Ristock, Harry

Geschichte: Personen L-Z

Harry Ristock

Porträt Harry Ristock. Foto: Horb
 

geb. 20. Januar 1928 in Seemen, Ostpreußen

gest. 5. März 1992 in Berlin

Landesvorsitzender der Berliner Falken 1956 - 1962, Berliner Abgeordneter und Senator

 

 

 

 

 

 

Zum zehnten Todestag von Harry Ristock (1928 -1992)
von Siegfried Heimann

In diesem Frühjahr jährt sich zum zehnten Male der Todestag von Harry Ristock. Er starb, erst vierundsechzigjährig, am 5. März 1992. Er hatte in der Berliner SPD und in der Berliner Politik über lange Jahre viele Ämter und Funktionen. Nicht zuletzt war er fast sechs Jahre - von 1975 bis 1981 - Senator für Bau- und Wohnungswesen. Seine Politik der behutsamen Stadterneuerung versuchte an vielen Ecken und Enden von Westberlin einiges wiedergutzumachen, was in den Jahren der propagierten autogerechten Stadt  auch von den eigenen Parteigenossen an Bausünden begangen worden war. Er wagte es, wie Wolf Jobst Siedler vor zehn Jahren in einem Nachruf schrieb, "direkt an die Mauer zu gehen und mitten im alten Kreuzberg vorzuführen, wie Stadterneuerung aussehen könnte". Renovierung statt Abriß sollte die Devise sein. Die Stadt hat es ihm bis heute nur wenig gedankt. Er holte die Bundesgartenschau nach Berlin, und ein wunderschöner  Park blieb allen Berlinerinnen und Berlinern, aber Harry-Ristock-Park darf er bis heute nicht heißen. Nicht wenige auch in der eigenen Partei sahen in ihm - und sicher zu Recht - den kämpferischen linken Sozialdemokraten. Sie wollten alte Grabenkämpfe nicht vergessen. Dabei war er ganz anders, als ihn Dogmatiker jedweder Couleur etikettieren wollten. Er war ein "unorthodoxer, ein interessanter, ein liebenswerter Linker" - so beschrieb ihn Helmut Schmidt in seiner Trauerrede für seinen Freund am 20.März 1992.
Harry Ristock wurde am 20. Januar 1928 in Ostpreußen geboren. Er mußte noch einige Monate den Krieg mitmachen, dann verschlug ihn das Kriegsende nach Brandenburg. Im Jahre 1948 kam er nach Westberlin und begann mit dem Politikstudium. Die Schriften von Marx, Luxemburg und Trotzki lehrten ihn, in Stalin und in den Stalinisten aller Länder die Totengräber der sozialistischen Idee zu sehen. Die offenbaren sozialen Probleme in der Bundesrepublik und auch in Westberlin ließen ihn zum radikalen Kritiker der bundesrepublikanischen - kapitalistischen - Gesellschaft werden. Er liebäugelte mit einer organisatorischen Alternative zu den bestehenden Parteien, die beides auf ihre Fahnen geschrieben hatte: Anti-Stalinismus und Anti-Kapitalismus, doch sie entpuppte sich als Sackgasse. Es blieb die SPD, ihr trat er 1950 bei und ihr blieb er bis zu seinem Tode treu, auch wenn der berüchtigte "Sofortausschluß" ihn immer wieder bedrohte und 1968 auch fast ereilte. Die Falken in Berlin machten ihn zu ihrem Landessekretär und bald war die Organisation - zumindest in Berlin - kaum noch wiederzuerkennen. Im Jahre 1954 wurde er Landesvorsitzender der Berliner Falken und er blieb es bis zum Jahre 1963. "Durch Ulbricht und Adenauer keine Wiedervereinigung", lautete der von ihm geprägte und von prophetischer Gabe zeugende Schlachtruf auf manchen Falkendemonstrationen der fünfziger Jahre, der in Ost und West Anstoß erregte und Anstoß erregen sollten.
Er war und blieb ein "luxemburgianischer Pragmatiker", wie ihn sein alter Freund und Weggefährte Heinz (Micky) Beinert einmal nannte. Das war kein Etikett, sondern ein Hinweis darauf, daß Harry Ristock es sich nie auf dem Sessel der Parteipfründe bequem machen wollte. Er zog den Stehplatz zwischen den Stühlen vor, was nicht zuletzt 1981  "aus Gründen der Selbstachtung" seinen Rücktritt als Senator zur Folge hatte.
Harry Ristock war bis zu seinem Tode ein Politiker, der nicht in eingefahrenen Gleisen denken wollte. Er war immer bereit, dazu zu lernen und vor allem bereit, alte - als falsch erkannte - politische Positionen zu korrigieren, ohne Grundüberzeugungen über Bord zu werfen. Das zeigte sich spätestens in den sechziger Jahren, als er begann, über den nach 1950 mit harten Bandagen geführten Streit in der Berliner SPD zwischen Traditionalisten und Reformern anders zu denken. Im Rückblick darauf sagte er 1991 im freundschaftlichen Gespräch mit seinem damaligen Widersacher Klaus Schütz: " ... mich störten vor allem die Leute, die hinter Brandt standen. Brandt selbst war - und es war sicher meine Fehlentscheidung, damals gegen ihn gewesen zu sein - historisch der Mann, der nach vorne ging."
Im Jahre 1990, die Tage der DDR waren gezählt, sprach Harry Ristock vor Brandenburger Sozialdemokraten. Er machte sie darauf aufmerksam, daß mit dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen DDR erst recht der demokratische Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus auf der Tagesordnung stehe. Und er bekannte: "Ihr seht ja ..., daß ich älter geworden bin, aber radikaler Sozialist bin ich geblieben."
Und gerade deshalb war er immer ein unbequemer Genosse in der Partei. 1968 sollte er aus der SPD ausgeschlossen werden  - in Berlin war das Urteil schon exekutiert - , weil er ein Plakat trug mit dem Text: "Ich protestiere gegen den Krieg der Amerikaner [damals:] in Vietnam. Ich bin Sozialdemokrat."
In unübersichtlichen Zeiten tut es uns allen gut, sich an Harry Ristock zu erinnern.

