichtlich und getröstet. Das half uns über den schlimmen Alltag hinweg.“
(Klaus Bodin, Jahrgang 1919)