Reuter-Gedenkveranstaltung: Gedenkrede von Klaus Schütz

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Reuter-Gedenkveranstaltung: Gedenkrede von Klaus Schütz

Der SPD-Landesverband ehrte den früheren Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter mit einer Gedenkveranstaltung am 26.9.2003. Klaus Schütz stellte uns sein Redemanuskript zur Verfügung.

 

Klaus Schütz:

Ernst Reuter - die Leitfigur im Freiheitskampf

   Es ist schon erstaunlich, wie präsent Ernst Reuter noch heute ist. Bei vielen vor allem in Berlin. Und das fünfzig Jahre nach seinem Tod.  Und nicht nur bei den Älteren. Der Grund ist wohl darin zu sehen, daß er ein überzeugendes Beispiel dafür ist, wie die Fähigkeiten eines Mannes ihre Zeit finden und wie die Zeit ihren Mann findet. Genau dann war er da, als es auf ihn ankam. Auf ihn zuerst und vor allem. Als auf den Straßen von Berlin über die Freiheit und damit über die Zukunft entschieden wurde.

                                                                            1.

   Übrigens: Nicht nur über die Freiheit und die Zukunft der Berlinerinnen und der Berliner. Sein Appell war gerichtet an die Völker der Welt. Sie sollten auf Berlin schauen, um zu erkennen, daß hier nicht allein über diese Stadt, sondern daß hier auch über Wohl und Wehe vieler Menschen und überall in der Welt entschieden wurde. Und dieser Appell war nur deshalb so erfolgreich, weil hinter ihm mehr stand als der Freiheitsdrang allein dieser Stadt.

   In den Jahren 1947 und 1948  ging vor es allem darum, den Völkern der Welt klar zu machen, daß an diesem herausragendem Ort dem Kommunismus in der Form, die er unter der Führung von Stalin gefunden hat, widerstanden werden muß. Im Interesse und zum Wohle aller. So Ernst Reuter im August 1948: "Der Kampf um Berlin ist mehr als ein Kampf um eine kleine Stadt von drei Millionen Einwohnern, dieser Kampf um Berlin ist der Kampf um die Wiedererneuerung, um die Wiederherstellung Deutschlands, die Wiedergewinnung einer europäischen Einheit, er ist der Kampf um den Frieden der Welt".

   Fünfundfünfzig Jahre später ist dies alles mehr oder weniger Geschichte. Es ist Vergangenheit. Von vielen nur dunkel erinnert und für viele ohne Bezug zur heutigen Wirklichkeit. Aber erstaunlich bleibt es doch, daß Ernst Reuter den ersten Platz im Herzen der Stadt behalten hat. Und es lohnt sich über diesen Tatbestand nachzudenken.

    Denn auch in der damaligen Zeit gab es in Berlin eine beachtliche Reihe von  Persönlichkeiten, die ich in meiner Erinnerung sehr wohl "herausragend" nennen würde. Aber wer kennt heute noch die Namen derer, die in den Jahren 1948/49 an führender Stelle in Berlin agiert haben? Da sind etwa zu nennen  Louise Schröder, Franz Neumann, Otto Suhr,  Curt Swolinsky, Ferdinand Friedensburg, Jakob Kaiser, Ernst Lemmer, Marie-Luise Lüders, Carl-Hubert Schwennicke, Hans Reif. Wenn nicht einige von ihnen als Namen zumindest im Straßenbild der Stadt erhalten geblieben wären, die meisten von ihnen würden heute vergessen sein.

                                                                      2.

   Aber Ernst Reuter ist weiterhin präsent. Ich meine, es hat damit etwas zu tun, daß von seiner Persönlichkeit ganz direkt eine außerordentliche Wirkung ausgegangen ist. Auf alle, die ihn damals erlebt haben. Übrigens: Ganz gleich, ob in einem Gespräch im kleinen Kreis oder bei einer Rede auf einer jener machtvollen Volksversammlungen, die es damals so beeindruckend gegeben hat.

   Ich bin sicher, daß diese Ausstrahlung geprägt war vom Wissen um die Besonderheiten seines Lebens. Denn Ernst Reuter hat - so der amerikanische Historiker Fritz Stern - nicht nur deutsche Geschichte geprägt und gemacht. Sondern er hat sie mitgemacht, er hat sie  erlitten und er hat sie mit verblüffender Sicherheit verstanden. Mehr noch: Er hat in einigen wichtigen Aspekten die deutsche Geschichte sozusagen vorweggenommen. Er hat im eigenem Leben die wichtigsten sozialen und politischen Auseinandersetzungen erfahren, ehe sie in der deutschen Politik allgemein ihren Niederschlag gefunden haben.

