Schellenberg, Ernst

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Schellenberg

* 20.2.1907
† 6.6.1984

Ernst Schellenberg wird am 20. Februar 1907 in Berlin geboren. Zunächst macht er eine Lehre für Sozialversicherung und –fürsorge, arbeitet als Fürsorger und dann als Angestellter in einer Privatversicherung. Ohne Reifeprüfung gelangt er an die Deutsche Hochschule für Politik. Er wird Assistent und Lehrbeauftragter am Hochschulinstitut für Versicherungswissenschaften und promoviert 1933. 1938 ist Schellenberg Leiter der Kalkulationsabteilung beim Reichsverband der Privatversicherungen in Berlin und wird 1942 Seminarleiter des Berliner Hochschulinstituts für Versicherungswissenschaft. Zwischen 1946 und 1948 ist er Professor für Versicherungswesen und Direktor am Institut für Sozialwesen und Versicherungswesen an der Humbolodt-Universität zu Berlin. 1947 wird Schellenberg außerordentlicher Professor als Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Versicherungswesen der Humboldt-Universität. 1948 tritt er in die SPD ein.

Nach dem Kriegsende wird Schellenberg stellvertretender Abteilungsleiter für Sozialwesen im Magistrat von Groß-Berlin, dann Direktor der Versicherungsanstalt Berlin, der Krankenversicherungsanstalt und bis 1958 der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Berlin.
Von 1952 bis 1976 vertritt er als Abgeordneter Berlin im Deutschen Bundestag. Ab 1957 ist er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Sozialpolitik. Ernst Schellenberg gilt als Initiator der Rentenreform von 1957. Von 1960 bis 1973 ist er Mitglied des SPD-Parteivorstands. 1969 wird er stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. 1965 bekommt Ernst Schellenberg das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, 1972 das Schulterband dazu und 1976 das Großkreuz. Ernst Schellenberg stirbt am 6. Juni 1984 in Berlin.

Gilbert Dietrich
(mehr im Online-Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Ein Kämpfer für alle, die Hilfe nötig haben
Zum Tode von Ernst Schellenberg

Ernst Schellenberg ist tot. Dem Deutschen Bundestag hat der Berliner Sozialdemokrat in sieben Legislaturperioden angehört. Sowohl in der Opposition als auch in den ersten Jahren der sozialliberalen Koalition prägte er entscheidend die sozialdemokratische Sozialpolitik. Die Geschichte des sozialen und sozialpolitischen Auf- und Ausbaus der Bundesrepublik Deutschland wird seinen Namen unter den Persönlichkeiten, die auf diesem Feld verdienstvoll gewirkt haben, als einen der ersten nennen.

Ernst Schellenberg zeichnete aus, daß er wußte: Altwerden darf nicht heißen Armwerden, Krankwerden darf nicht heißen in Not geraten, und Arbeitsloswerden darf nicht Elend für die Familien bedeuten. Ernst Schellenberg war ein Kämpfer für die Armen und Alten, ein Kämpfer gegen die, die weniger wollten als er – und er wollte immer viel.

Der Sozialversicherungschef der Berliner Zeit kannte die Praxis der Verwaltung, die Grenzen der Gesetze und die Nöte der Menschen. Seine bedeutsamsten Leistungen im Parlament hat er noch als Sprecher einer kämpferischen und sachkundigen Opposition erbracht. Ein Beleg dafür ist zum Beispiel die Rentenreform aus dem Jahr 1957. Er fühlte sich bis zu seinem Ausscheiden aus dem Parlament als sozialdemokratischer Motor der SPD-Bundestagsfraktion.

Sein Pflichteifer und die Fülle der Aufgaben machten ihn zu einem von Terminen gejagten Abgeordneten. Die Pflicht des Abgeordneten "vor Ort" in Berlin nahm er genauso ernst, wie die Arbeit in Bonn. Der große gewichtige Mann war ein Naturtalent: Wenn er zum Rednerpult ging, wurden seine Reden jedes Mal kleine Auftritte. Ernst Schellenberg sprach niemals "fürs Protokoll". Für ihn war die parlamentarische Auseinandersetzung Teil des prallen politischen Lebens. Er hoffte, in Rede und Gegenrede mit Fachkenntnis und Argumenten zu überzeugen. Er liebte das Streitgespräch, dennoch hatte er zwar Gegner – aber keine Feinde.

In seinem politischen Leben hatte er nie vergessen, wie das Leben der "kleinen Leute" verlief, aus dem er selbst stammte und aus dem er sich kraft eigener Leistung herausgearbeitet hatte. Groß ist die Zahl der Frauen und Männer, die mit und durch Ernst Schellenberg im parlamentarischen Alltag, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Gelegenheiten, in Sachen Sozialpolitik mitzureden, gefunden haben.

Diese Eigenschaft Schellenbergs wirkte bis in die gegnerischen Reihen hinein. Zur Persönlichkeit des Abgeordneten Ernst Schellenberg gehörte nicht zuletzt dieses: Als "Anreger" die eigene Person beiseite treten lassen, als Förderer der Fähigkeiten anderer zu wirken. Marie Schlei und ich haben davon profitiert.

Die deutsche Sozialdemokratie und das bundesdeutsche Parlament haben eine ihrer Großen und farbigen Gestalten im Alter von 77 Jahren verloren. Wir sagen dem in seiner politischen Arbeit anspruchsvollen, in seinem Leben bescheidenen, kämpferischen und leidenschaftlichen Sozialdemokraten "danke schön!" für seine Lebensleistung. Wir vereinen uns in stillem Gedenken und solidarischer Verbundenheit mit seinen Angehörigen. Wir versprechen, in schwieriger Zeit sein politisches Erbe kämpferisch zu wahren und weiterzuentwickeln.

Jürgen Egert

Berliner Stimme, Nr. 12 vom 16. 6. 1984