Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1947

Geschichte: Personen L-Z

Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1947

Erinnerungen an die Aufbaujahre des Bezirks Wedding nach dem zweiten Weltkrieg  von Horst  Löwe


1947

Das Jahr brachte dem Wedding einen sehr schwierigen kommunalpolitischen Alltag.1947 begann mit einem grundlegenden Referat von Kurt Schumacher über "Ein neues Deutschland - ein neues Europa." am 22.Januar in der Neuen Welt. Für die neuen Bezirksverordneten und auch für solche, die es werden wollten, wurde von den Jungsozialisten ein gut besuchter Rednerkursus eingerichtet, den Walter Röber leitete. Er sollte das geistige Rüstzeug für die politische Arbeit vermitteln. Einen Vorläufer hatte er in dem Diskussionskreis, der sich schon sehr früh in der Wohnung von Charlotte Eisinger zusammen gefunden hatte. Gerade wir Jüngeren merkten bald wieviel Grundwissen uns fehlte. Selbst in Partei- und Widerstandsarbeit Erfahrene, wie Karl Fichtl, wollten Wissen und Erfahrung sammeln, um erfolgreicher arbeiten und argumentieren zu können. Vor allem die Bezirksverordneten sollten gesteigerten Qualitätsansprüchen genügen.

Die Not der Bevölkerung und die politischen Spannungen waren ein harter Prüfstein. Sie machten deutlich, daß politische Arbeit bewußtes solidarisches Handeln erfordert. Dazu reichen guter Wille und Linientreue allein nicht aus. Sollten die Fehler von vor 1933 vermieden werden, mußte jede Diskussion zu einem mehrheitlich getragenen Abschluß kommen und in erkennbare Aktivitäten münden. Damit wurde auch eine Grundlage für das später immer wieder zitierte "Weddinger Landrecht" geschaffen. Die Jungsozialisten wollten dem Leistungsniveau, das sie von anderen unerbittlich forderten, auch selbst gerecht werden.

Am 31. Dezember war das von der BVV gewählte neue Bezirksamt bestätigt worden. Es hatte sofort eine Reihe von Bezirksamtsmitarbeitern gekündigt. Dabei handelte es sich um linientreue SED- Mitglieder. Das war eine Gegenmaßnahme zu den Entlassungen von SPD-Mitgliedern durch die Bezirksämter des Ostsektors. Dieses Vorgehen führte in der Sitzung der BVV am 3. Januar bereits zu einer von der SED ausgelösten erregten Debatte. Das Bezirksamt berief sich kühl auf einen Antrag der SPD, dieser verlangte personelle Einsparungen vorzunehmen und dabei die fachliche Eignung der Beschäftigten zu berücksichtigen; die Rückführung ehemaliger Angehöriger von Mangelberufen sei tunlich. Die Kündigungen fanden bei der Bevölkerung große Zustimmung.

Neben Bürgermeister Röber hatte die SPD
Willy Nathan -   Personal und Verwaltung
Irmgard Grau -  Jugend
Erna Wiechert - Ernährung 
Walter Wüst -   Wirtschaft und
Fritz Krüger -    Volksbildung
in das Bezirksamt entsandt.

Fritz Krüger wurde von der französischen Militärregierung aus politischen Gründen nicht bestätigt. Er ist später rehabilitiert und sogar mit einem hohen französischen Orden ausgezeichnet worden. Berlin ehrte ihn mit der Ernennung zum Stadtältesten.

Da Einsprüche gegen die Ablehnung nichts nutzten, wurde an seiner Stelle der schon damals weit über Berlins Grenzen hinaus bekannte Schulfachmann  Joseph Lenz vorgeschlagen und Anfang 1948 von der französischen Militärregierung bestätigt.

Das Ressort Arbeit übernahm Karl Fabiunke, ein ehemaliger Sozialdemokrat, der zwar zunächst zur SED übertrat, später aber wegen seiner untadeligen Haltung wieder in die SPD aufgenommen wurde.

