Ernst Reuter - Erinnerungen von Horst Löwe

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - Erinnerungen von Horst Löwe

Louise Schroeder und Ernst Reuter
 

Worin lag eigentlich die Faszination, die von diesem Manne ausging und die jeden persönlich berührte? Schon bald nach meinem Eintritt in die SPD, lernte ich das zu verstehen. Man hatte mich 1947 gerade erstmalig zum Landesparteitags-Delegierten gekürt, als ein in die Türkei emigrierter Professor, namens Ernst Reuter, am 27. April das Eröffnungsreferat für diese Sitzungsperiode halten sollte. Er war aus eigenem Entschluß und unter Aufwand erheblicher eigener Mittel nach Berlin gekommen und arbeitete seit kurzem im Magistrat mit. Die Älteren sprachen voller Hochachtung von ihm. Uns Jüngeren war er unbekannt. Die Not hatte uns gezwungen, überwiegend Politik für das Hier und Heute zu machen. Nun wurde uns eine Vision geboten, in der sich Schönheit der Sprache und Klarheit der Gedanken wundersam vereinten. Ja, das was dieser Mann vortrug, wollten wir. Er sprach von der Freiheit, für die wir kämpften und uns wurden die größeren Zusammenhänge unserer Sehnsucht bewußt. Er beschrieb die Idee der Demokratie, und wir verstanden, daß alle unsere Ziele nur erreichbar sind, wenn sich die SPD zur großen Volkspartei öffnet. Er endete: Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. – Diesen „Grundsätzen und Zielen der Sozialdemokratie stimme ich noch immer zu, auch nach so vielen Jahrzehnten. Uns war die Zeit wie im Fluge vergangen, obwohl wir stundenlang zugehört hatten. Hier wies sich ein Mann von umfassender Bildung und echter Leidenschaft als ein wertvoller Mitstreiter aus. Mit einem Schlage war er auch für mich der Ernst Reuter.

Das war schon ein merkwürdig zurückhaltender Mann, dieser Ernst Reuter. Erst langsam sickerte durch, daß er Deutschland nach 1933 mit 10 RM in der Tasche verlassen mußte. Von englischen Freunden borgte er sich die Kosten für die Reise in die Türkei, die er später zurückzahlte. Er war dann einer der höchstbezahlten Beamten in der Türkei im Range eines Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium und so bescheiden – daß er auf die Einkünfte aus seiner Lehrtätigkeit verzichtete. Diese Sicherheit gab er auf, um sofort nach dem Ende des Krieges nach Deutschland zurück zu kehren. Die Reise kostete ihn, wie er selbst bekundete, ein Vermögen. Sie belastete ihn bis zur Grenze seiner finanziellen Leistungsfähigkeit. Das tat er, ohne viel Aufheben zu machen, wohl wissend, dass er in Deutschland wieder völlig neu anfangen muß, denn sowohl seine Leistungen in Russland, eine Provinz trotz Sowjetregime so zu organisieren, dass sie mit ihren Lebensmittelüberschüssen auch noch Moskau beliefern konnte, als auch seine Erfolge in Berlin beim Aufbau einer leistungsfähigen BVG wurden von den Alliierten nicht unbedingt als Empfehlung angesehen.

Er leugnete nie seine – durchaus erfolgreiche – Mitarbeit am Aufbau der Sowjetunion, aber auch nicht seine Gründe bei der Abkehr vom Kommunismus. Und er zog Lehren aus seinen Erfahrungen. Durch sein Referat auf dem Parteitag und durch sein Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie, hatte er sich den Weg verbaut, 1948 als gewählter Oberbürgermeister auch bestätigt zu werden. Die sowjetische Besatzungsmacht lehnte einen aufrechten Mann ab, der die Sprachen aller Aliierten sprach und der alle Voraussetzungen erfüllte, Berlin dienen zu können. Sowjetische und deutsche Kommunisten verstärkten den Druck auf unsere Stadt bis in das Unerträgliche. Am 9. September wurden die demokratischen Stadtverordneten und der gewählte Magistrat endgültig aus dem Berliner Rathaus vertrieben. Dies geißelte Ernst Reuter auf einer überwältigenden Protestkundgebung vor dem Reichstagsgebäude. Dort unterstrich er auch den Ausspruch unseres viel zu jung verstorbenen Joachim Lipschitz: "Wir kommen wieder in den Ostsektor Berlins, wir kommen auch wieder in die Ostzone Deutschlands."

