Reichel-Koß, Ilse

Geschichte: Personen L-Z

Ilse Reichel-Koß

Ilse Reichel-Koß, geborene Pottgießer, (die Schwester ihrer Mutter war Grete Sonnemann )
geb. 13.7. 1925 Berlin (Wedding),
gestorben 17.12.1993 Berlin

in der "Freien Scholle" (Siedlung in Reinickendorf) aufgewachsen,
1942 Mittlere Reife
1942- 1945 Ausbildung und Tätigkeit als Teilzeichnerin
1945 -1946 Angestellte beim Bezirksamt Reinickendorf
1946 -1949 Sachbearbeiterin beim Magistrat von Berlin
1949 -1959 Referentin beim Hauptjugendamt Berlin
1951 -1953 Ausbildung als Jugendpflegerin mit staatlicher Anerkennung
1959 -1965 Leitung des Referats Jugendpflege beim Senator für Jugend und Sport
1965- 1971 Bezirksstadträtin für Jugend und Sport in Berlin- Reinickendorf
1971 -1981 Senatorin für Familie, Jugend und Sport
1975-1979, 1981 -1989 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin
Eintritt in die Kinderfreunde 1929, seit 1946 Mitglied der SPD und der Gewerkschaft ÖTV. 1946 Mitglied im Vorbereitenden Arbeitsauschuss Berlin und Jugendvertreterin im Parteiausschuss der SPD Berlin. 1947 Mitlizenzträgerin der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken. Lange Zeit Abteilungsvorsitzende, Landesparteitagsdelegierte und Mitglied des Landesvorstandes der SPD.
Langjährige Vorsitzende (1968-1971) bzw. stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung (ANE)

seit 1981 Stellvertretende Vorsitzende der gemeinnützigen Stiftung Institut für soziale Demokratie (August- Bebel-Institut)

Trauerrede von Manfred Rexin, Vorsitzender des Franz-Neumann-Archivs e. V.

