Neumann, Franz

Geschichte: Personen L-Z

Franz Neumann

Franz Neumann
 

(1904 bis 1974)

Sein Leben umspannte sieben Jahrzehnte deutscher Geschichte – beginnend 1904, in dem letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, als das Wilhelminische Deutschland, von imperialem Übermut verleitet, in wachsende Spannungen zu seinen Nachbarn hineintrieb. Und es endete 1974, als sich die Bundesrepublik Deutschland mit Erfolg daran gemacht hatte, nach der Regelung ihrer Beziehungen zu den westlichen Demokratien endlich auch ihr Verhältnis zu den östlichen Nachbarn ins Reine zu bringen, um auch dort ein Verhältnis vernünftiger, friedfertiger, konstruktiver und kooperativer Nachbarschaft zu begründen.

Berliner Arbeiterkind
Franz Neumann war ein Arbeiterkind aus dem Berliner Bezirk Friedrichshain – aufgewachsen in einer sechsköpfigen Familie unter arg bedrängten Wohnverhältnissen, wie sie für proletarisches Leben in der wilhelminischen Klassengesellschaft kennzeichnend waren.
Der 14-jährige Schlosserlehrling fand 1918 den Weg zur Arbeiterjugend, wurde 1919 junger Gewerkschafter – Mitglied des Metallarbeiterverbandes – und schon nach einem Jahr Vorsitzender der Metallarbeiterjugend Berlins.
Im selben Jahr, 1920, trat er der sozialdemokratischen Partei bei, der er länger als ein halbes Jahrhundert angehören sollte.
Den 9. November 1918 – die Geburtsstunde der ersten deutschen Republik – hatte er sehr bewusst miterlebt, und er hat in der Folgezeit erfahren müssen, wie schwach letztlich jene in dieser Republik waren, denen er sich zugehörig fühlte – die Linken. In Weimar hatte die Nationalversammlung noch beraten, wie der 1. Mai als Feiertag der Arbeit zu begehen sei. Franz Neumann, inzwischen Geselle, verlor 1922 seinen Job, nachdem er sich an einer Maifeier beteiligt hatte.
In der Geburtsstunde der Republik 1918 hatte deren erste Regierung, der Rat der Volksbeauftragten, frohgemut die 48-Stundenwoche zur Regel erklärt. Doch als der junge Gewerkschafter Franz Neumann in einem anderen Betrieb, in dem er einen Arbeitsplatz gefunden hatte, auf Einhaltung dieser Regel – 48 Stunden Arbeitszeit in der Woche – bestand, da wurde ihm auch hier gekündigt.
Wie viele seiner Freunde in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), baute er auf die emanzipatorische Kraft von Bildung und Wissen, von Fertigkeiten und Fähigkeiten. Er fuhr in die thüringische Heimvolkshochschule Tinz, und er belegte Kurse in der deutschen Hochschule für Politik in Berlin, z. B. "Arbeitsrecht". Dort begegnete er keinem Geringeren als dem Professor Theodor Heuss, der später der erste Präsident der zweiten deutschen Republik – in Bonn – werden sollte (Heuss und Neumann wohnten als Ehrengäste dem Festakt zur Wiederbegründung der Hochschule für Politik 1949 bei).