Die SPD stellte mit Julius Breitenfeld auch den Bezirksverordnetenvorsteher.
Der Fraktion gehörten weiter an:

Erich Lück         Vorsitzender   
Albert Baumeister                       Albertin Lucht
Lucia Brennecke                         Karl Minning
Herbert Buchwald                       Peter Rosenzweig
Ilse Dagné                                   Werner Schmidtke
Heinrich Droms                          Emilie Templin
Artur Herholdt                              Adolf Tiesler
Alfred Keil                                    Gertrud Utpott
Hugo Kielgast                             Helene Tschierswitz
Herbert Klein                               Karl Völkel
Wilhelm Kehling                         Willy Wiesenthal    und
Rudolf Lorbeer                            Paul Winiarz

Themen der ersten Anträge der SPD waren die Brennstoffversorgung, die Sicherung des Wohnbedarfs, die Versorgung mit Baustoffen für den Reparaturbedarf, das Bereitstellen von Schulbüchern und Schreibwaren und das Anlegen von Kinderspielplätzen. Erstaunlicherweise gehörte auch die Freilichtbühne Rehberge, die man wieder betreiben wollte, zu den Besprechungspunkten des ersten Jahres.

Ab März wurde die Arbeit der BVV stärker in die Ausschüsse verlegt. Es wurden insgesamt 13 Ausschüsse eingerichtet. Die Tagesordnung des Plenums war mit 8 bis 12 Anträgen und Anfragen verhältnismäßig kurz, obwohl auch dort noch Einzelfragen und Einzelschicksale behandelt wurden. Insgesamt standen 1947     71 Anträge und 43 Anfragen auf der Tagesordnung, davon stammten 22 Anträge und 12 Anfragen von der SPD. Die wesentlich kleinere SED hatte 31 Anträge und 25 Anfragen gestellt. Die Anträge der SED fanden allerdings oft keine Zustimmung. So wurde der zur Wahl zum Stadtrat vorgeschlagene Herr Thiele wegen charakterlicher und fachlicher Mängel abgelehnt. Auch ein weiterer Antrag 15 Bezirksvorsteher für Kartenstellenbezirke zu wählen, die Hilfsorgane des Bezirksamtes sein sollten, fand verständlicherweise keine Gegenliebe.

Der politische Umschwung wurde erkennbar, aber der Alltag blieb für die Weddinger trist. Deshalb wurden gesellige Veranstaltungen von den Bürgern dankbar angenommen. Auch in der Partei wurde die Geselligkeit gepflegt. Obwohl es nur Alkolat (eine Art Bierersatz) und ähnlich harmlose Getränke gab, kam man beim Tanz in Stimmung; die Jungsozialisten konnten dabei allerdings nicht mithalten, sie hatten wegen der Kriegszeit nie Tanzen gelernt. Um dem Dasein als Mauerblümchen zu entgehen, richteten die Jungsozialisten der 10. Abteilung in der Pankstraße einen Tanzkurs ein, der unter der bewährten Leitung von Felix Zille stand. Obschon nur ein aufziehbares Grammophon die Musik machte, der Kursus war im Kreise beliebt und gut besucht. Dort wurde mehr als eine Ehe gestiftet. Auch ich habe meine spätere Frau dabei näher kenengelernt.

Das Angebot an die jungen Mitglieder reichte von der politischen Diskussion über Singekreise und gemeinsame Theaterbesuche bis zum Volkstanz und alle Treffen hatten zahlreiche Teilnehmer. Die Anforderungen der Zeit bewirkten auch die Förderung ungeahnter Talente. Dichter und Liedermacher hatten hier ihr Forum. Das belebte die Gruppenarbeit, vor allem im Heim Turiner Straße, ungemein. Es hat wohl nie wieder eine so lebendige Jungsozialistenarbeit gegeben, wie in dieser schweren Zeit, in der Heinz Wüst Vorsitzender war. - Die älteren Mitglieder waren froh, daß junge Menschen Vertrauen zu ihrer Partei faßten und ermunterten sie mitzumachen. Kurt Schumacher und andere sorgten durch ihre Haltung dafür, daß in der Nazizeit fehlgeleitete, aber anständig gebliebene junge Bürger wieder ihr natürliches Selbstvertrauen gewannen und am demokratischen Aufbau mitarbeiteten.