Verehrter, lieber Gotthard Koß, liebe Töchter Dörte und Kirsten, liebe Frau Friedel Pottgießer, verehrte Trauerversammlung, liebe Freunde und Genossen!
Wir nehmen Abschied von einer Frau, die ihren Platz in der Geschichte dieser Stadt Berlin gefunden hat. Länger als vier Jahrzehnte nahm sie Anteil an der Gestaltung sozialer Demokratie in Deutschland.
In diesem Raum sind viele versammelt, Frauen und Männer, die die Lebensbilanz von Ilse Reichel-Koß aus einer sehr persönlichen Perspektive nachzeichnen könnten - ihre Angehörigen, deren Schmerz wir teilen und denen wir unser Mitgefühl bekunden wollen, Mitarbeiter, Freunde, Genossen, für die die Nachricht von ihrem Tode in der Woche vor Weihnachten ganz unerwartet kam.
Sie alle werden in einer solchen Stunde des Gedenkens aus ihrem Gedächtnis Ereignisse, Begegnungen, Gespräche abrufen können, die das sehr Persönliche, das Menschliche stärker erspüren lassen als eine Skizze ihres politischen Weges. Doch die Stationen dieses Weges -Daten einer Biographie -mögen solche eigene Erinnerung fördern.
Ilse Reicheis Leben begann sieben Jahre vor dem Beginn eines Regimes, das sich "nationaler Sozialismus" nannte, und ihr Leben endete vier Jahre nach dem Sturz eines anderen Sozialsystems,
das sich als "realer Sozialismus" ausgegeben hatte. In einem Jahrhundert, in dem die Vision eines demokratischen, freiheitlichen Sozialismus von zwei totalitären Regimen bedrängt wurde, war es zu keiner Zeit leicht, eine soziale Demokratin mit dem Anspruch auf gesellschaftlichen Wandel zu sein.
1925 im Berliner Wedding geboren, wuchs sie in einem gesellschaftlichen Umfeld auf, das die Historiker "sozialdemokratisches Milieu" genannt haben: Die Familie Pottgießer bekannte sich zu ihren Bindungen an SPD und Gewerkschaften. Zu Ilse Reichels frühesten Erinnerungen gehörte eine Friedenskundgebung, zu der sie, erst vierjährig, ihren Vater begleitete - einen gelernten Gürtler, der sich - wie Ella Kay und Franz Neumann - an der Deutschen Hochschule für Politik zum Fürsorger ausbilden ließ. Seiner Tochter eröffnete er den Zugang zu den Kinderfreunden - der Weg in die SAJ, in die Sozialistische Arbeiterjugend, wäre vorgezeichnet gewesen, hätten nicht die Machthaber des NS-Regimes alles zerstört, was die Arbeiterbewegung in Jahrzehnten aufgebaut hatte.
1934 - als neunjähriges Schulkind - erfuhr Ilse Reichel, wie Menschen zuweilen für ihre Überzeugung einen hohen Preis zu zahlen haben: Den Vater vertrieben die Nazis von seinem Arbeitsplatz in
einem Berliner Jugendamt. Die Familie wohnte zu dieser Zeit in einer genossenschaftlichen Siedlung - in der "Freien Scholle" Reinickendorfs -und erlebte dort ein Stück solidarischer Gemeinschaft und genossenschaftlicher Hilfe -spürbar anders als jene "Volksgemeinschaft", die sich jauchzend und brüllend unter dem Hakenkreuz formierte.
Im dritten Kriegsjahr fand die Siebzehnjährige einen Arbeitsplatz als technische Zeichnerin in einem großen Berliner Industriebetrieb - bei der AEG; das waren für sie erste Erfahrungen mit einer industriellen Arbeitswelt, deren oft bedrückende Folgen für das individuelle, namentlich das familiäre Leben von Menschen sie später in den ihr anvertrauten Ämtern zu mildern suchte.
1945 -zwanzigjährig -gehörte Ilse Reichel zu den Deutschen, die das Ende von Diktatur und Krieg als Befreiung begriffen - auch dann, wenn verrohende Wirkungen des Krieges in den Anfängen der Besatzungszeit noch immer spürbar waren.
Als unter der Aufsicht der Abteilung Volksbildung des Bezirksamtes Reinickendorf ein Jugendausschuss entstand, nahm sich Ilse Reichel in diesem Gremium -und schon vom Mai 1946 an auch im Hauptjugendausschuss des Berliner Magistrats - der Sorgen junger Mädchen und Frauen an - als "Mädelreferentin", wie es in der Sprache jener Zeit hieß, und damit erfolgte eine entscheidende Weichenstellung für ihren weiteren Lebensweg.
Ihr Name stand mit fünf anderen unter dem Antrag auf Zulassung der Sozialistischen Jugend Deutschlands, Die Falken, in der Viersektorenstadt Berlin. Die Gründer der "Falken" wollten anknüpfen an unvergessene Weimarer Traditionen der Kinderfreundebewegung und der Sozialistischen Arbeiterjugend, sie nun aber der veränderten sozialen Wirklichkeit in einer zertrümmerten Stadt anpassen. Das beobachteten die zuständigen Besatzungsoffiziere nicht ohne anfängliches Misstrauen - die einen, die Sowjets, bemüht, einer einheitlichen Jugendorganisation, der von Kommunisten geführten FDJ, Vorrang und Vorsprung zu sichern, die anderen, Franzosen vor allem, unsicher abwägend, wie viel brauner Ungeist wohl noch in den Köpfen junger Deutscher stecken mochte, und wieder andere, die Amerikaner, darauf dringend, dass Jugendverbände Distanz zu den politischen Parteien hielten und nicht wie die "Falken" ihre Bindung an die Sozialdemokratie betonten.
In dieser Zeit - in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre - hat Ilse Reichel ihre ersten Erfahrungen mit politischer Praxis gesammelt und dabei ihren Sinn für das Machbare, für pragmatische Lösungen geschärft. Das Ersinnen theoretischer Formeln, das Spiel mit wohlklingenden Begriffen, seminaristische Exegese vermeintlich klassischer Texte - das war nie ihre Leidenschaft, weder in Sommerlagern der "Falken" während der Blockade-Zeit, noch viele Jahre später in den Gesprächszirkeln der Parteilinken, der sie sich zu gehörig fühlte. Die sozialen Nöte der Nachkriegszeit verlangten schnelles Handeln -es ging um die Öffnung von Jugendheimen, um die Minderung der Jugendarbeitslosigkeit, um Amnestie und Arbeitsschutz und Berufsbildung und die Abwehr von neuen bedrohlichen Formen der Jugendgefährdung.
Als Ella Kay - durch sowjetischen Befehl aus ihrem Bürgermeisteramt am Prenzlauer Berg vertrieben - gegen Ende der Blockade-Zeit ein selbständiges Jugendamt für den Westteil der gespaltenen Stadt aufzubauen begann, holte sie Ilse Reichel an ihre Seite - als Referentin, später, in der Nachfolge Erwin Becks, als Landesjugendpflegerin. Was für ihren Vater in der Weimarer Zeit das Seminar von Karl Mennicke in der Deutschen Hochschule für Politik gewesen war, wurde für Ilse Reichel das Haus am Rupenhorn - der Ort ihrer Ausbildung zur Jugendpflegerin. Doch jenseits aller Lehrgänge gab ihr etwas anderes Profil und auch notwendige Kenntnis administrativer Regeln - das war die tägliche Zusammenarbeit und das über viele Jahre fortgesetzte Gespräch mit der 30 Jahre älteren Ella Kay - ihrer Mentorin, Lehrerin und Freundin. Als Ilse Reichel Anfang der neunziger Jahre Mitherausgeberin und Mitautorin eines Buches über "Ella Kay und das Jugendamt neuer Prägung" war, stellte sie an den Beginn ihres eigenen Beitrags zu diesem Sammelband einen Grundsatz ihrer Vorgängerin: "Die Hilfe für den Einzelnen in seiner subjektiven Not darf nie über dem Streben nach lern demokratischen Sozialismus vernachlässigt werden." Mit anderen Worten: Das Wohl der vielen Einzelnen verlangt größere Mühe und verdient mehr alltäglichen Einsatz als das spekulierende Nachdenken über eine ferne utopische Vision.
