Edzard Reuter: Erinnerung an seinen Vater

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Edzard Reuter: Erinnerung an seinen Vater

Der Berliner Ehrenbürger und Sohn des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Edzard Reuter, hat auf der Gedenkveranstaltung des Berliner Senats im Großen Saal des Berliner Rathauses laut Manuskript u. a. folgende Ausführungen gemacht:

“Ich muss Sie sogleich mit dem Geständnis überfallen, dass ich mich alles andere als wohl fühle. Denn es wird sich kaum vermeiden lassen, dabei ertappt zu werden, dass ich diesen hoch offiziellen Anlass als Vorwand missbrauche, in Wirklichkeit über sehr persönliche, womöglich sogar private Zusammenhänge zu sprechen.

Kräftig verstärkt wird dieses Gefühl noch dadurch, dass ich in solcher unentrinnbaren Subjektivität gleichsam eingemauert bin zwischen Ihnen, Herr Regierender Bürgermeister, der Sie als höchster politischer Repräsentant und damit Amtsnachfolger von Ernst Reuter eben nicht durch familiäre Zufälligkeiten, sondern allemal demokratisch legitimiert sind, sich über den öffentlichen Stand des Landes und der Stadt Berlin zu äußern, und Ihnen, Herr Altbundespräsident, der Sie zwar nicht mehr aus aktueller Legitimation durch unser Gemeinwesen, umso mehr aber als einer der wenigen Menschen in unserem Land, denen angesichts des Ranges Ihrer Persönlichkeit von allen Seiten ungeteilter Respekt entgegengebracht wird, berufen sind, den Anlass unseres heutigen Zusammenseins in den Gang deutscher Nachkriegsgeschichte einzuordnen.

Um es sehr offen und direkt auszusprechen: Im Verlauf meines inzwischen nicht mehr ganz kurzen Lebens ist es mir zumeist geglückt, mich von allen Ansinnen Dritter - und es waren nicht wenige - fern zu halten, die Person meines Vaters für Tagesanliegen zu missbrauchen. Dazu zählten nicht zuletzt mehr oder minder wohlfeile Annahmen und Spekulationen, was er wohl in dieser oder jener Angelegenheit gemeint oder getan hätte. Dass sich das mit besonderer Intensität wiederholt hat, als hierzulande einer bis vor Kurzem den Irrlehren des Kommunismus anhängenden Partei Regierungsverantwortung übertragen wurde, können Sie sich unschwer vorstellen.

Ich habe dazu mit meiner eigenen Meinung nicht hinter dem Berg gehalten, auch wenn dies nicht bei allen Mitgliedern der Partei, der ich nun seit bald 60 Jahren angehöre, mit Beifall aufgenommen worden sein mag. Das schließt aber eben nicht aus, dass ich es als ganz und gar unzulässig angesehen hätte, vorgebliche Standpunkte von Ernst Reuter für meine eigene Auffassung in Anspruch zu nehmen. Und ich hoffe sehr, dass Sie es mir nicht verübeln, wenn ich fortfahre, ein solches Recht anderen Disputanten gleich welcher Profession oder Couleur unter allen nur denkbaren Umständen abzustreiten...

Ich will, ich muss wenigstens versuchen, mich auch heute an diese Regelung zu halten. Es ist also ganz allein die nun einmal durch nichts zu verdrängende Verbundenheit mit meiner Heimatstadt, deren Ehrenbürgerschaft die einzige Ausnahme von meiner ungebrochenen Abneigung gegen die Entgegennahme öffentlicher Lobpreisungen bildet, die mich berechtigt, Sie mit einigen Anmerkungen zur Lage und zur möglichen Zukunft Berlins in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa zu belästigen. Wenn die Erinnerung an meinen Vater dafür gewisse eher allgemein zu verstehende Maßstäbe setzen sollte, so bitte ich Sie herzlich, mir dies als eine eben durchaus private und damit jederzeit bestreitbare Wertung seines öffentlichen Wirkens und dessen – allerdings historisch belegten - Gründungen nachzusehen.

