Reuter-Gedenkveranstaltung: Tondokumentation von Manfred Rexin

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Reuter-Gedenkveranstaltung: Tondokumentation von Manfred Rexin

Manfred Rexin                                                                                    September 2003

Abschrift einer Tondokumentation für die Veranstaltung zum 50. Todestag
von Ernst   R e u t e r
am 26.9.2003  im Willy-Brandt-Haus
 
1.  Eröffnung durch den Landesvorsitzenden der Berliner SPD, Senator Peter Strieder

2.  Einführung :  Ernst Reuters politische Anfänge     Originaltöne 1931 – 1947

Rexin: 
Der technische Fortschritt des vergangenen 20. Jahrhunderts hat uns in den Stand gesetzt,  zur historischen Erinnerung ein neues, zuvor unvorstellbares Mittel  zu nutzen :  Die Stimme von Menschen blieb erhalten über die Stunde ihres Todes hinaus – gespeichert anfangs noch unvollkommen auf Walzen, dann lebensnah und immer genauer auf Platten und Bändern.
Die früheste Tonaufnahme Ernst Reuters ist über siebzig Jahre alt.

Heimann: 
Am 1. Mai 1931 hielt er im Rundfunk einen Vortrag über die kommunalpolitischen Aufgaben der deutschen Großstädte -  er sprach etwa eine halbe Stunde lang. Davon sind die letzten vier Minuten auf einer Schallplatte erhalten geblieben. Der Text jener Ansprache erschien anschließend im Magdeburger Amtsblatt -  und ist als Ganzes nachzulesen im 2.Band der großen vierbändigen Ausgabe von Reuters Schriften und Reden.

Rexin:
So klang seine Stimme damals, als er 41jährig vom Amt des Berliner Verkehrsdezernenten in das des Magdeburger Oberbürgermeisters wechselte :


TAKE 1 :                                                           
Reuter als Magdeburger Oberbürgermeister im Rundfunk am 1.Mai 1931 – 3’53“
„Wer in der Lage ist, die Arbeit der deutschen Städte mit der Arbeit ausländischer Stadtverwaltungen zu vergleichen, wird bei aller Anerkennung des auch dort Geleisteten immer wieder spüren, wie der starke Mutterboden einer auf der Selbstverwaltung aller Bürger beruhenden Städtearbeit gewaltige Antriebe dadurch bekommen hat, dass alle Teile der Bevölkerung an dieser Arbeit interessiert sind. Es kann heute nicht verkannt werden, dass das Anwachsen der Städte und auch das Wachsen der zu bewältigenden Probleme manchmal die alten Begriffe von Selbstverwaltung mit ihrem starken demokratischen Einschlag unterhöhlt zu haben scheint. Es ist darum eine der wichtigsten, vom Städtetag längst erkannten und immer wieder betonten Aufgaben der Verwaltungen, ihre Verwaltung so viel als das überhaupt nur möglich ist, im vollen Licht der Öffentlichkeit zu führen.

Die Stadtverwaltungen werden gezwungen sein, immer mehr mit allen Organen der Öffentlichkeit, mit der Presse und mit den Organisationen aller Zweige der Wirtschaft zusammen zu arbeiten, um das Verständnis für ihre Aufgaben wach zu erhalten. Im Mittelalter waren die gewaltigen, die Jahrhunderte überdauernden Bauten der weithin sichtbare Ausdruck des Stolzes der in der Stadtluft frei gewordenen Bürger. Die neue Zeit wird erst recht, nachdem durch den Staatsumschwung die großen Massen der Bevölkerung den ihnen lange vorenthaltenen Einfluss auf die Geschicke ihrer Städte endlich gewonnen haben, immer wieder neue Wege suchen müssen, um die denkbar engste Verbindung zwischen ihrer Arbeit und dem Wollen und Wünschen der Bevölkerung herzustellen. Es liegt in der Natur der Zeit, dass an die Stelle früherer oft prunkvoller Repräsentation mehr denn je die sachliche Arbeit an der wirtschaftlichen Entwicklung der Städte treten muss. Die Denkmäler unserer Zeit werden nicht große Prunkbauten sein können. In einer neuen, auf dem Willen nach Sachlichkeit und Einfachheit, nach ehrlicher Klarheit beruhenden Baugesinnung erwachsen in den Großstädten die neuen Wohngebiete und die neuen Arbeitsstätten unserer Zeit, in denen ein freies, seines Wertes, seiner Kraft und seiner Zukunftsmöglichkeiten bewusstes Volk seinen Lebens- und Behauptungswillen manifestiert. Allem pessimistischen Kleinmut zum Trotz, werden die deutschen Städte ihre wichtigen Funktionen als zielbewusste und tatkräftige Hilfsorgane unserer gesamten Entwicklung behaupten, wenn nicht ein schwerer Schaden für die Gesamtheit entstehen soll. Angewiesen auf die tatkräftige Mitwirkung aller Bevölkerungskreise werden sie als sichtbarster Ausdruck eines fleißigen, zähen und unzerstörbaren Volkstums ihren Platz behalten. Ihre aktuellen Probleme werden mit den wechselnden politischen Bedürfnissen sich wandeln, ihre eigentliche Aufgabe wird bleiben: dem Volke Lebensraum und Lebensmöglichkeiten, der Wirtschaft Entfaltungsfähigkeit und der Gesamtheit den Weg zu einer besseren Zukunft zu sichern.“


Heimann:
Ernst Reuter am 1.Mai 1931 in einem Rundfunkvortrag.

Rexin:
Zwanzig Jahre später – im Juli 1951 –  besuchte er als Regierender Bürgermeister Berlins auf Einladung des Rundfunks im amerikanischen Sektor, RIAS,  eine Weddinger Grundschule.  Deren Schüler, 13, 14 Jahre alt, befragten ihn, den nun 62jährigen, zu Motiven und Daten seines Lebensweges  – auch zu den Gründen seiner Flucht aus Nazi-Deutschland ins türkische  Exil.
TAKE 2 :  Reuter in einer Weddinger Grundschule, Juli 1951 (RIAS-Schulklassengespräch) –
       4’o5“

(Schüler :) „Wie sind Sie denn nach der Türkei gekommen ?“ (Reuter :) „Nach der Türkei bin ich durch einen merkwürdigen Zufall gekommen. Ich war 33 und 34 zweimal im Konzentrationslager, bin dann Anfang 1935 nach England gegangen, weil ich in England unter den dortigen Quäkern sehr gute Freunde hatte. Ich konnte nicht mehr in Deutschland bleiben, ich wäre sonst ein drittes Mal verhaftet worden, und das hätte ich nicht ausgehalten. Und dann habe ich, wie jeder Mensch das macht, der keine Arbeit hat und nicht weiß, was er tun soll, mich an alle Leute überall in der Welt gewandt und habe an sie geschrieben und gesagt : Hier bin ich. So habe ich zufällig auch einen Bekannten in der Türkei gehabt, habe ihm geschrieben, und sechs Wochen darauf hatte ich eine Anstellung bei der türkischen Regierung, weil die gerade so’n komischen Kerl wie mich brauchten“ (Gelächter) „Und da bin ich nach ein paar Monaten –
ch musste noch etwas warten, bis die Formalitäten fertig waren, nach ein paar Monaten bin ich in die Türkei gefahren, habe immer nur einen Vertrag für ein Jahr gehabt. Aber der ist jedes Mal erneuert worden, bin ich also bis 1946 in der Türkei geblieben.“