In der Senatsverwaltung für Jugend und Sport hat Ilse Reichel an führender Stelle sechzehn Jahre lang gewirkt - von 1949 bis 1965 -, zuletzt als Leiterin des Referats Jugendpflege. Es folgten sechs Jahre kommunaler Arbeit - bis 1971 - als Jugendstadträtin im Bezirksamt Reinickendorf, dann ihr wichtigstes Jahrzehnt - bis 1981 - 11 Amt der Berliner Senatorin für Familie, Jugend und Sport unter den Regierenden Bürgermeistern Klaus Schütz und Dietrich Stobbe, zuletzt parlamentarische Arbeit während der achtziger Jahre - auf den Bänken der Opposition im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie setzte bis zum Ende ihres Lebens ihr ehrenamtliches Wirken fort - 11 Arbeitskreis Neue Erziehung, im Vorstand des August-Bebel-Instituts, in den Kuratorien der Fachhochschule für Sozialarbeit und der Diesterweg-Hochschule, irn Trägerverein des Frauenhauses, im Wannseeheim für Jugendarbeit, in der Arbeitsgemeinschaft außerschulische Jugendbildung und Bildungsurlaub -und nicht zuletzt mit vermehrtem Engagement und zuweilen auch mit wachsendem Zorn über die Schwerfälligkeit überkommener Parteistrukturen in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen.
Emanzipation des Menschen, Befreiung von alten Zwängen und sinnlosen Konventionen - das war eine der Botschaften jugendlicher, vor allem studentischer Rebellion gewesen, die Ilse Reichel in den sechziger Jahren als Reinickendorfer Stadträtin wahrgenom- men und beantwortet hatte: Entfaltung, Krise und Zerfall der APO, der "außerparlamentarischen Opposition" ließe sich modellhaft an der Geschichte des Jugendclubs "Prisma" nachzeichnen, den sie 1967 gegründet hatte. Das Märkische Viertel wurde zu einem schwierigen und doch fruchtbaren Experimentierfeld für neue Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen.
Als Ilse Reichel 1971 an die Spitze der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport trat, repräsentierte sie den linken Flügel ihrer Partei im Senat von Klaus Schütz. Sie sollte und sie wollte daran mitwirken, dass im Zeichen einer "Konzentration der Kräfte" die über Jahre zugespitzte Rivalität von "links" und "rechts" gemildert wurde. Befragt, worin sie denn Unterschiede zwischen den Gruppen innerhalb der SPD erkenne, sagte sie, mit Blick auf die Erfahrung der ersten Monate im neuen Amt, es gäbe zwar in der täglichen Arbeit des Senats "kaum ausgesprochene Rechts-links-Konfrontationen", dennoch falle ihr in Partei-Debatten immer wieder zweierlei auf: Unterschiedlich sei einmal "das Vertrauen zum Wähler und dazu, was man ihm an Bewusstseinsänderungen zutrauen" könne, und zum anderen spiele Angst vor den aus gesellschaftlichem Wandel
erwachsenden Verunsicherungen eine Rolle. Ich zitiere aus diesem Interview vom August 1971: "Viele 'rechte' Genossen verzichten lieber auf Veränderungen, wenn diese mit einer Phase von Beunruhigung, Bewegung, mangelnder Festigkeit der Verhältnisse verbunden sind. Das ist nun aber bei Veränderungen nicht anders." Wer zum Beispiel im pädagogischen Bereich zu veränderten Erziehungsinhalten gelangen, wer autoritäre durch demokratische Erziehung ersetzen wolle, der müsse zunächst Konflikte in Kauf nehmen, wenn Kinder und Erzieher "auch missverstandenes demokratisches Verhalten praktizieren". Die Gesellschaft könne das aushalten. Wörtlich: "Ich finde aber, dass bei vielen rechten Sozialdemokraten das Vertrauen in die Mündigkeit des Menschen sehr gering ist und aus diesem Grunde die Betroffenen zu wenig beteiligt werden."
Das änderte sich in den siebziger Jahren - Willy Brandts Wort "mehr Demokratie wagen" schlug letztlich Wurzeln in der Gesellschaft, Wurzeln, die auch mit der Wende der achtziger Jahre nicht gänzlich verdorrten.
Als Ilse Reichel 1979 familienpolitische Leitsätze vorlegte, in denen sie mehr Toleranz für alternative Familienformen forderte, in denen sie eine Familienpolitik mit - wie es da hieß - "Differenzierung und Gewichtung der Programme zugunsten der sozial Benachteiligten", also "Politik für Kinder" und "Politik für Frauen" verlangte, da rief das ein weiteres Mal zornige Kritiker im Lager der Konservativen auf den Plan, und die diesem Lager gewogenen Medien hatten ihre vermeintlich ironischen Schlagworte parat - "Pillen-llse", die "Senatorin für Trebegänger und Sinti" leite eine Senatsverwaltung, in der es zugehe "wie bei Hempels unterm Sofa". Ja, sie sei halt auch für Hempels zuständig, erwiderte sie in einem "Abend"-Interview gegen Ende des Jahres 1980, sie habe sich daran gewöhnen müssen, dass sie von bestimmten Männern immer wieder angegriffen werde - etwa aus konservativen Kreisen, die es schon ziemlich anrüchig fänden, wenn eine Jugendsenatorin keine eigenen Kinder in die Welt gesetzt habe, aber sich und ihren vielen engagierten Mitarbeitern das große Ziel vorgäbe, nach Kräften dafür zu sorgen, dass Kinder zu eigenständigen, kritikfähigen Persönlichkeiten erzogen und zur aktiven Beteiligung an der Gesellschaft ermuntert würden.
In den zehn Jahren ihrer Tätigkeit im Senat von Berlin stieg die Zahl der Plätze in Kindertagesstätten von 38.000 auf annähernd 58.000, und was solche statistischen Ziffern nicht erfassten, war das Bemühen um veränderte und verbesserte pädagogische Arbeit von Erzieherinnen und Sozialarbeitern. Wer eine Bilanz dieser Jahre ziehen wollte, müsste den Bogen spannen von der Kinderladen- Bewegung bis zum ersten Frauenhaus der Bundesrepublik, das 1976 in Berlin misshandelten Frauen und ihren Kindern Obdach bot und zugleich ein uraltes gesellschaftliches Tabu berührte: Gewalt in der Ehe. Und in dieser Bilanz dürfte auch das Stichwort "Sport" nicht fehlen - der Bau von Sportstätten und Schwimmhallen gemäß den Richtwerten, die die Deutsche Olympische Gesellschaft in ihrem "Goldenen Plan" beschrieben hatte. Sportpolitik in den siebziger Jahren war zugleich Bewegung auf diplomatischem Feld: Es galt, die Chancen auszuloten, die das Vier-Mächte-Abkommen verheißen hatte, denen aber die Absicht der DDR-Führung und ihrer osteuropäischen Verbündeten im Wege stand, Berlin und seine Sportler weiterhin zu isolieren, zu diskriminieren.
Als Mitglied des Senats von Berlin war Ilse Reichel daran beteiligt, dieser ummauerten Stadt Lebenskraft, demokratische Tugenden und Freiheitssinn zu bewahren. Vieles, was da jahrzehntelang die Berliner, ihr Parlament, ihre Stadtregierung, ihre Alliierten in Atem gehalten hat, ist nach dem Fall der Mauer Geschichte geworden - heute weit entfernt, wie es scheint, von den neuen Aufgaben, Chancen und Nöten der Stadt auf ihrem langen, steinigen Weg zur Vereinigung der Deutschen. Doch auf dem großen Feld der Jugend- , Familien- und Sozialpolitik geht es keineswegs nur um historische Bilanzierung - was sich da gegen Widerstände durchsetzte und bewährte, hat seinen bleibenden, beständigen Wert, und so sind aus dem Lebenswerk von Ilse Reichel-Koß Beispiele und Maßstäbe abzuleiten, wie eine freie, humane, demokratische und sozial gerechte Gesellschaft im Deutschland von morgen beschaffen sein müsste.
 