Vom Metallarbeiter zum Fürsorger
Aus dem Metallarbeiter wurde ein examinierter Fürsorger, der Anfang der 30er Jahre – in der Zeit der sich verschärfenden Krise – am Prenzlauer Berg "Werkstätten für arbeitslose Jugendliche" aufbaute und leitete, bis die Nazis ihn aus dem Amt jagten.
Den Verfall der Republik hat er schmerzlich erfahren: Auch er wartete am 20. Juli 1932 mit seinen Freunden in einer alarmierten Einheit des "Reichsbanners", der Republikanischen Schutzorganisation, auf ein Signal zum Widerstand gegen die dann doch kampflos hingenommene Entmachtung preußischer Demokraten durch die autoritäre Papen-Regierung. Zu dieser Zeit war bereits Berlin-Reinickendorf sein Wohnsitz – die Siedlung "Freie Scholle", und als für den März 1933 wie überall in Preußen Kommunalwahlen anstanden, hatte er zunächst den siebenten Platz auf der sozialdemokratischen Liste für die Wahl des Reinickendorfer Bezirksparlamentes, aber weil andere den Mut verloren und im Angesicht der anschwellenden braunen Woge resignierten, wurde er Spitzenkandidat seiner Partei in Reinickendorf. An der Ausübung des Mandats haben ihn die neuen Machthaber gehindert.
Den im Januar 1934 Verhafteten hat die Gestapo schwer misshandelt. Vor dem Berliner Kammergericht machte man ihm und anderen Mitte Juli jenes Jahres den Prozess wegen des "hochverräterischen Unternehmens", so hieß es in der Anklageschrift, "es unternommen zu haben, den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrechtzuerhalten."
In der schriftlichen Begründung des Urteils – eineinhalb Jahre Gefängnis – hieß es, Neumann habe unter anderem seine Genossen in der "Freien Scholle" über Zustände und Personen im Konzentrationslager Oranienburg aufgeklärt. Der Gefängniszeit folgte die übliche Polizeiaufsicht; sie konnte ihn nicht daran hindern, so gut es ging, die verborgenen Kontakte zu Gleichgesinnten fortzusetzen, einander zu helfen – in den Jahren sich steigernder Bedrängnis.
Er war dabei, als eine große Schar von Sozialdemokraten – Tausende wohl – im September 1943, nach vier Kriegsjahren immerhin, dem Sarg des letzten Berliner SPD-Vorsitzenden Franz Künstler zum Krematorium am Baumschulenweg folgten, eine einzigartige Demonstration, die die Gestapo nicht verhindern konnte. Als das Nazireich zusammenbrach und der Krieg zu Ende ging, war Franz Neumann 41 Jahre alt – und es blieben ihm fast drei Jahrzehnte, in denen er seinen Namen in vielfachen Bezügen in das Buch der Geschichte Berlins eingezeichnet hat :

Landesvorsitzender der SPD
Zwölf Jahre lang war er Vorsitzender der Berliner SPD (1946 – 1958), 14 Jahre lang Mitglied des Landesparlamentes (1946 – 1960) – zunächst der Stadtverordnetenversammlung, dann des Abgeordnetenhauses – , 20 Jahre lang Bundestagsabgeordneter (1949 – 1969) und 28 Jahre lang Mitvorsitzender der Berliner Arbeiterwohlfahrt – bis zu seinem Tode.
Im ersten Nachkriegsjahr bereits begann in Berlin ein Kampf um Bürgerfreiheiten und Menschenrechte, der vor aller Welt dokumentierte, dass Deutsche nicht nur folgsam parierten, wenn man ihnen befahl, sondern dass sie die Chance der Demokratie, die die Sieger ihnen versprochen hatten, zu wahren und zu nutzen verstanden. Die Umstände fügten es 1945/46, dass es zunächst und vor allem anderen auf die Standfestigkeit von Sozialdemokraten ankam. Sie spürten früher und unmittelbarer den Druck, die Drohungen, aber auch die Lockungen, die von der Sowjetischen Militäradministration und von deren deutschen Helfern, den kommunistischen Kadern von Walter Ulbricht ausgingen.
Manche – wie Otto Grotewohl – sind dem erlegen, getrieben von einem kühnen, aber bald enttäuschten Traum, der Zusammenschluss der Linken, die Einheit der Arbeiter in einer großen demokratischen Einheitspartei könne für alle Zukunft die Schatten der Vergangenheit bannen.
Franz Neumann und seinen Gefährten war dieser Traum nicht fremd gewesen, aber sie erkannten sehr früh, dass das, was da mit sowjetischem Beistand als Sozialistische Einheitspartei Deutschlands etabliert werden sollte, allen Verheißungen und Zusicherungen zum Trotz nichts anderes war als der Versuch, Sozialdemokraten einem kommunistischen Diktat zu unterwerfen, die Ideen eines demokratischen, freiheitlichen Sozialismus in das Joch leninistischer und stalinistischer Ideologie zu zwingen.
In der erfolgreichen Abwehr dieses Versuches wurde Franz Neumann Sprecher und Volkstribun der Berliner – weit über die Reihen seiner eigenen Parteifreunde hinaus. Gemeinsam mit der überwältigenden Mehrheit von 33.000 organisierten Sozialdemokraten in den Westsektoren Berlins und unterstützt von unzähligen Sozialdemokraten im Ostteil der Stadt, die an der Urabstimmung Ende März 1946 nicht mehr teilnehmen durften, sagte Franz Neumann damals "Nein" zum Weg in eine neue Tyrannei und "Ja" zum Wagnis der Freiheit in einem parlamentarisch-demokratisch verfassten Gemeinwesen.
In den 50er Jahren war sein Verhältnis zu den Regierenden Bürgermeistern Ernst Reuter und Otto Suhr nicht immer frei von Spannungen, wenn sich die Frage stellte, wieweit West-Berlin eigenständige Elemente seiner Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik mit der angestrebten Einbindung der Stadt in die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland vereinbaren konnte. Als Franz Neumann nach dem Tode Suhrs der Wahl Willy Brandts in das Amt des Regierungschefs widersprach, verlor er Zustimmung in den Reihen der Berliner SPD und in der Öffentlichkeit.

