Oschilewski, Walther G.

Geschichte: Personen L-Z

Walther G. Oschilewski

Grabstein Ehepaar Oschilewski

Grabstein Ehepaar Oschilewski. Foto: Holger Hübner

 

Walther Georg Oschilewski wurde am 22. Juli 1904 in Berlin geboren. Er starb am 1. Mai 1987 in Berlin. Die Trauerfeier fand auf dem Waldfriedhof Dahlem statt. Es sprach Klaus Schütz. Die Urne mit seiner Asche ruht auf dem Städtischen Friedhof von Iraklion (Heraklion/Kreta) Ag. Konstantinos, Grabstelle A 110, Leof. Knossou (kurz hinter dem Haupteingang an der rechten Seite des Weges, der zur Friedhofskirche führt).

 
Grabstätte Oschilewski. Foto: Hübner

Grabstätte Oschilewski. Foto: Hübner

 

Fotos vom Grabstein von Margarete und Walther G. Oschilewski  in der Familiengrabstätte Kavalaki auf dem (alten) Zentralfriedhof von Iraklion (Heraklion) in Kreta, aufgenommen am 8. Mai 2007, wenige Tage nach dem 20. Todestag von  Walther G. Oschilewski.

 

Er bewahrte Unabhängigkeit

Walther G. Oschilewski um 1981
 

Walther G. Oschilewski zum 80. Geburtstag am 22. Juli 1984
Von Willy Brandt


WGO 80 Jahre: Dies ist wahrlich Grund genug, einem ungewöhnlich produktiven Skribenten und einem ungewöhnlich verdienten Sozialdemokraten herzlich zu gratulieren. Der damit verbundene Dank gilt zugleich einem Mitglied des Seniorenrats der SPD.
"Auf den Flügeln der Freiheit" überschrieb W.G. Oschilewski Beiträge, die er vor fünf Jahren, anläßlich seines 75. Geburtstags, zur Neuausgabe gesammelt hat. Mit diesem schönen Titel hat er gewiß nicht nur ausdrücken wollen, was die Porträtierten - von Bettina von Arnim über Rosa Luxemburg bis hin zu Ernst Friedrich - verbindet; jedenfalls hat er auch eine Selbstaussage getroffen. Warum hätte er gerade diese Frauen und Männer sonst noch einmal vorgestellt?
Jenseits der Verbundenheit zu Berlin ist ihnen allen gemeinsam, daß sie sich nicht ein- und schon gar nicht unterordnen mochten; daß sie der (freiheitlichen) Arbeiterbewegung existentiell verpflichtet waren und ohne sie nie das geworden wären, was sie geworden sind, daß sie dennoch Einzelgänger, Außenseiter blieben und auf ihre geistige Unabhängigkeit hielten; schließlich waren sie Frauen und Männer des geschriebenen Wortes, mehr der Reflexion als der Tat. Dies alles - gilt es nicht auch für Oschilewski? Für ihn, der für die deutsche und die Berliner Sozialdemokratie so unendlich viel geleistet hat und den-noch nichts weniger ist als ein Mann der organisatorischen Betriebsamkeit!

Leselust bis ins hohe Alter

Walther G. Oschilewski, am 22. Juli 1904 geboren, ist ein Arbeiterkind aus dem Berliner Nordosten, groß geworden mit sechs Brüdern [dies ist nach Mitteilung seiner Tochter vom 17.1.2006 falsch. Oschilewski hatte danach nur einen Bruder mit dem Vornamen Bruno. Anm. Holger Hübner] in ärmlichen Verhältnissen und so ziemlich ohne Bücher ... Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, daß sich in Oschis Häuschen im Zehlendorfer Fischtal unter der Last von mehr als 20000 Bänden die Türen senken. Eine Äußerlichkeit? Wohl mehr. Denn WGO ist der Musterfall eines autodidaktischen Bücherwurms, wie es ihn heute sonst kaum noch gibt (wohl auch kaum noch geben kann). Er hat niemals aufgehört zu lesen und zu lernen. In den zwanziger Jahren nahm er oft wochenlang kein Mittagessen zu sich, weil er das bißchen an Honoraren, das einging, zum Buchhändler trug.
Angefangen hatte es mit seiner Leselust, als er fünfzehn war und es in der Schule wegen chronischer Faulheit und Aufsässigkeit nicht mehr weiterging.
1920, mitten in den Turbulenzen der Nachkriegszeit, begann er beim Vorwärts eine Schriftsetzerlehre. Lebensbestimmend für seine frühe Entwicklung war die Jugendbewegung. "Wir wollten damals den ,neuen Menschen' und mit ihm natürlich die Welt verändern", so hat er es selbst charakterisiert. "Das Unruhvolle explodierte in einem ungestümen Verlangen nach geistigen Werten, um einen festen Ort zu finden."
Im Krisenjahr 1923 bricht Oschi seine Berliner Zelte ab und begibt sich auf Wanderschaft. Nach dem großen Arbeiterjugendtag in Nürnberg zieht es ihn ins Volksschulheim Dreißigacker. Und warum nicht - wie üblich - auf die sozialdemokratische Hochschule Tinz? Typisch für ihn. Die Richtung der Parteihochschule war ihm zu einseitig, zu doktrinär. In Dreißigacker hingegen, da strömten Leute der verschiedensten geistigen Richtungen zusammen. Walther G. Oschilewski später: "Leute, die als Christen aufgenommen wurden, gingen als Kommunisten wieder raus und umgekehrt."
Unterdessen war sein Entschluß über den weiteren Lebensweg längst gefallen. Zwanzigjährig schon hatte er einen ersten Gedichtband herausgebracht und dann für Eugen Diederichs ein Sprichwörterlexikon erstellt. Kein Wunder also, daß er nun das Schreiben zum Beruf machen wollte und jenen Weg vom Schriftsetzer zum Schriftsteller ging, den tüchtige und begabte Vorkämpfer der Arbeiterbewegung in beträchtlicher Zahl gegangen sind. Im Reich wurde er alsbald wie ein Genie herumgereicht. Immerhinwar er allein für vierzig
sozialdemokratische Parteiblätter tätig, vor allem natürlich für den Vorwärts. Es gab kaum ein Ereignis im literarischen und politischen Leben, das seiner Feder entgangen wäre.

