Ernst Reuter - SPD-Landesauschuß gedenkt Ernst Reuters

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Ernst Reuter - SPD-Landesauschuß gedenkt Ernst Reuters

„Tut eure Pflicht mit ganzer Leidenschaft!"
Der Landesausschuss gedenkt Ernst Reuters

In einer ergreifenden Gedenkstunde des Landesausschusses der SPD Berlin würdigte nach einleitenden Worten Franz Neumanns der langjährige Freund Ernst Reuters, Senator Dr.. Paul Hertz, den Verstorbenen als Menschen und Politiker.

Berlin und seine Freunde, die deutsche Sozialdemokratie, das ganze Deutschland und die freie Welt hätten ihn noch lange nötig gehabt. Berlin ist nicht geeint, Deutschland ist nicht frei und nicht geeint., Europa wartet auf seine Einigung und die Welt hofft auf Frieden.
Ernst Reuter war mehr als der Regierende Bürgermeister von Berlin. Schon für die Berliner war er mehr. Ich sage nicht zu viel: Er war der Vater der Berliner geworden, der, zu dem man aufsah, der, dem man vertraute, der, auf den man hoffte und auf den man zählen konnte in jeder Not und Gefahr.
Kein Weg in dieser Welt war ihm zu weit, keine Aufgabe ihm zu anstrengend und zu groß. Er trug Berlin in seinem Herzen, die Berliner des unglücklichen Ostsektors, die Deutschen der unglücklichen Ostzone waren seine eigentliche Sorge. Er war bis zu seinem Einschlafen bei vollem Bewusstsein, ahnte und glaubte nicht an sein Ende. Er war erfüllt von den Aufgaben, die er als die dringendsten und drängendsten empfand. Mehrfach sprach er noch von dem Notstandsprogramm: Es müsse erweitert werden, um Zehntausenden derer, die nach einem dauernden Arbeitsplatz suchen, Beschäftigung zu gehen.
Kaum 48 Stunden sind vergangen, seitdem Ernst Reuter zum letzten Mal zu seinen Berlinern und Berlinerinnen sprach. Wer, wie ich, fast vier Jahrzehnte mit ihm gemeinsam zuhat, wer über alle Zeiten und Entfernungen hinweg seine Freundschaft besass, wer seine kühnen Ideen, sein reines Wollen, sein grosses Können jeden Tag aufs neue erleben durfte, der weiss, welch grosser Mensch und welch grosse Kraft mit ihm dahinging.
Seitdem die Todesnachricht außerhalb Berlins bekannt geworden ist, ist die Welt so fassungslos. wie wir alle es jetzt sind. Er galt überall als ein grosser Mensch und der Staatsmann, auf den diese zerrissene und nach Heilung ihrer Nöte rufende Zeit ihre grosse Hoffnung gesetzt hatte.
Was Ernst Reuter auszeichnete und was ihn selbst von den von mir hochverehrten Führern der SPD aus der Weimarer Zeit unterschied, das ist jene seltene Verbindung von umfassenden Kenntnissen auf allen, Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, der Wirtschaft und des ganzen praktischen Lebens, der inneren Verbundenheit mit dem Schicksal aller Menschen, klein und groß, hoch und niedrig, mit der Einsicht, dass diese Welt zu einer besseren gemacht werden kann, mit der Entschlossenheit und dem Mut, den sie alle in den grossen Heroentagen Berlins 1947/48 und nachher immer wieder erlebt haben. Für Ernst Reuter gab es keine hinderlichen Tatsachen, vor denen er sich beugte. Gestützt auf seine Auffassung, dass eiserner Wille Tatsachen schaffe, war er immer wieder unermüdlicher Mahner.
Könnte e r noch sagen, wo uns der Schuh drückt, nachdem er von uns gegangen ist, so würde er sagen: Tut mit ganzer Leidenschaft und mit eurem ganzen Leben eure Pflicht, wie ich es mit meiner ganzen Leidenschaft und mit meinem ganzen Leben getan habe.

aus: Berliner Stimme vom 3. Oktober 1953