Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1946

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Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1946

Erinnerungen an die Aufbaujahre des Bezirks Wedding nach dem zweiten Weltkrieg  von Horst  Löwe

1946

Mit Beginn des Jahres 1946 kamen die ersten freigelassenen Kriegsgefangenen, ebenso wie entlassene Soldaten legal aus dem Westen nach Berlin. Da ihre Entlassungspapiere von den Sowjets nicht offiziell anerkannt wurden, war ihr Weg durch die sowjetische Besatzungszone gefahrvoll. Er konnte auch in Sibirien enden.

Diese jungen Heimkehrer belebten auch die Partei. Man fand sich in Diskussionszirkeln zusammen. Besonders effektiv war die Gruppe um     Charlotte Eisinger, der späteren Frau von Heinz Bergemann. Hier wurde regelmäßig und in interessanten Debatten um einen Weg in die Zukunft gerungen. Jung war, wer nicht älter als 35 war. Dadurch trafen hier und auch anderswo Neulinge mit Mitgliedern aus der Jugendbewegung vor 1933 zusammen. Diejenigen, die noch durch das Gemeinschaftserlebnis der Jugendinternationale 1929 in Wien geprägt waren, waren in diesen Gruppen Vorbild und Lehrer zugleich. - Die damals aus den Erfordernisen der Zeit gefundene Altersbegrenzung - sie wurde in allen Parteien entsprechend gehandhabt - war nicht unumstritten, gilt aber noch heute.

Im ersten Vierteljahr 1946 fand in der Weddinger SPD eine intensive Diskussion zur Vereinigung der Arbeiterparteien statt. Die Mehrzahl der Mitglieder war dafür, aber die Methoden, mit denen diese Vereinigung durchgeführt werden sollte, wurden mehr und mehr abgelehnt. Besondere Verdienste erwarb sich in dieser Zeit der Kreisleiter von Reinickendorf, Franz Neumann.

Als die Parteizeitung "Das Volk" sich ihm verschloß, öffneten ihm "Der Tagesspiegel" und der "Telegraf" ihre Spalten. Im Wedding beteiligten sich vor allem Walter Röber, Erich Lück und Erna Wiechert an der Diskussion. Sie standen aber nicht allein. Immer mehr Mitglieder hielten eine Vereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten nur für vertretbar, wenn sie ganz Deutschland umfaßt. Dies war bei der bekannten Haltung Kurt Schumachers, die sicher nicht zuletzt auch aus seinen Erfahrungen mit Kommunisten in den KZ's herrührte, kaum durchführbar. Von der anderen Seite wurde auf die wachsende reaktionäre Gefahr in Westdeutschland hingewiesen. Sie nähme dermaßen überhand, daß sich die Arbeiterklasse in der Sowjetzone und in Berlin so rasch wie möglich vereinigen müsse. Dadurch kam der zunächst selbst noch zögernde Otto Grotewohl unter einen so starken Druck von seiten der sowjetischen Besatzungsmacht, daß Kurt Schumacher ihm in einem Gespräch am 8. Februar in Braunschweig riet, die von ihm geführte Organisation aufzulösen. Dazu hatte Otto Grotewohl, der immer dem Opportunismus zuneigte, nicht die Kraft. So entschloß er sich danach, seiner Partei eine rasche Entscheidung abzunötigen.


Wer die Unabhängigkeit seiner Partei retten wollte, mußte sich, um den Zwiespalt zwischen Parteiführung und Parteimitgliedern aufzulösen, für eine Urabstimmung aussprechen. Man konnte das nur außerhalb des offiziellen Parteiapparates tun. Die Opposition formierte sich Mitte Februar 1946; sie hatte kein Geld, kein Papier, kein Telefon und nicht einmal das bescheidenste zentrale Büro. Da das Verkehrsnetz noch nicht vollständig geflickt war, mußten stundenlange Fußwege in Kauf genommen werden, um die notwendigen Querverbindungen von Abteilung zu Abteilung herzustellen. Auch Kurt Schumacher, der Ende Februar nach Berlin kam, konnte nur seine Solidarität, nicht aber unmittelbare Hilfe zusichern.

