Klaus Wowereit: Berlin verneigt sich vor Ernst Reuter

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Klaus Wowereit: Berlin verneigt sich vor Ernst Reuter

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat am 29. September 2003 auf der Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, im Großen Saal des Roten Rathauses die folgende Rede gehalten (es gilt das gesprochene Wort):

"Als Ernst Reuter heute vor 50 Jahren starb, war ganz Berlin auf der Straße, um von seinem Regierenden Bürgermeister Abschied zu nehmen. Es war eine ergreifende Szenerie. Ich zitiere aus der Ernst-Reuter-Biographie von Willy Brandt und Richard Löwenthal: ,Als der mächtige Fackelzug seiner Parteifreunde dem Sarge Ernst Reuters (...) das Geleit zum Schöneberger Rathaus gab, zwischen den Häusern voll brennender Kerzen hindurch, da säumten Hunderttausende von Trauernden die Straßen, unter ihnen viele Männer und Frauen, die aus der Ostzone gekommen waren. Den ganzen Freitag über, bis spät in die Nacht, zogen Abertausende an dem Sarg vorbei, der nun auf der Freitreppe vor dem Rathaus aufgebahrt war (...). Und als am Sonnabendnachmittag nach einem feierlichen Festakt vor dem Rathaus das Trauergeleit, mit Bundespräsident Theodor Heuß an der Spitze, zu Reuters letzter Ruhestädte auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof fuhr, da standen noch einmal Hunderttausende, Berliner und Einwohner der Zone, schweigend in den Straßen - und weinten.'

Soweit das Zitat. Was ich besonders bemerkenswert finde, ist, dass zum Abschied von Ernst Reuter die ganze Stadt zusammenkam, obwohl sie geteilt war. Es war das letzte Mal - bis zur Wiedervereinigung 1989/90. So wird der Tod Ernst Reuters in der Rückschau zu einem Menetekel für die deutsche Teilung. In der Trauer um Ernst Reuter konnten die Berliner zum letzten Mal für sehr lange Zeit ihre Zusammengehörigkeit ausdrücken. Sein Name steht deshalb für das Festhalten an der Einheit Deutschlands und Berlins. Ernst Reuter war die Stimme aller Berlinerinnen und Berliner. Damals war die Stadt geteilt, obwohl es noch keine Mauer gab.

Es war eine schwere Zeit für Berlin. Der Kalte Krieg hatte mit der Blockade Berlins einen Höhepunkt erreicht. Die SED befürchtete ein Ausbluten ihrer Stadthälfte und griff immer mehr zum Mittel der Abschottung. Gleichzeitig versuchte sie immer wieder, mit gezielten Übergriffen und Aktionen die Spaltung Berlins zu vertiefen. Im Westteil der Stadt kursierten Befürchtungen, Ost-Berlin versuche die Westsektoren zu überrennen. Und Ernst Reuter war damals fest entschlossen (wie es bei Brandt und Löwenthal heißt), ,die Bevölkerung zum Kampf aufzurufen, wenn die SED einen Putsch in West-Berlin wagen sollte.'

Es war eine Zeit der Ungewissheit und der Furcht. Aber es war auch eine Zeit der Hoffnung. Und diese Hoffnungen verbanden sich mit Ernst Reuter. Bundespräsident Theodor Heuss hat es in folgende Worte gefasst: ,Er wusste darum, dass Mut für tapfere Seelen eine ansteckende Kraft besitzt (...). Er wusste aber auch, dass Schwachheit und Not der Liebe bedarf.'

Das ist eine vorzügliche Beschreibung des Menschen Ernst Reuter. Aber sie trifft auch auf den Politiker Ernst Reuter zu. Eben hier - in der Einheit von Mensch und Politiker - liegt das Geheimnis von Ernst Reuters Charisma: Er hat Anderen seine Ideale vorgelebt. Er stand für ein besseres Deutschland als das der Nationalsozialisten. Er wurde wegen seiner Überzeugungen von den Nazis verfolgt, wurde gedemütigt, geschlagen und ins KZ gesperrt. Er stand aber auch für ein besseres Deutschland als jenes, das die SED für sich in Anspruch nahm. Ernst Reuters Antifaschismus war keine Kampfparole, sondern eine gelebte und durchlittene Erfahrung. Er war als junger Soldat im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Er hatte, wie so viele Männer und Frauen seiner Generation mit der Oktoberrevolution sympathisiert und sich vom Kommunismus abgewandt, als dieser seine unmenschliche Seite zeigte.

Ernst Reuter hat eine wechselvolle Geschichtsepoche durchlebt mit Brüchen und Katastrophen. Aber er ist sich und seinen Überzeugungen stets treu geblieben. Und diese waren durchdrungen von Humanität, Gerechtigkeitssinn und Freiheitsliebe. Wenn Ernst Reuter in seinen unnachahmlich kraftvollen Reden Frieden und Freiheit beschwor, dann wussten seine Zuhörer: Dieser Mann hat sein Leben lang für seine Ideale gekämpft, und er würde davon keinen Fuß breit zurückweichen.

Das ist es, was ihn bei den Machthabern im Osten verdächtig machte, aber bei der Bevölkerung in beiden Teilen der Stadt beliebt. Ernst Reuter sprach für alle Berlinerinnen und Berliner. Das war auch so bei der berühmten Kundgebung am 9. September 1948, als sich Hunderttausende Menschen vor der Ruine des Reichstags versammelt hatten.

Es war ein Moment großer Unsicherheit. Die vier Siegermächte tagten im Kontrollratsgebäude. Und die Berlinerinnen und Berliner befürchteten, die Stadt könnte von den Westmächten am Verhandlungstisch preisgegeben werden. In dieser Lage erhob Ernst Reuter seine Stimme im Namen des ,Volkes von Berlin' für die Freiheit und Sicherheit der Stadt.

Diese Rede bewegte die Massen. Im Anschluss zogen Tausende zum alliierten Kontrollratsgebäude in der Potsdamer Straße. Jugendliche waren auf das Brandenburger Tor geklettert und hatten die sowjetische Fahne eingeholt. In den Ostteil heimkehrende Demonstranten wurden dort in Auseinandersetzungen mit Polizeikräften verwickelt. Ein Jugendlicher wurde erschossen.

Diese Szenen erinnern stark an den Volksaufstand in der DDR fünf Jahre später. Der 9. September 1948 war ein Vorbote des 17. Juni 1953. Dies war den Alliierten im Juni 1953 offenbar bewusst gewesen, als sie Ernst Reuter die schnelle Heimreise von Wien, wo er an einem Städtekongress teilnahm, nach Berlin verweigerten. Damals hing das Schicksal Deutschlands und Berlins von den Siegermächten ab. Ernst Reuter hat um dieses Dilemma gewusst. 'Wenn die sowjetische Besatzungsmacht nicht wäre', sagte er noch auf dem Kongress in Wien, ,dann würde ich heute ganz allein ins Rathaus des Ostsektors von Berlin gehen und die Geschäfte des Regierenden Bürgermeisters von ganz Berlin übernehmen, gestützt von der jubelnden Zustimmung der ganzen Berliner Bevölkerung.' Dieser Triumph blieb Ernst Reuter verwehrt. Aber die Geschichte hat ihm doch recht gegeben. Der 17. Juni 1953 war eine unvollendete Revolution, deren Vermächtnis durch die friedliche Revolution vom Herbst 1989 eingelöst wurde.

Ernst Reuter hat sein Leben lang für den Willen nach Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung gekämpft. Wir verneigen uns vor diesem großen Berliner."