   Zwei zentrale Entscheidungen müssen hier - wie ich meine - genannt werden. Da ist -  einmal -  sein Schritt vom Bürgersohn zum Sozialisten. Sein Bruch also mit seinen Eltern. Sie hatten sein Engagement für die sozialdemokratische Sache aus konservativ- nationalistischer Sicht zutiefst mißbilligt. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Und es war - zweitens - für ihn  ebenfalls von besonderer Bedeutung, daß er nach einem anfänglich sehr engagierten Interesse  an den ursprünglichen Zielen der Russischen Revolution, dann mit der Kommunistischen Partei Deutschlands gebrochen hat. Voll und ohne Einschränkung. Das war im Jahre 1921.

                                                                     3.

   Zum einem: Sein Entschluß, nach dem bestandenem Staatsexamen doch nicht Beamter in Preußen zu werden, hatte eine zutiefst ethische Begründung. Er wollte - so seine Briefe an die Eltern - in einem  Staat mit einer derartigen Struktur nicht Lehrer sein. Denn: "Als Sozialdemokrat kann ich kein Beamter sein, und wenn ich den traurigen Mut hätte, das, was mein Gewissen mich zu sagen treibt, zu verleugnen, dann wäre ich ein innerlich unglücklicher Mensch...". Zu seinem Entschluß, Sozialdemokrat zu werden, war er ganz gewiß nicht leicht gekommen. Er wurde ihm erschwert durch die totale Ablehnung und durch die geistige Enterbung, mit der seine von ihm geliebten Eltern diese seine Entscheidung beantwortet haben. Für sie war die Sozialdemokratie Verrat am Vaterland und am Christentum, an den heiligsten Gütern ihres Lebens. Und so verweigertem sie dem Sohn die geringste Unterstützung.

   Ernst Reuter beschloß, sich direkt und aktiv an seine Partei zu binden. Im Jahre 1913 hat er an die Eltern geschrieben: "Ich kann nicht dafür, daß ich Sozialist bin, das ist meine Überzeugung, die sich mir in langer und nicht leichter Arbeit gefestigt hat, und um die ich die schwersten und heftigsten Kämpfe durch gefochten habe". Er hat sich entschieden. Er  wurde das, was damals bei den Sozialdemokraten ein "Wanderredner" genannt wurde. Damit   gehörte er zu den etwa 11000 bezahlten Parteiangestellten, über die die SPD in den Jahren 1913/14, also kurz vor dem Ersten Weltkrieg, verfügte.

   Allerdings: Ob diese Einsatzbereitschaft über den 4. August 1914 so engagiert anhielt, muß füglich bezweifelt werden. Denn an diesem Tag stimmte die SPD erstmals einer kaiserlichen Haushaltsvorlage zu und bewilligte so die Kriegskredite. Ernst Reuter gründete im Herbst des gleichen Jahres die pazifistische Organisation "Bund Neues Vaterland". Zusammen mit ihm unter anderen Albert Einstein und Leopold von Wiese. Er verfaßte als Sekretär dieses Bundes mehrere Gutachten und Memoranden. Vor allem aber eine umfangreiche Denkschrift über die verhängnisvolle Vorkriegsdiplomatie der deutschen Regierung. Sie erregte den Unwillen hoher Militärs. Und einige Tage später wurde Ernst Reuter zum Wehrdienst eingezogen. Er mußte Soldat werden.

                                                                       4. 

   Die zweite und ebenso prägende Entscheidung von Ernst Reuter ist sein Bruch mit dem Kommunismus. Dem war als direkte Folge der Russischen Revolution ein wichtiges Engagement vorausgegangen. Er war im September 1916 als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Verwundet durch Schüsse in den linken Ober- und Unterschenkel und durch einen Bruch im Oberschenkel. Aus dieser Gefangenschaft wurde er durch die Revolution befreit. Und er  meldete sich bei der neuen Moskauer Führung. Er fragte, ob sie für ihn eine sinnvolle Aufgabe habe. Als "ein Mann mit besonderer Ausstrahlung" wie Lenin leicht ironisch bemerkt haben soll, wurde er im Sommer 1918 zum Sowjetkommissar ernannt und zu den Wolgadeutschen gesandt.

   Das war nicht ganz so erstaunlich, wie es im Rückblick erscheinen mag. Auch andere deutsche Kriegsgefangene, die unter dem Eindruck der Revolution zu überzeugten Kommunisten geworden waren, wie etwa Roland Freisler, der spätere Präsident des nationalsozialistischen "Volksgerichtshofs", wurden etwa zur gleichen Zeit als Kommissare eingesetzt. Dennoch bedeutete es für Ernst Reuter eine steile und unvorhergesehene Karriere. Denn binnen weniger Monate hatte er es vom wehrlosen Kriegsgefangenen zu einer Art von Regierungschef gebracht - mit gerade 29 Jahren.

