Ernst Reuter - der Redakteur

Geschichte: Personen L-Z

Ernst Reuter - der Redakteur

Vorwärts 1923
 

Ein vorbildlicher Journalist und Kommunalpolitiker

Reuter hat stets, auch als Oberbürgermeister der größten Stadt Deutschlands und als Regierender Bürgermeister des Landes Berlin, guten Kontakt zur Presse gehalten. Als früherer Redakteur des Zentralorgans der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, des „Vorwärts", kannte Reuter die Arbeit in der Redaktion einer großen Zeitung und wusste den Einfluss eines guten Redakteurs sehr gut einzuschätzen.
Wenn er nicht schon vorher Redakteur gewesen wäre - als ihn der Parteivorstand der SPD nach der auch von Ernst Reuter sehnlich herbeigewünschten Wiedervereinigung der beiden sozialistischen Parteien, der SPD und der USPD, 1922 in die Redaktion des „Vorwärts" berief, konnte er unter dessen Chefredakteur Friedrich Stampfer seine Fähigkeiten als Bildner der öffentlichen Meinung voll sich auswirken lassen.

 

Reuter übernahm die Innenpolitik des Blattes, wobei er auftragsgemäß die Berliner Kommunalpolitik in diese Innenpolitik einbezog. Sehr schnell bewies der damals etwa am Anfang der dreißiger Jahre stehende Reuter seine besondere Begabung für das Kommunalpolitische, das von der preußischen Innenpolitik nicht zu trennen war. Wenn zu den Tagesfragen der Berliner Politik etwas zu sagen war, und die SPD hatte sehr viel dazu zu sagen, denn an politischem Einfluss fehlte es ihr absolut nicht kraft ihrer Stärke in den Parlamenten, so war es Reuter, dem im „Vorwärts" dafür die erste Seite zur Verfügung stand.
In unzähligen Leitartikeln vertrat er die Auffassung der Partei, und seine Stimme wurde gewertet. Gute Grundlagen für die Redakteurarbeit am „Vorwärts" brachte ihm in den folgenden Jahren sein Mandat als Stadtverordneter, als der er zugleich der Verbindungsmann zwischen Fraktion und dem Blatt war.
Dann saß Ernst Reuter des Vormittags in der Redaktion, unterbrach seine Arbeit, um an Sitzungen im Rathause in_ der Königstraße teilzunehmen und fuhr wieder in die Redaktion in der Lindenstraße, um die Zeitungsarbeit mit den eben gefassten Beschlüssen der Ausschüsse oder der Fraktion abzustimmen.
Da kam es nicht selten vor, dass Reuter den eben in die Redaktion eingetretenen, ihm an Jahren jedoch ebenbürtigen Berichterstatter aus der Stadtverordnetenversammlung beiseite nahm und ihm in echt kollegialer Weise diesen oder jenen Beschluss erläuterte, mit dem neuen Kollegen, der sich an dem Politiker Reuter noch gar nicht zu messen wagte, erörterte, wie ein politisches Vorhaben der Fraktion sich wohl auf die Bevölkerung auswirken könne, und er freute sich, wenn er Belehrungen erteilen und manchen Vorgang erläutern konnte.
Dabei verschmähte der Politiker Reuter auch nicht den Ratschlag des alten Bauermeister, der damals schon als kommunalpolitischer Berichterstatter des „Vorwärts" 25 Dienstjahre hinter sich hatte und in den Amtsstuben sowohl wie in der Fraktion bestens Bescheid wusste.
Immer war Reuter der wunderbare Kollege, der stets in Übereinstimmung mit seinen nicht auf so prononcierten Posten stehenden Redaktionskollegen beste Freundschaft hielt. Es ist nicht zuviel gesagt, dass Reuter damals schon, 1924 und 1925, als Innenpolitiker des „Vorwärts" die Arbeit der sozialdemokratischen Parteifraktion maßgebend beeinflusst hat durch seine Überlegenheit und die gescheite Sachlichkeit, mit der er alle Probleme der Kommunalpolitik anzufassen wusste.
Nur schwer konnte sich daher Friedrich Stampfer entschließen, den guten Mann aus der Redaktion in das Amt eines Stadtrates für Berlin zu entlassen. M. J.

aus: Berliner Stimme vom 3. Oktober 1953