Manasse, Waldeck

Geschichte: Personen L-Z

Waldeck Manasse

*Lübben 4.3.1864 - +Berlin 13.5.1923
Schriftsteller, Stadtverordneter, Mitglied des Preußischen Landtags, Freireligiöser. Einäscherung im Krematorium Gerichtstraße am 21.5.1924 (Pfingstsonntag). Beigesetzt wurde die Urne auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Das Grab ist in der Gedenkstätte der Sozialisten erhalten.

Vorwärts, 14.5.1923
Waldeck Manasse gestorben
Ein unerwarteter Tod hat den Genossen Waldeck Manasse weggerafft. Manasse, der Schriftsteller war, ist in Arbeiterkreisen besonders durch sein Wirken als Sprecher der freireligiösen Gemeinde und später durch seine Tätigkeit in der Stadtverordnetenversammlung bekannt geworden. In die Stadtverordnetenversammlung trat er 1906 sein, und er gehörte ihr an bis zur Vereinheitlichung Groß-Berlins. Nach der Revolution wurde er in den Landtag gewählt. Lange Zeit war er auch Mitglied des Vorstandes der Schillerstiftung. Manasse stammte aus Lübben. Er wurde am 4. März 1864 geboren.

Vorwärts, 20.5.1923
Waldeck Manasse.
Waldeck Manasses Ableben ist selbst seinen engeren Freunden ziemlich unerwartet gekommen. Vor 3 Wochen noch anscheinend lebensstark und gesund, hat ihn die tückische Krebskrankheit, deren Keime er seit langem mit sich herumgetragen haben muss, schnell gefällt. Manasse entstammt einer bürgerlichen Familie. Nach einigen Semestern Universitätsstudium wurde er Kaufmann. Ähnlich wie der auch kürzlich verstorbene Reichstagsabgeordnete Ewald Vogtherr schloß er sich, nach dem Austritt aus dem Judentum, an die Freireligiöse Gemeinde Berlin an und kam über die Freidenkerbewegung zur Sozialdemokratie. Seine Wohnung lag damals im ehemaligen 1. Berliner Reichstagswahlkreis und hier auf diesem steinigen Boden hat er mit so manchem längst verstorbenen Genossen, wie Theodor Metzner u.a., gewirkt. Dem 1. Wahlkreis blieb er auch treu, als sich seine Wohnung längst nicht mehr im 1. Wahlkreis befand.
Der Grund seines Wesens war eine gewinnende Liebenswürdigkeit, verbunden mit steter Hilfsbereitschaft. Das kam voll zur Entfaltung durch seine Wahl in das Stadtverordnetenkollegium. Was er hier Jahre hindurch, weniger in der Öffentlichkeit als in den verschiedensten Kommissionen und Deputationen, gewirkt hat, wird ihn lange überleben. Bei der Dezentralisation des kommunalen Verwaltungskörpers Berlins, wurde er Bezirksverordneter seines engeren Wohnbezirkes, und ebenso wurde er bei der letzten Wahl als Abgeordneter in den Preußischen Landtag gewählt, denn das Berliner Proletariat hat seine unermüdliche Arbeit immer dankbar anerkannt.
Der Grundzug seines Charakters war das Helfen und nicht der Kampf. Es ist daher eigentlich selbstverständlich, dass ihn der Kampf und der Zwist in den sozialistischen Parteien sehr schmerzlich berührte und er einer der wenigen war, der von Anfang an für die Wiedervereinigung des zerrissenen Proletariats eintrat. Bei seinem Charakter ist es nicht weiter verwunderlich, dass er Freunde sehr weit links und rechts bis weit in das Bürgertum hat. Er wie keiner passte in die Verwaltung der Schillerstiftung und so mancher junge Schriftsteller wird die fördernde und helfende Hand schwer vermissen. Helfen und Trostspenden war das Ziel seines Lebens. Nun ist der Mund, der wie keiner verstand zu begeistern, stumm. Der Mann, der so vielen das letzte Geleit gegeben, so vielen Worte des Dankes gewidmet und ihren Hinterbliebenen tröstend zur Seite gestanden hat, den Weg gegangen, welchen wir allen gehen müssen. Nur 59 Jahre waren ihm beschieden. Von diesen hat er über 30 Jahre im Dienste der Berliner sozialistischen Bewegung und der Freireligiösen Gemeinde hingeben. Treue um Treue.
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Waldeck Manasse trat am 4. Januar 1906 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung ein. Damals war dieses Gemeindeparlament noch auf Grund des Dreiklassenwahlrechts zusammengesetzt. Von den 48 Sitzen, welche die 3. Abteilung umfaßte, gehörten unserer Fraktion 45 von insgesamt 144 Stadtverordneten. Haus- und Grundbesitzerinteressen spielten die ausschlaggebende Rolle, weil die Hälfte aller Stadtverordneten Hausbesitzer sein mußten.