Berlin ist seit 13 Jahren in allen seinen Teilen wieder eine freie Stadt. Mit dem Umzug der maßgeblichen legislativen und exekutiven Verfassungsorgane ist es auch endlich wieder formal zur Hauptstadt unseres Staates geworden. Trotz aller zum Teil beschämender, zum anderen Teil aber auch kaum zu vermeidender Schwierigkeiten, die einer Echternacher Springprozession nun einmal eignen, macht seitdem die Einheit Deutschlands weiteren Fortschritt. Das gilt nicht anders für Europa - und damit das Mühen um sein angemessenes Gewicht in den weltweiten Angelegenheiten. Als deutsche Hauptstadt kann sich Berlin um nichts in der Welt der Last der Aufgaben entziehen, die mit diesen beiden Entwicklungen umschrieben sind.

Gemeint ist damit nicht etwa der ebenso ungerechtfertigte wie unangemessene Anspruch auf eine Führungsrolle, zumindest im Sinne einer wie auch immer gearteten Dominanz. Diese Feststellung gilt ohne Einschränkung für das Voranbringen der inneren Einheit der Deutschen. Noch mehr gilt sie in Bezug auf das weitere Zusammenwachsen Europas. Beides ändert freilich nicht das Geringste daran, dass der Bundesrepublik Deutschland als dem, gemessen an ihrer Bevölkerung oder ihrem wirtschaftlichen Leistungsvermögen, größten Land der Europäischen Union herausragende Verantwortung vor der Geschichte zufällt. Ohne eine Hauptstadt, die sich dessen bewusst ist, dass eine derartige Herausforderung die entschlossene Mobilisierung unseres gesamten politischen und geistigen Potenzials erzwingt, ohne eine Hauptstadt, die sich bewusst auf den Weg begibt, in diesem Sinne zu einer der wahrhaften Metropolen dieser Welt zu werden, werden wir, davon bin ich fest überzeugt, zwangsläufig vor einer solchen Aufgabe versagen.

Eines scheint mir dabei gewiss: Kein deus ex machina wird uns, die wir als Bürgerinnen und Bürger diese Stadt lieben und mit ihr leiden, die nicht gerade geringe Bürde abnehmen, alle jene Probleme schultern zu müssen, die wir uns zwar nicht ausnahmslos, aber doch zu einem sehr erheblichen Teil selbst eingebrockt haben oder die uns durch die weltweite Entwicklung, nicht anders als anderen auch, aufgezwungen werden. Davon befreien werden wir uns bestimmt nicht durch nostalgisches Träumen von den guten alten Zeiten, und eben auch nicht durch Berufung auf Ernst Reuter. Fingerzeige für den richtigen Weg könnten sich dennoch ergeben, wenn wir uns hie und da auf manche Grundlagen besinnen, die sein Denken und Handeln bestimmt haben.

Mein Vater war, als er in den kritischen Jahren des Kampfes um das Überleben dieser Stadt als freies Gemeinwesen Verbündete in aller Welt suchte, oft genug der physischen und psychischen Erschöpfung, ja der Verzweiflung nahe. Ob des Kleinmutes und der Eigensucht vieler noch so hoch gestellter Beteiligter galt das weniger außerhalb der deutschen Grenzen als in unserem eigenen Land. Doch auch in solchen Augenblicken tiefer Enttäuschung, ja Verbitterung hat er nicht aufgehört, davon überzeugt zu bleiben, dass es Wertvorstellungen gibt, die allen Menschen auf dieser Erde gemeinsam sein können, Erfahrungen, die auf dem Hintergrund einer zeitweise bitterbösen Geschichte die europäische Kultur geprägt haben, Ideen, um die mit Zähnen und Klauen gekämpft werden muss, wenn die Welt in Frieden und Freiheit leben soll – und die sich am Ende durchsetzen werden.