Engagement ohne Vorbehalte

1933 konnte "Oschi" von Glück sagen, daß er kein Parteiamt innehatte und seine Themen inhaltlich so weit gestreut waren. Mit Büchern wie "Die Sitten und Gebräuche der Buchdrucker" und ähnlich unverfänglichen Themen konnte er sich recht und schlecht über Wasser halten. Joseph Wulff hat festgestellt, daß in den vielen Artikeln, die er auch in dieser Zeit verfaßte, nicht eine Zeile sei, die heute etwa nicht guten Gewissens zu veröffentlichen wäre.
1940 wurde er Soldat. Als der Krieg zu Ende war und die ersten sozialdemokratisch orientierten Blätter wieder erschienen, war Oschilewski einer der ersten, der sich zur Verfügung stellte. Und wie er das tat. Gleichzeitig wurde er wissenschaftlicher Bibliothekar der Deutschen Lehrerbücherei. 1946 rückte er vorübergehend sogar in die Stadtverordnetenversammlung ein. Auf einer seiner Vortragsreisen durch die "Westzonen" streikte dann schließlich der Körper. In Celle bricht er zusammen - die Brust steckte voller Eiter. Seit der Operation fehlen ihm jedenfalls eine halbe Lunge und sieben Rippen, wodurch seine Schaffenskraft und Lebensfreude aber keine Einbuße nahmen.
Als er nach einem Jahr wiederhergestellt ist, kommt die Währungsreform, und mit ihr kommen die Zweifel, ob er sich weiter durch freie Mitarbeit würde durchbringen können. Er zweifelt daran und zögert nicht, ein Angebot von Arno Scholz anzunehmen: Also wurde er leitender Redakteur, später dann stellvertretender Chefredakteur des Telegraf. Den raschen Aufstieg und langen Fall hat er aus nächster Nähe miterlebt. 1969, vor dem endgültigen Niedergang, schied er aus.
"Nebenher" hat er zwanzig Jahre lang, Woche für Woche, zwei Feuilletonseiten der Berliner Stimme gestaltet. Ohne jedes Honorar, als erhöhten Parteibeitrag gleichsam. Darüber hinaus schrieb er bis Ende 1977 unzählige Beiträge für die BS, vor allem über die Par-teigeschichte und die Berlin-Historie.
Meine persönliche Bekanntschaft mit "Oschi" rührt aus der Nachkriegszeit. Der persönliche Kontakt ist seither nicht abgerissen. In manchen guten Gesprächen und in einem losen Briefwechsel hat er mir wichtige Anregungen vermittelt.
Walther G. Oschilewski braucht das Schreiben wie die Luft zum Atmen. Und wir anderen stehen in der Schuld des Chronisten, der nicht zu ersetzen ist, weil es seinesgleichen nicht mehr gibt. Mögen ihm noch gute Jahre vergönnt sein.
(aus: Vorwärts, 19.7.1984)

 

Walther G. Oschilewski gestorben

Walther G. Oschilewski

Walther G. Oschilewski um 1981. Foto: Hübner

 

Der Berliner Publizist, Chronist und Kulturhistoriker Walther G. Oschilewski ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 1. Mai nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben. Der aus dem Berliner Arbeitermilieu stammende Oschilewski erlernte das Schriftsetzerhandwerk und studierte in Jena und Berlin, unter anderem als Schüler von Theodor Heuss StaatsIehre und
politische Geschichte. Seit 1922 war er journalistisch und schriftstellerisch tätig.
21 Jahre lang leitete Oschilewski die Sparten Kulturpolitik und Feuilleton der Berliner Tageszeitung "Telegraf". Das besondere Interesse des sozial engagierten Publizisten galt der der Arbeiterbewegung, der Literatur, der bildenden Kunst sowie dem Druckerei- und Zeitungswesen. Er veröffentlichte unter anderem eine Reihe von Künstler- und Politikerporträts sowie die. Bücher "350 Jahre Berliner Zeitungen" und "Große Sozialisten in Berlin".
(aus: Der Tagesspiegel, 5.5.1987)

Die ausführlichste Bibliographie der umfangreichen Werke Oschilewskis erschien 1979 mit einem Geleitwort von Friedrich (Fritz) Heine, herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.

Recherche: Holger Hübner, Fotos: Archiv Hübner