Müller, Hermann

Geschichte: Personen L-Z

Hermann Müller

Am 18. Mai 2001 wäre Hermann Müller, von 1919 bis 1928 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 125 Jahre geworden.

Hermann Müller war neben Reichspräsident Friedrich Ebert in der Weimarer Republik der bedeutendste sozialdemokratische Politiker in höchsten Partei- und Staatsämtern.

Geboren 1876, gestorben 1931; seit 1906 im Vorstand der SPD; 1916-18 u. 1920-31 Mitglied des Reichstages;1918 Mitglied der Revolutionsregierung, von 1919 bis 1928 SPD-Parteivorsitzender, 1919/20 Reichsaußenminister u. Mitglied der Nationalversammlung; 1920 bis 1928 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, Juni 1919 bis März 1920 Außenminister, führt anschließend bis Juni 1920 als Reichskanzler das letzte Kabinett der "Weimarer Koalition", bestehend aus SPD, DDP u. Zentrum;und von 1928 bis 1930 Reichskanzler der letzten parlamentarischen Regierung.

Sein politischer Lebenslauf zeigt anschaulich die ständige Bedrohung der damals jungen Demokratie durch fanatischen antidemokratischen Nationalismus.

Das Grab von Hermann Müller befindet sich an der Gedenkstätte der Sozialisten, Städtischer Zentralfriedhof Friedrichsfelde, Gudrunstrasse, 10365 Berlin.

 

Rede von HERMANN MÜLLER ZUR REICHSTAGSWAHL AM 20.5.1928 (Tondokument im Archiv der sozialen Demokratie)

Der SPD-Parteivorsitzende, Bundeskanzler Gerhard Schröder, würdigte den früheren Reichskanzler und SPD-Vorsitzenden Hermann Müller zu dessen 125. Geburtstag am 18. Mai 2001:

Hermann Müller wird heute fast ausschließlich mit dem Scheitern des von ihm geführten Kabinetts der Großen Koalition im Jahr 1930 identifiziert, das den Anfang vom Ende der Weimarer Republik markierte. Diese Wahrnehmung ist jedoch einseitig und falsch: Denn zum einen bleibt ausgeklammert, was er in den Jahren zuvor für unser Land und für dessen politische Kultur leistete. Zum anderen wird nicht beachtet, dass es nicht in der Macht des Reichskanzlers stand, die Koalition und damit die Demokratie zu retten. Einflussreiche Kräfte arbeiteten auf den Ausschluss der Sozialdemokraten aus der Regierung und auf ein Ende der parlamentarischen Demokratie hin. In Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik gab es nicht genug überzeugte Demokraten, die für den Erhalt des Parlamentarismus kämpften. Unter anderen Zeitumständen hätte ein Politiker vom Format Hermann Müllers sicherlich mehr Erfolg gehabt und wäre als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen. Sein schuldloses Scheitern gibt uns ein Lehrstück in Demokratie auf, dessen Aufarbeitung wir, gerade angesichts des wieder erstarkenden Rechtsradikalismus, nicht scheuen
sollten.

Als Fabrikantensohn stammte Hermann Müller aus einem sozialen Milieu, aus dem in der Zeit des Kaiserreichs nur wenige den Weg in die Sozialdemokratie fanden. Im SPD-Vorstand, in den er 1906 aufrückte, leitete er zusammen mit Friedrich Ebert einen überfälligen Generationenumbruch ein. Gemeinsam packten die beiden notwendige innerparteiliche Reformen an, die - in der Rückschau betrachtet - die Partei für die großen Aufgaben rüsteten, welche dann nach dem Zusammenbruch der Monarchie auf sie zukommen sollten.

Friedrich Ebert und Hermann Müller waren Männer der Mitte im wahrsten Sinne des Wortes: Männer nicht nur der Mitte ihrer Partei, sondern der Mitte der Gesellschaft. Wie Ebert hat auch Müller in der schwierigen Umbruchphase 1918/19 entscheidend dazu beigetragen, dass unrealistischen Räteutopien auf der einen, und chauvinistisch-revanchistischen Hirngespinsten auf der anderen Seite, eine klare Absage erteilt wurde. Unter der gemeinschaftlichen Führung von Hermann Müller und Otto Wels öffnete sich die SPD zur Gesellschaft hin, sie suchte den ihr aus Zeiten der Monarchie anhaftenden Klassencharakter als reine Arbeiterpartei zu überwinden: Ein erster unerlässlicher Schritt hin zur Volkspartei SPD, wie sie später im Godesberger Programm von 1959 Wirklichkeit wurde, war damit vollzogen.

