Ernst Reuter - im Interview nach Amerikareise (4.4.1953)

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Ernst Reuter - im Interview nach Amerikareise (4.4.1953)

Berliner Stimme 1953
 

Berlin steht nicht allein!
Interview mit dem Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter

(B. S.) Ernst Reuter kehrte am Dienstagabend nach zweiwöchigem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten wieder nach Berlin zurück. Er erklärte bei seiner Rückkehr: „Amerika weih, welch wichtige Funktion Berlin im Weltgeschehen einnimmt. Als wertvollstes Ergebnis meiner Reise sehe ich es an, daß die Aufmerksamkeit Amerikas erneut auf die Lage Berlins gelenkt worden ist. Ich freue mich, wieder auf Berliner Boden zu stehen und habe nur eine Sehnsucht, nach Hause!"
Den zum Empfang des Regierenden Bürgermeisters versammelten Vertretern des Senats und der Berliner Parteien ist dieser Wunsch sicher verständlich gewesen. Die Redaktion der „Berliner Stimme" jedoch konnte dagegen unserem Regierenden Bürgermeister die wohlverdiente Ruhepause nicht allzu lange gestatten und bat ihn, unseren Lesern in einem Interview über seine Reiseeindrücke zu berichten. Nachstehend die Fragen des BS-Mitarbeiters und die Antworten Ernst Reuters:

 

 
Reuter-Karikatur
 
 

Frage : Haben Sie den Eindruck gewonnen, daß die Bereitschaft in den USA, dem freiheitlichen Berlin zu helfen, noch genau so groß ist wie bei Ihrem letzten Besuch?
Antwort: Ich glaube, die Bereitwilligkeit, zu helfen, ist eher noch größer geworden.
F r a g e: Da ein Teil der Flüchtlinge in Berlin verbleiben wird, hängt die Überwindung der Flüchtlingsnot auch weitgehend von der Schaffung neuer Arbeitsplätze in Berlin ab. Haben Sie bei Ihren Verhandlungen die Überzeugung gewonnen, daß mit vermehrten Aufträgen aus den USA gerechnet werden kann und auch mit weiterer finanzieller Hilfe zur Schaffung neuer Arbeitsplätze?
Antwort. Die Förderung des Berliner Exports nach den USA muß in Berlin mit den hiesigen Wirtschaftskreisen in die Hand genommen werden. Eine große Bereitwilligkeit, zu helfen, ist drüben vorhanden. Man muß sich aber darüber im klaren sein, daß dies Zeit erfordert. In Besonderheit müssen in Berlin Waren produziert werden, die in den USA absatzfähig sind. Sie müssen auch in einer geeigneten Form hergestellt und zur Verfügung gebracht werden.
Die Fortführung der finanziellen
Hilfe hängt wesentlich davon ab, in
welchem Umfang die neue Administration in den USA Mittel zur Verfügung stellt. Die Entscheidung darüber wird im Juni fallen. Daß Berlin dabei vergessen wird, halte ich
für ausgeschlossen.
F r a g e: Sind Sie davon überzeugt, daß im Falle von Gesprächen mit Vertretern der Sowjets, zumindest was die Vertreter der USA anbetrifft, die Frage der Einheit Deutschlands und von freien Wahlen im Vordergrund stehen wird?
Antwort: Ich bin sicher, dass die Vertreter der USA sich über die Notwendigkeit, die Einheit Deutschlands durch freie Wahlen herzustellen, im klaren sind. Eine irgendwiegeartete Bereinigung des Verhältnisses zu den Sowjets ohne Klärung dieser Frage halte ich für ausgeschlossen.
Frage : Besteht auch bei der Bevölkerung in den USA darüber Klarheit, daß der demokratische Sozialismus nichts mit dem östlicher Prägung gemein hat?
Antwort : In den USA bestehen ganz andere Parteiverhältnisse als bei uns. Daß der Regierende Bürgermeister Berlins ein Sozialdemokrat ist, ist allgemein bekannt, und wie Sie gesehen haben, weiß man auch allgemein, daß er ein Vertreter des unbedingten Selbstbehauptungswillens gegenüber dem sowjetischen System ist. Schon aus der Art meines Empfangs kann man wohl,: den Schluß ziehen, daß dieser Unterschied ganz allgemein bewußt ist.
F r a g e : Sie haben dieser Tage erklärt, daß Sie nach Ihrer Rückkehr nach Berlin neue Schritte unternehmen würden, um die Einheit Berlins wiederherzustellen. Können Sie darüber schon Näheres sagen?
Antwort: In dem Augenblick, in dem die Möglichkeit der Erörterung aller strittigen Fragen zwischen dem Westen und den Sowjets in greifbare Nähe rückt, müssen wir Deutschen meiner Überzeugung nach, unsere eigenen Forderungen stärker denn je betonen. Wir werden deswegen auch in Berlin immer wieder erneut die Forderung nach der Einheit erheben und werden auch sonst alles tun müssen, um zu zeigen, daß wir in Übereinstimmung mit der Bevölkerung des Ostsektors und der Sowjetzone unsererseits an der Beseitigung der zwischen uns errichteten Sperre arbeiten wollen. In welcher Form wir solche Schritte dann unternehmen, ist sorgfältig zu prüfen.
F r a g e : Bei der dritten Lesung des Wiedergutmachungsabkommens mit Israel hat nur die Hälfte der Abgeordneten der Regierungsparteien mit Ja gestimmt. Wie hat die tiffentlichkeit in den USA darauf reagiert?
Antwort: Die Öffentlichkeit in den USA ist über innerpolitische Vorgänge in Deutschland wenig unterrichtet. Die Tatsache, daß das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel nur von der Hälfte der Abgeordneten der Regierungsparteien angenommen wurde, ist deshalb kaum zur Kenntnis genommen worden. Die unmittelbar interessierten Kreise dagegen haben dies wohl beobachtet.
F r a g e: Sehen Sie in der Nichtbeteiligung der Vertreter der FDP bei Ihrem gestrigen Empfang ein Anzeichen dafür, daß die FDP in Berlin koalitionsmüde geworden ist, wie es von einer Berliner Morgenzeitung kommentiert wurde?
A n t w or t: Ich sehe keinen Grund, aus der Nichtbeteiligung der FDP an dem freundlichen Empfang, den mir die Berliner Bevölkerung bei meiner Rückkehr bereitete, zu schließen, daß sie koalitionsmüde geworden ist. Im übrigen ist die FDP eine Partei, die sich über ihren Weg selbst klarwerden muß.

aus: Berliner Stimme vom 4.4.1953