„Als Sie nun früher mal ein Schuljunge waren, haben Sie da auch gedacht, dass Sie später mal Regierender Bürgermeister würden – oder so ?“  „Nein, da habe ich überhaupt nicht daran gedacht. Das waren ja überhaupt ganz andere Verhältnisse und ganz andere Zeiten, die man ja überhaupt sich gar nicht heute mehr vorstellen kann. Ich habe aber – na, ich will mal sagen, ich weiß nicht, wie man das heute nennen würde – als ich Obersekundaner, Primaner wurde- ich weiß nicht, wie das heute in den Schulen heißt, habe ich doch angefangen, mich sehr stark politisch zu interessieren, immer mehr politisch zu interessieren, und als ich dann mein Studium gemacht habe, war mein höchster Traum, ich würde mal Reichstagabgeordneter werden, vielleicht, na also wenn ich das erreicht haben würde, dachte ich, habe ich das Höchste erreicht, was der Mensch überhaupt erreichen kann. Das hat sich später alles so ergeben.“
 
„Ich wollte mal fragen, was für einen Beruf hatten Sie früher eigentlich gelernt ?“ – „Ich habe als junger Mensch studiert. Ich habe Deutsch, Geschichte und Geografie studiert, habe in diesen drei Fächern mein Examen gemacht. Ich würde also, wenn ich dabei geblieben wäre, dann würde ich, was man früher Oberlehrer nannte, geworden sein, nicht wahr. Vor der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Aber während des Studiums habe ich schon sehr stark angefangen, National-ökonomie zu studieren, mich damit zu beschäftigen, und ich habe eigentlich mein Examen nur gemacht, damit man nicht sagen konnte : Der Mann kann kein Examen machen, nicht wahr. Ich habe sofort nach dem Examen – habe ich angefangen, mich politisch zu betätigen, 1912 schon, habe für die Sozialdemokratische Partei gearbeitet – als Lehrer in Kursen für Erwachsene, Geschichtskursen, politischen Kursen, und dann ist eben der Weltkrieg gekommen, dann ist man Soldat geworden, dann ist man in die Gefangenschaft gekommen, und dann ist das Leben einen ganz anderen Gang gegangen.“

(Ossowski : ) „So, noch drei Fragen, dann machen wir Schluss.“ – „Ich möchte gerne wissen : Welcher ist Ihr Lieblingssport ?“ (Heiterkeit) – „Also, als ich Junge gewesen bin, habe ich Rad gefahren und geschwommen. Damals gab’s noch nicht solchen Sport wie heute, nicht wahr, da war man noch nicht im Sportverein, war das alles nicht so organisiert, aber Radfahren und Schwimmen. Als ich Student gewesen bin, da habe ich gewandert. Ich glaube, ich kenne fast ganz Deutschland durch Wanderungen, bin wochenlang durch Deutschland gewandert, na, und heute würde ich sagen : Autofahren (Heiterkeit), ich weiß aber nicht, ob das ein Sport ist.“

 

Heimann:
Gegen Ende des Jahres 1946 war er – nach zwölfjährigem Exil in der Türkei  -  an die Spree zurückgekehrt. Im Magistrat der Viersektorenstadt übernahm er ein Ressort, das ihm aus seiner Berliner kommunalpolitischen Arbeit in der 2.Hälfte der 20er Jahre vertraut war, wenngleich das meiste dessen, was er einst geschaffen hatte, nun in Trümmern lag.

Rexin: 
Als Stadtrat für Verkehr und Versorgungsbetriebe war er sogleich mit den Nöten einer extrem kalten Frostperiode konfrontiert. Im eisigen Winter 1946/47 erlitten Dutzende Berliner den Kältetod, Tausende wurden mit Erfrierungen in die notdürftig hergerichteten Krankenhäuser eingeliefert. Reuter Ende Januar 1947 in einer von Otto Suhr geleiteten Sitzung der Stadtverordneten :

TAKE 3 :    Stadtverordnetenversammlung 30.1.1947  Suhr / Reuter     -  1’33“
Suhr : „Ich darf zunächst Herrn Stadtrat Reuter das Wort geben zur Beantwortung der Anfrage wegen der Verkehrseinschränkungen.“
Reuter : „Meine Damen und Herren, die Verordnung der Alliierten Kommandantur vom 30.November 1946 hatte den Magistrat beauftragt, eine Reihe von sehr einschneidenden Einschränkungen im Elektrizitätsverbrauch vorzunehmen. Ich habe bereits, als ich zum ersten Mal die Ehre hatte, vor Ihnen zu sprechen, am 9.Januar, darauf hingewiesen, dass unsere Versorgungslage katastrophal ist – sie ist meiner Meinung nach auch heute noch katastrophal. Und wenn wir auch vorrübergehend eine gewisse Erleichterung zu spüren haben, weil etwas mehr Kohle gekommen ist, so gebe ich mich doch keiner Illusionen hin, was für denkbar größte Schwierigkeiten uns bevorstehen können, wenn die Kältewelle andauern sollte.
Kältewelle bedeutet sofort ein sprunghaftes Ansteigen des elektrischen Stromverbrauchs, und im Gegensatz zu anderen Verbrauchsgütern, die wir produzieren, haben wir nicht die  Möglichkeit, von der Erzeugerseite ohne weiteres jeden Konsumenten durch einen Polizisten kontrollieren zu lassen. Das ist bei 1,4 Millionen Anschlüssen faktisch nicht möglich. Es besteht nur eine einzige Möglichkeit : Abschalten. Das ist ein sehr grausames und sehr brutales Mittel. Und auch das Abschalten erreicht seinen Zweck nur innerhalb bestimmter Grenzen, denn der Verbraucher weicht auf diejenigen Stunden aus, wo nicht abgeschaltet wird.“


Heimann: 
Nachdem im April 1947 Oberbürgermeister Otto Ostrowski (SPD)  – unsicher, zerrieben auch im Umgang mit widerstreitenden Besatzungsmächten – das Vertrauen des Stadtparlamentes verloren hatte und zurückgetreten war, votierte eine Mehrheit der Stadtverordneten für Reuter als Bürgermeister – gegen die Stimmen der SED-Fraktion. Das Veto des sowjetischen Stadt-kommandanten hinderte ihn an der Übernahme des Amtes, das SPD, CDU und Liberaldemokraten ihm übertragen wollten.
Rexin:
Louise Schroeder war amtierende Oberbürgermeisterin, Reuter behielt die Verantwortung für sein Ressort – Verkehr und städtische Versorgungsbetriebe. Im Magistrat von Groß-Berlin sollten vier Parteien zusammenarbeiten –  ein konfliktreiches Unterfangen.

Heimann:
Aus den ersten freien Wahlen im Oktober 1946 war die SPD mit annähernd 49 Prozent der Stimmen als stärkster Partei hervorgegangen, gefolgt von der CDU mit 22 Prozent. An dritter Stelle lag die Einheitspartei mit knapp einem Fünftel der Wähler – für die Liberaldemokraten hatten gut 9 Prozent der Berliner gestimmt.

Rexin:   
Als im Oktober ein Jahr vergangen war seit jener Wahl,  zog Reuter eine kritische Bilanz  :

TAKE 4 : Rundfunkrede zum ersten Jahrestag der Berliner Wahl vom 20.10.1946 – 4’11“
„Dieser 20.Oktober 1946, an den wir am kommenden Montag denken werden, ist ein Tag, der in der Geschichte unserer Stadt so leicht nicht vergessen wird. Ich selber habe ihn nicht hier, sondern Tausende von Kilometern entfernt erlebt. Aber Sie können sicher sein, dass keine Entfernung- sie mag noch so groß gewesen sein – den denkenden Beobachter gehindert hat zu erkennen, worum es an diesem Tag ging, und die Bedeutung der Entscheidung des 2o.Oktober zu begreifen. Diesmal war es nicht nur eine gewöhnliche Wahl zu einem Stadtparlament, wie sie schließlich immer wieder vorkommt. Es handelte sich auch nicht nur darum, dass in Berlin zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur freie Wahlen stattfinden konnten. Es handelte sich um etwas ganz anderes. Und dass es sich um etwas ganz anderes handelte, das hat die Welt so gut begriffen, wie die Berliner selbst mit ihrem so eindeutigen Votum.

