Berlin nahm Abschied von Ernst Reuter

Geschichte: Personen L-Z

Berlin nahm Abschied von Ernst Reuter

Trauer um Reuter in Berlin
 

Nächtlicher Trauerzug - Hunderttausende säumten die Straßen - Bevölkerung erweist dem toten Bürgermeister am Schöneberger Rathaus die letzte Ehre.

 

In einer gewaltigen Kundgebung, wie sie an Größe in Berlin selten erlebt wurde, nahm am Donnerstagabend die Sozialdemokratische Partei und das sozialdemokratische Berlin Abschied von ihrem Ernst Reuter. Im Trauerhause, wo sich in der sechsten Abendstunde der Landesausschuß, die Fraktion des Abgeordnetenhauses, die sozialdemokratischen Mitglieder des Senats, die Berliner SPD-Bundestagsabgeordneten und einige persönliche Freunde des Toten eingefunden hatten, würdigte sein Freund und Mitarbeiter, Senator Dr. Paul H e r t z, die Persönlichkeit Ernst Reuters in einer kurzen Ansprache. Dann wurde der Sarg mit dem, was sterblich an Ernst Reuter war, in den von innen erleuchteten Wagen gesetzt, und geführt von einer starken Eskorte der motorisierten Verkehrspolizei setzte sich der Zug der Wagen von der sonst so stillen Bülowstraße in Zehlendorf aus in Marsch, um zum „Knie" in Charlottenburg zu fahren, wo die Partei Abschied von ihrem teuren Toten nehmen wollte.
Eine unübersehbare Menschenmenge hatte sich dort schon seit sechzehn Uhr versammelt.
Mit dem Eintritt der Dunkelheit wurden in vielen der umliegenden Häuser brennende Lichter in die Fenster gesetzt, einen feierlichen Anblick zeigend. Die Aula der nahegelegenen Schillerschule war hell erleuchtet, auf dem Platz selbst verbreiteten hohe Pylone und Fackeln ein gedämpftes Licht.
Gegen 19 Uhr kam in der Bismarckstraße der Trauerzug in Sicht. Er wurde um den Platz herumgeführt, dann setzten Träger den Sarg auf einen offenen Wagen um, der mit sechs Rappen bespannt war. Beiderseits des Wagens hatten Jungsozialisten und Angehörige der Falken in weißen Hemden mit Fackeln in den Händen als Geleit Aufstellung genommen. Auf dem Podium nahmen die Witwe des Verstorbenen, seine Angehörigen und Freunde sowie die Redner Platz.
Nach einem Trommelwirbel leitete Franz N e u m a n n die Abschiedsfeier der Sozialdemokratischen Partei von ihrem Freund Ernst Reuter ein. „Die Erschütterung der Menschen in der ganzen freien Welt ist groß über den unerwarteten Tod eines der Besten, den noch in seinen letzten Stunden die Sorge um die Flüchtlinge und die Arbeitslosen erfüllt hat. Hier, auf diesem Platz im Herzen des von ihm so heißgeliebten Berlin, der von nun an »Ernst-Reuter-Platz« heißen wird, nehmen die Sozialdemokraten der Stadt, die sozialdemokratischen Wähler und die Brüder aus der Ostzone Abschied von dem großen Ernst Reuter, der von jedem Berliner verehrt, von der Ostzone als ihre Hoffnung angesehen wurde und den ganz Berlin als »seinen« Ernst Reuter benannt habe."
Willy Brandt nahm für die junge Generation Abschied von dem Manne, dem er persönlich im Leben und Wirken so nahe gestanden hatte.
. „Lieber Ernst Reuter", sagte Willy Brandt, „Deutschland hat in dir einen großen Sohn verloren! Berlin weint um seinen ersten Mann, die Partei um einen ihrer Besten! Die junge Generation trauert nicht` nur um ihren Landesvater, sondern um den Menschen in dir, um den Bruder, den Freund!
Ernst Reuter wußte, wo der Jugend »der Schuh drückt«, nicht umsonst hat das Hauptjugendamt dem Regierenden Bürgermeister selbst unterstanden. Immer verstand Reuter die Dinge auf einen einfachen Nenner zu bringen. Er verstand ebenso verständlich zu dem Universitätsprofessor zu sprechen, wie zu dem einfachen Arbeiter. Stets hat Ernst Reuter an das Gute im Menschen appelliert! Sein Glaube an die Freiheit Berlins, der Völker, jedes einzelnen Menschen gab allen Hoffnung und flößte jedem die große Zuversicht ein, ohne die, das Leben nicht besteht.
»Was wäre aus Berlin geworden ohne den Glauben, der Berge versetzen kann?« Ernst Reuter hatte ihn bis zum letzten Atemzuge!
