Ernst Reuter - Nachruf Berliner Stimme

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - Nachruf Berliner Stimme

Reuter-Nachruf in der BS
 

Ein Leben für die Freiheit
Ernst Reuter ist von uns gegangen - erschüttert stehen wir vor seiner Bahre

Der Freund dem Freunde
Von Paul Hertz
Zweimal hat uns das Weltgeschehen auseinandergerissen: 1914 war der Weltkrieg der Anlass, 1933 das Hitlerregime.
Beide Male waren wir jahrelang getrennt, beide Male fanden wir uns schnell wieder zusammen. Mein Wunsch, ihm bei seiner grossen Aufgabe aufrichtiger Freund und tatkräftiger Mitarbeiter zu sein, beruhend auf der Überzeugung, dass unsere Arbeit erfolgreich sein werde, half ihm wie mir, Schritt für Schritt Schwierigkeiten zu überwinden.
Nicht immer haben Ernst Reuter und ich alles übereinstimmend beurteilt; aber niemals hat das unsere Zusammenarbeit beeinträchtigt. Denn: beide haben wir durch die sozialistische Bewegung jene Ideale in uns aufgenommen, die unser Leben inhaltsreich gemacht und befähigt haben, unsere Kraft für das Wohl der Allgemeinheit einzusetzen. Beide waren wir unerbittliche Gegner des deutschen Nationalismus und leidenschaftliche Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung. Beide haben wir unter der unfreiwilligen Trennung von unserem Mutterboden Deutschland, die uns heimatlos gemacht hat, gelitten. Beide fühlten wir uns der Aufgabe verpflichtet, dem deutschen Volke zu helfen, die Nöte zu überwinden, die ein barbarisches System verschuldet hatte. Beide wollten wir Berlin zur alten Blüte bringen, die Stadt, der eine historische Rolle in dem Ringen der Welt um Frieden zugedacht ist.
Und dennoch ist es mir ein tiefes Bedürfnis, zu sagen, dass unsere Freundschaft gleichzusetzen ist der Zusammenarbeit zwischen Meister und Gesellen.
Es war im April 1949. Ernst Reuter kam nach Amerika.
Wir trafen uns nach 16jähriger Trennung in Washington. „Wie kannst du in Amerika sein, während ich dich in Berlin brauche?" Das war seine erste Frage. Obwohl voller Zweifel, ob man nach 16jähriger Abwesenheit fähig sein würde, eine neue grosse Aufgabe zu übernehmen, sagte ich zu; in der Überzeugung, dass eine Zusammenarbeit mit Ernst Reuter die sichere Gewähr sei, dass auch die grössten Schwierigkeiten gemeistert werden können. Diese Überzeugung hat nicht getrogen. Nach einem Jahr harter Arbeit konnte ich ihm sagen, es sei das glücklichste Jahr meines Lebens.
In dieser kurzen Episode ist vieles von dem enthalten, was über den Menschen und Freund Ernst Reuter gesagt werden kann. Kraft und Sicherheit, Mut und Vertrauen, Eigenschaften, ohne die keine Aufgabe gelöst werden kann: diese Eigenschaften, die Ernst Reuter in so hohem Masse besass, übertrugen sich auf jeden, der das hohe Ziel seines Kampfes erkannt hatte.