Traueransprache von Ingrid Stahmer, Berliner Senatorin für Soziales 

Lieber Gotthard, liebe Dörte und Kirsten, liebe Friedel Pottgießer, liebe sozialdemokratische Genossinnen und Genossen,
liebe Anwesende aus allen Bereichen der Jugend-, Sozial- und Stadtpolitik, aus Verbänden, Initiativen, Senat und Abgeordne- tenhaus,
die Sie gekommen sind, um Abschied von Ilse Reichel-Koß zu nehmen.
Gotthard Koß hat mich gebeten, diese Aufgabe heute zu Über- nehmen, es fällt mit schwer, weil ich persönlich sehr traurig bin und für meine Fassung nicht garantieren kann, aber ich tue es gern, weil ich mich Ilse politisch und als Mitarbeiterin seit unserer ersten Begegnung 1971 immer sehr nahe fühlte.
Es wird kaum jemanden geben, der nur der Form halber hier ist, denn Ilse Reichel hat nicht nur in der Politik etwas bewegt, sondern sie hat immer auch die Menschen ganz direkt bewegt und sie durch ihr eigenes Beispiel zu persönlicher Stellungnahme veranlasst -und zwar sowohl zu Kritik als auch zu Zustimmung. Sie selbst hat einmal gesagt, sie habe sich in ihrem Leben viele blaue Flecken geholt, weil sie nie "stromlinienförmig" sein konnte und wollte.
In die Auseinandersetzung über notwendige Änderungen in unserer Gesellschaft steckte sie ihre ganze Kraft ebenso wie in die Parteinahme für Benachteiligte nicht nur als Überschrift, sondern auch ganz persönlich.
Wir haben die Melodie "Die Gedanken sind frei" gehört - von den "Jazzmen" so gespielt, wie Ilse es mochte, seit sie für die Modernisierung der Jugendclubarbeit eintrat. "Die Gedanken sind frei" war für Ilse kein theoretisches Grundpostulat, sondern gelebte Wirklichkeit, in der es ihr nicht nur um die Freiheit ihrer eigenen Gedanken ging, sondern darum, dass auch alle anderen Menschen ebenso frei denken konnten. Sie hat uns alle, die wir in ihrer Verwaltung arbeiteten, immer wieder aufgefordert, aus dieser Freiheit etwas zu machen, Ideen für den Abbau von Chancenungleichheit für Kinder, Jugendliche und Familien zu entwickeln und sie hartnäckig durchzusetzen, so wie sie es selbst tat. Von Ilse Reichel haben wir gelernt, dass es darauf ankommt, die Betroffenen an diesem Prozess zu beteiligen, und zwar nicht in dem damals wie heute modischen Sinn eines Slogans, sondern mit der ganzen Beschwerlichkeit, die kritische Auseinandersetzung mit sich bringt.
Naturgemäß spreche ich von meinen Erfahrungen mit Ilse Reichel in der Kita-Politik, in der ich eine Aufgabe hatte, alle anderen, die ich hier sehe, die in weiteren Bereichen ihr Engagement erlebten, mögen das verzeihen. Es gab z.B. keinen Jubel um die Kita-Entwicklungspläne, die in einem langen, sowohl spannenden als auch frustrierenden Beteiligungsprozeß quantitative, qualitative und bewußtseinsmäßige Veränderungen in eine neue Richtung für Kindertagesstätten, für Eltern und Erzieher, für Träger und Verwaltungen brachten. Den einen gingen die Forderungen und Erfolge nicht weit genug, den anderen gingen sie schon viel zu weit. Die einen bezichtigten Ilse der Kompromißlerei, die anderen der revolutionären Maßlosigkeit.
Dabei sind Leidenschaft und Augenmaß gerade kennzeichnend für Ilse Reichels Veränderungswillen. Mehrere Jahre verhandelten wir um den Kita-Personalschlüssel, der den Betroffenen viel zu knapp schien, den die Innen- und Finanzverwaltung aber für eine reine Luxusausstattung hielten; entgegen der anderes lautenden Fama musste man auch damals schon heftig um Finanzen streiten.
Ilse Reichel hatte niemals ihren eigenen Vorteil und Ruhm im Auge, wenn sie sich im Interesse ihrer Beteiligungsüberzeugungen turbulenten Erzieherversammlungen ebenso wie Parteiveranstaltungen stellte, in denen ihre Veränderungsziele für Kinder, Jugendliche und Erzieher als "linksideologisch" verdächtigt wurden.
Das in der Ansprache von Manfred Rexin schon gefallene Zitat "in ihrer Verwaltung sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa" - stammte übrigens von einem Senatskollegen, der diese ganze Freiheit in der Ideenfabrik von Ilse für zu unordentlich hielt. Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telegrafierten damals an die Abendschau, dass man anderswo sich vielleicht ordentlich auf dem Sofa ausruhe, bei uns aber werde unter dem Sofa und um das Sofa herum gearbeitet, das bringe auch Unordnung mit sich.
Dass Ilse sich dieser Unordentlichkeit stellte und sich und uns zum Durchhalten bei Veränderungsprozessen ermutigte, ist ihr großes Verdienst, das der Stadt eine beispielhafte Kinder- und Jugendpolitik ermöglichte, die die Bewegung der Zeit aufnahm, ohne das Augenmaß des gesunden Menschenverstandes zu verlieren.
Jugendclubs, Abenteuerspielplätze, Eltern-Kinder-Gruppen, Selbsthilfeprojekte, neue Heim- und Fortbildungskonzepte konnten sich entwickeln, der Gedanke an Selbstbestimmung konnte auf traditionelle Erziehungseinrichtungen übergreifen, die Integration von behinderten und ausländischen Kindern nahm ihren Anfang. Das ist alles inzwischen selbstverständlich. Eltern und Erzieher nehmen heute ihre Beteiligungsrechte, die Ilse Reichel ihnen anfangs geradezu aufzuschwatzen schien, ganz selbstverständlich in Anspruch, die vielen Modellprojekte hinterließen ihre Spuren in allen Bereichen. Das waren Spuren der positiven Veränderung, aber auch Spuren der "blauen Flecke", die sie mit politischer  und persönlicher Größe um der Sache und der Menschen willen ertrug.