Man hatte mich gerade zum Landesparteitagsdelegierten gekürt, als am 27. April ein in die Türkei emigrierter Professor, namens Ernst Reuter, das Eröffnungsreferat für diese Sitzungsperiode halten sollte. Am Tage vorher war die August Bebel Stiftung in Wannsee gegründet worden. Reuter war aus eigenem Entschluß und unter Aufwand erheblicher eigener Mittel nach Berlin gekommen und arbeitete seit kurzem im Magistrat mit. Die Älteren sprachen voller Hochachtung von ihm. Uns Jüngeren war er unbekannt. Er hatte ein anspruchvolles Thema: "Grundsätze und Ziele der Sozialdemokratie" Die Not hatte uns gezwungen, überwiegend Politik für das Hier und Heute zu machen. Nun wurde uns eine Vision geboten, in der sich Schönheit der Sprache und Klarheit der Gedanken wundersam vereinten. Ja, das was dieser Mann vortrug, wollten wir. Er sprach von der Freiheit, für die wir kämpften und uns wurden die größeren Zusammenhänge unserer Sehnsucht bewußt. Er beschrieb die Idee der Demokratie, und wir verstanden, daß alle unsere Ziele nur erreichbar sind, wenn sich die SPD zur großen Volkspartei öffnet. Er endete: Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. – Dieser Text nimmt mich auch heute noch beim Nachlesen gefangen, er wurde unter dem Titel: „Grundsätze und Ziele der Sozialdemokratie“ vom Landesverband veröffentlicht. Sein Inhalt hat auch nach so vielen Jahrzehnten noch immer die gleiche Gültigkeit. Uns war die Zeit wie im Fluge vergangen, obwohl wir stundenlang zugehört hatten. Man konnte nur Hochachtung vor dieser Leistung haben. Viele ahnten, daß hier ein Mann von umfassender Bildung und echter Leidenschaft sich anschickte, ein wertvoller Mitstreiter zu werden. Mit einem Schlage war er auch für mich "der" Ernst Reuter.

Das war schon ein merkwürdiger Mann, dieser Ernst Reuter. Erst langsam sickerte durch, daß er nach 1933 Deutschland mit 10 RM in der Tasche verlassen mußte. Von englischen Freunden borgte er sich die Kosten für die Reise in die Türkei, die er später zurückzahlte. Er war dann höchstbezahlter Beamter in der Türkei im Range eines Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium und so wohlhabend – oder muß man sagen, so bescheiden – daß er auf die Einkünfte aus seiner Lehrtätigkeit verzichtete. Das alles gab er auf, um sofort nach dem Ende des Krieges nach Deutschland zurück zu kehren. Die Reise kostete ihn, wie er selbst bekundete, ein Vermögen, das nur durch den Verkauf seiner Habe zu beschaffen war. Devisenbestimmungen und ungünstige Wechselkurse belasteten ihn bis zur Grenzee seiner finanziellen Leistungsfähigkeit. Das alles tat er, ohne viel Aufheben zu machen, wohl wissend, daß er nicht mit offenen Armen empfangen wird und daß er in Deutschland wieder völlig neu anfangen muß.

Die jungen Mitglieder der Partei nahmen in steigendem Maße Einfluß auf die Weddinger Politik. Sie trafen sich in der Regel zweimal in der Woche im Kreis und verstärkten außerdem ihre Abteilungsaktivitäten. Mittelpunkt war das Jugendheim Turiner Straße, das zunächst als Kreisbüro ausgebaut werden sollte. Dort wurde vom Volkstanz bis zur politischen Schulung ein breites Angebot vorgehalten.

