Peschel-Gutzeit, Lore Maria

Geschichte: Personen L-Z

Lore Maria Peschel-Gutzeit

geboren am 26. 10. 1932 in Hamburg
ab 1951 Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg und Freiburg im Breisgau
1955 1. Staatsprüfung, 1959 2. juristische Staatsprüfung, Befähigung zum Richteramt
1959 – 1960 Rechtsanwältin in Freiburg
1960 – 1972 Richterin am LG Hamburg
1972 – 1991 Richterin am Hanseatischen OLG in Hamburg, Vorsitzende seit 1984
1977 – 1983 Vorsitzende des Deutschen Juristenbundes
Mitglied der SPD seit 1988
1990 Promotion zum Thema "Das Recht zum Umgang mit dem eigenen Kinde"
1990 – 1992 Vorsitzende im Landesfrauenrat in Hamburg
1991 – 1993 Senatorin für Justiz in Hamburg
1994 – 1997 Senatorin für Justiz in Berlin, 1995 – 1996 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, Bezirksliste Tempelhof
1997 – 2001 Senatorin für Justiz in Hamburg
2002 erneute Zulassung als Rechtsanwältin, seitdem Praxis in Berlin (Kanzlei FPS Fritze Paul Seelig)
2004 Stadtälteste Berlin


Mitgliedschaften u.a.: ver.di (früher ÖTV), Schadow-Gesellschaft Berlin, Deutscher Anwaltverein, Deutscher Juristentag, Deutscher Familiengerichtstag, Deutscher Juristinnenbund, Kuratorium Deutsche Liga für das Kind, Deutscher Kinderschutzbund, Übersee-Club Hamburg, Capital Club Hamburg, International Club

Recherche: Gilbert Dietrich

 

Verleihung der Stadtältestenwürde an Lore Maria Peschel-Gutzeit durch Klaus Wowereit am 7. Juli 2004

Es gab vor einigen Jahren in der Berliner Landespolitik einmal ein geflügeltes Wort: Von einer ,bedeutenden Stadt im Norden‘ war da die Rede. Die wurde in vielen Bereichen als Vorbild genannt. Und als Kronzeugin diente regelmäßig Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit.

Diese ‚bedeutende Stadt im Norden‘ regelmäßig als Vorbild zu nennen, mag wie billiger Hamburg-Lobbyismus klingen. Bei Lore Maria Peschel-Gutzeit war es genau das Gegenteil: Sie war von 1994 bis 1997 Berliner Senatorin für Justiz; ihr ging es um das Wohl Berlins. Sie wollte ihre positiven Erfahrungen aus Hamburg für Berlin nutzbar machen. Und sie hat immer wieder dazu beigetragen, den Blick zu weiten, über den Tellerrand der Stadt hinauszuschauen und von den Erfahrungen anderer zu lernen. Das hat Berlin gut getan. Lore Maria Peschel-Gutzeit hat uns damit viele Anstöße zum Nachdenken, aber auch zum politischen Handeln gegeben.

Drei Themen bewegten und bewegen Lore Maria Peschel-Gutzeit in besonderer Weise. In der rechtspolitischen Diskussion trat sie mit vielen Vorstößen zur Gleichstellung und zum Abbau von frauendiskriminierenden Normen hervor. So hat sie sich mit viel Sachverstand, großem persönlichem Engagement und letztlich auch mit Erfolg für zahlreiche Rechts-reformen eingesetzt. Und ein Gesetz trägt in Juristenkreisen sogar ihren Namen: Als ‚Lex Peschel‘ wurde das Gesetz bekannt, demzufolge Beamtinnen und Richterinnen Teilzeit und Familienurlaub gewährt wird.

Das zweite Thema, dem sich Lore Maria Peschel-Gutzeit mit starker innerer Überzeugung und mit viel Eifer widmete, ist die innere Einheit unseres Landes. Das war ihre Maxime bei der erfolgreichen Rechtsangleichung und bei der Zusammenführung der Justiz in Berlin. Noch wichtiger ist aber: Sie – die Hamburgerin – begegnete den Berlinerinnen und Berlinern beider Teile der Stadt mit großem Respekt und mit ehrlichem Interesse. Sie ist auf sie zugegangen, hat versucht zusammenzuführen und hat sich dabei rasch großes Vertrauen erworben.

Ein drittes Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Wirken von Lore Maria Peschel-Gutzeit: die Gerechtigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen. Ihr Vorschlag, das Wahlrecht mit der Geburt beginnen zu lassen und es bis zur Volljährigkeit von den Eltern ausüben zu lassen, hat Aufsehen erregt und zum Nachdenken angeregt. Vor allem hat es aber all jene ermutigt und gestärkt, die sich für eine kinder- und familienfreundlichere Gesellschaft einsetzen. Und die brauchen wir dringend!

Wenn wir heute Lore Maria Peschel-Gutzeit zur Stadtältesten von Berlin ernennen, dann vor allem aus einem Grund: Sie ist eine Frau, die einen der großen Pluspunkte Berlins verkörpert – Berlin als ein Schmelztiegel von Menschen aus allen Teilen Deutschlands, als eine Stadt, die von den unterschiedlichsten Erfahrungen profitiert, die viele fasziniert und in die Menschen kommen, die etwas bewegen wollen. Lore Maria Peschel-Gutzeit hat viel bewegt. Sie hat ihre Herkunft nie vergessen, sondern Brücken gebaut zwischen Berlin und ihrer langjährigen Wirkungsstätte in Hamburg.

Ich freue mich, liebe Lore Maria Peschel-Gutzeit, Sie heute in Anerkennung Ihrer Verdienste zur Stadtältesten von Berlin ernennen zu dürfen.

Klaus Wowereit