Trotz dieser fast unüberwindlichen Schwierigkeiten gelang es Franz Neumann, am 1. März in einer großen Funktionärskonferenz einen Antrag auf Urabstimmung durchzubringen. "Der Tagesspiegel" verkündete einen Tag später einen Sieg Davids über Goliath. Die Machtprobe war in ein entscheidendes Stadium eingetreten. Unbotmäßige Mitglieder wurden vom Zentralausschuß ausgeschaltet. Am 22. März fand im Wedding ein Kreisvertretertag in der Grüntaler Straße statt, an dem 327 Delegierte teilnahmen. Ein Mißtrauensantrag von Walter Röber gegen den Zentralausschuß wurde mit übergroßer Mehrheit gegen 17 Stimmen angenommen.

Am 31. März 1946 fand dann die Urabstimmung statt. Sie konnte nur in den Westsektoren durchgeführt werden, weil die sowjetische Besatzungsmacht die Urabstimmung in ihrem Gebiet kurzfristig verbot. Den Mitgliedern der SPD wurden folgende Fragen vorgelegt:


Bist Du für den sofortigen Zusammenschluß beider Arbeiterparteien?
Ja / Nein

oder

Bist Du für ein Bündnis beider Parteien, welches gemeinsame Arbeit sichert und den Bruderkampf ausschließt?
Ja / Nein


Im Wedding beteiligten sich 2707 Mitglieder an der Urabstimmung. Die erste Frage wurde von 2002 Mitgliedern verneint. Die zweite Frage erhielt eine Mehrheit.


Obwohl sich in dem Teil der Stadt, in dem die Mitglieder ungehindert abstimmen konnten, 82% gegen die Zwangsvereinigung aussprachen, ließ sich der Zentralausschuß durch das Abstimmungsergebnis nicht beeindrucken. Er forderte am 3. April über die Zeitung "Das Volk" auf, in der SPD neue Leitungen zu bilden, die in seinem Sinne weiterarbeiten sollten.
Selbst wenn Franz Neumann später einmal behauptet hat, im Wedding sei der gesamte Kreisvorstand auf die Linie des Zentralausschusses eingeschwenkt, ignorierten tatsächlich nur zwei Kreisvorsitzende und der Kassierer das Abstimmungsergebnis. Sie nahmen das Kreisbüro in der Amsterdamer Straße für die SED in Beschlag. Am schmerzlichsten war, daß sie auch die Kasse und ein Teil der Organisationsunterlagen mitnahmen.

Treu bei der Fahne blieben:

Karl Klein Schriftführer
Erich Lück    Zweiter Schriftführer
Gerda Henschel Frauenleiterin
Charlotte Eisinger Jugendvertreterin
Fritz Hoppe Jugendleiter
Werner Schmidtke 1. Vorsitzender der SPD-Betriebsgruppe
Willy Nathan 2. Vorsitzender der SPD-Betriebsgruppe
                      

Es galt nun, im Wedding eine neue Organisation aufzubauen. Den Spaltern war es gelungen, die SPD erneut in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Partei zeigte ein weiteres Mal ihre Überlebenskraft. Die Namen der Funktionäre der ersten Stunde sind uns überliefert. Sie sollen der Nachwelt erhalten bleiben:

1 bis 4. Abteilung
Herbert Buchwald
Max Brunner
Heinz Döring
Charlotte Eisinger
Karl Flemming
Otto Lehmann
Erich Lück
Willy Matthies
Max Schirmer
Eva Schmidt
Gertraut Sommer
Alfred Ziolkowski