Die Arbeitsgemeinschaft der jungen Sozialdemokraten definierte ihre Aufgabenstellung so:
1. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den Sinn für die Gemeinschaft zu pflegen
2. Schulung der jungen Mitglieder

3. Beteiligung an allen Diskussionen, die Fragen der jungen Generation betreffen

4. Beratung der Partei in diesen Fragen
5. Aktive Mitarbeit und Einarbeit in alle Funktionen der SPD


Aufgrund dieser Aufgabenstellung nahmen die Jungsozialisten auch Einfluß auf die Zusammensetzung des Kreisvorstandes. Sie meinten, daß dem engeren Kreisvorstand keine Bezirksamtsmitglieder angehören sollten. Trotz großer Widerstände setzten sie ihre Meinung in der Kreisdelegiertenversammlung durch und erreichten sowohl eine Verjüngung dieses Gremiums als auch eine klarere Abgrenzung zwischen vollziehender und kontrollierender Gewalt. Kreisvorsitzender wurde Erich Lück; sein Stellvertreter war Gerhard Nüske.

Heinz Bergemann und ich gründeten 1946 in unserem Bezirk Berlins erstes Studentenparlament. Wir sorgten als Vorsitzende der Studentenvertretung bzw. des Studentenparlaments für die Abberufung des unfähigen, der SED angehörenden Direktors der Ingenieurakademie Beuth. Er war nicht am Wiederaufbau der Schule interessiert, wir aber wußten, daß unsere späteren Berufschancen und die unserer Kommilitonen entscheidend vom Ruf dieses Instituts abhängen würden. Um das Überleben dieser Einrichtung zu sichern und einen Niveauverlust zu vermeiden, mußten wir den ebenfalls der SED angehörenden zuständigen Stadtrat im Magistrat von der Richtigigkeit der Argumente überzeugen. Es gelang. Man stelle sich die Konsequenzen vor, wenn wir unterlegen wären. Wie notwendig unser Vorstoß war, merkten wir schon kurze Zeit später, als den Besuchern aus gleichen Einrichtungen in der Ostzone jeder Kontakt mit uns verboten wurde, weil Fachhochschulen nicht in das Konzept der östlichen Machthaber paßten. Erst nach der Wiedervereinigung werden nun auch auf dem Gebiet der früheren DDR leistungsfähige Fachhochschulen aufgebaut.

Das Studentenparlament hatte damals Befugnisse, von denen heutige Studentenvertretungen nur zu träumen wagen und übte sie auch aktiv aus. Es vertrat die Interessen der Studenten gegenüber Magistrat, Militärregierungen, Parteien und Gewerkschaften. Es hatte das Recht an der Zensurendiskussion teilzunehmen, die Schulspeisung zu organisieren und an einem Sonnabend im Monat eine allgemeinpolitisch bildende Veranstaltung durchzuführen. Für die Semestereröffnungsfeier wurde von uns der Kommentator Herbert Geßner vom Berliner Rundfunk eingeladen; die Studentenschaft war in der Lage, auch extreme Außenseiter zu ertragen. Geßner war Kommentator beim Sender München, bevor er Januar 1946 zum Ostberliner Rundfunk kam. Ende des Krieges war er Mitglied der Untergrundbewegung "Freiheitsaktion Bayern", die Ende April 1945 den Sender München besetzte. Aus dieser Zeit war er mir bekannt. Er galt als intelligenter, scharfzüngiger Kritiker der amerikanischen Besatzungsmacht und als besonders begabter brillianter Rundfunksprecher. Er war unbequem, deshalb verschwand er im Osten bald von der Bildfläche.

Die in dieser Zeit für die Studenten wichtigste Aufgabe war das Besorgen und Verteilen von Stipendien. Sie hatten je nach sozialer Lage eine Höhe von 20 bis 80 RM monatlich. Der für Stipendien zuständige Sachbearbeiter im Magistrat war zwar Mitglied der SED, bewies aber stets eine sehr soziale Einstellung, so daß auch damals verfehmte Gruppen, wie ehemalige Offiziere, im Bedarfsfall unterstützt werden konnten. Die Bedarfsprüfung war sehr streng; für die gesamte Studentenschaft standen nur 2900 RM monatlich zur Verfügung.

