Ernst Reuter - Nachruf von Willy Brandt

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - Nachruf von Willy Brandt

In seinem Geiste weiter arbeiten

Nicht allein das deutsche Volk, die ganze freie Welt und Millionen hinter dem Eisernen Vorhang trauern um Ernst Reuter. Nirgends wird der Verlust jedoch schmerzlicher empfunden als in jenem Berlin, dessen Freiheitskampf er entscheidend geformt und geführt hat.
Seinen Berlinern war Reuter mehr als der „0. B." oder der „Regierende", den man ihn nannte, seitdem die Stadt den Status eines deutschen Landes erhalten hatte. Er war ihnen Landesvater, Lehrer, Mahner und guter Freund zugleich. Reuter war volkstümlich im besten Sinne des Wortes. Die Berliner hingen an ihm. Sie wussten, woran sie bei ihm waren. Er wußte, wo ihnen der Schuh drückte. Hätte es in Berlin eine Volkswahl des Bürgermeisters gegeben, Reuter wäre mit turmhoher Mehrheit durchs Ziel gegangen.
Ende 1946, als er endlich heimkehren. konnte aus dem Exil, war er seinen Parteifreunden und den politisch Interessierten kein unbeschriebenes Blatt. Seinen neuen und grossen Namen schuf er sich in den folgenden Monaten als der demokratisch gewählte, aber wegen des sowjetischen Vetos nicht anerkannte Oberbürgermeister von Berlin. Als Stadtrat oblag es ihm, die öffentlichen Verkehrsmittel wiederaufzubauen. Während eines reichlich in die Ferne schweifenden Europagesprächs konnte er von einem halben Dutzend renovierter Strassenbahnwagen erzählen und trocken bemerken, dies sei vorläufig s e i n Beitrag zu einer besseren Welt. Was er tat, tat er ganz.
Aber in eben jenen Tagen wurde er auch zur motorischen Kraft des Ringens um Freiheit und Menschenwürde in diesem Berlin, der isolierten und schwer mitgenommenen deutschen Hauptstadt. Der in seinem ganzen Wesen freundliche und friedfertige Mann schleuderte der Sklaverei ein leidenschaftliches Nein entgegen,
Reuter beherrschte die seltene Kunst, schwierige Dinge auf einen einfachen Nenner zu bringen, ohne sie zu verflachen. Seine Worte waren einfach, eindringlich, menschlich. Zu Universitätsprofessoren konnte er ebenso sprechen wie zu den Arbeitern. Auf den von Hunderttausenden besuchten Kundgebungen, vor den Abgeordneten, auf Tagungen und über den Rundfunk appellierte er immer wieder an das Gute im Menschen. Er zeigte positive Lösungen auf und zeichnete den Weg in eine bessere Zukunft vor. Selbst verzweifelte er nie am Sieg der Freiheit. Deshalb vermochte er auch anderen Hoffnung einzuflössen. Man hat ihn gelegentlich einen überschwänglichen Optimisten genannt. Was wäre wohl aus Berlin geworden ohne unbeugsamen Willen und ohne den Glauben, der Berge zu versetzen vermag!
Es war an einem Tage zu Beginn der Blockade im Juni 1948, als Reuter den Amerikanern sagte, er zweifle an den Möglichkeiten der Versorgung durch die Luft. Eines möge man jedoch zur Kenntnis nehmen: die Berliner Bevölkerung habe ihren Weg unabhängig von den Entschlüssen der Alliierten gewählt. Sie werde sich gegen die neue Diktatur wehren, solange sie dazu nur irgend in der Lage sei. _ Diese einfachen Worte eines europäischen Politikers, der von den Amerikanern nichts erbat, sondern ihnen eine Mitteilung machte, haben geschichtliche Bedeutung erlangt.
Der Berliner Bürgermeister war ein Mann des Ausgleichs. Unter seiner Führung hielten die demokratischen Kräfte der Stadt trotz vieler Meinungsverschiedenheiten zusammen. Aber er war kein Freund von Wankelmut und politischer Verschwommenheit. Er war vornehm und versöhnlich, aber er verstand auch, scharf zu formulieren und mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Geistige Enge und kleinliches Gezänk waren ihm zuwider. Feind und Freund hat er gleichermassen seine Meinung gesagt. Davon können die Vertreter der Westmächte ein Lied singen, die er von Anfang an als Bundesgenossen betrachtete und denen gegenüber er sich dennoch oder gerade deshalb nichts vergeben hat. Manches hätte heute schon anders aussehen können
Ernst Reuter sprach für ganz Berlin. Er genoss das Vertrauen gerade auch der Mitbürger aus dem Ostsektor und der Flüchtlinge aus der Zone. Keiner verstand wie er, das Unrecht zu geisseln und der gemeinsamen Sehnsucht nach einer helleren Zukunft Ausdruck zu verleihen. Dabei blieb er mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, die es seiner Meinung nach erst zu erkennen und dann zu meistern galt. Seine tägliche Sorge galt den vielen Einzelheiten der kommunalen Verwaltung. Wenige vermögen zu ermessen, was es hiess, die Administration einer sektorengespaltenen Millionenstadt neu aufzubauen. Immer wieder und gerade in den letzten Tagen noch rang Reuter mit dem Problem der Berliner Arbeitslosigkeit. Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist der Neuaufbau seiner Stadt ein gutes Stück vorangekommen.
Unvollständig und geradezu falsch bliebe jedoch ein Bild, das Ernst Reuter nur als den Politiker und Verwaltungsmann zeichnete. Die Wesenszüge des sorgenden und geliebten Familienvaters, eines innerlich selten reichen Menschen, einer wissenschaftlichen und musischen Natur würden dabei ausfallen. Zu seinem Leben gehörten die gute Zigarre und das gute Buch, die Natur und ihre Blumen. Zu ihm gehörten die alten Griechen und klassische Musik ebenso wie Goethe und die moderne Literatur. Die Errichtung der Freien Universität ist weitgehend sein Werk, einer seiner vielen unerfüllt gebliebenen Wünsche war der Wiederaufbau der Philharmonie. Er bemühte sich fortgesetzt um den lebendigen Kontakt mit dem, was junge Menschen dachten, in unserem Land und außerhalb unserer Grenzen.
Ist es nach alledem zuviel gesagt, dass Reuter in Berlin unersetzlich sei? Wir können ihn nicht ersetzen. Wir können uns nur bemühen, in seinem Geiste weiterzuarbeiten. Willy Brandt

Berliner Stimme, 3. Oktober 1953