Viele von uns hat Ilse Reichel angehalten, sich der Auseinandersetzung zu stellen und nicht im Elfenbeinturm der Fachlichkeit zu verharren. Ich selbst hatte 1971 nach sechs Jahren Minderheitskampf in den Rechts-Links- und Jung-Alt-Gräben meine Hoffnung auf Veränderung in der SPD soweit aufgegeben, dass ich mich ganz auf die Fachfrauenrolle zurückgezogen hatte. Hartnäckig machten Ilse Reichel und auch Dieter Kreft - ihr Senatsdirektor - mir klar, dass ich mich nicht vor der Auseinandersetzung zwischen Fachlichkeit und Politik drücken könnte, wenn ich wirklich etwas für Kinder, Jugendliche und Familien erreichen wollte. Ich musste zurück in die Niederungen der Parteiarbeit an der Basis. Mehr soziale Demokratie von links her zu wagen, so sagten sie mir, hieße nicht, qeqen etwas zu sein, sondern für etwas zu sein und dafür auch bei Schwierigkeiten einzutreten. Nur so könnten wir Veränderungen der SPD und der Politik erreichen, Die vielgesuchte Glaubwürdigkeit in Politik und Verwaltung hat Ilse Reichel uns vorgelebt. Sie ließ sich nicht verführen durch die Spiegelsäle der Macht, die Vorgesetzte schließlich nur noch in einem Kreis von Ja-Sagern agieren lassen und das Abheben von den wirklichen Problemen der Betroffenen verursachen. Sie sagte, "wo ich gut bin, weiß ich selbst - Ihr seid dazu da, mir Lücken und Fehler aufzuzeigen, die ich selbst nicht erkennen kann", Und sie meinte das auch so.
In der gleichen Art ging sie mit Interessengruppen, Projekten und Verbänden um, die sie zur Beteiligung aufgefordert hatte; sie trug es ihnen auch dann nicht nach, wenn Interessenwahrnehmung und Protest überzogen wurden und sich gegen sie selbst und ihre Politik des Machbaren wendeten. Opposition und Senatskollegen haben sie gelegentlich verdächtigt, die regelmäßigen Dienstags- Demonstrationen in den heißen Protest-Zeiten vor dem Karlsbad sozusagen lanciert zu haben, um ihre Forderungen in den Senatssitzungen lautstark untermalen zu lassen. So oberflächlich war ihr Politikverständnis aber nicht zu fassen; es war auch schon persönlich schmerzlich, wenn sich diejenigen, für deren Forderungen sie eintrat, gegen die eigene Politik und Person wendeten und behaupteten, sie mache faule Kompromisse zum Machterhalt, wenn sie in der realen Situation der Landesregierung nicht mehr als eben diese Kompromisse erreichen konnte. Diese Schmerzen steckte sie weg, indem sie sie für notwendig erklärte. Auch im Umgang mit der Frauen-Bewegung hat Ilse solche Schmerzen erlitten.
Sie hat als erste in der Bundesrepublik ein Frauenhaus energisch gefordert und durchgesetzt - gegen Widerstand und Bedenken, nicht nur in der Männerwelt - und musste sich von den engagierten Frauen doch verdächtigen lassen, dass sie nicht ganz eine der ihren sei; weil sie die reine Lehre der Initiativen in der Politik nicht durchsetzte.
In keinem der von ihr geförderten Projekte brachen je Reichtum oder Zufriedenheit aus, dazu setzte sie sich selbst zu kritisch mit den notwendigen Bedingungen auseinander und versuchte niemals, die Verhältnisse schönzureden, um selbst besser dabei auszusehen. In ihrer Zeit als Abgeordnete - nicht mehr eingebunden in die Senatsdisziplin, die sie nach meiner Beobachtung häufig ernster nahm als manche konservativeren Sozialdemokraten - wurde Ilse Reichel frauenkämpferischer, als sie das vorher sein konnte.
Zunächst waren da mehr Erlebnisse und Erkenntnisse über die Benachteiligung von Frauen, und dann suchte sie auch wieder nach der größtmöglichen Wirksamkeit ihres persönlichen Einsatzes in der Rolle der Opposition, in der sie viel zorniger werden konnte, als ihr das vorher möglich war. Ilse hat ihre ganze Kraft der Politik für andere Menschen gewidmet, sie hat dafür gesorgt, dass Probleme gelöst wurden, dass es vielen besser ging, dass sie sich freier entfalten konnten, dass sie ihre eigenen Kräfte entdecken und anwenden konnten. Sie hat dies partnerschaftlich und mit großem persönlichen Einfühlungsvermögen getan. Das eigene Kräftetanken kam dabei sicher vielfach zu kurz.
Dass wir uns heute schon von Ilse Reichel verabschieden müssen, ist für Berlin ein großer und plötzlicher Verlust; und dies sage ich auch im Namen des Senats von Berlin. Es ist aber auch deshalb schmerzlich, weil sie es so sehr genoss, jetzt - von fremdgesteuerten politischen und beruflichen Verpflichtungen frei -, ganz allein über ihr ehrenamtliches Engagement vom Kinderbauernhof bis zum August-Bebel-Institut zu entscheiden und die eigene Familie mit Schwester, Mann und Töchtern als Kraftquelle um sich zu haben, mit ihnen zu leben und sicher auch zu streiten. Diese Freude hätte sie noch viel länger haben sollen. Die Reihe der großen sozialdemokratischen Frauen in der Berliner Nachkriegspolitik mit Louise Schroeder, Ella Kay und eben Ilse Reichel wäre sicher im Verlauf der Altersehrungen für Ilse noch viel deutlicher geworden. Bitte denkt daran beim Bücherschreiben.
Ilse hat sich streitig für bleibende Verbesserungen der Lebensumstände von Kindern, Jugendlichen, Familien und insbesondere Frauen jeden Alters eingesetzt. Ohne ihre Streitbarkeit, ihre Klugheit und Menschlichkeit wäre das nicht gelungen.
Sie merken, ich versuche meine eigene Trauer umzubauen in Freude darüber, dass es sie gegeben hat, und dass ich so viel von ihr lernen konnte.
Dir, Gotthard, der Familie und den ganz engen Freunden wird das noch viel schwerer fallen, weil Ihr die Lücke noch viel mehr spürt, aber spürt bei all der Trauer auch der Freude nach, die Ihr gemeinsam hattet, die Euch auch der Tod nicht nehmen kann. Bei Erich Fried habe ich eine Inschrift gefunden, die Ilse Reichel-Koß gewidmet sein könnte, sie stammt aus dem Zyklus der Steine von 1961/62:
Wo die Mächtigen
auf vernünftige Worte hören
dort sind die Klugen
gegeneinander gerecht
dort schwimmen die Steine
und retten ertrinkende Fische
dort können die Alten
und Jungen einander verstehen.
Danke, Ilse.

