Ernst Reuter: Erinnerungen von Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter: Erinnerungen von Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten

Schumacher, Neumann, Reuter
 

MARIANNE WETZEL-MALIK:
Septembergedanken. Es gibt wohl Monate, die uns besonders zum Nachdenken bringen; bei mir ist es der September, sicher wegen des Geburtstages meiner Mutter... Am 1.September 1939 begann der Zweite Weltkrieg, der nicht nur für uns und unsere Lieben, sondern für Millionen Menschen zum Schicksal wurde. Unser Vater wurde eingezogen und war nun nicht mehr Lehrer sondern Wetterdienst-Inspektor... Im September 1945 wurde meine Schwester Linde, ein Jahr darauf mein jüngster Bruder eingeschult, der am 9.9. sechs Jahre alt wurde.  1948 wurde sein Geburtstag nicht richtig gefeiert. Unsere Mutter kam von einem Einkauf heim, packte alles aus und sagte: „Los, los, zieh dich ordentlich an. Wir gehen zum Platz der Republik zu einer Demonstration wegen der Blockade.“ Also fuhren wir beiden politisch bewussten Weibsen zur Reichstagsruine, wo außer uns ein paar Hunderttausend Berliner warteten. Ich weiß nicht mehr, wer neben Ernst Reuter noch redete. An jenem 9.September erklang sein „lhr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ über den Platz der Republik bis nach „drüben“. In Berlin zu leben, war auch damals stets mit politischen Entscheidungen verbunden. Das war der Grund, warum wir 1952 Ost-Berlin verließen. . .  Am 1.September 1953 trat ich meine erste Stelle in Wilmersdorf an.  Bleiben wir im Jahre 1953: Am Abend des 29.September stritten wir Geschwister recht lautstark, als plötzlich unsere Mutter tränenüberströmt in Zimmer trat und rief: „Hört auf, euch zu streiten. Ernst Reuter ist tot!“ Noch im September 1953 wurde Reuter in Zehlendorf beigesetzt. Keine Wessis oder Ossis begleiteten ihn, sondern Tausende Berliner aus der ganzen Stadt.

EDITH GUZY
Als Ernst Reuter aus der Türkei zurückkam, landete er mit seiner Frau und seinem Sohn Edzard auf dem Flughafen Tempelhof. Sofort anschließend kam er ins Kreisbüro am Tempelhofer Damm. Sein erster und größter Wunsch: eine Berliner Schrippe. Meine Mutter Wally Guzy, die im Kreisbüro war, bat mich, ein paar Schrippen zu bringen. Wir „opferten“ von unserer Brotkarte die Abschnitte für fünf Schrippen und ich brachte sie sofort ins Kreisbüro. Die Freude bei Ernst Reuter war groß. Die Kartenabschnitte sollten wir zurückerhalten. Natürlich hatte er Wichtigeres zu tun, als daran zu denken. Wir haben es gut überstandne, der freundliche Händedruck war für uns wichtiger. Das war meine erste und leider auch letzte persönliche Begegnung. Aber natürlich ist mir noch heute die Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus unvergesslich – und die Rede „Schaut auf diese Stadt“.

EDITH KRAPPE:
„Ich habe als Fraktionsgeschäftsführerin Anfang der fünfziger Jahre eng mit Reuter zusammengearbeitet. Reuter hatte eine besondere Ausstrahlung. Dennoch gab es mitunter Konflikte mit der Fraktion. Dann klingelte bei mir das Telefon und Frau Reuter rief an und bat um Vermittlung. Das habe ich dann gerne gemacht.“

OTTOKAR LUBAN:
"Ich ging Anfang der 50er mit meinen Freunden zu einem Boxkampf in die Waldbühne. Wir waren schon mittags dort und Ernst Reuter sprach auf einer Kundgebung der Heimatvertriebenen: „Es wird der Tag kommen, an dem werden die Züge aus Schlesien wieder in den Schlesischen Bahnhof einfahren...“ Das ist mir noch gut in Erinnerung."  (Ottokar Luban, ehemaliger Volksbildungsstadtrat in Schöneberg. Jahrgang 1937, war beim Tod von Ernst Reuter 16 Jahre)  

