Scheidemann, Philip

Geschichte: Personen L-Z

Philipp Scheidemann

Gedenktafel Scheidemann
 

Gedenktafel Steglitz, Lenbachstraße 6a
Inschrift: In einem hier vormals stehenden Hause lebte / Philipp Scheidemann / 26.7.1865 - 29.11.1939 / Am 9. November 1918 rief er die erste / deutsche Republik aus / Der sozialdemokratische Politiker wurde / 1919 Ministerpräsident der / ersten demokratisch gewählten Regierung der / »Weimarer Republik« / Ging 1933 in die Emigration
Scheidemann lebte hier von 1913-1920. Aus dieser Straße fuhr er am 9.11.1918 zum Reichstag, hierher kehrte er zurück, nachdem die Republik von ihm ausgerufen wurde. Enthüllung der Berliner Gedenktafel am 29.11.1990. Foto: Holger Hübner (13.9.2002)

Ein großer Vertreter der Sozialdemokratie

Vor einem halben Jahrhundert starb im Kopenhagener Exil am 29. November 1939 Philipp Scheidemann. Der gelernte Buchdrucker kam aus einer kleinbürgerlichen Handwerkerfamilie und erfuhr Not in der eigenen Familie, als der Vater früh starb. Mit der eigenen sozialen Not konfrontiert, wandte er sich der Arbeiterbewegung zu.
1883 schloß sich Scheidemann der Sozialdemokratie an und wurde Redakteur an verschiedenen ihrer Zeitungen. Seit 1903 gehörte er dem Reichstag an, war gleichzeitig von 1906-11 in seiner Geburtsstadt Kassel (geb. 26. Juli 1865) Stadtverordneter. 1911 wurde er erstmals in den Vorstand der SPD gewählt, die er nach der Abspaltung der USPD gemeinsam mit Friedrich Ebert leitete.
Im Oktober 1918 trat Scheidemann der kaiserlichen Regierung unter Prinz Max von Baden als Staatssekretär ohne Portefeuille bei. Das Amt gab er auf, bevor er am 9. November 1918 ohne Wissen und gegen den Willen Eberts von einem Fenster des Reichstagsgebäudes aus die deutsche Republik proklamierte. Der Mehrheitssozialdemokrat beendete damit alle Vorstellungen von einer konstitutionellen Monarchie, aber es war auch eine Absage an rätedemokratische Ideen: Er kam Karl Liebknechts Ausrufung der "Freien Sozialistischen Republik'"nur wenig zuvor.
Im Februar 1919 wurde Scheidemann, der auch zusammen mit Ebert dem Rat der Volksbeauftragten vorstand, erster - und einziger - Reichsministerpräsident.
Schon im Juni dieses Jahres trat er aus Protest gegen den Versailler Vertrag zurück, den er - der sich im Ersten Weltkrieg zu einem Befürworter eines Verständigungsfriedens ohne Annexionen entwickelt hatte - aus Überzeugung ablehnte.
Dies war konsequent, übersah aber, daß auch das Deutsche Reich noch 1917 mit Rußland einen Siegfrieden abgeschlossen hatte und die Alternative zu "Versailles" eine Wiederaufnahme der Kämpfe und Besetzung Deutschlands bedeutet hätte. Der Rücktritt war zugleich Scheidemanns Abschied von der politischen Führungsebene.
Obwohl er dem Reichstag noch bis 1933 angehörte, zog er sich in die Provinz zurück (1920-25 Oberbürgermeister von Kassel), wo ihn die politische Rechte ihren Haß spüren ließ. Im Juli 1933 mußte er Deutschland verlassen und ließ sich nach kurzen Zwischenaufenthalten in der Tschechoslowakei, der Schweiz, Frankreich und den USA in Kopenhagen nieder.
Philipp Scheidemann war sicher kein Mann großer Theorien, aber er gehört zu den herausragenden Gestalten der Sozialdemokratie und der deutschen, den Ideen der Freiheit und des Sozialismus verbundenen Politik.

Holger Hübner

(Berliner Stimme, 2.12.1989, zum 50. Todestag von Philipp Scheidemann)