Es trieb aber auch den Wiederaufbau der alten Beuth-Schule voran. Der Lehrbetrieb fand zunächst in der Grüntaler Straße statt, weil die Beuth-Schule im Krieg total zerstört wurde. Wer studieren durfte, leistete am alten Bau in der Lütticher Straße Aufbauarbeit. Dies war eine Voraussetzung für die Erlaubnis zum Studium. Dabei wurden vor allem Trümmer beseitigt. Um den Umzug in die alten Gebäude voranzutreiben, vereinbarten wir mit dem Hausherrn der Berufsschule in der Grüntaler Straße, dem Untermieter Beuth-Akademie wegen Eigenbedarfs zu kündigen. Nur mit diesem Trick konnten die ersten drei Semester Ende des Jahres zum alten Standort verlagert werden. Das wäre fast an der Heizungsfrage gescheitert, aber es gelang uns, von der britischen Militärregierung, in deren Bereich die Firma Griehl und Jahn produzierte, Sonderbezugsscheine für Öfen und Ofenrohre zu erhalten. Die Diskussion um die Unabweisbarkeit des Bedarfs wurde erfreulich abgekürzt, weil wir einerseits hartnäckig und nicht abzuweisen waren und weil der zuständige Offizier andererseits sofort in Weihnachtsurlaub fahren wollte. Als Studentenvertreter konnte man eher Ausnahmen erreichen. Englische Sprachkenntnisse waren dabei genauso hilfreich, wie bei den anschließenden Verhandlungen mit schwedischen Vertretern über die Schulspeisung.

Damals konnten wir noch nicht ahnen, daß die Beuth-Schule einmal Kristallisationspunkt für den Ausbau eines großen Zentrums für die technische Ausbildung werden würde. Heute wissen wir, ohne diesen ersten Schritt gäbe es weder dieses Zentrum Technische Fachhochschule an dieser Stelle, noch die nahe gelegenen Studentenheime oder die Symbiose mit der später in der Nähe angesiedelten Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt. Eines folgte logisch aus dem Vorhergehenden und immer waren Menschen da, die diese Logik begriffen.

Meine Mitarbeit im Studentenparlament brachte es auch mit sich, daß ich die Möglichkeit hatte, an den Sitzungen der einschlägigen Fachausschüsse der Kammer der Technik teilzunehmen. Weil der VDI noch nicht zugelassen war, war sie die einzige Interessenvertretung der Ingenieure. Aus dem gleichen Grunde wurde ich in den kulturpolitischen Ausschuß der Partei berufen und hatte so die einzigartige Möglichkeit, Dr. Hildegard Wegscheider kennenzulernen. Nur mit großer Hochachtung denke ich an diese zurückhaltende, mütterlich wirkende Frau. Obwohl sie damals schon 76 war, stellte sie bei Sachfragen alle anderen Mitglieder des Ausschusses weit in den Schatten, um sich nach Diskussion und Abstimmung wieder bescheiden in den Hintergrund zurückzuziehen. Sie wirkte durch Persönlichkeit und Wissen. Wir Jüngeren verehrten sie. In einem Nachruf wurde sie unendlich gütig und unendlich weise genannt. Das traf genauso zu, wie der Satz, sie war auf eine eigentümliche Weise jung geblieben. Es war eine Gnade, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen. - Wie der Zufall so spielt, im August nahm ich an einem Lehrgang in der Parteischule am Wannsee teil und lernte dort einen Junglehrer kennen. Erwin Etzkorn war später Lehrer im Wedding und lange Zeit mein Kollege als Bezirksverordnetenvorsteher von Tempelhof. Reizvoll war für mich auch ein kurzes Zwischenspiel in der Redaktion der Jugendzeitschrift "Ja". Der Herausgeber war unter dem Künstlernamen Hans Kasper bekannt und ein sehr geistvoller Mann, ob ich ihm damals eine Hilfe war, wage ich zu bezweifeln.