Dreizehn Jahr einer rücksichtslosen und brutalen Gewaltherrschaft haben uns gelehrt, was für ein Gut die Freiheit ist. Weil wir sie verloren hatten, wussten wir, dass wir sie vom Neuen erkämpfen mussten, um sie diesmal , wie wir zuversichtlich hoffen, niemals wieder zu verlieren. Es war das Erregende dieses Kampfes, der an dem Wahltag vor einem Jahr seinen Abschluss fand, dass hier zum ersten Mal in Deutschland, seitdem wir die Hitlerei losgeworden sind, die
Bevölkerung einer Millionenstadt mit all der lebendigen Vitalität, die ihr eigen ist, für ihr Recht auf eigene Verwaltung und Selbstregierung eintrat, dass die Parteien nach ihrem eigenen Willen gebildet werden konnten und dass in allen Menschen, die an diesem Kampf teilnahmen, das Bewusstsein seiner Bedeutung lebendig war. Das Erregende dieser Wochen und Tage ist vergangen. Ein Winter von furchtbarer Grausamkeit hat uns gelehrt, wie schwer unser Weg noch sein wird. Die starken politischen Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres haben uns gezeigt, dass ein einmaliger Wahlsieg nicht allein genügt, um die Kräfte zu loyaler Zusammenarbeit zu bringen, die sich ganz offensichtlich mit dem Votum dieser Wahlen nicht abfinden wollen.

Das Unfertige, das Problematische unserer Berliner Situation ist uns klarer geworden. Die tausend und abertausend Schwierigkeiten, die sich fruchtbarer, schöpferischer Arbeit in Berlin entgegenstellen, sind nicht überwunden, und wir wissen auch, dass sie nicht so leicht und nicht so bald  überwunden sein werden. Es sind nicht nur äußerlich die Trümmer unserer zerbombten Stadt, die uns noch hindernd  im Weg stehen. Es ist vielmehr das lähmende Gefühl, immer noch nicht ganz frei und ungehindert arbeiten und schaffen zu können, das drückende Bewusstsein unserer wirtschaftlichen, oft auch unserer geistigen Isolierung, das so viele von uns manchmal mutlos zu machen droht. Von Schlagbäumen umgeben, von eingleisigen Bahnen bedient und darum weder mit dem Osten noch mit dem Westen des so tragisch zerrissenen Deutschlands in der lebendigen Verbindung stehend, die wir gebrauchen, um leben zu können, kann unsere Stadt nur mühsam Schritt für Schritt voran kommen. Die einen möchten uns wohl einverleiben, bei den anderen besteht manchmal die Neigung, uns abzuschreiben. Wir aber wissen, dass wir nur leben und existieren können, wenn wir weder einverleibt noch abgeschrieben werden. Unser wertvollstes Gut ist in dieser schweren Zeit des Übergangs, des Tauziehens zwischen Mächten, die größer und stärker sind als wir, nur unser eigener Behauptungswille. Dieser Behauptungswille hat sich vor einem Jahre an diesem historisch gewordenen Wahltag bewährt. Dieser Behauptungswille darf uns niemals verloren gehen.“

 

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4.  Sein letztes Jahr – Ausschnitte aus Reden und Interviews  1953

Rexin:
1953 – Ernst Reuters letztes Jahr. In seiner Neujahrsansprache nahm er auf zwei Vorgänge Bezug, die viele Menschen berührten :  An den Weihnachtsabenden hatten zahlreiche Berliner, einem Aufruf Reuters folgend,  brennende Kerzen in die Fenster ihrer Wohnungen gestellt – als mahnende Erinnerung an die immer noch unübersehbar große Zahl von Kriegsgefangenen und verschollenen Zivilisten.

Heimann:
Am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages hatten sowjetische Soldaten, betrunkene Rot-Armisten,  an der Grenze zum französischen Sektor in Frohnau einen West-Berliner Polizisten erschossen. Am 30. Dezember wurde die Zahl der Berliner, die die Straßen des Trauerzuges vom Rathaus Schöneberg zum Friedhof Tegel säumten, auf eine Million geschätzt.

 

TAKE 5 : Ernst Reuters Neujahrsansprache im RIAS  - 1.1.1953 - 1’45“
„Meine lieben Berlinerinnen und Berliner. Das alte Jahr ist vergangen, das neue hat begonnen, und wir begrüßen es fröhlich, aber keiner von uns ist gefeit dagegen, dass die Ereignisse der letzten Tage noch in uns lebendig sind, noch in uns nachschwingen. Noch stehen wir alle unter dem Eindruck dieser großen bewegenden Demonstration, in der wir am Dienstag Abschied nahmen von einem erschossenen Berliner. Noch haben wir alle in Erinnerung diese wundervolle Demonstration, indem wir mit Kerzenlichtern alle hier in Berlin  uns gegenseitig und die Welt begrüßten – als Zeichen dafür, dass wir denken an alles, was uns noch fern und von uns getrennt ist. Diese Stadt, diese bewegende Stadt, hat auch im vergangenen Jahre gezeigt, wie sehr sie lebt, wie sehr sie hofft und arbeitet für die Freiheit und für die Zukunft. Und ist das nicht ein Zeichen der Hoffnung auch für das neue Jahr ? Wir hoffen, dass das neue Jahr 1953 – und wir haben Grund zu dieser Hoffnung – endlich das Jahr sein wird, in dem das Tor aufgestoßen wird – das Jahr der Entscheidungen, das Jahr, in dem Deutschland, in dem die Welt von der Last befreit wird, die allen auf uns drückt. Wir wollen fröhlich in dieses neue Jahr hineinschreiten – voller Hoffnung, voller Zukunft. Einmal muss sich alles wenden. Fröhliches Neujahr !“


Rexin:
Am 15.Januar 1953 konnte der Rundfunk im amerikanischen Sektor eine neue Sendestation mit wesentlich stärkerer Leistung – 300 Kilowatt – in Betrieb nehmen.

Heimann:
Reuter kam zur Einweihung nach Neukölln – zum RIAS-Sender Britz.
TAKE 6 :  Reuter zum Ausbau des RIAS-Senders Britz  15.1.1953 – 1’02“

„Jeder von uns kennte, hat in Erinnerung, hat noch im Ohr die beschwörenden Worte von Freunden aus der Sowjetzone : Lasst Eure Stimmen nicht untergehen in dem Druck, der auf uns ausgeübt wird. Sorgt dafür, dass wir Euch hören können. Man versucht, uns von Euch abzusperren. Wir hoffen, dass diese Versuche, uns von Euch und Euch von uns abzusperren, dass diese Versuche mit dem heutigen Tage als erledigt angesehen werden können. Und wenn neue Schwierigkeiten sein werden, werden wir neue Mittel finden : Die Wahrheit wird nicht getötet werden können. Die Stimme der Wahrheit wird bis in den letzten Winkel unseres Vaterlandes dringen und wird den Menschen, die auf die Zukunft  und auf die Freiheit hoffen und harren, eine Hoffnung sein, dass dieser Tag kommen wird.“


Heimann:
Das bedrückendste Thema dieser Wochen war der wachsende Strom der Flüchtlinge aus der DDR –  Folge des verschärfte Kurses, den die SED seit ihrer II. Parteikonferenz im Juli 1952 steuerte. Im Januar meldete sich täglich 700, 800 Flüchtlinge in West-Berliner Aufnahmelagern.