Für Reuter war die Zeit der Blockade schwer. Er eilte von Kundgebung zu Kundgebung und von Konferenz zu Konferenz, immer in dem Bestreben, feiges Nachgeben und faule Kompromisse zu verhindern. Unvergessen sind seine Worte: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!" Wer dabei war, kann sich auch heute noch nicht dem zwingenden, beschwörenden Bann seiner Aussage entziehen. Er war gemeinsam mit amerikanischen Generälen Motor und moralischer Rückhalt für die Bevölkerung und für unsere Alliierten. Wegen der Art, wie er sich für Berlin ein- und durchsetzte, stand diese Stadt hinter Reuter und seiner Berliner SPD. Er baute den Ruf der SPD aus, Berlin-Partei zu sein. Berlin konnte unter seiner Führung die Blockade überstehen. Nun galt es, den Wiederaufbau energisch zu betreiben, erneut war Ernst Reuter Planer, Organisator und Geldbeschaffer in einer Person. Von 1949 an unterstützte ihn auch ein hoffnungsvoller junger Mann, den das Vertrauen Kurt Schumachers nach Berlin begleitete, es war Willy Brandt.

Im Mittelpunkt seines Wirkens standen auch im härtesten Abwehrkampf die Überwindung der Kriegsfolgen und der Wiederaufbau seines Berlin. Eine besondere und wirksame Hilfe erhielt er aus Amerika. Als sogenannte GARIOA-Hilfe waren, von 1947 an, Gelder aus dem amerikanischen Haushalt zur Verfügung gestellt worden. Sie sollten der Bevölkerung in besetzten Gebieten zugute kommen. Berlin erhielt, dank des besonderen Einsatzes von Ernst Reuter, schon vor Inkrafttreten des bilateralen Abkommens mit der Bundesrepublik Mittel aus diesem Fonds. Allein während der Blockade waren es rund 679 Millionen DM. Aus dieser Quelle wurden dann auch mit dem ERP-Vermögen. Notstandsmaßnahmen finanziert. Bei der Lösung dieser Aufgaben war ihm sein lebenslanger Freund, Paul Hertz, von besonderem Nutzen.

Nicht alle Menschen gewinnen, wenn man sie näher kennen lernt. Anders war es bei Ernst Reuter. Am 28. Juli 1950 reiste ich mit einer Berliner Jugenddelegation nach Paris zu einem Internationalen Jugendtreffen in dem Vorort Suresnes. Wir wurden bei Antritt unserer Fahrt von Oberbürgermeister Ernst Reuter verabschiedet. Schließlich war es das erste Mal nach dem Kriege, daß eine offizielle Delegation nach Frankreich fuhr. Er kam direkt von einer langen und offenbar anstrengenden Senatssitzung; auf uns hatte er sich nicht vorbereiten können. Als er aber hörte, daß unser Ziel Suresnes sei, hielt er uns aus dem Stand einen detaillierten Vortrag über deren kommunalpolitische Besonderheiten. Und alles stimmte. Wer anders als Ernst Reuter hätte das parate kommunalpolitische Wissen vorweisen können und uns außerdem noch so kluge Ratschläge für unser Verhalten im Ausland geben können. Das stach von dem allgemeinen politischen "Blabla" vorteilhaft ab. Wir waren begeistert und auf unsere Mission, einzige deutsche Vertretung zu sein, auf eine besondere Art eingestimmt.

Im Oktober 1950 hatte Ernst Reuter dazu aufgerufen, dass die Ostberliner, die für die Beseitigung der kommunistischen Terrorherrschaft und für freie Wahlen in ganz Berlin sind, ihre Stammabschnitte der Lebensmittelkarte einsenden. Das Ergebnis lag schon 10 Tage später vor; über 400.000 Berliner aus dem Osten unserer Stadt votierten mit "Ja". Vielleicht haben wir uns nach der Wende zu wenig daran erinnert, dass es im Osten über die Jahre, solange die "DDR" bestand, viele Menschen mit dieser Motivation gab. In dieser "Stammabschnitt-Abstimmung" kam unser gemeinsames freiheitliches Denken und Fühlen in überwältigendem Maße zum Ausdruck."