Würdigungen
Zu seinem 65. Geburtstag 1969 würdigte ihn Walther G. Oschilewski in der "Berliner Stimme" so: "Wie immer man Franz Neumanns politische Laufbahn beurteilen und bewerten mag – sein Name wird mit vielen opferreichen und drangvollen Ereignissen der Berliner Nachkriegsgeschichte verknüpft bleiben, wenn auch sein Weg mancherlei Irrtümern und Fehleinschätzungen unterworfen war ... Sicherlich war und ist Franz Neumann kein intellektueller, sondern ein praktischer Politiker. Spontaneität und Intuition sind die spezifischen Merkmal seines politischen Handelns. Hinzu kam oft sein draufgängerischer Mut, die Dinge, um die es geht, in ihrer Notwendigkeit anzupacken, ebenso Beharrlichkeit. Zu ihnen gehört auch ein starkes Selbstgefühl, das seinen Freunden mitunter einiges zu schaffen macht – aber Menschen sind eben Menschen und keine Engel."
1969 – im letzten Jahr seiner Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag – stimmte Neumann gegen die Wahl Kurt-Georg Kiesingers zum Kanzler der Großen Koalition, wie er zuvor gegen die Wiederwahl des Bundespräsidenten Heinrich Lübke votiert hatte. 1971 wurde Neumann Ehrenbürger Berlins. Die Technische Universität ernannte den ehemaligen Metallarbeiter zu ihrem Ehrensenator (und gab von 1975 an dem nach ihm benannten Archiv ein Domizil).
Nach seinem Tod im Oktober 1974 schrieb Klaus Schütz in der "Berliner Stimme": "Franz Neumann hatte seinen eigenen und unverwechselbaren Stil. Er war nicht bequem, seine Meinungen vertrat er unbeirrt von der Opportunität des Augenblicks. Er hat es sich nicht leicht gemacht und oft auch nicht seinen Freunden. Ihn kennzeichnete jenes Maß an persönlicher Unabhängigkeit, das ihm in jeder Phase seines Lebens hohen Respekt der politischen Freunde und der politischen Gegner abnötigte ... Mit ihm ist eine große Gestalt der deutschen Arbeiterbewegung von uns gegangen. Franz Neumann bleibt unlösbar eingebunden in die Geschichte der Sozialdemokratie dieser Stadt."
Manfred Rexin (August 2003)

Literatur:
Walter G. Oschilewski und Arno Scholz, Franz Neumann. Ein Kämpfer für die Freiheit Berlins, arani-Verlag Berlin 1954, 45 S.
Franz Neumanns letztes Interview (geführt von Jürgen Vietig), Heft 1 der Schriftenreihe des FNA, Berlin 1978, 56 S.
Franz Neumann. Kämpfer für die Freiheit. Ansprache von Manfred Rexin zur Einweihung des Franz-Neumann-Platzes am 16.Juni 1985, hg .von der SPD Reinickendorf, 10 S.

Foto: Archiv Berliner Stimme

 

Rede zum 100. Geburtstag von Franz Neumann von Klaus Wowereit

Gebt dem freiheitlichen Berlin die Verschwundenen wieder! – Eine Forderung des großen Berliner Sozialdemokraten Franz Neumann. Und daraus wurde sein Vermächtnis, das das wiedervereinigte Berlin erfüllt hat. Die 'Verschwundenen', das waren in der ersten Nachkriegszeit jene Berlinerinnen und Berliner, die oft von heute auf morgen verschwanden, weil sie Demokraten waren und öffentlich demokratische Grundfreiheiten einforderten. Dafür wurden sie unter anderem in den Lagern des KGB interniert, viele von ihnen fanden den Tod. Die 'Verschwundenen' besaßen in Franz Neumann einen engagierten Anwalt. Er ließ nicht locker, prangerte öffentlich ihr Schicksal an und wurde zum Sprachrohr gegen Diktatur und Verfolgung.