Es war nicht leicht, das uneingeschränkte Vertrauen von Ernst Reuter zu gewinnen. Die hohen Anforderungen, die er an sich selbst stellte, stellte er auch an andere. Wie wenige andere ist Ernst Reuter in den so ereignisreichen 64 Jahren seines Lebens immer derselbe gewesen, und mehr als andere hat ihn sein unermüdlicher Drang, immer neue und grössere Aufgaben zu bewältigen, zu neuen Entschlüssen gebracht. Aber geblieben ist in allen Zeiten die Überzeugung, dass Recht und Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und politische Freiheit die unantastbaren Grundlagen jeder Gesellschaftsordnung sein müssen, die Bestand haben soll. Treue zu diesen Grundsätzen, Treue zu den Menschen, die das gleiche erstreben, hat er vielmals durch die Tat bewiesen - auch im Kampf gegen Mächte, denen sich sonst alles beugen masste.
Es sind diese Grundsätze gewesen, die den jungen Ernst Reuter, aus bürgerlichem Hause stammend, zur Sozialdemokratie geführt haben. Es sind diese Grundsätze gewesen, die ihn vorübergehend haben glauben lassen, dass das Licht schneller im Osten aufgehe. Es sind diese Grundsätze gewesen, die seine praktische Arbeit in der Weimarer Republik befruchtet haben. Es waren diese Grundsätze, die ihn während der Hitlerjahre ins Exil trieben. Es waren diese Grundsätze, die ihn 1946 zurückbrachten und die ihn als Lenker der Geschicke Berlins und als Vorkämpfer für ein neues, freies und geeintes Deutschland leiteten.
Ernst Reuter war ein grosser Mensch. Ein umfassendes Wissen auf allen Gebieten machte es ihm leicht, grosse Aufgaben zu erfüllen. Aus diesem reichen Schatz abzugeben und andere an seinen Erfahrungen teilnehmen zu lassen, war ihm Bedürfnis. Deshalb ist so vieles, was in den letzten Jahren in Berlin geschaffen wurde, auf seine persönliche Initiative zurückzuführen.
*
Der Meister fehlt.
Er ist nicht zu ersetzen.
Wir werden dem Weg folgen, den er uns wies.

Ein Mann mit Herz

Von Fritz Bühl
Berlin hat einen Menschen verloren, einen Menschen, dessen Herz bis zur letzten Stunde, solange es schlug, für die Berliner und darüber hinaus für alle Menschen offen war. Es schlug vor allen Dingen für alle jene, die durch äussere Umstände der Stimme ihres Herzens nicht folgen konnten und als Unfreie und Unterdrückte leben mussten.
Das wussten die Menschen schon zu Lebzeiten Ernst Reuters. Wie sehr sie jedoch diesen Schmerz empfinden, erwies sich in jener Stunde, als Ernst Reuters Herz den Dienst versagte. Alle jene, die die Strassen säumten und aus innerer Anteilnahme ihren Tränen freien Lauf liessen, als die sterbliche Hülle ihres Regierenden Bürgermeisters zum Rathaus, seiner Arbeitsstätte, übergeführt wurde, wissen, was sie verloren haben.
Jene Frauen, die die Flammen ihrer Kerzen mit ihren Tränen netzten, fühlten, sein Herz schlug für uns wie das unsere für ihn.
Es war ein starkes Herz. Stark für alle, die täglich um ihr Leben kämpfen mussten, und die täglich bereit waren, für mehr als die nackte Existenz zu wirken und zu kämpfen. Dieses starke Herz schlug aber nicht zuletzt auch für jene, , die eine Führung brauchten, um sich an ihr aufzurichten.
Wenn ein solches Herz stillsteht, dann trauern nicht nur die nächsten Angehörigen und jene, die das Glück hatten, diesen Menschen näher zu kennen, die Trauer und der Schmerz sind allgemein.
Berlin nahm Abschied von Ernst Reuter. Er wurde mitten aus seiner Arbeit aus unserer Mitte gerissen. Seine Sorge galt unserer Stadt, galt unserem Schicksal.
Auch wenn es ihm nicht vergönnt war, den Tag zu erleben, für den er sich restlos einsetzte, den Tag, an dem alle deutschen Menschen in Freiheit leben können und darüber hinaus die Tyrannei auf der ganzen Erde ein Ende gefunden hat, war sein Beitrag für dieses Ziel von bedeutendem Gewicht.
Deshalb ist die Trauer um diesen Menschen allgemein. Sie ist es dort, wo Menschen in Freiheit leben, und dort, wo sich Menschen nach Freiheit sehnen. So gross die Trauer um den Menschen und Politiker Ernst Reuter ist, und so schwer es sein wird, ihn zu ersetzen, sein Tod sei uns Verpflichtung und Mahnung zugleich, in seinem Sinne zu arbeiten und zu wirken, bis wir sein Werk vollendet haben und das geeinte Berlin die Hauptstadt des geeinten, freien Deutschlands sein wird.
Niemand schäme sich seiner Tränen, sie gelten einem Würdigen, der sich im Dienste für uns alle aufgerieben hat. Danken wir ihm dafür, so gut wir können, und wie es in seinem Sinne ist. Lasst uns alle zusammenstehen und rastlos sein Werk dort weiterführen, wo sein Herz ihn verliess. Er wird es uns danken. Treue um Treue!

aus: Berliner Stimme vom 3. Oktober 1953