EVA MARIA BERT:
September 1952. Die SPD Tempelhof hat zu einer Kundgebung im Friedrich-Ebert-Stadion aufgerufen. Referent: Ernst Reuter. 18 Uhr 30 soll die Veranstaltung beginnen, um 18 Uhr ist das Stadion schon überfüllt.10 Minuten nach sechs kommt Reuter und begrüßt das Empfangskomitee, welches am Eingang in der Südkurve auf ihn wartet. Zwei Personenschützer begleiten ihn. Ich stehe dabei, weil ich Vorsitzende der Jungsozialisten bin. Nach ein paar freundlichen Worten hin und her weist Reuter auf die Neubauten der Bosestraße hin und sagt: „Wie schön, dass der Aufbau vorankommt. Natürlich sehen alle in die Richtung zur Bosestraße. Als wir uns wieder zueinander wenden, sehen und hören wir den einen Personenschützer, einen jungen Kerl, der neu in diesem Dienst ist, leichenblass stottern: „Oh Gott, oh Gott, Reuter ist verschwunden!“
Die Aufregung, die sich gerade bei uns allen ausbreiten will,. ebbt ab, als der zweite Personenschützer schmunzelnd sagt: „Also hat er es mal wieder geschafft.“ Er erzählt uns, dass Reuter jede Gelegenheit nutzt, mit Menschen direkt zu sprechen. Wie richtig seine Analyse der Situation ist, sehen wir, als wir auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions Klatschen hören und entdecken, dass Reuter durch die Reihen geht und Hände drückt. Als er die Runde beendet hat und am Rednerpult anlangt, legt er dem immer noch blassen jungen Personenschützer freundschaftlich die Hand auf die Schulter und sagt bei geöffneten Mikrofonen: „Wer in Berlin Politik machen will, muss eine Grundregel beachten: Niemals Angst haben und niemals  die Nerven verlieren!" Der Beifall wollte nicht aufhören.´


HARRI WUTTKE
Ich stand vor dem Reichstag, als Ernst Reuter seine berühmte Rede hielt. "Ihr Völker der Welt, [...] schaut auf diese Stadt..." Es war beeindruckend, wie viele Menschen dort erschienen, auch wenn sie keine Aufforderung dazu erhalten hatten. Ernst Reuter war ein Symbol für den Freiheitswillen der Westberliner. Ich kann mich noch gut an den Trauerzug nach seinem Tod erinnern. Der ging vom Rathaus Schöneberg über die Haupt- und Rheinstraße, die Schloßstraße und Unter den Eichen bis zum Waldfriedhof Zehlendorf. Wenn ich heute auf den Waldfriedhof gehe, suche ich immer noch sein Grab. (Harri Wuttke, geb. 1927, Bezirksstadtrat a. D.)

HANNS-PETER HERZ:
Ich kannte Ernst Reuter. Mein Vater war ein Freund von ihm noch aus der Vorkriegszeit, später habe ich mit seinem Sohn Edzard zusammen studiert. Mein Vater war Chefredakteur des RIAS und traf Ernst Reuter häufig. Sie waren trotz ihrer Freundschaft nicht per "Du", das war ihnen zu genossenschaftlich. Stattdessen machten sie sich einen Spaß daraus, sich etwa so zu begrüßen: "Wie geht es Ihnen heute, Exzellenz?".  [...]
So etwa 1950 war ein Jugendtag des Deutschen Bundesjugendrings in Münster/Westfalen. Ich war dort und Ernst Reuter hielt eine Rede über die Jugend in der Demokratie. Die hat mich sehr beeindruckt. Ich habe Grundsätze aus dieser Rede in die Erziehung meiner Töchter einfließen lassen, etwa, sie früh an politische Institutionen heranzuführen und ihnen Mitarbeit zu ermöglichen. [...] Ich schäme mich wirklich für meine Partei, dass Ernst Reuter noch nicht Ehrenbürger Berlins ist... (Hanns-Peter Herz, ehemaliger Chef der Senatskanzlei, geb.1927)

WERNER SALOMON
Ernst Reuter war für jeden Westberliner ein Symbol im Kampf um die Freiheit der Stadt. Ich kann mich gut erinnern, wie wir bei seinen Reden gebannt am Rundfunkempfänger saßen, Fernsehen gab es ja damals noch nicht... Bei Reuters berühmter Rede vorm Rathaus Schöneberg war ich dabei. (geb.1926, Bezirksbürgermeister von Spandau a.D.)

HEINZ STRIEK
Meine Bekanntschaft mit Ernst Reuter begann 1950, als ich Vorsitzender des Parteiausschusses für Gesamtberliner Fragen war. Reuter war sehr interessiert an der aktuellen Lage in Ostberlin und an den Einflussmöglichkeiten der SPD dort. Regelmäßig jeden ersten Montag im Monat gab ich ihm darüber einen aktuellen Kurzbericht, persönlich, oder auch telefonisch, so mindestens zehn Mal im Jahr. Die Stasi verbreitete zu dieser Zeit, vor allem nach dem 17. Juni 1953, Gerüchte, der Ausschuss diene der westlichen Spionage. Es war purer Leichtsinn von mir, als Ostberliner Vorsitzender des Ausschusses zu sein....
Wie vielen ist mir die Rede Reuters vor dem Reichstag 1948 in Erinnerung. " Ihr Völker der Welt,  [...] schaut auf diese Stadt..." Diese Rede war der Höhepunkt seiner Politik für ein freies Berlin, aber auch für eine freie Welt. Sie bleibt im kollektiven Gedächtnis, genauso wie etwa die große Rede Martin Luther Kings "I have a dream...". (Heinz Striek, geb. 1918, Bürgermeister von  Berlin und Finanzsenator a.D.)