(Februar 2002)

 

Erinnerungen von Fritjof Meyer (Auszüge aus der Rede zur Gedenkveranstaltung am 5. März 2002):

 

Harry handelte nach einem großartigen, wenn auch riskanten Grundsatz, der von Napoleon stammt und den sich auch Lenin zu eigen machte: On s'engage et puis... on voit, zu Deutsch: Man stürzt sich in den Kampf - dann sieht man weiter. Das heißt: Manchmal muss man auch Dinge tun, von denen man ahnt, dass sie misslingen. Bekanntlich hatten Napoleon und Lenin unfassbare Erfolge, doch beide haben am Ende ihre Ziele nicht erreicht. In welchen Kampf würde sich Harry heute stürzen?

Säße er in einem Oberseminar der Falken, würde er konstatieren, dass wir möglicherweise vor einer Generalkrise der kapitalistischen Ordnung stehen, und er würde nach Verbündeten für eine sozialistische Alternative Ausschau halten. In der Sozialdemokratie von heute lassen sich da nicht eben viele finden, bei den Kommunisten gab es unstreitig immer auch überzeugte Sozialisten, welche unter dem Machtmissbrauch ihrer Funktionäre litten.

Als ich Harry kennenlernte, 1950 als Transportarbeiter in der Maschinenfabrik Fritz Werner in Marienfelde, stellten wir fest, dass wir beide Marxisten waren und dass wir beide den Polizeisozialismus des Ostblocks als eine Barriere für die  Arbeiterbewegung ansahen. Er war damals Mitglied einer kleinen Partei der heimatlosen Linken, der UAP, ich war bei den Falken, denen er sich auch anschloss und die er zu einer bemerkenswerten politischen Organisation im Berlin des Kalten Krieges entwickelte.

