Possehl, Franz

Geschichte: Personen L-Z

Franz Possehl

17.1.1905 - 22.6.1974

Stadtältester : 17.01.1973
Ehrengrab : Urnenfriedhof Seestraße, Seestraße 92/93, Mitte

Erinnerung an Franz Possehl

Franz Possehl war einer von uns, ein hervorragender Vertreter der Arbeiterschaft. Er war mir ein väterlicher Freund. Wenn es ums Reden ging, war er einer der Stillen im Lande. Das Reden fiel ihm schwer Er war kein Mann der überflüssigen Worte. Dabei war alles, was er sagte, überzeugend und durchdacht. Sein lebenskluger Rat war geschätzt, er gab ihn aus einer langen, hart erarbeiteten Erfahrung. Immerhin diente er seiner Partei seit 1919, also ein ganzes Menschenleben.
In seinem Leben wurden ihm viele Aufgaben gestellt. Er bemühte sich nie um Funktionen und hatte doch so viele ausgefüllt. Er war immer da, wenn man ihn brauchte und trat bescheiden in den Hintergrund, wenn ein anderer die Aufgabe genauso gut erfüllen konnte. Nie fragte er nach der "Wertigkeit" seiner Aufgabe, sondern nur nach der Notwendigkeit für die Allgemeinheit. Nie strebte er nach Ruhm und Ehre. Im Gegenteil, als er, der nie etwas Spektakuläres vollbrachte, für seine Lebensleistung eine der höchsten Ehren unserer Stadt erhielt, fragte er, warum gerade ich!
Vor 1933 war er führend in der sozialistischen Proletarierjugend und im Arbeitersamariterbund als Helfer tätig. Gewerkschaftliches und sozialistisches Gedankengut rettete er über die Zeit der Naziherrschaft. Unbelastet konnte er sich sofort nach dem Kriege dem Wiederaufbau widmen. Von 1946 bis 1949 war er, dank seiner Beliebtheit und auf Grund seiner konsequenten Einstellung, getragen vom Vertrauen seiner Kollegen, Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Bergmann in Ost-Berlin. Die Kommunisten entfernten den unbeugsamen aufrechten Demokraten, weil er in der SPD blieb, aus seinem Amt. Sie nahmen ihm den Arbeitsplatz. Eine neue Existenz fand er bei der Bewag, wo er fast 21 Jahre lang als Ausbilder und Lehrmeister seine Berufs- und Lebenserfahrung an die Jugend weitergegeben hat. Gerade hier bewährte sich seine ausgeglichene und abwägende Grundhaltung.
Über 20 Jahre bekleidete Franz Possehl das Ehrenamt eines Bezirksverordneten. Im Haushaltsausschuss unterstützte er die Ziele, die er in der Sozialdeputation und im Jugendwohlfahrtsausschuss mit erarbeitet hatte. Gern denke ich an unsere gemeinsamen Besuche in den Jugendeinrichtungen des Bezirks, um vor Ort ein Bild von der Jugendarbeit zu erhalten. Wir wollten wissen, was Sache ist. Wer mit über 65 Jahren noch ein so aktives Mitglied im Jugendwohlfahrtsausschuss war, der muss wohl in seinem Herzen jung geblieben sein. Gerade in einer Zeit, in der es um die Ausbildung der Jugendlichen und ihre Zukunftschancen ging, war es ein gefragter Ratgeber. Im Ältestenrat war er mit einer bedachtsamen, nie verletzenden Kritik ein guter Partner. Den Vorsitz der Fraktion hat er nie angestrebt, den übernahm später sein Sohn Dieter, aber den stellvertretenden Vorsitz konnte er schliesslich nicht ablehnen, das war nur zum Vorteil.
Seine Basis aber blieb die 3. Abteilung. Ob als Gruppenkassierer oder als Delegierter, er stand seinen Mann; er war ein unbequemer, weil fordernder Abteilungskassierer und als Not am Manne war, leitete er die Abteilung zwar mit Geschick und Erfolg, aber er tat es nicht gern. Muss ich noch erwähnen, dass er auch für die Freie Volksbühne ehrenamtlich tätig war?
Ein Herzinfarkt riss ihn mitten aus einer Ältestenratsitzung. Ein zweiter setzte, als er schon als gerettet galt, seinem arbeitsreichen Leben ein jähes Ende. Wir verloren einen der Männer der Tat, die nicht nur mitreden, sondern im politischen Alltag auch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten wollen. Durch die praktische Arbeit hat er die grossen Linien der Politik in greifbare Verbesserungen für Bürger umgesetzt. Er sah sich als jemand, der im zweiten Glied steht und "nur" die grossen Ideen in viele kleine Fortschritte verwandelt. Hätten wir nur mehr von seiner Qualität, die hart und zäh arbeiten. Er sah die Aufgabe und nicht den Lohn, deshalb erhielt er zu Recht die Würde eines Stadtältesten, wer hätte den Begriff des Ehrenamtes besser verkörpern können. Franz Possehl war ein Arbeiter im besten Sinne des Wortes. Er war kein Held der Arbeit, Helden hinterlassen so viele Trümmer - er war ein Meister der Arbeit, Meister hinterlassen Meisterwerke. Unter den 19 Stadtältesten war er der jüngste, leider war es ihm nur 17 Monate vergönnt, diesem erlauchten Gremium anzugehören. Er starb vor 20 Jahren, am 22. Juni 1974.
Könnte Franz dieses lesen, würde er wiederum Fragen, warum gerade ich. Unsere Martha Possehl kann es noch lesen, sie ist dabei sich von einer Operation zu erholen. Weil sie ihren Franz ein Leben lang begleitete und es beurteilen kann, wird sie sicher sagen, jawohl gerade er.