5. Abteilung
Fritz Daatsch
Gerhard Nüske
Karl Steinweg

6. Abteilung
Erich Engewicht
Frieda Erzold
Gerhard Giehsel
Werner Hörer

7. Abteilung
Ernst Behrend
Luci Brennecke
Ernst Hilbig
Erna Imme
Karl Klein
Karl Klinge
Karl Minning
Wilhelm Schmidt

8. Abteilung
Gerda Henschel
Fritz Hoppe

9. Abteilung
Herbert Klein

12. Abteilung
Fritz Angermann

13. Abteilung
Alfred Keil
Lydia Keil


14. Abteilung

Erich Dieter


15. Abteilung
Benno Gohr
Herta Scharun
Adolf Tiesler

16. Abteilung

Hans Sauerwald
Wilhelm Seewald

18. Abteilung
Georg Burgdorf
Elli Meyer
Karl Völkel

 

Von allen Weddinger Abteilungen waren nur die 10., 11. und 17. zunächst ausgebrochen. Sie wurden bald wieder zurückerobert. Der Wiederaufbau der Partei ging mit einer für die Schwierigkeiten der damaligen Zeit erstaunlichen Geschwindigkeit voran. Bereits am 9. April fand eine Funktionärkonferenz im Schraderhaus in der Malplaquetstraße statt, in der ein neuer Kreisvorstand mit Walter Röber an der Spitze gewählt wurde. Die Liste mit den Namen des neuen Vorstandes wurde sofort der französischen Kommandantur zur Genehmigung vorgelegt.- Auf dem 1. Kreisdelegiertentag am 20. April in der Grüntaler Straße waren 151 Delegierte anwesend. Sie bestätigten den neuen Vorstand weitgehend.

Ebenso provisorisch wie der neue Kreisvorstand war auch die Kreisgeschäftsstelle, die zunächst im Lokal von Willy Wiesenthal in der Luxemburger Straße 2 eingerichtet wurde. Zeitweilig stellte auch Karl Klinge seine Räume zur Verfügung. Besser hatte es da der Landesverband, der wieder in die Ziethenstraße einziehen konnte.

Dies war die Zeit, in der ich auf Umwegen aus der Kriegsgefangenschaft zu meiner Familie zurückkehrte. Mein Vater, Sozialdemokrat seit 1914, war unschlüssig, welcher Gruppe er sich anschließen sollte. Er sagte, die einen versprechen die Einheit der Arbeiterklasse, das Ideal meines politischen Wirkens, zu vollenden, die anderen halte ich für anständige Menschen. Die Verbrüderung der Arbeiter gehörte zu den politischen und sozialen Zielen der ersten, 1848 gegründeten, Gewerkschaften. Gemeinsam, aber auf friedlichem und legalem Wege, sollte für die Arbeiter ein gebührender Platz im gemeinsamen Vaterland erreicht werden, ein Weg den Karl Marx noch für unmöglich hielt. Die Vorstellung, daß das Elend der Arbeiter allein durch einiges Handeln beseitigt werden könne, war unbestrittenes Erbgut jener Zeit und einigte scheinbar die auseinander driftenden Blöcke der Arbeiterschaft. Die wahre Kluft wurde erst für alle erkennbar, als die Erfahrungen über Jahrzehnte der Sowjetherrschaft in Rußland vorlagen.

Für mich kam damals schon, mehr aus dem aktuellen Geschehen und aus dem Wissen um die Entwicklung im Westen Deutschlands als aus historischer Erkenntnis, nur die Partei Kurt Schumachers infrage. So beschlossen wir, gemeinsam in der alten SPD mitzuarbeiten. Wir traten beide in die sich wieder neu formierende 10. Abteilung ein. Als Sohn eines erprobten Vaters wurde ich auch sofort zum Funktionär gekürt. So etwas war nur in den Zeiten des Umbruchs möglich.

