Pickert, Helmut

Geschichte: Personen L-Z

Helmut Pickert

Helmut Pickert Porträt
 

geboren 2.1.1903

 

Die Lebensgeschichte des Helmuth Pickert, oder wie man 100 Jahre alt wird
(Zugehört und aufgeschrieben von Horst Kranz 1997 und  2002 leicht geändert nachgeschrieben)

Januar 1903, meine Mutter hat oft erzählt, dass anno 1903 ein sehr kalter und langer Winter war. Es wurde überwiegend nur mit Kohle, Koks und Holz geheizt und der Rauch und Qualm aus vielen Schornsteinen verdunkelte den Himmel über dem Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg. Das neue Jahr hatte gerade begonnen, als meine Mutter nach der Hebamme schickte. So hatte am 2. Januar 1903 Berlin einen Bürger mehr. Vater und Mutter Pickert freuten sich über ihren zweiten Sohn, Helmuth. Mein Bruder Erich war schon da und ein paar Jahre später kam noch meine Schwester Erna dazu. Vater verdiente sein Geld als Schlosser, Mutter war Hausfrau und sorgte mit den wenigsten Haushaltsmitteln für das Wohlergehen der Familie.

So wuchs ich auf in einem Berliner Arbeiterbezirk, der wenig Stadtgrün, aber viele, viele Hinterhöfe hatte. Auf diesen Höfen waren damals noch unzählige Handwerksbetriebe zu finden. Es gab dort noch viele Pferde- und Kuhställe, ein echter „Abendteuerspielplatz“ für uns Stadtkinder. Einen Kaiser hatten wir auch noch in Berlin, aber der wohnte weit weg von den Hinterhöfen in einem großen Schloss. Für uns Kinder aber war der Kaiser wichtig, denn jedes Jahr zu seinem Geburtstag gab es schulfrei.

Meine Schulzeit war lang und kurz zugleich. Schon nach der achten Klasse hieß es Geldverdienen. Aber das war nicht so einfach. Als ich mit 14 Jahren die Schule verlassen musste, schrieb man das Jahr 1917. Der erste Weltkrieg stand ein Jahr vor dem Ende und wir hatten in Deutschland den "Kohlrübenwinter 1917/18" vor uns. Ein Jahr später im November 1918 war dann alles vorbei. Der Krieg war verloren und der Kaiser dankte ab und verschwand aus Deutschland und mit ihm der schulfreie Tag am 27. Januar.

In dieser Zeit suchte ich eine Arbeitsstelle im brodelnden Berlin. Die fand ich in einer Notar- und Rechtsanwaltspraxis Unter den Linden. Jetzt durfte ich die Post der Anwälte in ganz Berlin verteilen. Hier erlebte ich hautnah im März 1920 den Kapp-Putsch, das einmarschierende Militär und die anschließende Flucht der Putschisten aus Berlin. Die Tage vom 13.-17. März, solange dauerte der Putschversuch, stärkten mein Interesse für die Tagespolitik. In Gesprächen mit meinen Freunden wurde mir klar, so ein Putsch darf nicht noch einmal passieren. Bereits 1919 war ich mit 16 Mitglied der SPD geworden. Von nun an verbrachte ich viel Zeit mit anderen Jungsozialisten und hübschen Jungsozialistinnen und fuhren oft mit der Bahn oder dem Fahrrad bis zum Werbellinsee. Später dann bekam ich Arbeit in der Heinersdorfer Möbelfabrik und wurde hier als Möbelspritzer ausgebildet. So erlebte ich arbeitend die "Goldenen 20ziger “, den „Schwarzen Freitag“ und die sich anschließende Inflation und einsetzende Massen-arbeitslosigkeit, die politischen Auseinandersetzungen mit den aus Moskau gelenkten Kommunisten und das Aufkommen des  Hitlerfaschismus. In dieser unruhigen Zeit hatte ich stets einen festen Halt in der SPD, im Kreise meiner Genossinnen und Genossen. Trotzdem, wir haben was falsch gemacht, denn als Hitler 1933 die Macht übernahm, mussten wir ohnmächtig die Diktatur der Gewalt bis zum bitteren Ende 1945 ertragen.

1939, ich war inzwischen mit einer der hübschen Jungsozialistinnen vom Werbellinsee verheiratet, zog ich mit meiner Frau in die neu entstandene Stadtrandsiedlung in Malchow.