Toleranz gegenüber den Vorstellungen anderer Menschen gehörte für ihn an vorderer Stelle dazu. Anders gesagt: Jeglicher Gedanke an eine von höheren Wesen vorgegebene Überlegenheit irgendeiner Lebenseinstellung, noch dazu, wenn sie sich auf religiöse Dogmen beruft, war ihm fremd, ja zutiefst verdächtig. In dieser Hinsicht hat ihn das Zusammenleben mit den türkischen Menschen während der Zeit unserer Emigration in den Erfahrungen bestärkt, die er schon in seinem früheren Leben gemacht hatte: dass nämlich der Respekt vor andersartigen Kulturen, dass die Achtung vor den anderen, dass Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, dass Freiheitsliebe, Solidarität und Opfermut überall dort zu Hause sind, wo Menschen in Frieden und in Würde miteinander leben wollen. Ich hoffe inständig, dass diejenigen in unserem Lande, die diese einfache Wahrheit immer noch nicht begriffen haben, inzwischen zu einer kleinen Minderheit geschrumpft sind und daher nicht erneut zu einer Wiederholung mancher widerlicher Stammtischschlachten um Themen wie Zuwanderung oder Zugehörigkeit verlockt werden.

Freilich muss ich sogleich hinzufügen, dass Toleranz gegenüber anderen Meinungen für Ernst Reuter nie zu verwechseln war mit einer ebenso beliebigen wie passiven Hinnahme von Standpunkten und Lehren, die eben nicht auf die Würde und die Freiheit der Menschen, sondern auf die Knechtung ihres Geistes oder ihrer Persönlichkeit zielten. Er war durch und durch ein Kämpfer, der, wie er einmal in Anlehnung an einen irischen Politiker des 18. Jahrhunderts gesagt hat, zu jeder Sekunde wusste, dass ,ewige Wachsamkeit der Preis der Freiheit’ ist. Diese ihm schon aus seinen Jugendjahren zugewachsene Überzeugung war es, die ihm die Kraft gegeben hat, selbst in den dunkelsten Stunden seines Lebens, in den Kerkern der Lichtenburg, nicht zu resignieren. ,Freiheit, das ist immer die Freiheit der anderen’: Wer immer dieses Urgesetz der Menschlichkeit missachtete, der war für ihn ein Gegner, der unter keinen Umständen Kompromisse verdiente.

Deswegen war es für ihn nichts als selbstverständlich, dass Notwehr immer dann gerechtfertigt ist, wenn Freiheit und Menschenrechte anders nicht verteidigt werden können. Allerdings mussten dafür, wie das eben in den ersten Nachkriegsjahren bis zum Zusammenbruch der Berliner Blockade angesichts der stalinistischen Bedrohung zweifelsfrei der Fall war, unwiderlegliche Beweise auf dem Tisch liegen. Umgekehrt könnte ich es mir schwerlich vorstellen, dass Ernst Reuter es selbst seinen besten und bewährtesten Freunden nachgesehen hätte, wenn sie sich für noch so hehre Ziele und unter Berufung auf ihre gewiss geschichtsmächtigen Fahnen angemaßt hätten, ohne Bedacht und ohne Rücksicht auf erfahrene Ratgeber internationales Recht zu missachten und dabei leichtfertig unschuldige Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

Abgesehen von diesen wenigen Andeutungen darf ich mir hier natürlich noch nicht einmal den Versuch anmaßen, ernsthaft die Fundamente zu beschreiben, auf denen die Wertvorstellungen meines Vaters – wie übrigens auch die meiner Mutter – beruhten. Lassen Sie mich daher nur daran erinnern, dass er nicht nur dann ein Kämpfer war, wenn es um Freiheit, Demokratie und Recht ging. Solidarität mit denjenigen Menschen, denen ihr Geschick keine gleichen Chancen auf Bildung, auf Arbeit und Glück geschenkt hatte, war für ihn von gleichem Rang. In diesem Sinne fühlte er sich, darauf will ich sehr entschieden beharren, bis zum Ende als Demokrat und als Sozialist. Ich selbst bin und bleibe übrigens gleichfalls stolz auf die solchermaßen umschriebene Tradition, sodass ich nicht den geringsten Sinn darin zu sehen vermag, mich heute aus eher von tagespolitischem Opportunismus bestimmten Gründen vor einem Begriff verstecken zu sollen, dem inzwischen alles mögliche widerfahren sein mag, nur nicht eine Entleerung seins Inhalts...