Dass Politik in der Demokratie nur die Kunst des Möglichen, die Kunst des Kompromisses sein kann, hat Müller schneller und besser als viele andere Politiker begriffen. Damals haben allerdings noch mehr Menschen als heute die Beherzigung dieser elementaren Spielregel der Demokratie als Opportunismus oder Schwäche fehlgedeutet. Hermann Müller war alles andere als opportunistisch oder schwach: Trotz heute kaum noch vorstellbarer Bedrängnisse, Verunglimpfungen und Bedrohungen handelte er konsequent seinen politischen Überzeugungen gemäß. So, als er 1919 die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages auf sich nahm, zu der es schlicht keine Alternative gab. So, als er Gustav Stresemann im Reichstag jahrelang den Rücken für dessen Verständigungspolitik freihielt. So, als er sich immer wieder für allgemeine Abrüstung und für die Vision eines vereinigten Europa einsetzte. So, als er eine endgültige Regelung der Reparationsfrage durchsetzte, die von ganz rechts wie von ganz links als Verrat an den vermeintlichen Lebensinteressen des Volkes gebrandmarkt wurde.

Eine lebendige Demokratie braucht positive Vorbilder. Hermann Müller gehört zum Kreis der aufrechten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten aus der Zeit vor 1933, die uns Vorbild sein und uns Orientierungshilfe geben können: Orientierungshilfe in der politischen Verantwortung im Sinne einer konsequenten und realitätsorientierten Gestaltung des Möglichen. Orientierungshilfe aber auch für eine Gesellschaft, die radikalen und demokratiefeindlichen Tendenzen widerstehen muss. Gerade in seinem Scheitern erinnert Hermann Müller daran, dass Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich, sondern ein kostbares Gut sind, das durch das staatbürgerliche Engagement der Vielen ständig mit neuem Leben erfüllt werden muss.

weitere Quellen:

Osterroth, Franz: Biographisches Lexikon des Sozialismus. Bd. 1: Verstorbene Persönlichkeiten, Hannover 1960, S. 228-230.
geboren am 18.5.1876 in Mannheim als Sohn eines Fabikdirektors
mehrjährige Tätigkeit als Handlungsgehilfe in Frankfurt a. M. und Breslau
ab seinem 23. Lebensjahr Redakteur bei der Görlitzer "Volkszeitung"
ab 1904 (Wahl zum Stadtverordneten) politische Laufbahn
starb am 20.3.1931 nach einer Operation und wurde auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Lichtenmberg (Gedenkstelle der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde) in der Nähe von W. Liebknecht, Singer und Molkenbuhr begraben
(Artikel erfasst hauptsächlich die politische Laufbahn von H. Müller)

Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Bd. 2: L-Z, Berlin 1931, S. 1285f.
Vater: G. Jakob Müller, Fabrikdirektor
Mutter: Karoline Müller (geb. Vogt)
verheiratet mit einer geb. Jaeger
Vater zweier Kinder
Besuch des Realgymnasiums in Dresden-Neustadt bis Obersekunda
kaufmännische Ausbildung in Frankfurt a. M.
(ACHTUNG andere Angaben als bei Osterroth: ab 1899 Redakteur bei der "Görlitzer Zeitung"; bereits 1903 Wahl zum Stadtverordneten in Görlitz)
war Mitglied der "Liga für Völkerbund"

Reichstags-Handbuch. 5. Wahlperiode 1930, Berlin 1930, S. 424.
besuchte Volksschule und Gymnasium in Mannheim; später Realgymnasium Dresden-Neustadt
1903-1906 Stadtverordneter in Görlitz

www.dhm.de/lemo/html/biografien/MuellerHermann
Sohn eines Schaumweinfabrikanten
1899-1906 Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung in Görlitz.
1903-1906 Stadtverordneter in Görlitz
als Abgeordneter des Wahlkreises Franken zog Müller 1920 in den Reichstag ein und nimmt den Doppelnamen Müller-Franken an
1928 erschien sein Buch "Die Novemberrevolution"

siehe auch:
Benz, Wolgang / Graml, Hermann (Hgg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. München 1988.
NDB (Neue Deutsche Biographie). Bd. 18, S. 410-414.

recherchiert von Stefan Giese, ABI