Ernst Reuter - Sein Werk: Die BVG

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - Sein Werk: Die BVG

Reuter in der Straßenbahn
 

Die BVG - sein Werk
Als Stadtrat schuf er den Schnellverkehr – die Klammer Groß-Berlins

Als Berliner Stadtverordneter hatte sich Reuter bestens eingeführt, als 1926 der Posten des Stadtrates für Verkehr und Betriebe vakant wurde. Die Sozialdemokratie fand den Mann dafür sehr schnell in der Person Ernst Reuters.
Es war bewundernswürdig, wie sich der an Dienstjahren junge Reuter in die Verwaltung einarbeitete, wie schnell er nicht nur die Finessen der Verwaltung zu beherrschen lernte, sondern wie er auch im Magistratskollegium das Ohr vieler altgedienter Stadträte aller Parteien fand. Es gab in der Stadtverordnetenversammlung vor 1933 kaum ein Magistratsmitglied, das in so meisterlicher Weise verstand, eine für sein Ressort offizielle Erklärung im Plenum der Stadtverordnetenversammlung, die immerhin 225 Köpfe stark war und aus elf Parteifraktionen zusammengesetzt war, abzugeben.

BVG-Zeitschrift - Artikel von ReuterStets wußte Reuter in seinem Ressort das Parteipolitische von dem Sachlichen zu trennen, ohne dabei den Sozialdemokraten zu vergessen. Niemals hat ihn die Stadtverordnetenversammlung dabei angetroffen, daß er seiner Erklärung oder der Begründung zu einer Vorlage ein Wort der Polemik gegen Redner der Fraktionen angehängt hätte. Was der Stadtrat Reuter zu erklären hatte, das stand für sich.
Reuter übernahm sein Amt in schwerer Zeit für Berlins Verkehr, Die Stadt hatte sich von den Wirren des ersten Weltkrieges erholt, es wurde gebaut, und zwar gerade in den Außenbezirken, wo die großen Wohnsiedlungen entstanden, die heute mit dem Stadtbild zusammengewachsen sind. Aber der Verkehr mit den Massenverkehrsmitteln kam nicht mit. Reuter sah sich oft der Front der damals noch getrennt verwalteten drei Verkehrsgesellschaften gegenüber: der Großen Berliner Straßenbahn-Gesellschaft, der Allgemeinen Berliner Omnibus-Aktiengesellschaft und der erst im Werden befindlichen Gesellschaft für Hoch- und Untergrundbahnen.
Das Wachstum der Stadt, ihre Erweiterung nach außen hin, ließ Reuter, den Stadtrat, sehr schnell erkennen, daß nur ein unter einer einheitlichen Verwaltung stehendes, in der Hand der Stadt befindliches Verkehrsunternehmen die Gewähr für den Ausbau und den Betrieb eines großstädtischen Verkehrs bieten konnte. Das war seine kommunalhistorische Erkenntnis. Daß das eine Gigantenarbeit sein mußte, war Reuter von Anfang an klar, und selbst in der sozialdemokratischen Fraktion gab es Männer, die - fast möchte man sagen - zurückschreckten vor der Bildung eines solchen Riesenunternehmens. Aber Reuter hätte nicht er selbst sein müssen, wenn er für richtig und möglich Erkanntes nicht zur Ausführung gebracht hätte. Zuerst mußte er im Magistrat Zustimmung für seinen Plan gewinnen, diesen Magistrat, der nicht nach der Stärke der Fraktionen gebildet war, sondern zum erheblichen Teil aus Beamten bestand, die mehr Beamte als Politiker waren.
Als Stadtrat aber begann Ernst Reuter dann die eigentliche Arbeit zur Vereinigung der drei gesonderten Verkehrsgesellschaften. Diese oft in vielen Punkten divergierenden Gesellschaften mit ihren gesonderten Direktionen unter einen Hut zu bringen, war des Schweißes des Besten wert, Reuter war dieser Beste!
Am 10. Dezember 1928 wurde die Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft mit einem sich fast ganz in Händen der Stadt befindlichen Kapital von 400 Millionen Mark in das Handelsregister eingetragen - Berlin hatte seine „BVG"! Doch Ernst Reuter mußte diese Vereinigung nur als den Anfang für den Ausbau des städtischen Verkehrsnetzes betrachten. Er wußte, daß der Berliner Verkehr früher oder später von der Straßenoberfläche verschwinden würde und daß nur die Untergrundschnellbahn eine Zukunft als Massenverkehrsmittel haben konnte. Der Erkenntnis folgten der Plan und die parlamentarische und administrative Durchführung. Überall in Berlin wurde gebuddelt, überall entstanden die Untergrundbahnen nach Reuterschen Plänen. Es war sein ureigenstes Werk, wenn eine Teilstrecke nach der andern eröffnet werden konnte. So ist Reuter der Vater des heutigen Schnellverkehrs unter den Straßen Berlins.

 

 
Die Fahrt - Zeitschriftencover
 

Für die Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Berliner U-Bahn 1952 schrieb Ernst Reuter, der auch als Oberbürgermeister und als Regierender Bürgermeister Vorsitzender des Aufsichtsrates der Verkehrsgesellschaft blieb, dieses Vorwort: „Daß es in Berlin einmal keine U-Bahn gegeben hat, ist eine historische Tatsache. In unserem täglichen Leben können wir uns aber die Untergrundbahn nicht mehr fortdenken. Sie ist eine der Klammern, die Berlin zusammengehalten hat. Wie wichtig sie für uns ist, hat sich nach der Katastrophe von 9945 gezeigt, wo man mit allen Mitteln darangegangen ist, sie sofort wieder in Gang zu bringen, weil sie zusammen mit der S-Bahn das Skelett Berlins darstellt. In den letzten zwanzig Jahren hat sie sich nicht mehr ausdehnen können. Ihr größtes Wachstum zeigte sie in der Zeit der Weimarer Republik; das halbe heutige U-Bahn-Netz stammt aus dieser Zeit. Diese Zeit hat auch Pläne für die Zukunft vorbereitet, und wir alle hoffen, daß es uns gelingen wird, Berlin wieder frei und einig zu sehen, damit wir später einmal unsere U-Bahn weiter ausbauen können."
Reuter gedachte in diesem Vorwort noch der Pioniere und Mitbegründer des Berliner Schnellbahnnetzes, „die alle von uns gegangen sind, deren Wirken wir aber nicht vergessen werden".

Nun ist auch der Mann, unser Ernst Reuter, der Berlin die einheitliche Verkehrsgesellschaft schuf, von uns gegangen. Ein Denkmal -- nicht nur als Stadtrat von Berlin - sind die Berliner Untergrundschnellbahnen.
M. J.

aus: Berliner Stimme, 3. Oktober 1953