Ernst Reuter: Im Herzen der Stadt

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Ernst Reuter: Im Herzen der Stadt

Ernst Reuter 1953
 

In einem Beitrag für die SPD-Wochenzeitung Berliner Stimme zeigt der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz die Bedeutung Reuters für die Geschichte Berlins, aber auch für die Gegenwart auf.

 

Ernst Reuter - die Leitfigur im Freiheitskampf

Es ist schon erstaunlich, wie präsent Ernst Reuter noch heute ist. Bei vielen vor allem in Berlin. Und das fünfzig Jahre nach seinem Tod. Und nicht nur bei den Älteren. Der Grund ist wohl darin zu sehen, dass dieser Mann ein überzeugendes Beispiel dafür ist, wie die Fähigkeiten eines Mannes ihre Zeit finden und wie die Zeit ihren Mann findet. Genau dann, als es auf ihn ankam. Auf ihn zuerst und vor allem. Als auf den Straßen von Berlin buchstäblich über die Freiheit und damit über die Zukunft entschieden wurde.. Nicht nur über die Freiheit und die Zukunft der Berlinerinnen und der Berliner. Denn sein Appell an die Völker der Welt, sie sollen auf Berlin schauen, um zu erkennen, dass hier nicht allein über diese Stadt, sondern dass hier über Wohl und Wehe der Menschen überall entschieden würde, war nur deshalb so erfolgreich, weil hinter diesem Aufruf mehr stand als der Freiheitsdrang Berlins. In den Jahren 1947 und 1948 ging es darum, den Völkern der Welt klar zu machen, dass an diesem herausragenden Ort dem Kommunismus in seiner stalinistischen  Ausprägung widerstanden werden musste. Im Interesse und zum Wohle aller.
Aber erstaunlich bleibt es doch, dass Ernst Reuter den ersten Platz im Herzen der Stadt behalten hat. Und es lohnt sich über diesen Tatbestand nachzudenken. Ich meine, es hat damit etwas zu tun, dass von seiner Persönlichkeit eine außerordentliche Wirkung ausging. Auf alle, die ihn damals erlebt haben. Übrigens: Ganz gleich, ob in einem Gespräch im kleinen Kreis oder auf einer machtvollen Volksversammlung.
Ich bin sicher, dass diese Ausstrahlung geprägt war vom Wissen um die Besonderheiten seines Lebens. Denn Ernst Reuter hat - so der Historiker Fritz Stern - nicht nur deutsche Geschichte geprägt und gemacht. Sondern er hat sie mitgemacht, erlitten und mit verblüffender Sicherheit verstanden. Mehr noch: Er hat in einigen wichtigen Aspekten deutsche Geschichte sozusagen vorweggenommen. Er hat im eigenem Leben die wichtigsten sozialen und politischen Auseinandersetzungen erfahren, ehe sie in der Politik ihren Niederschlag fanden.

 
Ernst Reuter - Eltern
 

Da ist zu nennen der Bruch mit seinen Eltern, die sein Engagement für die sozialdemokratische Sache aus konservativ-nationalistischer Sicht zutiefst missbilligten. Da muss auf seinen Einsatz für die ursprünglichen Ziele der Russischen Revolution von 1917 hingewiesen werden. Und dann auf seinen Bruch mit der Kommunistischen Partei Deutschlands im Jahre 1921. Danach war er -jetzt als Sozialdemokrat - Verkehrsstadtrat in Berlin und verantwortlich für den Ausbau der BVG zu einem beispielhaften Nahverkehrssystem. Später wurde er Oberbürgermeister von Magdeburg und Mitglied des Reichstags. Nach 1933 haben ihn die Nationalsozialisten im Konzentrationslager auf schändlichste Weise gequält und misshandelt. Er fand ein rettendes Exil in der Türkei. Und am Ende des Krieges kehrte er sofort zurück nach Deutschland, bereit zu vollem Einsatz.
Ich stimme denen zu, die das Fundament seines Wesens und seiner öffentlichen Wirkung in seiner moralischen Kraft sehen. In seiner Auffassung vom Leben und von Politik. Die Ausstrahlung dieser seiner moralischen Grundüberzeugungen – seines Pflichtbewusstseins und seines praktischen Idealismus - haben ihn zum Mann seiner Zeit gemacht. Denn er war die Leitfigur der großen Auseinandersetzung, die schon bald nach dem Kriegsende um Berlin begonnen hatte und die dann bis weit in die sechziger Jahre andauerte. Er hat der Stadt die Richtung bestimmt. Weit über den Tag hinaus, an dem wir - seine Berlinerinnen und seine Berliner - ihn zu Grabe getragen haben.
Zu Beginn der Berliner Blockade hatte ihm Lucias D.C1ay, Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, schonungslos die Lage geschildert. Nämlich: Dass die Versorgung der Stadt nicht unbedingt gesichert sei und dass der Erfolg der Luftbrücke nicht garantiert werden könne. Und Ernst Reuter hat ihm ohne Zögern geantwortet: „Herr General, es kann überhaupt keine Frage sein, wo die Berliner stehen. Sie werden für die Freiheit eintreten, und sie werden jede Hilfe, die ihnen geboten wird, dankbar annehmen." Das ist die Leitlinie der Berliner Politik geblieben, all die Jahre hindurch.
Allerdings gehört dazu noch ein Zweites. Denn die Politik war nicht allein auf Abwehr, nicht nur auf Verteidigung nach außen beschränkt. Bei dem Festakt zur 750- Jahrfeier Berlins hat Willy Brandt sich an ein Gespräch erinnert, das 1948 in seiner Wohnung am Halensee stattfand: „Gustav Klingelhöfer, der liebenswerte, aus Metz stammende Stadtrat für Wirtschaft., entwickelte seine freiheitliche Vision von dem, was er Europäische Revolution nannte. Paul Löbe, der ehrwürdige Reichstagspräsident, dann väterlicher Freund im Bundestag, meinte, das wolle alles wohl bedacht sein. Ernst Reuter - noch Verkehrsstadtrat, da als Oberbürgermeister am sowjetischen Veto gescheitert - meinte: Sein Beitrag zu Europa müsse sich einstweilen darauf konzentrieren, nach und nach für viele Fenster in den Straßenbahnwagen zu sorgen."
Zum Engagement der drei Berliner Schutzmächte gehörte also von Anfang an ein eigener Beitrag der Berliner. Ein Beitrag, der eben nicht nur in einer Art von passiver Einordnung in gegebene Willen von Ernst Reuter - durch eigenes Handeln dafür sorgen, dass die durch den Krieg zerstörte Stadt - so bald wie irgend möglich - ein Gemeinwesen wird, das gleichermaßen lebensfähig und lebenswert ist. Nur dann würde es gelingen, die außerordentlichen Belastungen zu bestehen, in denen und vor denen damals Berlin stand.
Meine Schlussfolgerung im Blick auf die fünfzig Jahre, die seit dem Tod dieses Mannes vergangen sind: Die Berlinerinnen und die Berliner haben Recht, den Sozialdemokraten Ernst Reuter - ihren ersten Regierenden Bürgermeister - in ihrer Erinnerung zu behalten. Sein Denken und sein Handeln bleiben beispielhaft. Auch heute noch und in einer völlig veränderten Weltordnung.

aus: BERLINER STIMME, Sonderausgabe zum 50. Todestag von Ernst Reuter