Zu Harrys Zeiten lautete die Landesverbandslinie der Falken: Weder Ost noch West, eine ungeteilte sozialistische Welt. Und: Mit Adenauer und Ulbricht keine Wiedervereinigung. Wir wollten die Wiedervereinigung, als einen längeren Verhandlungsprozess, der die Verhältnisse in beiden deutschen Staaten ändern, die jeweiligen Vorteile bewahren sollte. Genauso  sah es übrigens auch ein Teilnehmer des Falken-Seminars im Charlottenburger Rathaus 1963, Rudi Dutschke. Harry wusste natürlich, dass man um gemeinsamer Ziele willen mit den Kommunisten eine Wegstrecke zusammengehen konnte und musste. Die Entspannungspolitik wurde lange vor Egon Bahrs "Wandel durch Annäherung" vom Landesverband Berlin der Falken praktiziert. Dabei lernten wir schon die Richtigkeit der Erfahrung eines älteren Genossen aus dem Nazi-KZ: Mit den Kommunisten muss man zusammenarbeiten, aber mit dem Rücken an der Wand. Bei der ersten Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz 1958 erlebten  wir, dass die FDJ uns als Revanchisten verleumdete und unsere Partnerorganisation, der polnische Parteijugendverband ZMS, sich an getroffene Absprachen nicht hielt, sondern unser Treffen in eine Propagandakundgebung umfunktionieren wollte, für Chruschtschows Berlin-Ultimatum zum Beispiel. Der Generalsekretär des ZMS, Adamski, erklärte das „mit Direktübertragung durch den polnischen Rundfunk“ auf dem Erschießungshof von Auschwitz, wo ein Deutscher nicht widersprechen kann.
  Adamski redete dort auch über die von uns stets anerkannte Oder-Neisse-Grenze, er präsentierte dafür aber  eine chauvinistische Rechtfertigung: die Heimholung der Gebiete der Piasten aus dem
 12.Jahrhundert. Und er nannte die DDR den ersten Arbeiter- und Bauernstaat der deutschen Geschichte, obwohl die Diktatur des Proletariats dort ja nur an einem einzigen Tag geherrscht hatte, dem 17.Juni 1953. Sehr mutig hat Harry dann auf einer Kundgebung am nächsten Tag in der Krakauer Oper die Dinge wieder zurechtgerückt. Die Entspannungspolitik hatte zur Voraussetzung ehrliche Partner, und sie unterstellte die Reformfähigkeit des Staatssozialismus, was auf eine
 Sozialdemokratisierung des Ostblocks hätte hinauslaufen können.
 Immerhin waren Gorbatschow und viele andere Kommunisten, die sich zu Sozialdemokraten wandelten. Hier sei daran erinnert, dass bei der berühmten Urabstimmung der Berliner SPD von 1946 eine Vereinigung mit der KPD abgelehnt wurde, womit der Kampf um Westberlins Freiheit seinen Anfang nahm. Die zweite Frage aber ging damals nach einer Vereinigung zu einem späteren Zeitpunkt und wurde, was vergessen ist, mehrheitlich bejaht. Die Entspannung barg später Risiken einer Fehleinschätzung, als es nur noch darum gehen konnte, mit der insolventen Seite ein möglichst schmerzfreies Abwicklungsverfahren auszuhandeln. Nach Herbert Wehners Besuch bei Erich Honecker 1974, wo eine Art Stillhalteabkommen vereinbart wurde, gab es eine zweite Etappe der Entspannung. Fortan war der Zweck einer Annäherung nicht mehr ein Wandel im Osten, sondern die Stabilisierung des bankrotten Systems samt seiner Raketenrüstung. Der Wandel sollte eher im Westen stattfinden. Das war eine Missachtung  der Realität mit schmerzhaften Folgen.


 

Vietnam und Parteiausschluss: Harry Ristocks bewegtes Jahr 1968
Bericht von einer Veranstaltung des August-Bebel-Insituts im Februar 2008

Der Sitzungssaal II im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses war mit fast 100 Teilnehmer/innen bis auf den letzten Stuhl gefüllt. Vor allem viele Alt-Falken waren gekommen, um den Ausführungen des hochkarätig besetzten Podiums mit Uwe Soukup, Klaus Schütz, Dietrich Stobbe, Dieter Fitterling zu folgen und mit zu diskutieren. Nach einem Rückblick auf das Leben Ristocks und einigen anschaulichen Anekdoten der Zeitzeugen stiegen diese auch gleich engagiert in das Streitgespräch ein.

Dass mit den Parteiausschlüssen von Harry Ristock und Erwin Beck (und anderen) die schon Jahre lang schwelenden innerparteilichen Grabenkämpfe zwischen linker Minderheit, geführt von Ristock, und rechter Mehrheit ihren Höhepunkt fanden, bewies das Streitgespräch auf dem Podium, das sich zu einem großen Teil um die Ursachen dieser Auseinandersetzungen drehte. Dabei wurden die Frage der Haltung zu Brandts Entspannungspolitik, die machtpolitischen Ränke um den Rücktritt Heinrich Albertz´ und mit einer Wortmeldung aus dem Publikum auch die damals bestehende Spannung zwischen jüngerer und älterer Generation angesprochen. Das alles bekräftigte die Eingangsthese von Uwe Soukup, dass sich im Februar 1968 nicht nur die APO, sondern durchaus auch die Berliner SPD mit den verhärteten internen Fronten radikalisiert hatte.

Von den Parteiausschlüssen, die noch im gleichen Jahr wieder aufgehoben wurden, bleibt, so das Fazit, vor allem der bittere Nachgeschmack einer aufgeheizten Auseinandersetzung, die auch in Fotos von Transparenten mit der Aufschrift „Ristock, Gleitze, Beck – die drei müssen weg“ anschaulich wird.

Die abschließenden Worte von Klaus Schütz zeugen von einer gelungenen Veranstaltung: er rief nämlich auf, historische Erinnerungsarbeit in dieser Form in Zukunft doch öfter zu betreiben.  Daniela Honigmann


 

Literatur zum Nachlesen:
Harry Ristock, Neben dem roten Teppich. Begegnungen, Erfahrungen und Visionen eines Politikers, Berlin 1991
Harry Ristock - Erinnerungen von Weggefährten, hrsg. von Siegfried Heimann und Manfred Rexin, Berlin 1993, Franz-Neumann-Archiv

Foto: Ulrich Horb