Luxemburg, Rosa

Geschichte: Personen L-Z

Rosa Luxemburg

Luxemburg-Gedenktafel in der Cranachstraße in Berlin-Friedenau
 

geboren am 5. März 1871 in Zamosc in Russisch-Polen
1898 Mitgliedschaft in der SPD
1918/1919 Mitbegründerin der KPD
ermordet am 15.1.1919 in Berlin

Rosa Luxemburgs Aktualität

von Ottokar Luban

Es ist ein Phänomen: Obwohl die Sprechblasen "Globalisierung" und "Reformstau" die Medien beherrschen und die sozialistische Ideen für tot erklärt worden sind, ehren seit der "Wende" Jahr für Jahr 50.000 bis 100.000 Bürgerinnen und Bürger auf dem Friedhof von Berlin-Friedrichsfelde eine Vertreterin des Sozialismus, nämlich die am 15. Januar 1919 von Freikorpstruppen ermordete KPD-Gründerin Rosa Luxemburg.
Es sind nicht etwa vorwiegend DDR-Nostalgiker, die sich nach den von der SED-Führung befohlenen Gedenkkundgebungen mit Aufmärschen sehnen, sondern Leute un-terschiedlichen Alters, viele junge Menschen, nicht nur Berliner, die an der Grabstelle eine rote Nelke, das Symbol der Arbeiterbewegung niederlegen.
Gewiss, detaillierte Kenntnis von den Ideen der ermordeten linken Politikerin haben die meisten Friedhofsbesucher kaum. Doch sie bewundern und ehren die opferbereite Haltung einer Sozialistin, die für Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit, Basisdemokratie und Kriegsgegnerschaft steht, Werte, die nach Meinung der Demonstranten in der heutigen Zeit wieder zur Geltung kommen sollten.
Rosa Luxemburg hatte von 1898 bis 1917 in der SPD, dann bis Ende Dezember 1918 in der USPD und schließ-lich in ihren letzten 16 Lebenstagen in der KPD als überzeugte marxistische Theoretikerin, als exzellente Journalistin in Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren und als glänzende Agitatorin auf vielen Versammlungen für die sozialistischen Ideen, wie sie im SPD-Parteiprogramm von 1891 niedergelegt waren, gewirkt. Das bedeutete die Erkämpfung nicht nur der politischen, sondern auch der wirtschaftlichen und sozialen Gleichberechtigung für die Arbeiterschaft.

 
Ehrung durch die SPD Friedenau am 15. Januar 2005
 

Seit 1899 unterstützte sie den Parteivorsitzenden August Bebel und den Parteitheoretiker Karl Kautsky in ihrem Kampf gegen den von Eduard Bernstein vertretenen Revisionismus, plädierte nach ihrer Teilnahme an der ersten russischen Revolution 1905/06 für ein aktives Vorgehen gegen das undemokratische Dreiklassenwahlrecht in Preußen mit Hilfe von Massenstreiks und agitierte uner-müdlich gegen die militaristische, kriegerische Politik der kaiserlichen Regierung und für die eine Beendigung des Weltkrieges durch eine Revolution. Dafür musste sie den überwiegenden Teil der Kriegszeit in Gefängnis- und in "Schutz"-Haft verbringen.
Gegen Minderheitenherrschaft
Als Anfang November 1918 in ganz Deutschland sehr rasch die Arbeiter- und Soldatenräte unter Führung von USPD oder SPD an die Macht kamen und damit ein ein-deutiges Votum der Massen für die Ablösung der halbabsolutistischen Staatsform erfolgte, sollte nach Luxem-burgs Meinung das Rätesystem nicht sofort wieder bei Wahlen zur Nationalversammlung zur Disposition ge-stellt, sondern für die Kontrolle und Ablösung der alten antidemokratischen Machteliten aus der Kaiserzeit - vor allem in der staatlichen Verwaltung und im Heer - und damit zur grundlegenden Demokratisierung der Gesellschaft und für die Errichtung der sozialistischen Gesell-schaft genutzt werden
Im Unterschied zu der unterdessen in Russland von den Bolschewiki praktizierten Rätepolitik lehnte Luxemburg eine Minderheitenherrschaft innerhalb des Rätesystems und eine Unterdrückung der Andersdenkenden ab, sondern wollte eine ausgesprochene Basisdemokratie mit Meinungsfreiheit für alle Proletarier.
Das Interesse an den Ideen Rosa Luxemburgs und ihrem Schicksal ist international. Biographien und Aufsatzsammlungen über Rosa Luxemburg sowie Neuauflagen ihrer Schriften sind in den letzten Jahren in Japan, Frank-reich, USA, Australien und natürlich in Deutschland er-schienen. 2004 haben Rosa-Luxemburg-Konferenzen mit internationalen Wissenschaftlern in Moskau, Berlin, Ita-lien (Bergamo) und sogar in China (Guangzhou) stattgefunden. Interessanterweise haben die chinesischen Historiker/innen dabei sehr gründlich untersucht, wie ihnen die Ideen Rosa Luxemburgs bei der Demokratisierung der Kommunistischen Partei Chinas und der Gesellschaft helfen können.
Die besondere Charakteristik von Luxemburgs Konzept besteht in einer stark basisdemokratischen Orientierung. Rosa Luxemburg ist als Symbol eines menschlichen, freiheitlichen Sozialismus ein Dorn im Fleische des Kommunismus der leninschen und besonders der stalinschen Version gewesen und geblieben. Denn sie erinnerte immer wieder daran, dass Sozialismus nur in einem freiheit-lichen Prozess ohne Unterdrückung der politisch Anders-denkenden zu realisieren ist.
Sie war und ist aber auch immer ein Dorn im Fleische der sozialdemokratischen Partei, weil sie daran erinnert, dass das Ziel der Sozialdemokratie nicht nur in der Herstellung der politischen Gleichstellung besteht, sondern gleichzeitig auch in der Schaffung der wirtschaftlichen und sozialen Gleichberechtigung aller Bürger.
Und sie ist auch ein Dorn im Fleische der "Globalisierungs"gesellschaft, weil ihr Leben und Werk immer wieder daran erinnert, sich nicht mit den schreienden Ungerechtigkeiten insbesondere in der ‚Dritten Welt abzufinden, sondern sich mit voller Kraft und mit nicht nachlas-sender Hartnäckigkeit gegen alle kriegerischen Tendenzen und Handlungen, gegen Armut und Ausbeutung einzusetzen.
Ottokar Luban

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus der BERLINER STIMME 1-2005 übernommen.


Fotos: Horb