 

Ilse Reichel-Koß in der Presse

"Eine Senatorin aus Passion", so nannte Ilse Reichel  ihre Lehrmeisterin Ella Kay einmal. Und sie selbst hat in ihrer Amtszeit ebenfalls gezeigt, wie engagiert und leidenschaftlich  Politik betrieben werden kann. Klaus Schütz  holte die Exponentin des linken Parteiflügels 1971 in den Senat und sorgte damit für die Integration der Parteilinken. Im Tagesspiegel-Nachruf hieß es 1993: " Im Senat praktizierte Ilse Reichel, was sie einst gelernt hatte: Sozial-Arbeit im Sinne des Wortes. Sie avancierte schnell zur Symbolfigur des gesellschaftlichen Wandels nach 1968. Vieles, was heute zum Handwerkszeug demokratischer Familienpolitik zählt, ist von ihr angestoßen und durchgesetzt worden - zum Beispiel das Frauenhaus, das ihren Gegnern seinerzeit als Inbegriff linksradikaler Wühlarbeit galt. Sie verkrachte sich mit ihrem Parteifreund, dem Schulsenator Löffler, über eine Ausstellung, die unter ihrer Regie "Die Frau als Sexualobjekt"; zeigte, stellte sich vor das Grips-Theater, gab der Anti-Drogen-Politik neue Impulse und provozierte 1979 mit dem Nulltarif in den Kindertagesstätten ange Wartelisten. Als der Stobbe-Senat 1981 stürzte, nahm die ohnehin amtsmüde Ilse Reichel ihren Abschied, setzte sich aber noch zwei Legislaturperioden lang als Abgeordnete für ihre politischen Ziele ein. Heute wird sie mit Louise Schroeder und Ella Kay in einem Atemzug genannt."   

Broschüre zum 10. Todestag

Ilse Reichel: "Partei ergreifen für die Jugend"
Ilse Reichel - Berlinerin, Sozialdemokratin, engagierte Jugendpolitikerin: Aus Anlass ihres 10. Todestages ist im Dezember 2003 eine Broschüre erschienen, die an eine an eine Persönlichkeit in der Politik, die wie kaum eine andere jene Spannungen produktiv aufnahm, die in den 1970er Jahren den Wandel der westdeutschen Gesellschaft angetrieben hatten. Es war ihrer Partei, der SPD, aufgegeben, in der Regierungsverantwortung politisch-administrative Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen jener Zeit zu finden.
Ilse Reichel war Berliner Senatorin in den Jahren 1971 bis 1981: Hartnäckig und unbeirrt, aber immer auch ausgleichend, visionär, aber immer fachlich fundiert ging sie die Konflikte an, die ihre Vorhaben in der Kinder-, Jugend- und Frauenpolitik auslösten. Sie versammelte fachliche und persönliche Kompetenz in ihrer Verwaltung und integrierte ein breites Spektrum sich als links verstehender Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in die Parteiarbeit.
In den Beiträgen zur Broschüre wird deutlich, dass Ilse Reichel die Menschen nicht nur fachlich beeindruckte, sondern sie auch ganz persönlich bewegte und sie durch ihr eigenes Beispiel zu persönlicher Leistung und Stellungnahme veranlasste - und zwar sowohl zu Kritik als auch zu Zustimmung.
Der Band vereint ein Selbstzeugnis Ilse Reichels über ihre sozialdemokratische Herkunft und Kindheit während der NS-Diktatur, lässt frühe Weggefährten des Aufbaus der Jugendarbeit nach 1945 zu Wort kommen, Kollegen, Mitstreiter und Mitarbeiter aus ihrer Senatorinnenzeit sowie insbesondere auch die Regierenden Bürgermeister von 1971 bis 1981.
Broschüre: "Partei ergreifen für die Jugend" Eine Berliner Senatorin im Aufbruch der 70er Jahre, Erinnerungen zum 10. Todestag von Ilse Reichel, Herausgegeben von Ingrid Stahmer und Enrico Troebst für das ABI August-Bebel-Institut und das FNA Franz Neumann-Archiv e.V. mit Beiträgen von Heinz Beinert, Michael Berenson, Hanna Biamino, Ursula Beul, Klaus Böger, Uta Denzin, Jürgen Dittner, Detlef Dzembritzki, Alfred Gleitze, Peter Hanisch, Siegfried Heimann, Hanns-Peter Herz, Hans-Jürgen Heß, Dieter Kreft, Klaus Löhe, Petra Merkel, Bettina Michalski, Hermann E. Minz, C. Wolfgang Müller, Wolfgang Penkert, Manfred Rexin, Klaus Riebschläger, Klaus Schütz, Eckhard Seidel, Dietrich Stobbe, Dolf Straub, Ulrich Waack, Peter Weiß, Erwin Wittkopf, Bernd Zenke.             Enrico Troebst
Die Broschüre ist gegen 4 Euro plus Versandkosten erhältlich beim August-Bebel-Institut, Müllerstr. 163, 13353 Berlin, Mail: reichel@august-bebel-institut.de