 

Rexin:
Ein angesehener Münchener Journalist, Walter von Cube, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, warnte in einem Kommentar vor der weiteren Aufnahme von Flüchtlingen : Was der Berliner Senat tue – im Einvernehmen mit Bonn – sei „selbstmörderische Humanität“, meinte er.

Heimann:
Reuter antwortete ihm am 25.Februar im Bayerischen Rundfunk : 

TAKE 7 :  Reuter im Bayerischen Rundfunk am 25.2. 1953 – 2’40“

„Ich glaube, der Selbstmord fängt da an, wo die Humanität aufhört, und ich glaube, Herr von Cube, der vielleicht nur das ausgesprochen hat, was der eine oder andere denkt, aber nicht auszusprechen wünscht, begeht den Fehler, den viele sogenannte Realisten in der Politik begehen. Er verkennt vollkommen, dass für ein Volk wie das deutsche noch mehr als für jedes andere Volk die echte Humanität die Grundlage unserer moralischen und politischen Existenz ist. Ohne ein nicht nur Lippenbekenntnis zur Humanität, sondern ohne Bewährung  in der Humanität würden wir als Deutsche überhaupt nicht in der Lage sein, uns aus alldem Elend, in das wir hineingeraten sind, wieder heraufzuraffen, würden wir nicht in der Lage sein, eine Stellung in der Welt zu gewinnen, die uns Ansehen und Sympathie verschafft, ohne die wir nicht leben können. Also diese Formulierung, wir handelten in ‚selbstmörderischer Humanität’ – ich glaube, jeder gute Deutsche muss sie ablehnen ! 

Herr von Cube macht an einer anderen Stelle seiner Ausführungen auch noch eine Bemerkung, dass alle seine Erwägungen deswegen vielleicht nicht so zum Zuge kommen könnten, weil die Amerikaner anders denken. Dieser Hinweis darauf, dass wir hier handeln, weil die Amerikaner so oder so denken, geht vollständig an unserer Mentalität und an unserem Handeln vorbei. Wir sind hier gewöhnt, unsere Stellung zu den großen Problemen unseres eigenen Volkes zu erarbeiten, unabhängig davon, was irgend jemand sonst wünscht. Auch wenn die Amerikaner anderer Meinung wären, als wir es im Augenblick sind, will ich doch der Meinung sein, dass wir Deutsche verpflichtet sind, Deutschen zu helfen. Wir sind ein Volk, müssen ein Volk bleiben, und wenn es auch leider richtig ist, dass wir Deutsche im Unglück nicht die gleiche nationale Zuverlässigkeit an den Tag legen wie im Glück, so bleibt doch die Forderung für uns alle, dass wir Deutschen eine Nation werden müssen und eine Nation erst werden können, wenn wir uns m Unglück in gegenseitiger Hilfe bewähren.

Soviel für das Grundsätzliche. Jemand hat malgesagt, das Moralische verstünde sich von selbst, aber leider sieht man immer wieder, dass das Moralische offenbar sich nicht von selber versteht.“


Rexin:
In jener Entgegnung auf die Zweifel des Münchener Chefredakteurs von Cube sprach Reuter von einer Sorge, die acht Jahre später – am 13.August 1961 – düstere Realität werden sollte.


TAKE 8 : Reuter im Bayerischen Rundfunk am 25.2.1953  – 1’26“

„Wir müssen mit der Tatsache rechnen, dass dieser Strom einstweilen noch anhält, bis das
System drüben – womit man ebenfalls rechnen kann – Gegenmaßnahmen, die sich am Horizont schon abzeichnen, energischer anpackt und bis das System dazu übergeht, die Ostzone von uns noch mehr abzuschnüren, als das bisher der Fall gewesen ist. Solange das aber nicht eingetreten ist, müssen wir mit der Tatsachenrechnen, dass Menschen, die drüben nicht mehr existieren können, zu uns kommen und von uns aufgenommen werden wollen.
Selbstverständlich ist das für uns alle eine ungeheure Belastung, und wenn ich sage, dass es für Berlin eine unerträgliche Belastung geworden ist, so sage ich das nicht, um für Berlin zu klagen und zu jammern. Ich habe das Gefühl, dass im Großen und Ganzen wir Berliner am wenigsten klagen .....Wir haben vierzig- bis fünfzigtausend Menschen in Lagern untergebracht. Jeden Tag müssen wir neue Lager und Stätten einrichten. Und wir wissen oft am Morgen nicht, wie wir am Abend mit den Problemen fertig werden sollen, und ich selber kann nur sagen, dass ich mich mitten in den Dingen stehend, oft wundere, dass es überhaupt bisher möglich gewesen ist.“


Rexin:
Die Flut der Flüchtlinge aus der DDR war auch das wichtigste Thema der Gespräche, die Reuter in der zweiten März-Hälfte in den USA führte – während seiner vierten Reise in die Vereinigten Staaten.

Heimann:
Im Sommer 1929 hatte ihn eine Studienfahrt durch große Städte Nordamerikas geführt – von New York bis nach Los Angeles. 1949 gegen Ende der Blockade war er zu seiner zweiten Reise über den Atlantik aufgebrochen. Zwei Jahre später empfing ihn in Washington Präsident Truman – und nun dessen Nachfolger, Präsident Eisenhower.

Rexin:
Gegen Ende dieser zweiwöchigen Amerika-Reise hörte man Reuters Stimme am 29.März in der sonntäglichen Sendereihe „Wo uns der Schuh drückt“ –  überspielt aus der Neuen Welt .


TAKE 9  „Wo uns der Schuh drückt“ - Sendung aus den USA – RIAS 29.3.1953 – 1’52“

„Ich sitze jetzt hier ganz woanders, als wo ich sonst gewöhnlich sitze, wenn ich zu Ihnen  in dieser Sendung ‚Wo uns der Schuh drückt’ spreche. Ich sitze in einem Hotelzimmer in Minneapolis, und Sie können sich kaum vorstellen, was für eine glorreiche Ordnung oder auch Unordnung mich umgibt. Ich komme mir vor wie in einem Hauptquartier während der Revolution – unmittelbar nach einem Lunch, nach einer Pressekonferenz, nach Arbeit für Televisions-Shows ,und so komme ich jetzt dazu, zu Ihnen zu sprechen, und ich möchte Ihnen von hier, von Amerika, ein paar wenige Dinge sagen. Wo uns der Schuh drückt – wo er auch mich drückt – uns alle zusammen drückt -  das habe ich hier in Amerika Gelegenheit, eigentlich ununterbrochen jeden Tag in immer wiederkehrenden Formen, in immer wieder neuen Abwandlungen, mit immer wieder denselben Fragen und ich will nicht mal sagen in immer wieder denselben Antworten – manchmal auch mit variierenden Antworten, aber doch mit immer wieder derselben Energie den vielen, vielen Menschen zu sagen, zu erklären und zu erläutern, die hier auf einen einstürzen.

Sie können sich in Berlin kaum vorstellen, wie groß in Amerika das Interesse für Berlin ist.(...) Vielleicht – Menschen sind ja verschieden in der Art ihrer Reaktion – bin ich am stärksten beeindruckt gewesen von der Offenheit, Aufgeschlossenheit und menschlichen Haltung, mit der der Präsident dieses großen Landes uns begrüßte, auf mich zukam und mir ganz spontan von sich aus seine Sympathie und seine Bereitwilligkeit, Berlin auch in Zukunft zu helfen, zum Ausdruck brachte.“


Rexin:
Wieder zu Hause in Berlin würdigte er in einer Feierstunde des Abgeordnetenhauses am 10.Mai das Lebenswerk eines früh verstorbenen Reichsaußenministers.