Für Franz Neumann war die Geschichte nach 1945 nicht einfach stehen geblieben. Dazu hatte er selbst zuviel erlebt. Franz Neumann war durch und durch Sozialdemokrat: Arbeiterkind aus Friedrichshain, Schlosserlehre, Metallarbeiterverband, mit 16 in die SPD. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, da wurde Franz Neumann wie viele Sozialdemokraten verhaftet, gefoltert, ins KZ gesperrt. Franz Neumann war in jener Zeit selbst eine Art 'Verschwundener'. Aber er wusste, dass man gegen Terror und Unterdrückung kämpfen muss und dass man diesen Kampf nie aufgeben darf. Franz Neumann hat klassische sozialdemokratische Werte vorgelebt: Solidarität und Freiheit. Das war in der Nazi-Zeit so. Und davon ist er auch danach keinen Zoll abgewichen. Im DenkOrt Hohenschönhausen fanden die sterblichen Überreste der Opfer aus einem der Berliner Speziallager des KGB ihre letzte Ruhe – darunter wohl auch manche 'Verschwundene'. Ihrer zu gedenken, entspricht dem Vermächtnis Franz Neumanns.

Wir haben uns heute im Abgeordnetenhaus von Berlin zusammengefunden, um mit Franz Neumann eines Berliner Ehrenbürgers zu gedenken, dessen Leben und Wirken ganz im Dienst seiner Heimatstadt Berlin gestanden hat. Wir würdigen eine Persönlichkeit, die in der schweren Nachkriegszeit die Geschicke Berlins maßgeblich mitgestaltet hat. Franz Neumann gehörte zu jenen, die unmittelbar nach dem Krieg die Freiheit und die Eigenständigkeit der Berliner SPD sicherten. Er kämpfte gegen den Zusammenschluss mit der KPD und stand damit an der Seite Kurt Schumachers. Das waren dramatische Wochen damals. Die Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden, in der viele Genossen eine Ursache für die Machtübertragung an die Nationalsozialisten sahen, war eine weit verbreitete Sehnsucht. Ihr eisern zu widerstehen, die Gefahren eines Zusammenschlusses klar zu erkennen: Das war das Verdienst jener Männer und Frauen, die wie Franz Neumann mit beiden Beinen auf dem Boden der Partei standen und sich den Blick für die Realitäten bewahrt hatten. Unvergesslich ist die Funktionärskonferenz im Admiralspalast, in der Franz Neumann mit großer Klarheit und Leidenschaft die Mehrheit im Saal für eine Urabstimmung gewinnen konnte, während draußen sowjetische Treppen das Gebäude umstellt hatten. Den Zusammenschluss von SPD und KPD in den Westsektoren verhindert zu haben, das war vielleicht sein größter Sieg. Franz Neumann ist es wesentlich zu verdanken, dass die SPD in den drei Westzonen am Leben blieb.

Als Landesvorsitzender der Berliner SPD prägte er dann entscheidend die Entwicklung unserer Stadt mit. Das Eingangszitat weist auf einen ganz wesentlichen Charakterzug Franz Neumanns hin: Er lebte und arbeitete im wahrsten Sinne des Wortes für die Menschen. Der Mensch, sein Schicksal, sein Wohlergehen waren wesentliche Triebfedern seines Wirkens. Das hat ihn nicht vor mancher Niederlage bewahrt. Aber zugleich hat sich Franz Neumann eine Unbeirrbarkeit und Energie bewahrt. Allein im Deutschen Bundestag hat er zwei Jahrzehnte lang von 1949 bis 1969 für die Interessen Berlins gewirkt. Weit länger noch war er mit der Arbeiterwohlfahrt verbunden. 1946 gehörte er zu den Mitbegründern der AWO in Berlin und 1970 wurde er zum AWO-Vorsitzenden gewählt. Heute vor zwei Tagen wäre Franz Neumann hundert Jahre alt geworden. Wir gedenken eines großen Berliners.

Klaus Wowereit am 16.08.2004