     Ernst Reuter war ohne jede Verwaltungskenntnis. Und er hatte keine Erfahrung in der Führung einer politischen Massenbewegung. Jetzt aber mußte er inmitten von Mangel, von Transportchaos und von Bürgerkrieg ein Gemeinwesen für  Hunderttausende, die seinen politischen Ideen zumeist fremd oder gar feindlich gegenüberstanden, so organisieren, daß es zu einer Insel relativer Ruhe und Ordnung wurde. Übrigens: Zum ersten Mal war es ihm so möglich, Politik schöpferisch zu gestalten. Erst jetzt konnte er sich selbst über das Ausmaß seiner Fähigkeiten und seiner Möglichkeiten klar werden.

    Als dann der Erste Weltkrieg zu Ende war, verlangte er, wieder nach Deutschland gehen zu können. Und ausgestattet mit positiven Voten der Moskauer Führung kam er am Weihnachtstag des Jahre 1918 in Berlin an. Hier wurde Ernst Reuter - mit dem Tarnnamen "Friesland" - sehr bald eine Führungsperson der gerade gegründeten KPD. Erst als Berliner Bezirkssekretär und dann als Generalsekretär der gesamten Organisation. Schließlich hatte ihn immerhin Wladimir Iljitsch Lenin   seinen deutschen Freunden besonders empfohlen.

   Im Dezember 1921 hat Ernst Reuter allerdings diese Partei verlassen. Weil er ihre diktatorischen und zersetzenden Ziele verabscheute. Er sah jetzt, daß die KPD zu einer reinen  "Filiale" Moskaus geworden war. Ein Instrument in den Händen von unerfahrenen russischen Kommissaren. Sie waren nicht daran interessiert, die deutsche Partei zum Wohl der deutschen Arbeiter einzusetzen, sondern allein am Funktionieren  des eigenen Regimes.

                                                                      5.

   Von Lenin ist das Wort überliefert: "Reuter ist ein brillanter und klarer Kopf, nur ist er etwas zu unabhängig". Ich meine: Das ist so etwas wie ein Motto, mit dem das Leben dieses Mannes insgesamt und auf gültige Weise charakterisiert werden kann. Als Fazit bleibt: Zwei zentrale Lebenserfahrungen - das Ringen um die Anerkennung einer sozialistischen Ethik bei seinen Eltern und die intime Begegnung mit kommunistischer Versuchung und Wirklichkeit - haben ihn zum leidenschaftlichen Demokraten und Verteidiger der Freiheit bestimmt.

    Danach war er Redakteur bei der "Freiheit", dem Zentralorgan der Unabhängigen Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Wenig später - nach der Vereinigung der beiden sozialdemokratische Parteien - kam er - jetzt wieder  Sozialdemokrat - zum  "Vorwärts". Dessen Chefredakteur Friedrich Stampfer meinte in späteren Jahren: Ernst Reuter sei ein "solider Journalist" gewesen, "kein glänzender". Sein Ziel war jetzt nicht mehr die Revolution, sondern die Stabilisierung der weiterhin gefährdeten Republik. In einem Artikel aus dem Jahre 1924 bezeichnet er es als die zentrale Aufgabe der deutschen Sozialdemokraten, "den Massen des arbeitenden Volkes innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ein sozial erträgliches Dasein und eine starke politische Machtstellung zu verschaffen".

   Im Oktober 1926 wurde er von der Berliner Stadtverordneten - Versammlung zum besoldeten Verkehrsstadtrat gewählt. Er war verantwortlich für den Ausbau der BVG zu jenem Nah - Verkehrs - Unternehmen, das auch heute noch in jedem internationalem Vergleich als beispielhaft gut gilt. Ella Kay - sie war nach dem letzten Krieg in Berlin eine allseits hoch geachtete Jugendsenatorin - erinnerte sich Mitte der fünfziger Jahre an ihre Zusammenarbeit damals mit Ernst Reuter. Er sei "voller Elan" gewesen. Ein Mann, "von dem man sich kaum vorstellen konnte, daß er einmal einen Feierabend hatte". Und dem füge ich hinzu: Er war eben damals schon -  in seiner ersten Magistratszeit - der begnadete Kommunalpolitiker, als den wir ihn nach seiner Rückkehr in Berlin erlebt haben. Es bleibt noch nachzutragen,daß er später zum Oberbürgermeister von Magdeburg gewählt wurde und dann auch zum Mitglied des Deutschen  Reichstags.