Immer hielt er lebendigen Kontakt mit der Jugend, weil er sich zu den Motiven der jungen Menschen bekannte, und weil er selbst eine Jugend erlebt hat, in der er sich aus Zweifel und Dunkel zum Licht und zur Höhe emporgehoben hat, in der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, die nur die Zeit des Sozialismus sein kann. Sein Sozialismus, sein Humanismus sind die Gestalter der neuen, besseren Zeit. Ernst Reuter war im besten Sinne ein feierlicher Mensch, aber zugleich ein Kämpfer der besten Art. Er war immer versöhnlich, aber er konnte euch anklagen. Geistige Enge und Kleinmütigkeit waren unserem großen Toten zuwider. So war denn auch sein Baus der Mittelpunkt für eine Familie, die musterhaft zusammenlebte. Ernst Reuter, wir verabschieden uns von dir mit dem Gelöbnis, dich nie zu vergessen!"
„Durch mich", so begann Erich 0 l l e n h a u e r seine Trauerrecle, „nimmt in dieser Stunde die Sozialdemokratische Partei Abschied von einem Freund und Mitkämpfer." Mit Worten tiefer Anteilnahme wandte er sich zunächst an „Hanna Reuter und die Kinder". „Zum richtigen Bild des Toten gehört seine Liebe zu den Blumen in seinem kleinen Gärtchen, zu seinen geliebten Klassikern im Bücherschrank, zur Kunst, zum Theater, zur Musik, zu allem Geistigen! Heute müssen wir der bitteren Wahrheit ins Auge schauen: Unser Ernst Reuter ist nicht mehr! Mit seinem Tode ist es dunkler geworden um uns. Er 'war nicht nur der Repräsentant der um ihre Freiheit kämpfenden Stadt, er war der Repräsentant der um Freiheit kämpfenden Menschheit schlechthin.
In Ernst Reuter lebte der Wille zur Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands, weil er die körperliche, die geistige, die staatspolitische Not der Menschen hinter dem eisernen Vorhang kannte, wie kaum einer. Sein unerschütterlicher Glaube an die Einheit des deutschen Volkes gab ihm,immer wieder die Stärke zur Weiterarbeit. Nichts anderes als ein Deutschland des Rechtes und der menschlichen Freiheit, der sozialen Sicherheit war sein Ziel, denn er war ein Sozialist. In Ernst Reuter verkörperte sich das Schicksal und der Aufstieg der Arbeiterschaft. Er wollte als Suchender und Denkender bei den Leidenden sein, bei denen, die im Schatten leben! Mit der ganzen Kraft seines jugendlichen Idealismus begann Ernst Reuter seine Arbeit vor langen Jahren - jetzt hat er sie abbrechen müssen. Nach dem zweiten Weltkriege verfolgte Ernst Reuter den Gedanken des Aufbaues mit der nüchternen Realität des Wissenden und Erfahrenen, der sich dem Sozialismus verschrieben hat.
Sein Wesen, sein Lebenswerk war Anklage und Aufruf zugleich gegen jede diktatorische Gewalt.
Es war klar, daß im nationalsozialistischen Deutschtand für einen solchen Mann kein Platz war, außer im KZ. Ernst Realer war wieder hei uns, als aus Zertrümmerung und Zusammenbruch ein neues Berlin aufgebaut werden maßte. Hülle das unerbittliche Schicksal diesen Mann nicht hinweggerissen, er hätte sich auch als Repräsentant des ganzen Deutschland bewährt! Manna Reuter", wandte sich Ollenhauer an die Witwe des Verstorbenen, „es war nicht immer ein Leben im Sonnenschein, das du mit Ernst führtest, es war vielmehr Kampf und viel Arbeit, oft gemeinsame Arbeit. So ein Schicksal bindet fester und es vergrößert den Schmerz. Aber, Hanna, sieh die Stadt voll Trauer - in diesem Erleben wirst du den besten Trost finden, denn es ist Anerkennung für unseren großen
Toten, der ein guter Sozialdemokrat war! Seine großen Gaben, seine Persönlichkeit, seine Leistungen wurzelten in der Partei! In diesem Sinne bleibt Ernst Reuter Vorbild und Ermutigung für alle in dieser Zeit der Skepsis gegenüber der Demokratie. Fahr wohl, Ernst Reuter!"
Dann verkündete Paul Hertz im Auftrage des Senats die Umbenennung des Platzes am Knie in E r n s t - Reuter-Platz. „Hier, wo die Straße des 17. Juni endet und wo einmal das Denkmal für die Opfer des 17. Juni stehen wird, hier wird der Name Ernst Reuter eine bleibende und würdige Erinnerungsstätte finden." Der Bürgermeister von Charlottenhurg, Ottomar B a t z e l, nahm dann die Umbenennung des Platzes vor und legte das Versprechen ab, daß Charlottenburg diesem Platz mit besonderer Sorgfalt ein der Würde des Namenträgers gerechtwerdendes Aussehen verschaffen wird.