Auf dem Gebiete des Grundstückswesens leistete Manasse uns wertvolle Dienste. Seine Kenntnisse des Grundstücksmarktes veranlaßte die Fraktion, ihn als sachverständiges Mitglied in alle Ausschüsse zu schicken, die mit Grundstücksfragen zu tun hatten, und Manasse tat alles, damit die Stadt nicht übers Ohr gehauen wurde. Eine ganz besonders eifrige Tätigkeit entfaltete er, als es sich um die großen Grundstückskäufe in Heiligensee handelte, welche für ein Wasserwerk bestimmt waren.
Außerdem wendete er sein Interesse einer angemessenen Besoldung der Lehrer zu, und er hat oft im Plenum für die Lehrerbesoldung gesprochen, die er als Voraussetzung für ein gesundes Schulwesen ansah. Sind die Lehrer angemessen bezahlt, so werden sie auch die Gewähr für eine gute Schulerziehung bieten. Das war sein Grundsatz. Wie hoch er die Lehrer einschätzte, geht aus seiner Äußerung in einer Versammlung hervor, in welcher er einen Vergleich zwischen einem General und einem Lehrer zog. Ein Lehrer erziehe die Kinder zur Einhaltung der 10 Gebote; die Tätigkeit eine Generals bestände darin, seinen Untergebenen die Übertretung des 5. Gebotes zur Pflicht zu machen.
Das versöhnende und hilfsbereite Wesen Manasses veranlaßte die Fraktion, ihn in die Waisendeputation zu delegieren, wo er sich besonders in der Sorge für hilflose Kinder ausleben konnte. Das war das Gebiet auf dem er zu Hause war. Hilfsbedürftigen und Hilfelosen zu helfen, das lag ganz in seiner Veranlagung. Deshalb hat er auch eine große Verehrung für den früheren Vorsitzenden der Waisendeputation, Herrn Geheimrat Dr. Friedberg, gehabt.
In seiner Eigenschaft als recherchierender Stadtverordneter legte er großen Wert darauf, die Frauen der sozialen Tätigkeit zuzuführen. Es war damals nicht immer leicht, Frauen in die Armen- und Waisenkommissionen als Mitglieder hineinzubringen. Viele alte verknöchte Armenkommissionsvorsteher samt ihren Mitgliedern weigerten sich kategorisch Frauen als Mitglieder in die Kommissionen aufzunehmen, und als Manasse trotzdem seinen Willen durchzusetzen versuchte, mußte er es erleben, dass eine Armenkommission deswegen ihre Ämter niederlegte, wie überhaupt in damaliger Zeit viele Armenkommissionsvorsteher sich weigerten, Mitglieder aufzunehmen, die Sozialdemokraten waren, weil sie fürchteten, dass die alte gemütliche Harmonie gestört werden könnte, denn der Skatabend und das Eisbeinessen bildeten einen wesentlichen Bestandteil der Tätigkeit mancher Armenkommissionen. Der Zähigkeit unserer sozialdemokratischen Stadtverordneten von damals ist es gelungen, auf diesem Gebiete reformierend vorzugehen. Auch Manasse hat dabei kräftig mitgewirkt. in einer unzähligen Zahl von Ausschüssen hat Manasse gewirkt in stiller, wenig an die Öffentlichkeit tretender Weise. Manchen bemittelten Stadtverordneten erleichterte Manasse um namhafte Beträge, um sie armen Familien zuzuwenden. Als im Oktober 1920 die neue Stadtgemeinde Berlin ins Leben gerufen wurde, wurde Waldeck Manasse mit dem Amt des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Friedrichshain betraut, das er mit großem Takt und Geschick zur allgemeinen Zufriedenheit verwaltete.
Großes Interesse zeigte Manasse für die Pflege der Kunst. Das war das Gebiet, dessen Förderung ihm in seiner Eigenschaft als Mitglied des Preußischen Landtages am Herzen lag. Manasse war seiner Veranlagung nach nicht der Mann, der sich auf schwere politische Kämpfe einließ. Wenn es sich im Preußischen Landtage aber um die Fragen der Museen und Kunst handelte, so versuchte er, im Ausschuß und im Plenum auf eine gesunde Fortentwicklung auf diesem Gebiete einzuwirken, zur Freude unseres heute noch amtierenden Stadtbaurates Ludwig Hoffmann, der an einer beschleunigten Fertigstellung des Museumsbaues ganz besonderes Interesse hatte. Und als die Nachricht vom Tode Manasses in den Landtag kam, war es der Abgeordnete Wallraff, der in seiner Rede über Kunst auf das starke Interesse Manasses an Kunstfragen mit besonderer Genugtuung hinwies.