                                                                            6.

    Nach dem Machtantritt Hitlers im Januar 1933 haben ihn die Nationalsozialisten  in ihren Konzentrationslagern auf schändlichste Weise gequält und mißhandelt. Hanna Reuter, seine Frau, hat - wir haben es soeben gehört - in einem RIAS - Interview berichtet, wie er ihr nach seiner zweiten KZ - Haft gesagt hat: "Ich habe nicht gewußt, daß es im deutschen Volk solche Menschenschinder gibt". Und sie hat dem hinzugefügt, "daß auch die Schrecken und die Demütigungen der Konzentrationslager ihn nicht haben beugen können".

   Ernst Reuter fand dann ein rettendes Exil in der Türkei. Und am Ende des Krieges kehrte er sofort nach Deutschland zurück. Bereit zu vollem Einsatz.

    Dieser Bericht von Hanna Reuter gibt mir die Gelegenheit auf diese außergewöhnliche Frau hinzuweisen. Sie hat zu ihm gestanden in guter und in elender Zeit. Und sie hat ihm geholfen bei seinen Mühen und in vielen für ihn schmerzhaften Stunden. Er hatte in ihr eine Lebensgefährtin gefunden, die seine Kämpfe, seine Wanderungen und sein Schicksal geteilt hat. Die in all den Krisen treu und unerschütterlich zu ihm gestanden hat. Ich meine: Hanna Reuter war eine außerordentliche Frau.

                                                                        7.

   Ich stimme denen zu, die das Fundament seines Wesens und seiner öffentlichen Wirkung  in der moralischen Kraft sehen, die dieser Mann verkörperte. In seiner Auffassung vom Leben und von Politik. Die Ausstrahlung dieser seiner moralischen Grundüberzeugungen - seines Pflichtbewußtseins und seines praktischen Idealismus -  haben ihn zum Mann seiner Zeit gemacht. E hat - wie ich meine - jenen Idealismus der ursprünglichen sozialdemokratischen Botschaft besessen, der als die Sehnsucht nach einer besseren Welt der SPD in früheren Jahren die Kraft gegeben hat und ein unbändiges Vertrauen in die Zukunft.

   Er war die Leitfigur der großen Auseinandersetzung, die schon bald nach dem Kriegsende um Berlin begonnen hatte und die dann bis weit in die sechziger Jahre andauerte.Wir erinnern uns. Zu Beginn des Jahres 1948 hat der Marschall der Sowjet - Union Wassili Davidowitsch Sokolowski im Alliierten Kontrollrat seinen drei westlichen Kollegen erklärt, das Berlin ein Teil der ihm unterstellten Zone sei. Damit kündigte er -  so unverblümt wie nur denkbar - die erste Berlin Krise an. Diese Krise war unvermeidbar, wenn immer und wann immer die Westmächte zu eigenen Entscheidungen in ihren Berliner Sektoren kommen würden. Und das war der Fall, als sie es zuließen, daß im Jahr 1948 die Deutsche Mark in West - Berlin eingeführt wurde.

   Von jetzt ab waren die Dinge in und um Berlin nicht mehr lokale Begebenheiten. Und auch nicht mehr bloß deutsche. Spätestens von jetzt ab war Berliner Politik ein Teil der internationalen Politik geworden. Die Krisen in und um Berlin waren über den kommunalen  Bereich weit hinaus gewachsen. Und mit ihnen auch Ernst Reuter.

    Denn spätestens von jetzt ab hat er als eine Art Leitfigur für die Stadt die Richtung bestimmt. Weit über den Tag hinaus, an dem wir - seine Berlinerinnen und seine Berliner - ihn zu Grabe getragen haben.

    Es bleibt allen, die es miterlebt haben, unvergeßlich, wie wir nach seinem so frühen Tod von Ernst Reuter Abschied genommen haben. In allen Teilen der Stadt gab es Veranstaltungen. Die Trauer war allgemein. Und die Kerzen in den Fenstern sagten darüber mehr aus als all die Reden, Proklamationen und Leitartikel.  Wir  Sozialdemokraten haben den Toten in einem feierlichem Zug vom damaligem Knie zum Rathaus Schöneberg gebracht. Die Bürger der Stadt, aus Ost und West, erwiesen dort und auf dem Weg zum  Zehlendorfer Friedhof  ihrem toten Regierendem die letzte Ehre.

                                                                        8.