Viele Jungsozialisten dieser Zeit haben der SPD später an herausragender Stelle gedient. Es seien nur einige Beispiele angeführt:

 1. Charlotte Bergemann  u.a. als Abgeordnete und Abteilungsvorsitzende

 2. Heinz Bergemann     u.a. als Bezirksverordneter, Kreisvorsitzender, Verwaltungsleiter des RVK und Stadtrat für Gesundheit

 3. Dr. Günter Brunner   u.a. als Bezirksverordneter, stellv. Kreisvorsitzender,  Stadtrat für Finanzen und Senatsdirektor für Wirtschaft

 4. Heinz Craatz           u.a. als Bezirksverordneter, Abgeordneter und  Abteilungsvorsitzender

 5. Max Deuter            u.a. als Bezirksverordneter und Kreisvorsitzender.  Seine Karriere hat er leider selbst beendet.
 
 6. Karl Fichtl              u.a. als Bezirksverordneter und Organisator

 7. Werner Hentschel   u.a. als Bezirksverordneter und Werbeleiter des Kreises

 8. Werner Jannicke     u.a. als Bezirksverordneter, Fraktionsvorsitzender,  Abgeordneter, Initiator unseres Parteihauses und der     Ausstellung Partner des Fortschritts

 9. Eva Knappe            u.a. als Bürgerdeputierte und Kreisvorstandsmitglied der  AWO

10. Uschi Longardt      und ihr Mann, denen die Partei viele Lieder verdankt

11. Horst Löwe           u.a. als Bezirksverordneter, Bezirksverordnetenvorsteher,  Abteilungsvorsitzender und Vorsitzender der  Kreisschiedskommission

12. Ursula Löwe          u.a. als Bezirksverordnete, Bürgerdeputierte und Schöffin

13. Walter Marwilski    ein viel zu früh ausgewanderter exzellenter Kenner der Jugendarbeit

14. Dr.Walfried Peters   kritischer Begleiter der Parteiarbeit und  Vorstandsmitglied der Wohnungsbaukreditanstalt

15. Edith Pink               Mitglied des Kreisvorstandes, das Berlin leider viel zu früh in Richtung Bonn verlassen hat

16. Charlotte Sarcander die Dichterin in unserem Kreise
17. Günter Seliger       u.a. als Bezirksverordneter und Stadtrat für Jugend
18. Horst Wagner       1. Bevollmächtigter der IG-Metall und Senator für Arbeit und Verkehr
19. Heinz Wüst           u.a. als Bezirksverordneter

Aus der Falken-Arbeit sind der Partei aus dieser Zeit zugewachsen:


 1. Karl-Heinz Gutjahr   er war ein bemerkenswertes politisches Talent, das aus der Arbeit als Bezirksverordneter und Abgeordneter zu  früh durch den Tod herausgerissen wurde

 2. Hans Mertsch         u.a. als Abgeordneter

 3. Heinz Puhst            u.a. als Bezirksverordneter, Fraktionsvorsitzender, Stadtrat für Finanzen, stellvertretender Kreisvorsitzender und Kreiskassierer

 4. Horst Renner          u.a. als Bezirksverordneter, Fraktionsvorsitzender,  Stadtrat für das Bauwesen und sehr verdienstvoller   Kreisvorsitzender der AWO

 5. Inge Renner            u.a. als Bezirksverordnete und Abgeordnete und  langjährige Vorsitzende der Freidenker

 

Manches der damals in der Bezirksverordnetenversammlung aufgegriffenen Probleme ist auch heute noch aktuell. So wurde bereits im Februar 1947 die Forderung gestellt, die damals in der Verwaltung der Berliner Forsten befindlichen Friedhöfe am Plötzensee in Erholungsflächen für die Bevölkerung umzuwandeln. Diese Aktion ist heute noch nicht völlig abgeschlossen. Sie zeugt für die Langfristigkeit kommunalpolitischer Planung. Nebenbei bemerkt, auch damals wurde schon das Thema Bedürfnisanstalten angesprochen.