Heimann:
Anlass war der 75.Geburtstag Gustav Stresemanns : Ein „deutscher Patriot und Europäer zugleich“ sei er gewesen, sagte Reuter, zugrunde gegangen im Kampf um den Bestand der Weimarer Republik. 


TAKE 10 :  Aus der Rede zu Stresemanns 75.Geburtstag am 10.5.1953 –  2’00“

„Unser armes Deutschland hat es vielleicht heute schwerer als damals. Über der jetzigen Republik lastet der Alpdruck der Spaltung unseres Vaterlandes, und jeder von uns hier im Saale weiß, was diese Spaltung bedeutet, welch ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, bis wir diese Spaltung beseitigt und wieder als ein geschlossenes einheitliches Ganzes werden zusammen leben und zusammen arbeiten können. (...)

Deutschland hat es in seiner Geschichte nicht leicht gehabt. Ein Mann wie Stresemann musste viel zu früh dahingehen. Ein Mann wie Friedrich Ebert, dessen Bedeutung und staatsmännische Leistung auch eine spätere Zeit  besser erkennen wird, ist früh dahingegangen und ist auch im wahrsten Sinne des Wortes in den Sielen gestorben - gestorben an der inneren Zerstörung, die ihm der Undank und die unmenschliche Feindschaft entgegen gebracht haben, unter denen er, der große Patriot, besonders hat leiden müssen. Und wenn wir in der Geschichte unseres Vaterlandes weiter zurückgehen: Einer unserer größten Staatsmänner, die wir in Deutschland je gehabt haben, der Freiherr vom Stein, war ganze anderthalb Jahre Ministerpräsident in Preußen. Wie vieles hätte anders werden können, wenn solche Männer vom Schicksal die Möglichkeit erhalten hätten, ihre Gaben, ihre Fähigkeiten, ihren Mut, ihren Charakter in die Waagschale der geschichtlichen Entwicklung zu werfen.“

Rexin:
Seit November 1951 kam der Regierende Bürgermeister in der Regel alle zwei Wochen in einer Rundfunkreihe mit dem Titel „Wo uns der Schuh drückt“ zu Wort.

Heimann:
Reuter hatte in der erste Folge angekündigt, er wolle in regelmäßigen Abständen zu den  „täglichen kleinen Nöten und Sorgen“ Stellung nehmen, auf die er in Anrufen und Briefen von Berliner Bürgern immer wieder angesprochen werde – Kummer über unverständliche Verwaltungsakte, vermeintliche Arroganz von Bürokraten, Wünsche, Hoffnungen, Ängste. 
    
TAKE 11  „Wo uns der Schuh drückt“ – RIAS 9.5.1953 – 1’36“

„Ich selber beobachte mit eigenen Augen gelegentlich, und weiß es auch, wie an manchen Stellen aus Rechthaberei, aus Bequemlichkeit, manchmal auch aus Starrsinn, den Menschen das Leben ganz überflüssig schwer gemacht wird. Der immer wiederholte Hinweis darauf, dass es Querulanten gäbe in der Bevölkerung, Gott, das hat’s immer gegeben, das wird’s immer geben. Dieser Hinweis ist wirklich keine Entschuldigung dafür, dass man es an der notwendigen Freundlichkeit und geduldigem Entgegenkommen fehlen lässt. Ich möchte keine einzelnen Beispiele zitieren, ich könnte sie zitieren, damit man nicht den Verdacht aufkommen lässt, ich möchte verallgemeinern, aber ich möchte einmal eins sagen: Es genügt wirklich nicht, wenn jemand im entscheidenden Augenblick entdeckt, dass er es mit dem Regierenden Bürgermeister zu tun hatte, und wenn er dann sehr höflich wird. Ich möchte, dass alle die es angeht, nicht gegenüber dem Regierenden Bürgermeister höflich sind, sondern ihren Mitmenschen gegenüber höflich sind, denn ein solches Umschwenken von Unhöflichkeit zu Höflichkeit ist genau das, was unsereins nicht will. Keiner von uns will anders behandelt werden als jeder Bürger. Wir wollen höflich behandelt werden, sowohl als Regierender Bürgermeister wie als Bürger. Darin soll es keinen Unterschied geben, sonst müsste ich gelegentlich einmal aus meiner Reserve herausgehen und im Einzelfalle dann einmal besonders deutlich werden.“.


Rexin:
Mai 1953 – acht Jahre nach dem Ende des Krieges, vier Jahre nach der Aufhebung der Blockade
war in den Westsektoren der geteilten Stadt der Wiederaufbau in vollem Gange –

Heimann:
- natürlich gezügelt durch knappe Etats – und das Für und Wider großer Vorhaben war strittig.
 
TAKE 12  „Wo uns der Schuh drückt“ – RIAS 21.5.1953 – 2’24“

„Anlässlich des Richtfestes der Gedenkbibliothek wendet sich jemand mit heftigen Vorwürfen an mich, warum man dieses amerikanische Geld nicht zum Bau von Wohnungen für wohnungslose Mitbürger verwendet hätte. Und der Briefschreiber wird in seinen Bemerkungen etwas bitter und etwas ausfallend gegen den Oberbürgermeister und gegen die Männer der Verwaltung, die kein Herz und keinen Sinn für die Not der Wohnungslosen hätten. Im Grunde genommen eine immer wiederkehrende Erscheinung. Für irgendeine Sache geschieht etwas, und ein anderer kommt und sagt, warum geschieht nichts für mich ? Wenn man so weiterdenkt, dann kommt man dazu, dass jede Initiative lahmgelegt wird. Aber hier im konkreten Falle handelt es sich doch ganz einfach darum, dass aus bestimmten Mitteln, die dem amerikanischen hohen Kommissar damals, Mr. McCloy, zur Verfügung standen, wir die Möglichkeit hatten, uns irgendeine große Einrichtung auszusuchen, einen Festsaal oder irgend etwas Ähnliches. Und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Bibliothek für unsere Bevölkerung an der Grenze des Ostsektors und in der Nähe der dicht besiedelten Bezirke das Beste sein würde. Anzunehmen, wenn wir da vorgeschlagen hätten, Wohnungen zu bauen, man hätte uns Wohnungen bewilligt, das ist wirklich eine Naivität. Die Amerikaner sind ja nicht dazu da, um alle Probleme hier in Berlin zu lösen. Die Gelder, die die Amerikaner uns zur Verfügung stellen, sind für ganz bestimmte Aufgaben beschränkt, für die Wiederingangbringung unserer Industrie. Sie haben eine Zeit lang für die Notstandsarbeiten Mittel zur Verfügung gestellt und sie haben ab und zu einmal für solche Bauvorhaben Mittel gegeben. Wir haben eine Reihe von Jugendheimen mit diesen Mitteln bauen können usw. usw. Wir haben das nicht ohne weiteres in der Hand, und die Vorstellung, wir könnten den Amerikanern vorschreiben, was und wofür sie uns Geld geben, ist doch auch eine etwas bisschen naive Vorstellung. Würden wir uns denn vorschreiben lassen, wenn wir einem anderen Volke ein Geschenk machen würden, würden wir uns vorschreiben lassen, nur das und das darf es sein? Das kommt doch natürlich gar nicht in Frage.“


Heimann:
Juni 1953 – der Aufstand – zuerst in Ost-Berlin am 16., dann tags drauf am 17. in weiten Teilen der DDR  - Streiks, Demonstrationen, die Verhängung des Kriegsrechtes..

