Ernst Reuter - Erinnerungen von Edith Krappe

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - Erinnerungen von Edith Krappe

Die 94jährige Edith Krappe zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten in der Berliner Sozialdemokratie. Aus einer sozialdemokratischen Familie stammend, wurde Edith Krappe nach der Wahl der Berliner Stadtverordnetenversammlung 1946 auf Anhieb Fraktionsgeschäftsführerin. In dieser Funktion lernte sie auch erstmals den damaligen Oberbürgermeister Ernst Reuter kennen.

Reuter hatte zu dieser Zeit noch viele Bekannte in der SPD, auch wenn er in der Nazi-Zeit mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn in die Türkei emigrieren musste. Auf Krappe machte Reuter einen sehr freundlichen Eindruck, sie fühlte sogleich eine innere Verbundenheit. Die folgende Zusammenarbeit beschreibt sie als sehr gut und konstruktiv. Allerdings war die damalige politische Arbeit auch geprägt von Repressalien, durch die Einteilung Berlins in vier Sektoren gab es viele Schwierigkeiten. Denn Krappe, eine gebürtige Friedrichshainerin lebte zu der Zeit noch in diesem Bezirk, der zur sowjetischen Zone gehörte. Edith Krappe musste einmal im Monat in der Kommandantur erscheinen und mit den Russen Gespräche führen, sie erinnert sich: „Es kam darauf an, wie man mit denen redete, über mich sagten sie: Nette Frau, aber ein Mundwerk wie eine Pistole.“

Per Telefon wurden damals feste Termine vereinbart. Am Dienstag fanden zum Beispiel immer die Fraktionssitzungen statt, auch die wichtige Arbeit in den Ausschüssen hat, trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen gut geklappt. Doch irgendwann bemerkten die Politiker, dass wichtige Gespräche zwischen Edith Krappe in Friedrichshain und den anderen Genossen in den Westsektoren von den Russen abgehört wurden. Also beschloss der Vorstand Krappes Umzug in den Westen. Edith Krappe: „Wenn die Zeiten ernster sind, ist der Zusammenhalt größer.“ An Ernst Reuter hat die Sozialdemokratin nur gute Erinnerungen und sieht ihn als eine Ausnahmeerscheinung und große Persönlichkeit, durch die enge Zusammenarbeit mit ihm, wurde sie auch einige Male fälschlicherweise als Reuters persönliche Sekretärin oder Referentin bezeichnet, was sie jedoch niemals war. Zwar wurde sie einige Male in Reuters Haus in Zehlendorf eingeladen, trotzdem war es eher ein Arbeitsverhältnis.

Edith Krappe sieht ihn noch vor sich, mit seiner Baskenmütze und seinem Stock. Auch an den Tag seines Todes hat sie noch genaue Erinnerungen. Am 29.9.1953 fand eine Vorstandssitzung in der Ziethenstraße statt, zu diesem Zeitpunkt fühlte sich Reuter nicht besonders wohl und bat darum, wenn nichts wichtiges mehr anliege, früher zu gehen. Als er den Raum verließ, drehte sich Reuter noch ein letztes Mal um und winkte, danach drehte er sich zur Tür um. Ein paar Stunden später erfuhren die Genossen von Reuters Tod, sie standen unter Schock und waren tief erschüttert. Krappe meint, dass vor seinem Tod keine gesundheitlichen Probleme erkennbar waren. Auch die Berliner hatte der Tod ihres Bürgermeisters tief getroffen. Einige Zeit zuvor hatte Reuter gebeten, zum Gedenken, an die noch nicht aus dem Krieg heimgekehrten Deutschen, brennende Kerzen in die Fenster zu stellen, viele Berliner und Berlinerinnen beteiligten sich. Am Abend als Reuters Tod publik wurde, wiederholte sich die Aktion spontan, doch diesmal galt das Gedenken nur ihrem verstorbenen Bürgermeister.

Reuters Nachfolger, Walther Schreiber, der CDU-Politiker wurde am 22.10.1953 vom Berliner Abgeordnetenhaus gewählt, gelang es nicht, seine herausragenden Popularitätswerte zu erreichen.
Edith Krappes politische Arbeit setzte sich fort, einige Jahre später wurde sie in den Bundestag gewählt und setzte ihre Arbeit in den Haushaltsausschüssen auf Bundesebene fort. Insgesamt blieb sie vier Legislaturperioden, bis Anfang der siebziger Jahre, in Bonn.

Juliana Gralak, 23.9.2003