Es überwogen aber die brennenden Probleme der Zeit. Die Forderung nach einer Kontrolle der Menge und Güte der Gemeinschaftsverpflegung, damit die Insassen von Krankenhäusern und Anstalten ein ihrer Markenabgabe entsprechendes Essen erhalten, war genauso notwendig wie die Diskussion über die Schwierigkeiten der Holzbeschaffung. Der kommende Winter war ein Dauerthema. Dabei wurden die Kohleversorgung, das Schaffen von Wärmehallen und die Auswirkungen der Stromsperren besprochen. Die französische Besatzungsmacht bemühte sich, trotz geringer eigener Möglichkeiten, die Versorgungs-schwierigkeiten für die Bevölkerung zu verringern. Im französischen Sektor erhielt man je Kopf der Bevölkerung und Jahr 6 Stück Körperseife - allerdings von sehr schlechter Beschaffenheit - und 2 Pakete Seifenpulver. Die Berichterstattung über die markenpflichtigen Waren ging damals sehr in die Einzelheiten. Es wurde über jedes Kilogramm Rechenschaft abgelegt. Alle demokratischen Parteien waren sich einig, die von der SED gewünschte Einschaltung des FDGB in die Ausgabe bezugscheinpflichtiger Waren abzulehnen.

Die Gewerkschaften hatten genau den gleichen Unabhängigkeitskampf wie die SPD auszufechten. Er endete schließlich mit der Gründung der UGO, der unabhängigen Gewerkschaftsorganisation. - Die Sozialdemokraten standen auch hier an der Spitze derer, die sich gegen die kommunistische Diktatur wehrten, sie wußten die Mehrheit der Bevölkerung an ihrer Seite. Später wurde dieser Abwehrkampf in Verkennung der wirklichen Gefahr als Parteiengezänk abgewertet. Das war falsch. Vieles von dem, was denen, die diese Zeit nicht bewußt miterlebten, als übertriebene Propaganda und einseitiger "Kalter Krieg" erschien, erhielt nach dem Zusammenbruch der DDR eine gespenstische Rechtfertigung, weil sich die Wirklichkeit als noch schlimmer offenbarte, als die schrecklichsten und gern für unglaubwürdig gehaltenen Berichte aus dem sogenannten "Kalten Krieg", der immer nur die Reaktion auf die totalen Machtansprüche der Kommunisten war.

 Die SPD prangerte damals schonunglos das Festhalten der SED an Macht- und Einflußpositionen innerhalb des Bezirks an. So wurde berichtet, daß die SED 20 Geschäftsstellen im Bezirk habe, während die anderen Parteien nur 1 bis 2 Geschäftsstellen betrieben. Unter Hinweis auf die Wohnungsnot wurde die SED aufgefordert, die unnötigen Räume für die Bevölkerung freizumachen. - Aus heutiger Sicht sind die Ähnlichkeiten zur Situation 1991 in den neuen Bundesländern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR erschreckend. Die SED hatte sich nicht geändert, auch wenn sie sich nun PDS nannte. Sie verteidigte ihren unrechtmäßigen Besitz noch immer nachhaltig mit allen Mitteln zum Nachteil der Mitbürger.

In der Mitte des Jahres organisierte Karl Fichtl die Sonnenwendfeier in den Rehbergen als erste große eigene Veranstaltung der Weddinger SPD. Obwohl ängstliche Gemüter befürchteten, Gegner könnten behaupten, kostbares Heizmaterial würde verschwendet, fand die Feier großen Anklang bei den Bürgern. Die SPD konnte ihre von Nazis und Kommunisten gleichermaßen mißbrauchte Tradition wieder auf eigene Art feiern.

Zur größten Kundgebung aber waren ca. 30 000 Berliner am 14. August auf dem Hertha Sportplatz am Gesundbrunnen versammelt. Dr. Schumacher sprach die „Unerfüllten Versprechungen“ an. Er erinnerte an den sechsten Geburtstag der Atlantic-Charta und fragte: „Wo sind die 2,5 Millionen Kriegsgefangenen im Osten?“ Weiter forderte er das Ende der Demontagen und Freiheit für die Sozialdemokraten im Osten. Er mahnte die Alliierten mit den Worten: Das Volk möchte wissen, woran es eigentlich ist, es möchte mindestens ein Besatzungsrecht.