Rexin:
Reuter, der nach einen paar Urlaubstagen in Ober-Italien zum Europäischen Städtetag nach Wien gereist war, wollte so rasch wie möglich in seine Stadt zurückkehren.

Heimann:
US-Hochkommissar James B. Conant, der vielleicht dabei hätte helfen können, war nicht in Bonn, sondern in Washington – bei Etatberatungen des Kongresses

Rexin: - unerreichbar. Als der Sender RIAS eine Verbindung zu Reuter nach Wien schalten wollte, kam aus dem US-Hauptquartier in Dahlem zunächst die skeptische Frage nachgeordneter Beamter, ob denn abzusehen sei, was Reuter zur Lage sagen werde.

Heimann:
Die amerikanischen Chefs und die leitenden deutschen Redakteure des RIAS scherten sich nicht weiter darum - am Abend des 17.Juni übertrug der Sender kurz nach 20 Uhr aus dem Wiener Dreherpark eine Kundgebung der Sozialistischen Partei Österreichs mit Reuter als Hauptredner.

TAKE 13  Kundgebung im Dreher- Park in Wien am Abend des 17.6.1953 – 1’52“

Reporter : „Nach den letzten Meldungen des heutigen Tages wartet man mit besonderer Spannung auf die Worte  Prof.Reuters, der kurz vor seinem Rückflug nach Berlin über das Thema ‚Berlins Kampf um seine Freiheit’ sprechen wird.“
Reuter : „Wir haben gestern und heute in Berlin gesehen nach all den Nachrichten, die zu uns gekommen sind – und Sie werden, meine lieben Freunde, mir verzeihen und verstehen, wenn ich sage, manchmal sind meine Gedanken mehr in Berlin als hier – wir haben gespürt, wie das Volk von Berlin ungebrochen auch in Ostberlin aufgestanden ist wie ein Mann und seine Meinung gesagt hat und gezeigt hat, wo es in Wirklichkeit steht. Wenn das Wort Demokratie (Beifall) – wenn das Wort Demokratie überhaupt noch irgendeinen Sinn hat, dann sollen doch die Führer der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, wie sie sich stolz nennen, endlich die Demokratie in ihrem eigenen Land einführen und dem Volk die Möglichkeit geben, abzustimmen und zu wählen. Ohne die sowjetische Besatzungsmacht würde ich heute ganz alleine ins Rathaus des Ostsektors von Berlin gehen und würde die Geschäfte als Regierender Bürgermeister von ganz Berlin übernehmen, geschützt von der jubelnden Zustimmung der ganzen Berliner Bevölkerung (Beifall –  nach ein paar Sekunden abgebrochen).“ 


Rexin:
Einen Tag später – am Abend des 18.Juni 1953 – kehrte er von der Donau an die Spree zurück und fuhr vom Tempelhofer Flughafen zum Potsdamer Platz.


TAKE 14  Reuter im RIAS  am Abend des 18.Juni 53 im RIAS – 2’13“:

„Meine lieben Berlinerinnen und Berliner. Ich freue mich, dass ich endlich wieder in Berlin bin. Es war nicht ganz leicht, pünktlich und rechtzeitig selbst heute wieder hierher zu kommen. Als ich am Sonntag von München nach Wien flog, konnte keiner voraussehen, welche Ereignisse hier eintreten würden. Und die Hilfe, auf die ich gerechnet hatte, das Zurverfügungstellen eines Flugzeuges hat sich offenbar nicht verwirklichen lassen. Ich stehe unter dem tiefen Eindruck der Nachricht, die ich auf dem Flugplatz bekam, dass ein Berliner von einem Standgericht im Osten erschossen worden ist. Und meine erste spontane Handlung ist eine Intervention gewesen, um zu versuchen, dass alle Kräfte mobilisiert werden, um diesem Wahnsinn ein Ende zu machen. Mit Standrechten, mit Bajonetten und mit Panzern kann auf die Dauer ein Volk doch nicht niedergehalten werden (...)

Was ich heute Abend am Potsdamer Platz gesehen habe, diese Wüstenei, diese tote leere Stadt, das hat mich erinnert an den ersten Eindruck, den ich Ende 1946, als ich zum ersten Mal allein für ein paar Tage, ich glaube am 4. Dezember damals, in diesem schrecklichen Winter nach Berlin kam, als ich den Tiergarten gesehen habe. Das Herz konnte einem stillstehen, und so steht es auch heute einem still, wenn man sieht, wie diese Stadt durch die historischen Gewalten, in die wir hineingerissen worden sind, gemordet wird. Wir erneuern unseren Appell an die ganze Welt, die Welt möge endlich begreifen, und ich hoffe sie wird es jetzt zugeben müssen, dass die Deutschen ein Volk sind, das den Wert der Freiheit kennt, und dass die Deutschen ein Volk sind, das für die Freiheit sich einsetzt. Die Arbeiterschaft Berlins hat nicht höhere Löhne verlangt, sie hat Freiheit verlangt, sie hat freie Wahlen verlangt, sie hat eine Änderung des ganzen Systems verlangt. Kann die Welt schweigen zu diesem Ruf?“

Rx.:
An einen anderen deutschen Aufstand gegen totalitäre Macht erinnerte der Regierende Bürgermeister im Juli – neun Jahren nach dem vergeblichen Versuch, am 20.Juli 1944 Hitler zu töten, um sein Regime zu stürzen.

Heimann:
Umfragen belegten, mit wie vielen Vorbehalten, Einwänden, zuweilen sogar mit offenem Hass Teile der deutschen Öffentlichkeit den Männern und Frauen begegneten,  die der Tyrannei getrotzt hatten . Angehörige und Überlebende waren anwesend im Hof des Bendlerblocks, als  Reuter das Denkmal , die von Prof. Scheibe gestaltete Figur eines Gefesselten, enthüllte .

TAKE 15  Reuter zur Einweihung des Denkmals im Bendlerblock 19.7.1953 – 1’19“

„In dieser für uns alle bewegenden und feierlichen Stunde, wollen wir uns alle geloben, dass der Geist des 20. Juli niemals untergehen soll, und dass er in uns, die wir heute leben, die wir die Aufgabe von Ihnen übernommen haben, Vertreter finden möge, die entschlossen sind wie Sie, alles einzusetzen, Gut, Existenz und Leben, bis wir geschafft haben, was wir schaffen müssen.
Wenn ich nun dieses Denkmal enthülle in meiner Eigenschaft als Regierender Bürgermeister des Landes und der Stadt Berlin, übergebe ich es damit auch symbolisch zum Andenken Ihnen, den Hinterbliebenen mit. Wir werden diese Stätte in unsere pflegliche Obhut nehmen und einmal wir hier in Berlin ganz Deutschland versammelt sein und das ganze Deutschland wird diese Stätte als nationales Heiligtum von uns übernehmen.“

 

Rexin:
Ansonsten - politischer Alltag im Schöneberger Rathaus : Die Insel West-Berlin, getrennt vom Festland Bundesrepublik Deutschland, doch mit deren Rechts-, Wirtschafts- und Finanzordnung so weit verflochten, wie es der komplizierte Status der Viersektorenstadt, die ständige Gefährdung ihrer Verbindungswege, die zuweilen zögerliche Solidarität der Westdeutschen zuließen –

Heimann:
- ein kräfte- und nervenzehrendes  Geschäft, bei dem Reuter aus den Reihen seiner eigenen Partei Einwände jener vernahm, die um Besonderheiten der Berliner Sozial- und Schulpolitik fürchteten. 
Auch „Bonner Schuhe“ mochten drücken.