Ergriffen und in stummem Verharren hatte die auf Hunderttausende sich vermehrte Menge der Abschiedsfeier der Partei beigewohnt. Unter dumpfem Trommelwirbel der Spielmannszüge der Schutzpolizei setzte sich der Trauerkondukt in Bewegung; zu Fuß begleiteten die Massen Ernst Reuter zum Rathaus in Schöneberg.

So bewegte sich der Zug mit dem toten Ernst Reuter durch das nächtliche Berlin, und dieses Berlin, das das Berlin Ernst Reuters war, stand in vielen Gliedern tief gestaffelt an den Straßenrändern, um Abschied zu nehmen vom toten Stadtoberhaupt, das populär war wie keines je zuvor. Mitglieder der Partei und befreundeter Organisationen standen mit brennenden Fackeln längs des ganzen Weges, ein magisches Licht begleitete den endlosen Zug auf seinem Wege durch die dunklen Straßen. Die Männer entblößten das Haupt, wenn der Wagen mit dem mit der Flagge Berlins bedeckten Sarg passierte, Frauen, junge und alte, schluchzten laut auf. Berlin nahm Abschied von seinem Ernst Reuter!
Auf dem Rudolph-Wilde-Platz in Schöneberg standen in allen Fenstern des Rathauses brennende Lichter, in den Fenstern der auf. dem Wege liegenden Häuser hatten die Berliner Kerzen entzündet, wie Ernst Reuter zum Gedenken an die noch nicht wieder freigelassenen Gefangenen des Krieges am letzten Weihnachtsabend es gewünscht hatte. Es war ein erhebender Anblick aus traurigstem Anlaß!
Erst nach 21 Uhr traf der Trauerzug am Rathaus Schöneberg ein. Kraftfahrer des Senats hoben den Sarg mit ihrem toten Chef auf den vor der großen Freitreppe errichteten Katafalk, eine Ehrenwache von Polizeioffizieren zog auf. Dann übergab Franz Neumann den toten Ernst Reuter bis zur Beisetzung in die Obhut des Senats. Nun müsse die Berliner Bevölkerung Abschied nehmen von dem Mann, den sie nur noch als ihren Ernst Reuter bezeichnet habe, weil er Berlin schlechthin verkörperte. „Ich habe die schwere Aufgabe", wandte sich Neumann an den amtierenden Regierenden Bürgermeister, Dr. Dr. Walther Schreiber, „Ihnen den toten Freund Ernst Reuter in Obhut zu übergeben. Wenn die Geschichte des Freiheitskampfes der Stadt geschrieben wird, dann wird der Name Ernst Reuters an erster Stelle stehen!"

Unter dem Geläut der Freiheitsglocke zogen die Menschen an dem Sarg Ernst Reuters bis in die späten Nachtstunden vorbei.
Das sozialdemokratische Berlin nimmt Abschied von einem seiner Besten - von Ernst Reuter! Dann wurde der Sarg in die mit schwarzem Tuch und Blumen geschmückte große Treppenhalle des Rathauses getragen.

Trauerfeier im Rathaus
In einer zur Trauerfeier umgestalteten ordentlichen Sitzung des Abgeordnetenhauses verabschiedete sich am Donnerstagmittag das freigewählte Parlament von Berlin vom Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter. Der Saal war würdig mit immergrünen Pflanzen und Blumen geschmückt, das RIAS-Sinfonieorchester und der Motettenchor spielten und sangen Werke von Mozart und Bach. In ergreifenden Ansprachen würdigten der Präsident des Hauses, Dr. Otto S u h r , und der Amtierende Bürgermeister, Dr. Dr. Walther S c h r e i b e r, Leben und Werk Ernst Reuters. Unter den teilnehmenden Gästen waren der Bevollmächtigte der Bundesrepublik in Berlin, Dr. V o c k e l, der eng mit Ernst Reuter zusammengearbeitet hat, ferner Vertreter der Besatzungsmächte und viele Senatsdirektoren und Bezirksbürgermeister. Die Witwe des Verstorbenen, Frau Hanna Reuter, und der in Berlin lebende Sohn nahmen an der Feier teil. M. J.

aus: Berliner Stimme vom 3.10.1953