Berlin und seine Menschen: Damit verband sich für Ernst Reuter zuallererst die tiefe Überzeugung, dass die Deutschen nicht weniger als irgend ein anderes Volk auf dieser Welt den Wert der Freiheit kennen und bereit sind, dafür einzustehen. Schulmeisterliche Belehrungen welcher Art auch immer bedurfte es dafür in jenen Jahren nicht, als hier in dieser Stadt - und nirgendwo sonst - die Grundlagen für das Entstehen der Bundesrepublik und deren Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der freien Völker gelegt worden sind. Auch dies hätte freilich kaum ohne Bereitschaft zum Kampf gelingen können – und mit Sicherheit noch viel weniger, wenn es nicht zu jeder Sekunde glaubhaft geblieben wäre, dass es der Führung der Stadt nicht um selbstsüchtige Ziele, sondern um das Wohl des Gemeinwesens ging. Davon allerdings hat wohl die Überlebensfähigkeit der Demokratie zu allen Zeiten abgehangen, und auch heute wird das nicht anders sein!

Ernst Reuter war das, was ich als durch und durch einen Europäer bezeichnen würde, gar, was andere in ihrer ganzen geschichtlichen Unbedarftheit womöglich als ein ,alter’ Europäer denunzieren würden. Dabei wusste er mit jeder Faser seines Wesens, dass das säkulare, noch längst nicht vollendete Vorhaben einer wahrhaften inneren Vereinigung Europas nur dann gelingen kann, wenn es nicht nur von den zur politischen Führung Berufenen, sondern von den Bürgerinnen und Bürgern selbst gewollt und angestrebt wird. Bei allem Respekt, ja bei allem überzeugten Eintreten für die Unverzichtbarkeit heimatlicher Verwurzelung der Menschen in ihren jeweiligen Regionen setzte und setzt dies voraus, dass sich nicht nur der politische Wille, sondern auch die Geschichte, die Tradition und die Kultur der beteiligten Völker gleichsam wie in einem Hohlspiegel in einem Zentrum widerspiegeln, eben in einer Hauptstadt. Dass Berlin eines Tages wieder diese Aufgabe in einem vereinten Vaterland, in einem sich Schritt um Schritt weiter vereinenden Europa übernehmen werde, besser: übernehmen müsse, das war eine der entscheidenden Wurzeln für jene in sich ruhende Zuversicht, die Ernst Reuter bis zum Schluss getragen hat.

Hie und da mag es erlaubt sein, Geschichte als Symbol zu verstehen. So steht womöglich der Kampf, den die Berliner Bevölkerung zusammen mit Ernst Reuter und seinen Weggenossen um Freiheit und Demokratie geführt hat, für mehr als nur eine zeitgeschichtliche Auseinandersetzung. Jedenfalls ermahnt er uns immer wieder neu an die Aufgabe, mitzuhelfen, dass Berlin wieder zu einer wahren, will sagen: nicht nur als solche hingenommenen, sondern zu einer Hauptstadt werden kann, die aus innerer Überzeugung von allen Deutschen wirklich als solche gewollt wird. Und wohl gemerkt: Für mich geht es dabei um alles andere als nur um eine nur uns selbst betreffende Angelegenheit, nein, es geht um unsere geschichtliche Verpflichtung als Europäer.

Gemeint ist damit weit mehr als nur die sozusagen normale politische Tagesfunktion einer jeden modernen Hauptstadt. Die Rede ist vielmehr von dem gemeinsamen Bemühen der Deutschen um eine kulturelle, eine geistige Hauptstadt, in der wir uns zugleich alle selbst wiederfinden können, im Osten und im Westen wie im Norden und im Süden. Gestern wie heute war und bin ich sicher, dass wir uns in diesem Sinne auf Ernst Reuter berufen dürfen, der uns diese Herausforderung täglich neu als ceterum censeo zugerufen hätte. Spätestens dann, wenn die ja nicht nur in den Mauern dieser Stadt, sondern in weiten Teilen unseres Vaterlandes so lähmend verbreitete Selbstgefälligkeit und Trägheit endlich einer nüchternen Einschätzung der Realitäten weicht, werden wir nämlich erkennen müssen, wie weit wir noch von diesem Ziel entfernt sind. Dabei darf uns der Kampf der Berlinerinnen und Berliner um Freiheit und Demokratie in jenen Jahren, in denen Ernst Reuter Verantwortung getragen hat, daran erinnern, dass entschlossener Mut Berge versetzen kann.”