    Zu Beginn der Berliner Blockade hatte Lucius D. Clay - damals der amerikanische Oberbefehlshaber in Deutschland - Ernst Reuter schonungslos angesichts der sowjetischen Zwangsmaßnahmen die Lage geschildert. Nämlich: Daß die Versorgung der Stadt nicht unbedingt gesichert sei und daß der Erfolg der Luftbrücke nicht garantiert  werden könne. Ernst Reuter hat ihm ohne Zögern geantwortet: "Herr General, es kann überhaupt keine Frage sein, wo die Berliner stehen. Sie werden für die Freiheit eintreten, und sie werden jede Hilfe, die ihnen geboten wird, dankbar annehmen.". Das ist die Leitlinie der Berliner Politik geblieben, all die Jahre hindurch.

   Allerdings gehört dazu noch ein Zweites. Denn die Politik war nicht allein auf Abwehr, nicht lediglich auf Verteidigung nach außen beschränkt. Bei dem Festakt zur 750 - Jahresfeier Berlins hat Willy Brandt sich an ein Gespräch erinnert, das im Jahr 1948 in seiner Wohnung am Halensee stattgefunden hat. "Gustav Klingelhöfer, der liebenswerte, aus Metz stammende Stadtrat für Wirtschaft," - so berichtet er - "entwickelte seine freiheitliche Vision von dem, was er Europäische Revolution nannte. Paul Löbe, der ehrwürdige Präsident des Weimarer Reichstages, dann väterlicher Freund im Bundestag, meinte, das wolle alles wohl bedacht sein. Aber Ernst Reuter - noch Verkehrsstadtrat, da als Oberbürgermeister am sowjetischen Veto gescheitert - meinte: Sein Beitrag zu Europa müsse sich einstweilen darauf konzentrieren, nach und nach für die Fenster in den Berliner Straßenbahnwagen zu sorgen".

   Zum Engagement der drei Berliner Schutzmächte gehörte also von Anfang an ein eigener Beitrag der Berliner. Ein Beitrag, der eben nicht nur in einer Art von passiver Einordnung in gegebene Machtverhältnisse bestand. Die Berliner Politik wollte und sollte - nach dem Willen von Ernst Reuter - durch eigenes Handeln dafür sorgen, daß die durch den Krieg zerstörte Stadt - so bald wie irgend möglich - ein Gemeinwesen wird, das gleichermaßen lebensfähig und lebenswert ist. Nur dann würde es gelingen die außerordentlichen Belastungen zu bestehen, in denen und vor denen damals Berlin stand.

                                                                       9.

   In seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen sagt der Schweizer Kulturhistoriker:" Der große Mann ist ein solcher, ohne welchen die Welt uns unvollständig schiene, weil bestimmte große Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind; er ist wesentlich verflochten in den großen Hauptstrom der Ursachen und Wirkungen". Und ich meine, daß hier wohl ein wichtiger Hinweis dafür vorliegt, warum Ernst Reuter heute noch - und immerhin 50 Jahre nach seinem Tod - zu unserem Leben, zu Berlin ganz direkt gehört.

   Da ist von Einzigkeit die Rede und von Unersetzlichkeit. Genau darum ging es bei Ernst Reuter in jener ersten Krise um Berlin.Und ich meine, es bleibt auch im Rückblick deutlich erkennbar, daß für die richtige Bewältigung dieser Krise eben dieser Mann einzig und unersetzlich war.Dies im wesentlichen aus zwei Gründen.

    Einmal: Er war der erste deutsche Nachkriegspolitiker, der wie westliche Welt beeindruckt hat. Weil nur eine Persönlichkeit wie er es erreichen konnte, das Mißtrauen der Welt - und hier gerade der Amerikaner - gegen die Deutschen zu überwinden. Und dies noch nicht einmal drei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Und zum Zweiten: Weil er in der Lage war - gestützt auf seine Lebenserfahrungen - eine Führungskraft besonderer Art unter Beweis zu stellen. Wohl verstanden: Eine Führungskraft in der Demokratie, die in der Lage war, die Berlinerinnen und die Berliner mitzureißen. Gerade dann, als es darum ging, daß die Stadt insgesamt vor aller Welt ihre Entschlossenheit zur Freiheit zweifelsfrei demonstriert.

                                                                           10.

   Meine Schlußfolgerung im Blick auf die fünfzig Jahre, die seit dem Tod dieses wahrhaft großen Mannes vergangen sind: Die Berlinerinnen und die Berliner haben recht, den Sozialdemokraten Ernst Reuter - ihren ersten Regierenden Bürgermeister - in ihrer Erinnerung zu behalten. Sein Denken und sein Handeln bleiben beispielhaft. Auch heute noch und in einer völlig veränderten Weltordnung.