 
TAKE 16  „Wo uns der Schuh drückt“ - 15.8.53 – 2’37“:

„Wir haben viel Mühe in Berlin gehabt, um durchzusetzen, dass wir in die Gesetzgebung des Bundes eingeschleust wurden, und dass wir auf diese Weise instandgesetzt wurden, die Renten überhaupt zu zahlen. Vor zwei, drei Jahren haben nicht nur Tausende, sondern Zehntausende, Hunderttausende keine Pensionen und ausreichende Renten gehabt. Aber wir können natürlich die Bundesgesetzgebung nicht machen. Das Land Berlin könnte von sich aus weder die jetzigen Renten zahlen, noch kann es von sich aus die jetzigen Renten erhöhen. Das wird eine Sache des Bundestages sein. Ich bin sicher, dass der Bundestag, der ja im Bundesgebiet jetzt neu gewählt wird, sich mit diesen Fragen wird beschäftigen müssen. Bei uns treten sie natürlich massiver und konzentrierter in Erscheinung als in manchen Teilen der Bundesrepublik. Umso mehr werden
unsere Berliner Abgeordneten im Bundestag und auch wir Senatsvertreter im Bundesrat immer wieder auf diese Dinge aufmerksam machen müssen.

Arbeitlose Angestellte fordern mit Recht, dass wir mehr tun sollen, um älteren Angestellten zu Lohn und Brot zu verhelfen. Und einer fragt, warum mit der Bundesversicherungsanstalt ein Teil der Angestellten aus Bonn importiert würde. Das ist nicht ganz richtig. Es wird ein Teil, nicht alle, ein Teil der Angestellten aus den verschiedenen Landesversicherungsanstalten in den einzelnen Ländern nach Berlin importiert, denn wir haben erst mit großer Anstrengung, mit großer Mühe durchsetzen können, dass eine einheitlich zentral geleitete Angestelltenver-sicherungsanstalt anstelle der elf oder, jetzt sind es ja wohl neun, Länderanstalten treten. Früher waren es elf, und eine der Bedingungen, unter denen wir dieses Ziel erreichen konnten, war, dass wir einen Teil dieser Angestellten, die nicht dort verbleiben können, weil sie ihr Brot verlieren würden, hierher übernehmen müssen. Man kann darüber klagen. Ich würde froh sein, wenn diese Bedingungen nicht gewesen wären. Aber auf die Dauer gesehen war es natürlich für uns notwendig, unter allen Umständen zu der Regelung zu kommen, dass diese Anstalt hier zentral eingerichtet wird.“


Hei.. :
Am erste Sonntag im September 1953 hatten die Westdeutschen erneut ihr Parlament  zu wählen. An der Wahl des 2.Deutschen Bundestages nahm Berlin nicht teil. Nach Bonn entsandte das Berliner Landesparlament die Bundestagsabgeordneten  – mit eingeschränktem Stimmrecht.

Rexin:
Tondokumente von Reuters Reden im Wahlkampf gibt es leider in den Rundfunkarchiven nicht – und auch das, was er anschließend kritisch zur Politik seiner Partei – zu den Gründen für die schwere Niederlage der Sozialdemokratie am 6.September 1953 – vor Spitzengremien der SPD sagte, liegt nur als schriftliche Überlieferung vor. Zitat :

Heimann:
„Unsere Wähler haben verstanden, was wir n i c h t wollen...Aber w i r haben selten verstanden, klar zu sagen, was wir nun eigentlich selber positiv wollen.“

Rexin:
Eine Woche nach Bundeskanzler Adenauers triumphalem Wahl-Sieg zog Reuter einen gewissen Trost aus der Niederlage kleinerer extremistischer Partein, die dem Ersten Deutschen Bundestag noch angehört  hatten, nun aber an der 5-Prozent-Hürde gescheitert waren..

TAKE 17  „Wo uns der Schuh drückt“ – 12.9.1953 – 2’02“

„Ganz unabhängig, wie man im einzelnen zu den Ergebnissen steht, eins ist sicher gut und erfreulich und sollte auch endlich einmal gewürdigt werden. Der ausgesprochene Radikalismus von rechts und links hat mindestens im Augenblick in Deutschland keine Chance. Das ist eine Tatsache, die man akzeptieren sollte, und diejenigen unserer ausländischen Beobachter, die immerzu herumlaufen und nun also mit dem Mikroskop nach diesem Radikalismus suchen, sollten anerkennen, dass im Gegensatz zu den Verhältnissen, die wir nach dem ersten Weltkrieg gehabt haben, in dieser Beziehung die Lage in Deutschland sich gebessert hat. Natürlich, wir wissen genau so gut wie unsere auswärtigen Beobachter, dass Deutschland immer ein Problem bleibt und ein Problem bleiben wird, das ist aber eine Eigentümlichkeit, wie wir mit einigen anderen Ländern auch teilen, die in unserer Nachbarschaft auch uns noch große Probleme auferlegen. Wir wollen doch feststellen, dass durch die Abkehr von dem Radikalismus nicht nur der Kommunisten von links, die ja faktisch verschwunden sind, sondern auch vom Radikalismus von rechts Voraussetzungen für ein besseres Arbeiten gegeben sind. Aber wir wissen alle, welch große Verantwortung in diesem Resultat liegt, und wir wissen insbesondere alle ganz genau, dass die eigentlichen Entscheidungen unseres deutschen Schicksals nun erst recht auf uns zukommen, denn die eigentliche Entscheidung fällt in der Auseinandersetzung mit unserem sowjetischen Nachbar und fällt in der Frage, ob es uns gelingt, auf friedlichem Wege die Sowjetzone endlich wieder mit Westdeutschland zu vereinigen und den Riss, der unser Vaterland durchschneidet, diesen Riss zu beseitigen.“ 


Rexin:
Krieg und Nachkrieg hatten schwere Lücken in Berlins museale Schätze gerissen, und es  sollten noch Jahre vergehen, bis die Stiftung Preußischer Kulturbesitz errichtet wurde und ihre Arbeit aufnahm.  Eine wichtige Etappe auf dem Wege dorthin konnte Ernst Reuter noch selbst würdigen.

Heimann:
Am 11.September eröffnete er im Museum Dahlem eine Ausstellung von 152 Gemälden, die dem Kaiser-Friedrich-Museum-Verein gehörten und aus Wiesbaden nach Berlin zurückgebracht worden waren.

TAKE 18  Reuter im Dahlemer Museum am 11.9.1953 – 1’34“

„Ich bin tief bewegt darüber, dass nach den vielen vielen Mühen, die wir alle aufgewandt haben  und an denen ich selber mein gerüttelt Maß mit beigetragen habe, dass wir heute hier zum ersten Mal etwas Dauerndes übernehmen können. Diesem ersten Dauernden wird weiteres Dauernde folgen müssen.
Wir sind heute nicht auf dem alten historischen Grunde der Museumsinsel. Wir werden auch dahin wieder zurückkehren, wir werden auch die Museumsinsel wieder unser eigen nennen, und wir werden auch dort manches wiedersehen, was uns fehlt ( ...) Wir wissen  zwar nicht, wohin der Pergamon-Altar gegangen ist, wir wissen nicht, wohin die Sixtinische Madonna gegangen ist, um nur irgend etwas zu nennen. Wir wissen aber, dass das, was im Westen geblieben war, gesichert ist und wiederkommt und seine Wiedererstehung feiern wird, so dass ganz Deutschland auch Euch heute schon zur Verfügung steht. Freut Euch an diesen Schönheiten, die menschlicher Geist in Jahrhunderten und Jahrtausenden geschaffen hat und schöpft daraus die Hoffnung, dass der menschliche Geist unsterblich ist und nicht untergehen wird. „


Heimann:
Seine letzte Reise führte ihn nach Hamburg zur Hauptversammlung des Deutschen Städtetags, der ihn zum fünften Mal zu seinem Präsidenten wählte.

