Pagel, Luise

Geschichte: Personen L-Z

Luise Pagel

Luise Pagel, geb. Hoffmann, am 9. Juni 1875 in Stülpmünde geboren, verstorben 1943 in Berlin-Wedding, ihr drittes Kind ist Margarete Pagel, geboren am 24. September 1906 in Berlin-Wedding.

Wir schreiben das Jahr 1906. Wahlen zum Reichstag stehen an. Die Sozialdemokraten werben für ihre Kandidaten. Eine große Gemeinschaft hat den Wahlkampf vorbereitet. Darunter eine Frau, die durch ihr Wirken bis heute unvergessen ist und deren Name in vielen sozialen Einrichtungen erhalten ist: Marie Juchacz, die Mitbegründerin der AWO. Sie durfte noch nicht kandidieren, Frauen durften auch noch nicht wählen oder sich gar in der Öffentlichkeit politisch betätigen. Doch sie wollten mitmischen, die Veränderung beschleunigen.
So auch im Wedding.
Hier steht eines Tages eine Frau an einer Straßenecke, eine der damals üblichen stabilen, kantigen Einkaufstaschen am Arm. Dieser entnimmt sie Flugblätter und verteilt sie an die Vorbeieilenden. Die Flugblätter mit dem Zeichen "SPD" werden im Wedding gern genommen, sprechen sie doch die Wahrheit und zeigen Wege auf in eine gerechtere Welt. Ein Polizist nähert sich der Frau - eine väterliche Gestalt mit der uns geschichtlich überlieferten Ausstrahlung von Güte und Fürsorglichkeit - vor allem sei das gewesen den Schwachen und Nachgeordneten gegenüber.
Er: Junge Frau, was machen Sie denn hier? Wissen Sie nicht, dass Sie keine politischen Schriften verteilen dürfen?
Sie: Wieso, politische Schriften? Eine nette, feine Dame hat mir diesen Packen gegeben und gesagt, dass das nichts Schlimmes sei, nur eine freundliche Werbung. Sie war überhaupt so nett und fein, so gar nicht politisch. Ich kann ja nicht lesen.
Er: Na, na, das ist aber leichtsinnig. Kommen Sie mit, ich muss Ihnen die Blätter abnehmen. Hoffentlich merkt Ihr Mann nichts.
Was Sie machen, ist strafbar. Haben Sie Geld dafür bekommen?
Sie: Ja, darum habe ich es auch gemacht. Fünf Mark! (Sie weist auf ihren gewölbten Bauch) Soviel kostet die Hebamme. Nun müssen wir mit unseren Kindern dafür nicht am Essen sparen.
Er: Da sind Sie ja ganz schön reingelegt worden. Aber ich will mal nicht so sein. Geben Sie mir die Flugblätter und gehen Sie schnell nach Hause zu Ihrem Mann und den Kindern. Das Geld heben Sie gut auf für den wichtigen Tag.
Und denken Sie daran: Nie wieder Flugblätter verteilen!
Und wenn die Frauen noch so nett sind. Die Politischen sind ganz raffinierte Weiber, die die Welt verdrehen wollen. Das nimmt kein gutes Ende. Alles nur Agitation und Unruhe stiften.
Die junge Frau bedankt sich artig für die liebe Art des Polizisten, greift ihre Tasche ganz fest, die ohne die Flugblätter leichter ist. Und - ja, sie geht zwar schnell weg, doch nicht nach Hause. Sie geht zum SPD-Stützpunkt, berichtet lachend von dem Erlebnis, lässt sich neue Flugblätter geben, sucht sich einen anderen Standort für die politische Agitation aus.
Anm.: Die junge Flugblattverteilerin hieß Luise Pagel. Im September 1906 gebar sie ein Mädchen - das dritte von vier. Es wurde Margarete genannt. Luise P. war später die Vorsitzende der SPD Frauengruppe in Wedding. Sie erhielt als Anerkennung für ihre politische und soziale Arbeit ein Bild von der AWO. Adam in einer Nachbildung eines Ausschnitts aus einem Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom! Dieses Bild kam nun in eine durch und durch atheistische Familie.
Doch auch hier zählten Jahre später noch die Achtung vor dem Anlass und eine große Toleranz. Geschmunzelt wurde darüber, dass Adam nun aus dem Fenster im Hinterhaus in der Swinemünder Straße dem Treiben im und am Swinemünder Gesellschaftshaus zusehen konnte.
Das Bild ging auf die Tochter über, auf Margarete, die bereits im Mutterleib mit der Politik in Verbindung kam. Margarete, geboren im Jahre 1906, berichtet von ihrer Mutter, einer klassenbewussten Proletarierin. Man schrieb das Jahr 1907. Der Bauch der Frau wölbte sich schon beträchtlich, denn sie war wieder schwanger. "Mutter war ja damals noch nicht in der Partei, aber sie arbeitete für die Partei. Und da hat sie sich hingestellt und hat die Zettel verteilt Und da ist sie von einem Arbeiter - früher, da kannte man die Arbeiter, sie hatten blaue Hemden - ist sie angezeigt worden. Und nun sollte sie Strafe zahlen oder einsitzen. Und sie sagte: "Sie sehen doch, wie ich bin!" Meine Mutter konnte sich wunderbar rausreden. "Da ist 'ne Frau gekommen, und die hat mir das in die Tasche gesteckt und hat mir fünf Mark gegeben. "Stimmt gar nicht "Ich brauch ja Geld " Da haben sie sie laufen lassen, ihr die Zettel abgenommen. Und da ist sie zurückgegangen zu der Stelle, hat sich neue geholt und ist eben an eine andere Ecke gegangen."
Und was erlebte das Bild dann in deren Wohnung? Natürlich Politik pur. Adam bekam aber auch die Sonne zu spüren. Sie hatte in die Fenster des dritten Hinterhauses an der Prinzenallee durch den Garten um das alte Bauernhaus an der Panke einen freien Weg.
Ende der 30er Jahre sah Adam jedoch immer wieder Menschen, die sich unter seinen "Augen" trafen, um Hilfsaktionen für untergetauchte Genossen (SPD) oder politische Aktionen zu besprechen, Flugblätter zu entwerfen, Information zu formulieren.
Eine Schreibmaschine wurde gebracht und die älteste Schwester von Margarete, gleich nach dem Machtwechsel durch Hitler und seine Gehilfen aus dem öffentlichen Dienst "entfernt", schrieb dort stundenlang. Es war die Gruppe um Theodor Haubach, der selbst am 20. Juli 1944 im Rahmen des großen Abrechnens der Nazis mit dem deutschen Widerstand in Plötzensee umgebracht wurde Jetzt erinnert eine Straße in Charlottenburg an ihn.

Quellen: Abteilungszeitung "Wir, die 14" - Autorin: Hannelore Jahn,
Beitrag des Bildungsprogramms des RIAS Berlin ,Der arme Bezirk - die Geschichte des Berliner Weddings", Autor Ulf Dammann, Redaktion Manfred Rexin, Ausstrahlung am 11. Mai 1989

Recherche: Claudia Sucker