Höhepunkt und Abschluß des Kampfes der Berliner SPD um ihre Unabhängigkeit war eine Funktionärkonferenz am 2o. April im überfüllten Weddinger Mercedes-Palast, in der Kurt Schumacher sprach. Er setzte sich besonders kritisch mit der am 14. April deklarierten Zwangsvereinigung der Berliner Bezirksverbände von SPD und KPD zur SED auseinander. Es war faszinierend, dem von Krieg und Verfolgung gezeichneten hohlwangigen asketischen Redner zu folgen. Seine Ausführungen dauerten in der Regel drei Stunden. Trotz dieser, für uns ungewohnten, Länge hörten ihm die nicht weniger vom Hunger gekennzeichneten Anwesenden bis zum Schluß gespannt zu. Obwohl er in Berlin weder Macht noch direkte Einflußmöglichkeit besaß, erwies sich Kurt Schumacher erneut als Politiker, der Jung und Alt gleichermaßen durch Vorbild und Persönlichkeit in seinen Bann ziehen konnte. Die Zwangsvereinigung der Zonenverbände stand damals gerade bevor.

Die Berliner Bevölkerung folgte dem Freiheitskampf der SPD mit starkem Interesse. Aus dem kleinen Zehlendorfer Waldclub, der aufstand und sich dem von den Sowjets beeinflußten Parteivorstand widersetzte, erwuchs eine Partei mit Macht und Ansehen. Die Weddinger SPD unterstützte diese Entwicklung, indem sie sich mit 80.000 Flugblättern an die Weddinger Bevölkerung wandte und um Hilfe und Verständnis bat. Das war sehr nötig, weil am 1. Mai noch einmal das große Übergewicht, das die SED im FDGB hatte, in Erscheinung trat.

Die Entwicklung im Wedding war zunächst nicht einheitlich. Deshalb beschloß der Kreisdelegiertentag am 13. Mai, daß sich die Partei besonders um den Gesundbrunnen, in dem die Organisation noch lückenhaft war, kümmern müsse. Außerdem wurde gefordert, daß nun endlich die einseitige Propaganda für die SED durch Plakate und Aufrufe aus dem Bezirksamt verschwinden müsse.

Im Grunde genommen bestand in dieser Zeit eine delikate Rechtssituation. Die neu gegründete SED war in der Sowjetzone und in den Ostsektoren anerkannt worden, nicht aber in den Westsektoren. Dafür wurde die unabhängige Berliner SPD im Sowjetsektor zunächst als illegal betrachtet. Beide Parteien forderten von den Alliierten ihre Zulassung für ganz Berlin, so mußte sich der Alliierte Kontrollrat mit der Angelegenheit befassen. Auf Vorschlag der Alliierten Kommandantur beschloß er am 28. Mai 1946, beide Parteien für ganz Berlin zuzulassen. Da diese Entscheidung einstimmig gefaßt werden mußte, lag in ihr auch das Zugeständnis der Sowjets, daß eine Urabstimmung in ihrem Sektor zu keinem anderen Ergebnis geführt hätte. Die Ostkreise existierten weiter, für die Ostzone war damit die Zwangsvereinigung allerdings endgültig vollzogen. - Die Weddinger SPD hatte zu diesem Zeitpunkt schon wieder ca. 2.000 Mitglieder.

Die Ereignisse kamen nun immer schneller in Fluß. Auf Vorschlag der Alliierten Kommandantur wurden am 3. Juni 1946 Wahlen für den 20. Oktober anberaumt. Damit verpflichteten sich die alliierten Behörden selbst, eine vorläufige Verfassung sowie eine Wahlordnung für Berlin beschleunigt fertigzustellen. Am gleichen Tag erschien auch der "Sozialdemokrat" erstmals als Parteizeitung der SPD. Er hatte eine Auflage von 50.000 Stück und sollte zunächst dreimal in der Woche erscheinen. Bis dahin mußten die Berliner Sozialdemokraten ihre Nachrichten aus "Kurier", "Telegraf" und "Tagesspiegel" entnehmen. Der Berliner Rundfunk berichtete völlig einseitig, er war fest in der Hand der SED. Der RIAS sendete erst ab September für ganz Berlin.