Rexin:
Er wollte nicht wie üblich mit dem Auto über Helmstedt fahren, sondern den nördlichen Weg über Lauenburg nehmen. Unterwegs schickte ein DDR-Posten ihn zurück, weil in seinem Interzonenpass  Straße und Hausnummer seiner Wohnung nicht bezeichnet waren. Mit berichtigten Papieren unternahm er am folgenden Morgen einen zweiten Versuch – nun mit Erfolg.

Heimann:
Zum letzten Mal hörten ihn die Berliner am Abend des 27.September – nach seiner Rückkehr aus Hamburg.


TAKE 19  „Wo uns der Schuh drückt“ - letzte Rede am 27.9.1953 – 1’37“

„Ich komme sozusagen aus der Sowjetzone. Ich bin seit zwanzig Jahren um ersten Mal einen Weg gefahren durch Städte und Dörfer, die ich lange, lange nicht gesehen habe. Ich möchte, es könnten alle diese Dörfer und Städte sehen. Das Herz kann einem still stehen, wenn man sieht, wie die Verarmung, das Elend aus allen Poren guckt, wie nichts hat in Ordnung gebracht werden können, wie alles – ich will nicht sagen verkommen, das wäre ein hässlicher Ausdruck, aber alles zeugt dafür, dass die Menschen einfach nicht die Möglichkeit haben, sich so zu entwickeln, wie es ihrer eigenen Tatkraft und ihrem eigenen Willen entsprechen würde, und die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass auch diese Menschen einmal wieder in Freiheit leben können, dass wir ihnen helfen können, die empfinde ich nach einer solchen Fahrt stärker als je zuvor. Ich habe in Hamburg auf dem Städtetag gesagt, wir würden, wenn wir dort wieder arbeiten könnten, sicher die Menschen finden, die in zwei, drei Jahren aus diesen Städten wieder etwas machen würden. Genau so wie wir es in Westdeutschland gekonnt haben und wie wir es trotz aller Erdrosselungsmaßnahmen gegen uns ja zu einem Teile, wenn auch nicht so sehr, wie wir es möchten, hierin Berlin doch getan haben und weiter tun werden.“ 


Rexin:
An diesem Sonntag studierte er Akten, besuchte abends mit seiner Frau Hanna eine Festwochen-Inszenierung der Städtischen Oper, leitete am Montag die Sitzung des Senats, empfing den UN-Flüchtlingskommissar, empfand nachmittags Übelkeit, ging trotzdem noch zu einer Sitzung des Landesvorstandes seiner Partei, erlitt in der Nacht zum Dienstag Herzanfälle mit Atemnot und Schmerzen, gegen die ärztliche Hilfe wenig ausrichten konnte.

Heimann:
„Nun präsentierte die Natur die Rechnung für all die Jahre der rücksichtslosen Härte gegen sich selbst.“

Rexin:
- schrieben seine Biographen Willy Brandt und Richard Löwenthal in ihrem Buch „Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit“, in dem sie knapp zusammenfassten, was in der Stadt geschah, nachdem Reuters Herzschlag am Abend des 29.September 1953 kurz vor 19 Uhr erloschen war :

Heimann:
„Die Nachricht von Reuters Tod, durch die Rundfunkstationen und Extrablätter verbreitet, veränderte in wenigen Stunden das Gesicht Berlins. Brennenden Kerzen standen plötzlich überall in den Fenstern der Berliner Wohnungen – und niemand hatte zu der Bekundung der Trauer aufgefordert. Es war der Anfang einer tagelangen Demonstration der Liebe und des Schmerzes von Millionen, die ohne Beispiel in der Geschichte Berlins war.“

Rexin:
In der nächsten Folge seiner Sendereihe  „Wo uns der Schuh drückt“ verlasen Rundfunk-Sprecher Briefe von Hörern, die um ihn trauerten – und zuletzt hatte die Frau das Wort, die länger an 26 Jahre an seiner Seite gewesen war. 


TAKE 20 Hanna Reuter in „Wo uns der Schuh drückt“ – 10.10.53 – 3’39“

Sprecher : „Worte des Dankes spricht jetzt Frau Hanna Reuter.“
Hanna Reuter : „Liebe Freunde in Berlin, in Westdeutschland und besonders Ihr in der  sowjetischen Zone. Am liebsten möchte ich jedem einzelnen persönlich danken, der mir und meinen Kindern in diesen Tagen geschrieben hat. Die liebevollen Worte über meinen Mann werden noch lange in uns nachwirken und uns helfen. Die innigsten Gaben sind die kleinen Blumensträuße, die die Flüchtlinge, die Armen und die Bedrückten brachten. Die Blumen aus westdeutscher Erde und die aus ostdeutscher Erde – mit den letzten Grüssen aus
Magdeburg, aus Halle, aus Leipzig, aus der Mark Brandenburg  und von den Arbeitern der großen Werke der Sowjetzone -  umgeben ihn.
In aller meiner Trauer aber denke ich daran, dass ich nicht verzagt sein darf, weil mein Mann niemals in seinem  Leben verzagt war. Es mochten ihn manchmal noch so viele Dinge bedrücken, aber er stellte sich dem Leben , wie es kam. Er wusste  immer, dass auch aussichtslos scheinende Situationen zu meistern waren, wenn man ihnen mit Geduld, mit festem Willen und mit harter Entschlossenheit begegnete. Ihn konnte nichts brechen, nicht die erste große Katastrophe seines Lebens, der erste Weltkrieg, dessen Ausgang er als noch junger Mensch voller Entsetzen voraussah. Auch die Schrecken und  Demütigungen der Konzentrationslager haben ihn nicht beugen können. Noch immer aber haftet in mir sein schmerzlicher Ausdruck im Gedächtnis, als ich ihn nach einer zweiten KZ-Haft endlich wieder in meine Arme schloss: ‚Ich habe nicht gewusst, dass es im deutschen Volk solche Menschenschinder gibt.’

Dass er gezwungen war, ins Ausland zu gehen, vertrieben von seiner geliebten Heimaterde leben zu müssen, war trotz mancher Freude an der großen, weiten Welt ein bitteres Los für ihn. Er wusste genau, was Deutschland bevorstand, aber immer stand sein Entschluss fest, dorthin zurückzukehren. Es hat in den ganzen zwölf Jahren, die wir in der Türkei verbrachten, nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem wir nicht von Deutschland gesprochen haben.
Als wir 1946 endlich die Möglichkeit fanden, in die Heimat zurückzukehren, standen seine Augen voller Tränen über das Deutschland, das er wiederfand. Seine Liebe galt immer Berlin. An einem der kältesten Tage des Dezember 1946, als wir dort eintrafen, ist er sofort  an seine Arbeit gegangen, als hätte er sie niemals verlassen. Er ist vor keiner Schwierigkeit zurückgeschreckt, denn über allen Sorgen und allen Gefahren stand sein Glaube an das Gute im Menschen, an den Sieg der Freiheit des menschlichen Geistes. Alles setzte er ein für dieses Ziel. Er hat einmal
gesagt, dass es seine glücklichste Zeit war, hier in Berlin für die Freiheit kämpfen zu können. Ich verzage nicht. Auch Berlin und die Ostzone brauchen nicht zu verzagen – bis die Fahne der Freiheit wieder auf dem Brandenburger Tor weht – über Deutschland, unserem geliebten Vaterland.“