Erinnerungen an Ilse Reichel - Auszüge aus der Broschüre zum 10. Todestag

Viele persönliche Erinnerungen bestimmen die Broschüre der Franz-Neumann-Stiftung und des August-Bebel-Instituts zu Ehren von Ilse Reichel. Für die BERLINER STIMME hat Enrico Troebst eine kleine Auswahl zusammengestellt.

Manfred Rexin: "... 1934 - als neunjähriges Schulkind - erfuhr Ilse Reichel, wie Menschen zuweilen für ihre Überzeugung einen hohen Preis zu zahlen haben: Den Vater vertrieben die Nazis von seinem Arbeitsplatz in einem Berliner Jugendamt. Die Familie wohnte zu dieser Zeit in einer genossenschaftlichen Siedlung - in der "Freien Scholle" Reinickendorfs - und erlebte dort ein Stück solidarischer Gemeinschaft und genossenschaftlicher Hilfe - spürbar anders als jene "Volksgemeinschaft", die sich jauchzend und brüllend unter dem Hakenkreuz formierte ... 1947 stand Ilse Reichels Name mit fünf anderen unter dem Antrag auf Zulassung der Sozialistischen Jugend Deutschlands, "Die Falken", in der Viersektorenstadt Berlin. Die Gründer der "Falken" wollten anknüpfen an unvergessene Weimarer Traditionen der Kinderfreundebewegung und der Sozialistischen Arbeiterjugend, sie nun aber der veränderten sozialen Wirklichkeit in einer zertrümmerten Stadt anpassen. Das beobachteten die zuständigen Besatzungsoffiziere nicht ohne anfängliches Misstrauen
Jürgen Dittner: "... Unser erster Kontakt liegt sehr weit zurück. Von meiner resoluten Großmutter - Trägerin des goldenen SPD-Parteiabzeichens - wurde ich im Oktober 1947 bei den Falken angemeldet. Unser Gründungsmitglied Ilse war mir längst namentlich bekannt, als ich mit ihr dann in den Landesvorstand der SJD Die Falken gewählt wurde ..."

Detlef Dzembritzki: "... Ilse Reichel war eine einzigartige Chefin. Hütet Euch vor Vorbildern, wählt Euren eigenen Weg, benutzt nicht die Fußspuren anderer, waren drei ihrer Ratschläge. Sie konnte Menschen zusammenführen, im Team hervorragend kooperieren und koordinieren und vermittelte auch noch in hektischen Situationen Geduld und Toleranz. Die politische "Tupperparty" ,sprich: das Nachbarschaftsgespräch, wurde in ihrem 71er Wahlkampf mit Erfolg entwickelt. Die zusätzlichen Hausbesuche wurden allerdings zum logistischen Problem, zu viele Bürger öffneten nicht nur die Tür, sondern luden zum Kaffee und Verweilen ein ..."

Wolfgang Penkert: "... Ich war aufgeregt. Stadträtin, das war auf meiner Autoritätsskala ganz weit oben. Ich habe nie zuvor und nie danach wieder ein so großes Zimmer mit einem so großen Schreibtisch betreten. Nachdem ich die schwere Last meiner Akte die ewig lange Strecke von der Tür zum Schreibtisch befördert hatte, wurde ich freundlich und aufmunternd nach meinem Anliegen gefragt. Als ich ging, war das Zimmer schon sehr viel kleiner und Stadträtinnen hatte ich unter die Kategorie "Mensch" eingeordnet. Ja, sie konnte einem schon die Angst nehmen vor falscher Autorität, sie brauchte keinen Abstand nach unten ..."

Hans-Jürgen Heß: ".. In einem politisch verminten Umfeld und angesichts häufig überkochender Emotionen zeigte Ilse Reichel als Senatorin Statur. Durch ihre fachliche Ausbildung bestens gerüstet und auf den Punkt vorbereitet, ging sie mit ihren Aussagen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen von Frauen ein Feld an, auf dem sie sich schnell breite Zustimmung sicherte und überdies die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, die wie die ganze Partei in sich gespalten war, allmählich auf ihre Seite zog. Dies zeigte sich deutlich, als sie mit der Gründung und Eröffnung des ersten Frauenhauses in der Bundesrepublik Deutschland über die Grenzen Berlins hinaus auf sich aufmerksam machte ..."

Klaus Schütz: "... Es war nicht leicht, aus dem Schatten von Ella Kay zu treten. Aber Ilse Reichel ist es gelungen. Auf ihre eigene Weise und nicht zuletzt deshalb, weil sie sich von Anfang an verstanden hat als eine Sozialdemokratin, die die Arbeit von Ella Kay fortsetzen wollte. Nicht als Kontrastprogramm, sondern bewusst als sinnvolle Weiterentwicklung. In der guten Zusammenarbeit im Senat von Berlin habe ich bald gelernt, dass ich gut beraten war, immer genau zuzuhören, wenn sie - zu welcher Frage auch immer - sprach. Kurz gesagt: Ich habe sie außergewöhnlich schätzen gelernt ... "

Dietrich Stobbe: "... Es wird sich zeigen, dass Ilse Reichel neben Ella Kay die bis heute eindrucksvollste Gestalt ist, welche der Jugendpolitik in Berlin eine in sich geschlossene Kontur zu geben vermochte. Eine Kontur, welche die jugendpolitischen Aufgaben gleichrangig neben die der klassischen Bildungs- und Sozialaufgaben des Staates stellte. Das Wirken und Schaffen von Ilse Reichel steht im Zeichen eines ganzheitlichen Ansatzes der Jugendarbeit. In deren Mittelpunkt stand - bei aller Bereitschaft zum fairen Zusammenwirken mit den freien Trägern der Jugendarbeit - der Staat als Aufgabenträger und zugleich als dominanter Vollzieher der Maßnahmen ..."