Horst Löwe
aus: mittenmang, die Mitgliederzeitung der 3. Abteilung der SPD Wedding, Herbst 1994



Franz Possehl ist seit 20 Jahren Bezirksverordneter

Wer 20 Jahre das Ehrenamt eines Bezirksverordneten ausgefüllt hat, vollbrachte ohne Zweifel eine beachtliche Leistung. Wohl kaum jemand mag ermessen, wie viel allein an Freizeit und Familienleben aus Idealismus geopfert wurde. Um wie viel höher ist jedoch eine solche Leistung zu bewerten, wenn jemand in seinem Leben schon vorher großen Undank für seinen Einsatz für die Allgemeinheit geerntet hat.

Bevor er Bezirksverordneter Wedding wurde, war Franz Possehl von 1946 bis 1949 Betriebsvorsitzender bei der Firma Bergmann in Ost-Berlin. Wegen dieser Funktion wurde er nach 25jähriger Betriebszugehörigkeit von den Kommunisten gemaßregelt. Er hat sich dadurch nicht entmutigen lassen, sondern sich sofort in West-Berlin - und das war damals nicht so ganz einfach - eine neue Existenz aufgebaut und sich auch bald darauf wieder für den Dienst an der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Wer ist nun dieser Bezirksverordnete Franz Possehl? Er ist ein alter Weddinger. Wenn man ihm die ersten zwei Jahre seines Lebens, die er in Wilhelmshaven verbracht hat, nicht ankreidet, kann er sogar als geborener Weddinger gelten. Er ist kein Mann der großen Worte, vor allem nicht die überflüssigen Worte. Das bedeutet keinesfalls, dass er nicht für seine Überzeugung an jeder Stelle und mit ganzem Nachdruck eintritt. Seiner ganzen Grundhaltung nach ist er jedoch ausgleichend und abwägend. Diese Eigenschaft hat ihn wohl auch besonders befähigt, bei der Bewag als Ausbilder und Lehrmeister in der Lehrwerkstatt tätig zu sein. Wer mit über 65 Jahren nicht nur Mitläufer, sondern aktives Mitglied im Jugendwohlfahrtszentrum ist, der muss wohl in seinem Herzen jung geblieben sein. Deshalb wird er auch in den kommenden vier Jahren seinen vollen Anteil an der Bewältigung der Aufgaben der Bezirksverordneten haben. Dabei kann er ganz unbeschwert an die Arbeit gehen; denn selbst die Aufgabe, für einen Nachfolger zu sorgen, hat er längst erfüllt - sein Sohn ist Vorsitzender der SPD-Fraktion. Wo alles im Lot ist, da bleibt dem Chronisten nichts weiter übrig, als dem Jubilar im Namen aller Bezirksverordneten für die kommenden Jahre Glück und Erfolg zu wünschen.

Horst Löwe, Bezirksverordneter in Wedding

(Aus der Berliner Stimme vom 15.05.1971)



Recherche: Onur Özturan