Ernst Reuters Verdienste um den Aufbau Berlins und die Sicherung seiner Freiheit wurden durchaus geschätzt. Heute sind sie unstrittig. Alle folgenden Regierungen haben an seine Leistungen angeknüpft. Dennoch erlitten die Berliner Sozialdemokraten am 3. Dezember 1950 eine Niederlage. Da gab es auch keine Ausrede. Die Wahlbeteiligung war mit 90,4 % höher als 1948. Der Anteil der Stimmen für die SPD sank von 64,5 % auf 44,6%. Damals sah der Wähler neben der Persönlichkeit Ernst Reuters vordergründig den Streit in seiner Partei - personifiziert durch den Fraktionsvorsitzenden Franz Neumann und den Oberbürgermeister Ernst Reuter -. Diese Auseinandersetzungen wurden nicht verstanden und als kleinlich und wenig hilfreich empfunden. Und so gab es - wie immer, wenn die SPD in sich zerstritten ist - schlechte Wahlergebnisse. Die Partei schwebte zwischen Bebel und Reuter. Sie verlangte vom Wähler ein Bekenntnis zu Klassenkampf und Marxismus, anstatt von ihm nur die Zustimmung zu ihrer - im wesentlichen erfolgreichen - Regierungspolitik zu erbitten.

Das knappe Wahlergebnis spiegelte sich 1951 in der Abstimmung im Abgeordnetenhaus wieder. Ernst Reuter und Walter Schreiber erhielten 62 Stimmen. Die Pattsituation war nur schwer zu überwinden, zumal die Verhandlungsführer der SPD zu wesentlichen Positionen nur einen eingeschränkten Rückhalt in der eigenen Fraktion hatten. Erst nach langen Verhandlungen gelang es Reuter einen Senat zu bilden, an dem alle demokratischen Parteien beteiligt waren. Beide Kandidaten einigten sich, dass Ernst Reuter weiter Regierender Bürgermeister sein soll. Walter Schreiber erkannte die überragende Persönlichkeit Reuters an, dieser Kompromiß ist ihm, als Akt der Selbstverleugnung, hoch anzurechnen.

Im Senat war das Regieren nur gegen Widerstände möglich. Bei der Finanzierung der vielen Bauvorhaben zeigte sich bald, wie weitsichtig Ernst Reuter gehandelt hatte, als er die Ressorts ERP und Banken für sich beanspruchte. Auch die Vorhersage von Otto Suhr, dass ein Allparteiensenat auch bedeutet, dass sich jede Partei sehr bald bemüht, im Parlament gleichzeitig Opposition zu sein, stellte sich nur zu schnell als richtig heraus. Der Ernst der Lage zwang zu einschneidenden Maßnahmen, deren Richtigkeit erst später voll erkennbar wurde. Nach umfassenden Verhandlungen mit Bonn gab Ernst Reuter in einer Regierungserklärung bekannt, dass Berlin zur Wahrung der Rechtseinheit, mit dem Dritten Überleitungsgesetz bis an die Grenze des von den Alliierten Tolerierten, in das Finanz- und Gesetzgebungssystem des Bundes einbezogen wird. Dadurch wurde einerseits die Wirtschaft entscheidend gestärkt, andererseits mußte auf manches, was uns als Berliner Besonderheit lieb und teuer war, verzichtet werden.

Reuters Sendung "Wo uns der Schuh drückt", in der er seit November 1951 im RIAS regelmäßig persönliche Zwiesprache mit den Bürgern hielt, war ein Erfolg. Er war von der Resonanz überrascht. Schon nach einem Jahr hatte er tausende von Briefen als Echo auf seine Sendung erhalten. Auch wenn er nicht allen im Einzelfall in ihren Nöten und Sorgen helfen konnte, war es ihm doch wichtig, die "kleinen" Fragen aus den Zuschriften, die für den Einzelnen oft von großer Bedeutung sind, aufzugreifen, weil er es als Aufgabe der Verwaltung ansah, dem Bürger zu helfen. Diese Zielsetzung stünde auch heute noch jedem Gewählten gut an. Wie sehr der Regierende Bürgermeister damit den Nerv der Berliner traf, zeigte die spontane Reaktion auf seinen Aufruf in einer Sendung Anfang Dezember. Er bat dort: "wenn möglich am Heiligen Abend bei Einbruch der Dunkelheit eine brennende Kerze in eines der Fenster zu stellen, zum weihnachtlichen Gedenken an unsere noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen. Das wäre ein schöner symbolischer Akt, und ich würde mich freuen, wenn viele von Ihnen dieser Bitte folgen würden." Drei Tage später leuchtete aus allen Berliner Fenstern, hinter denen Menschen saßen, das Kerzenlicht.