Klaus Riebschläger: "... Sie war kantig, sie war klar und sie war überzeugt - schon damals ein Dreiklang von Eigenschaften, dem man politischen Raritätswert nachsagen durfte. Gleichwohl will ich nicht der üblichen Historienmalerei verfallen: Mein Spektrum der Erinnerung reicht von Unverständnis für eingenommene Positionen über gemeinsames Engagement bis hin zu einem überraschenden Akt der Fairness, der als Schlusseindruck bleibt ... "

Dolf Straub: "...Ilse Reichel war auch Sportsenatorin, was man ihr nicht so sehr ansah. Aber sie war Sportsenatorin mehr als nur pflichtgemäß. Schon wegen der Jugendlichen in den Vereinen. Und es gab da ja auch im Sport noch die Spuren des Aufbruchs, der Lebensreformbewegung und der proletarischen Tradition der Arbeitersportvereine. Ilse schätzte den sozialen Aspekt der Vereinsarbeit ohnehin sehr viel höher als den der sportlichen Leistungen. Aber so was durfte man der Sportpresse natürlich nicht sagen ..."

Ulrich Waack: "... Nach der Feier standen wir beim Abschied auf dem Etagenflur, der sich schnurgerade längs durch das riesige Gebäude zog: kahl, linoleumbelegt, trüb beleuchtet, eine endlose Reihe von kargen Türen in den Betonwänden. "Ja", sagte Ilse, "wenn mein Onkel kommt, fühlt er sich immer an das Zuchthaus Brandenburg erinnert." Bei diesem Onkel handelte es sich um den "Schuster Frenzel", der in Robert Havemanns Erinnerungen 1945 als sein Zellengenosse erwähnt wird, ebenso wie der Zellennachbar (und Dachdecker) Erich Honecker. "Ja", sagte Ilse, "das ist in meiner Familie ganz komisch: Wir haben einen sozialdemokratischen Zweig und einen kommunistischen. Wenn wir uns bei Familiengeburtstagen treffen, dann kriegen wir uns bei politischen Fragen immer mächtig in die Wolle, aber sonst verstehen wir uns ganz gut." Und in der Tat: Kurze Zeit später entpuppte sich ein Praktikant in unserer Planungsgruppe als ein Neffe Ilses, der keine Angst zu haben brauchte, bei Gelegenheit im vertrauten Kreise seine Mitgliedschaft in der SEW zu erwähnen ..."

Hanns-Peter Herz: "... Ich habe Ilse Reichel als stellvertretender Senatssprecher und später als Leiter des Presse- und Informationsamtes immer wieder in Pressekonferenzen und bei vertraulichen Gesprächen mit Journalisten erlebt. Dabei war ich beeindruckt von ihrem umfangreichen Wissen und der Art, in der sie dies den Vertretern der Öffentlichkeit zur Jugendpolitik oder zu schwierigen Fragen der Gesellschaftspolitik vermittelt hat ..."

Peter Hanisch: "... Ilse Reichel hatte mir als Vorsitzendem der Sportjugend Berlin sehr schnell bewusst machte, dass Jugendverbände aktiv und aufmüpfig gegenüber den Erwachsenenverbänden sein müssen, also auch gegenüber dem Landessportbund. Sie hat die Eigenständigkeit der Sportjugend innerhalb des Sports klug angeschoben und gefördert. Sie kam zu unseren Jugendversammlungen und Veranstaltungen, räumte die vielen Steine beim Aufbau unserer eigenen Jugendbildungsstätte weg, entwickelte das Bundesfinale von ‚Jugend trainiert für Olympia' zu einem Event des Jugendsports und war selbst neben Josef Neckermann jedes Jahr der Star bei den großen Finalveranstaltungen in der Deutschlandhalle. Die Rufe der 5000 Schülerinnen und Schüler "Josef" und "Ilse" klingen mir noch heute in den Ohren ..."

Klaus Löhe: "...Sehr schnell stellte ich fest, dass meine Senatorin großen Wert darauf legte, auch die Meinungen der normalen Mitarbeiter zu hören, was dazu führte, dass ich als kleiner Amtsinspektor schon bald auf ihrer Couch Platz nehmen durfte. Ich erinnere mich, dass im Rahmen einer solchen Besprechungsrunde, in der auch ein Problem mit dem damaligen Frauenhaus auf der Tagesordnung stand, die Senatorin zu Ilse Haase-Schur sagte: "Du musst jetzt nicht nur mit den Schultern zucken. Sag mir lieber, wie wir das hinkriegen. Das Frauenhaus war ja auch deine Idee." Ilse Haase-Schur war nicht sehr begeistert und ich habe schnell gelernt, dass man sich mit Ilse immer im gleichen Boot befand ... "

Klaus Böger: "... Die Jugendhilfe in Berlin ist bis heute von der "Ära Reichel" geprägt. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bezirken, bei Freien Trägern und in meinem Hause haben ihre berufliche Basisprägung in dieser Zeit erhalten. Der Aufgeschlossenheit, der Diskussionsbereitschaft über Hierarchiegrenzen hinweg und dem Vorrang des Inhalts vor der Form, die die Jugendverwaltung unter Ilse Reichel auszeichnete, begegnet man vielfach auch heute noch ..."

Recherche: Holger Hübner, Enrico Troebst, U.H.