Neubauer, Kurt

Geschichte: Personen L-Z

geboren 30. 9.1922

1997: Zum 75. Geburtstag von Kurt Neubauer
von Klaus Riebschläger

Als das westliche Berlin seine insulare Zeit durchlebte, brillierte Kurt Pomplun mit seiner Berlin-Serie "Kutte kennt sich aus". Es hätte ein Werk Kurt Neubauers sein können, einfach alles stimmte: die hinter einer gewissen Schnoddrigkeit verborgene Liebe zu Berlin und seinen Bewohnern wie die punktgenaue Analyse und Direktheit in der Ansprache von Themen und Personen.
Der gelernte Feinmechaniker Kurt Neubauer wusste, was das Volk dachte. Die Kenntnis der Arbeitswelt und die ungeliebten Erfahrungen als Arbeitsdienstler und Wehrmachtsangehöriger führten ihn nach längerer Kriegsgefangenschaft in die SPD. Seit 1950 Mitglied des Landesvorstands und bis zum Mauerbau Vorsitzender des (Ost- )Kreises Friedrichshain wurde er allmählich eine der zentralen Personen des Berliner Politikgeschehens.
Der große Umbruch 1957/58, der den Weg von Franz Neumann zu Willy Brandt ebnete, sah ihn als einen der zentralen Organisatoren. Der Mann, dem alles Dogmatische fremd war, wurde nun für seine innerparteilichen Widersacher zum Inbegriff des "Rechten". Er trug das mit der ihm eigenen Gelassenheit, gab er doch nie nach, wenn er von einer Position überzeugt war. Sein rhetorisches Naturtalent, seine harmonische Ehe mit seiner Frau Anneliese und sein großer Kreis von Freunden gaben ihm die Mittel und die Kraft für die Kämpfe und Funktionen, die die Politik für ihn bereithielt.
1962 wurde er stellvertretender Landesvorsitzender. Seine Zeit als MdB in Bonn endete -gewollt -ein Jahr später. Nur Kenner registrierten, dass damit eine legendäre Phase zu Ende ging – von l952 bis 1961 hatte Kurt Neubauer mit Wohnsitz in Ost-Berlin einen Bundestagssitz in Bonn inne - die SED schwieg dies genauso tot wie die im Westen angesiedelten politischen Kräfte. Dann begann die Karriere als Mitglied im Senat, 1963 bis 1967 als Senator für Jugend und Sport, von April bis Oktober 1967 zusätzlich für Soziales und Gesundheit. Ab Oktober 1967 wurde er im Senat seines Weggefährten Klaus Schütz Bürgermeister und Senator für Inneres. Der Bürgermeister musste auf dem Altar der Koalition mit der FDP geopfert werden, Innensenator blieb er bis 1976, als ihn eine verspätete Zahlung eines Aufsichtsratssalärs an die Landeskasse in einen Strudel von Anfeindungen riss, der mit seiner Demission endete.
Kurt Neubauers Persönlichkeit versöhnte SPD-ferne Kräfte wie die Polizei mit der SPD. "Sein" Polizeipräsident Klaus Hübner bewältigte die schwierige Sicherheitslage zwischen 1968 und 1975 mit einem Glanz, der auch Kurt Neubauer ehrte. Gleiches gilt für die Polizeireform. Die Personalpolitik war eine seiner Stärken.
Ich habe Kurt Neubauer für die Berliner SPD immer für unersetzlich gehalten. Er hat keinen Nachfolger gefunden. Umso schöner ist es, dass er bei seinem geliebten Tennis und in der von ihm gegründeten Berliner Freitagsrunde zeigen kann, wozu er physisch und geistig weiter imstande ist. Am 30. September feiern wir mit ihm im Willy-Brandt-Haus. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

(erschienen in der BERLINER STIMME 16/1997, 20.9.1997

Klaus Riebschläger