Der zweite Weltkrieg kam und ich wurde im Volkshaus Weißensee für die Infanterie gemustert. Als ich eingezogen wurde hieß es aber, dass der Jahrgang 1903 zu den Polizeihilfskräften gezogen wird. Dort erhielt ich eine Spezialausbildung und wurde Turmbeobachter. Nun saß ich in den Kriegsnächten auf dem Heinersdorfer Wasserturm und musste von dort oben die Brand- und Explosionsherde während der Bombenangriffe auf Berlin weitermelden. Obwohl ich nie an der Front war und nie einen Schuss abgegeben habe, habe ich oft Angst und Wut bei der entsetzlichen Zerstörung rund um meinen Turm empfunden. Angst vor den um mich herum fallendem Bomben und Wut, weil man als Einzelner hilflos der sinnlosen Zerstörung zuschauen musste.

Nach dem Ende des Krieges 1945, erlebte die Sozialdemokratie in Berlin einen großen Aufschwung und wurde bei den ersten und einzigen freien Wahlen zur stärkstem Kraft. Wir waren 146 Mitglieder in Weißensee und unser Treffpunkt war die Malchower Dorfgaststätte. Leider wurde uns der Erfolg der Wahlen von den sowjetischen Dienststellen und den deutschen Kommunisten nicht gegönnt.
Ständig waren wir Schikanen ausgesetzt, vom Verbot von Versammlungen und Plakaten, bis hin zum Versuch der Zwangsvereinigung mit den Kommunisten. Wieder mussten wir uns Zähneknirschend der Gewalt beugen, aber wir ließen uns nicht Zwangsvereinigen. Wir, das waren aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft in Malchow, Emil Steg, Charlotte Breselow und Edith Vetter, damals die Vorsitzende der Jungsozialisten in Weißensee.

Nach 1961 und dem Bau der Mauer, war dann auch in Ostberlin die politische Arbeit in der  SPD nicht mehr möglich, wurden die Ortsverbände aus Sicherheitsgründen freiwillig aufgelöst.

1989 nach dem Mauerfall, waren die meisten meiner alten Genossen verstorben, oder über ganz Deutschland verteilt. Nichts war mehr so wie es war und nichts würde mehr so werden wie es einmal war. Das mussten wir alten Sozialdemokraten im Osten erst begreifen lernen.

Das Geläut der Freiheitsglocke, das uns 40 Jahre über den RIAS erreicht hatte und der ständige Aufruf  "Brüder und Schwestern in der Ostzone, haltet aus" mussten nun mit Taten und Leben erfüllt werden. Wenn ich zurück denke, dann kann ich Euch lieben Genossinnen und Genossen nur den- Rat geben, macht-weiter, streitet euch um Dinge wo sich der Streit lohnt. Setzt eure ganze Kraft für die Beseitigung der immer größer werdenden Massenarbeitslosigkeit ein.

Ein Leben ohne Arbeit ist wie eine Suppe ohne Salz.

Ich habe mehrere Ehrenurkunden und Ehrenbriefe mit den Unterschriften der Parteivorsitzenden, Erich Ollenhauer und Björn Engholm und auch von Regine Hildebrandt, bekommen und bin stolz darauf.  Die Überreichung der letzte Urkunde 1995 durch Rudolf Scharping wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Als mir der SPD Parteivorsitzende die Ehrenurkunde überreichte, die mir meine 50 jährige Mitgliedschaft in der SPD bescheinigte, war die Überraschung groß, als ich mein altes Parteibuch von 1919 aus der Tasche zog, und sie dem Parteivorsitzenden zeigte, den da war ich schon 76 Jahre Mitglied. der SPD.

Etwas lächeln  gehört dazu. So rennt einem eben die Zeit davon.

Nachtrag:

Seit 1997 sind wieder 5 Jahre vergangen und Helmuth Pickert ist am 2. Januar 2003 100 Jahre alt geworden und in diesen Jahr auch 84 Jahre Mitglied der SPD. Aus diesen Anlass fand am 2. Januar, um 15 Uhr, in der AWO-Pankow, Granitzstr. 38, eine feierliche Gratulationsveranstaltung statt, zu der neben vielen Prominenten auch die noch lebenden Weggefährten/innen kamen.