Am 17. Juni 1953 durchlebten Ostdeutschland und Berlin erneut einen geschichtlichen Höhepunkt. Bei aller durch Hilfsbereitschaft und Beifall bekundenten Sympathie für die Demonstranten bleibt doch die Frage, haben wir gleich die volle Bedeutung des Aufstandes erkannt? Ich glaube, nein. Als er stattfand, war die Spitze der SPD nicht in Berlin, auch Ernst Reuter war in Wien zu einem internationalen Städtekongreß. Er versuchte sofort in die Stadt zurückzukehren. Da am 17. Juni sämtliche Flugzeuge ausgebucht waren, traf er erst am 18. Juni in Berlin ein. Seiner Bitte, ihm eine Militärmaschine zur Verfügung zu stellen, konnten die Alliierten nicht entsprechen. Mancher glaubte damals, daß sie nicht wollten, weil sie Angst vor der dynamischen Ausstrahlung des Berliner Bürgermeisters hatten. Für ihn bestand von Anfang an ein enger geschichtlicher Zusammenhang zwischen dem 20. Juli 1944 und dem 17. Juni 1953. Seine erste Reaktion war, alle Kräfte zu mobilisieren, um diesem Wahnsinn ein Ende zu machen, „denn mit Standrecht, mit Bajonetten und Panzern kann auf die Dauer ein Volk doch nicht niedergehalten werden.“ Nur wenige haben wohl sofort die ganze Tragweite des Geschehens erfaßt. Erst mit der Zeit kam die Erkenntnis, dass uns der Mantel der Geschichte gestreift hat. Zunächst gingen fast alle sehr schnell zur Tagesordnung über. Wie ist das zu erklären? Es war der Ausdruck der Ohnmacht, die uns zwang, auf eine günstigere geschichtliche Konstellation zu hoffen.

In dem Maße, in dem sich das Leben in den westlichen Bezirken verbesserte, verschlechterte sich die Versorgung im Ostteil der Stadt. Das veranlaßte Reuter, im Juli zu einer Aktion für die Bewohner der Ostbezirke aufzurufen. 75% der Berechtigten holten ihre Spende ab. Der Osten konnte nicht einmal während der Blockade, als wir alle hungern mußten, mit seinem Anerbieten, Lebensmittel auf Karten zu liefern, eine vergleichbare Wirkung erzielen.

Um Ernst Reuters Gesundheit stand es nicht zum besten, sein Herz war angegriffen. Er nutzte dessen ungeachtet grundsätzlich die Interzonenverbindungen. Am 24. September wurde ihm bei Lauenburg die Weiterfahrt nach Hamburg verwehrt. Er kehrte gegen Mitternacht nach Berlin zurück. Schikanen dieser Art waren immer mit langen Wartezeiten verbunden. Mit neuem Interzonenpaß versehen fuhr er am nächsten Tag wieder zum gleichen Übergang. Seine Devise war: "Und wenn ich fünfmal, sechsmal, siebenmal fahren muß - ich gebe nicht nach, darauf können Sie sich verlassen. Man hat nur so viele Rechte, wie man für sich in Anspruch nimmt." Da er für diese Fahrten oft seinen eigenen Volkswagen nutzte, waren solche Reisen ebenso strapaziös wie risikoreich. In Hamburg wurde er zum fünften Mal nacheinander zum Präsidenten des Deutschen Städtetages gewählt. Schon zwei Tage nach seiner Rückkehr - am 29. September - streikte um 19 Uhr sein nun auch noch durch eine Bronchitis strapaziertes Herz.

Ich erfuhr von dem plötzlichen und völlig unerwarteten Tod Ernst Reuters auf einer Funktionärssitzung meiner Abteilung durch die Nachricht meiner Frau. Unglaube, Erschütterung und tiefe Trauer, das waren die ersten Reaktionen auf das Unfaßliche. Ganz Berlin war wie von einem Schock gelähmt. Wer würde nun, wie er, für Berlin einstehen, was sollte aus dieser Stadt, die so sehr von ihm geprägt war, werden? Ohne Abrede standen erst einige und dann immer mehr brennende Kerzen in den Fenstern der Stadt. Die Berliner wiederholten damit ungeachtet aller Parteigrenzen spontan jenes Zeichen der inneren Verbundenheit, zu dem sie Ernst Reuter Weihnachten 1952 aufgerufen hatte. So zeigte Berlin seine Zuneigung und Verehrung für einem Mann, von dem Theodor Heuß sagte: „Er wusste darum, dass Mut für tapfere Seelen eine ansteckende Kraft besitzt. So wurde er bestes unpathetisches, rastloses Beispiel. Er wusste auch darum, dass Schwachheit und Not der Liebe bedarf.“