Vorwärts, 22.5.1923
Waldeck Manasses Bestattung.
Das Krematorium des Friedhofes an der Gerichtstraße, wo unser Genosse Waldeck Manasse so oft vor dem Sarg eines lieben Toten gestanden und für die Hinterbliebenen lindernde Worte des Trostes gefunden hat, wurde am Pfingstsonntag ihm selber die Totenfeier bereitet. Wie groß die Schar der Freunde ist, die ihn in seinem Wirken geschätzt und verehrt haben, zeigte die außerordentlich starke Beteiligung an der Feier. Nur einen Teil der Trauergemeinde, die sich auf dem vom jungen Frühling geschmückten Friedhof versammelt hatte, konnte die Hallen des Krematoriums aufnehmen. Mit der Familie und den Verwandten des Toten und seinen engeren Freunden standen an seinem Sarg viele Mitglieder der Sozialdemokratischen Parteiorganisation und der Freireligiösen Gemeinde, Vertreter der Bezirksversammlung und des Bezirksamtes Friedrichshain, der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats Berlin, der Sozialdemokratischen Fraktion des preußischen Landtags, Vertreter von Organisationen sozialer Hilfsarbeit, auch der Schiller- und Kleist-Stiftung.
Orgelspiel, Sologesang und Quartettgesang des Freidenker-Quartetts leiteten die Feier ein. Verlagsbuchhändler Roth, ein Freund des Verstorbenen, schilderte den Werdegang des Kämpfers, der als Jüngling um Gewissensfreiheit gerungen und als Mann für seine Überzeugung in unerschütterlicher Treue gestritten hat. Der Redner gedachte der von Manasse heiß geliebten Mutter, die dem schließlich aus der Religionsgemeinschaft ausgetretenen Sohn bei all‘ ihrer Gottgläubigkeit in opferwilliger Liebe sagte: „Ich hätte es Dir übel genommen, wenn Du anders gehandelt hättest; mein Kind soll nicht aus Rücksicht auf mich heucheln.“ Waldeck Manasse verstand es, seine Überzeugung auszusprechen, ohne Andersdenkende zu verletzen. Niemals wurde er müde, tätige Nächstenliebe zu üben und dem Hilfsbedürftigen Hilfe zu schaffen. Landtagsabgeordneter Genosse Leid würdigte Manasses Wirken im Landtag, sein starkes Interesse an den Aufgaben des Erziehungswesens, seine rege Mitarbeit an den Bildungs- und Kunstfragen. Das Andenken des guten Menschen und treuen Kameraden werde die Partei in Ehren halten. Ein langjähriger Freund Manasses, der Kaufmann Friedländer, mit dem er vier Jahrzehnte in Freundschaft verbunden gewesen ist, widmete dem Verstorbenen Worte des Abschieds. Der demokratische Stadtverordnete Rosenthal gedachte der Arbeit, die Manasse fast zwei Jahrzehnte hindurch im Dienste der Berliner Kommunalverwaltung geleistet hat. Für den Vorstand der Freireligiösen Gemeinde sprach Genosse Harndt. Über dreißig Jahre hat Manasse in der Freireligiösen Gemeinde gewirkt und viele Tausende werden ihn in dankbarer Erinnerung behalten. Die Gemeinde hatte den am Sarge ihres lieben Mitkämpfers niedergelegten Kranz aus Fliedersträußen gewunden, die auf ihrem Friedhof von den Gräbern der Toten gepflückt waren, an deren Särgen einst Manasse zu den Hinterbliebenen gesprochen hat. Von den alten Toten dem jungen Toten ein letzter Gruß! Die Schiller- und die Kleist-Stiftung dankten durch Fritz Engel ihrem Vorstandmitglied Manasse für seine Bemühungen zur Linderung der Not bedrängter Schriftsteller. Engel nannte Manasse einen geistigen Sohn Lessings mit Schillers edlem Pathos und Kleists fanatischem Rechtsgefühl.
Mit Gesängen endete die Feier. Über dem blumengeschmückten Sarg neigten sich die roten Banner der Partei. Unter leisen Orgelklängen sank er in die Tiefe.

Recherche und Zusammenstellung: Holger Hübner