Der 1. Kreisdelegiertentag nach der Neuzulassung fand am 17. Juni statt. Walter Röber wurde als Kreisvorsitzender und Max Brunner als sein Stellvertreter bestätigt. - Nachdem die SPD als Partei zugelassen war, wurde ihr auch die Mitarbeit im Weddinger Bezirksamt angeboten. Obwohl die SPD mit zwei Mandaten schlecht bedient war, entsandte sie Walter Röber in das Sozialamt und Willy Nathan in die Finanzabteilung. Sie folgte dabei der Erkenntnis, daß Sozialdemokraten in der Not nicht abseits stehen können, nicht abseits stehen dürfen und daß man nur helfen und seinen Einfluß einbringen kann, wenn man den Fuß in der Tür behält.

Erst Anfang Juli war die Zahl der Mitglieder dann auf über 3.000 gestiegen. Das lag nicht zuletzt daran, daß die älteren Mitglieder zunächst sehr zurückhaltend waren. Viele zogen sich in eine Art innere Emigration zurück, weil sich ihr Traum von der Einheit der Arbeiterschaft nicht erfüllte und weil sie andererseits in der SED keine "deutsche" Partei sahen. Nach einer Bedenkzeit reihten sie sich aber wieder in ihre SPD ein. Langsam fanden auch die ersten Mitglieder, die in den Wirren der Zeit zur SED gegangen waren oder zum Teil auch in diese überführt worden waren, wieder in die SPD zurück. Trotz dieser erfreulichen Entwicklung waren die Zeiten alles andere als rosig. - Die SPD hatte inzwischen eine neue Geschäftsstelle in der Seestraße 110 gefunden, aber die SED verfügte im Bezirk allein über 22 Geschäftsstellen. Die offensichtliche Bevorzugung brachte dieser Partei jedoch nicht den erhofften Vorteil; sie ließ die Bürger eher mißtrauisch werden.

Die Weddinger SPD begann Ende Juli mit der Vorbereitung für die Wahlen. Es wurde beschlossen, den August als Werbemonat für die Partei zu nutzen und 90.000 Flugblätter zu verbreiten, die zum Eintritt in die SPD werben sollten. September und Oktober waren dann dem eigentlichen Wahlkampf gewidmet. Für die Wahl erhielten die Parteien Papier, das zu dieser Zeit außerordentlich knapp war, zugeteilt.Das Kontingent der SED war doppelt so groß wie das der SPD. Die SPD mußte frühzeitig lernen, sich gegen Kontrahenten, die über viel mehr Material verfügen, durchzusetzen.

In der Zeit der Wahlvorbereitung mußten nicht nur Stadtverordnete und Bezirksverordnete nominiert und Wahlleiter und deren Stellvertreter bestimmt werden; die Partei mußte auch Mitgliederverteter für den Konsum, Mitglieder für die Entnazifizierungskommission, Schöffen und andere ehrenamtlich Tätige stellen. Alles stand unter Zeitdruck. Dennoch durfte man bei der Anspannung aller Kräfte die Not der Bevölkerung, die Sorgen der Heimkehrer und die Schwierigkeiten bei der Lebensmittelversorgung nicht verdrängen, denn die SPD kämpfte um das Vertrauen von 168 000 Stimmberechtigten. Am 16. September bestimmte das fünfjährige Waisenkind Werner Reinhardt gemeinsam mit einem vierjährigen Mädchen durch Los die Reihenfolge der Parteien auf dem Stimmzettel. Die SPD erhielt die begehrte Nummer 1.

Jeder hatte im Wahlkampf sein Bestes zu geben und tat dies auch. Zudem hatten wir Helfer. Weddinger Handwerker unterstützten, von Karl Fichtl und Benno Gohr aufgerufen, unseren Wahlkampf aktiv und unentgeltlich. So prangte auf der Bunkerruine im Humboldthain und auf der S-Bahnbrücke über die Müllerstraße weithin sichtbar: "Wählt SPD". Die beiden organisierten auch mit Hilfe von Opel-Weis einen Zubringerdienst für Alte und Kranke zu den Wahllokalen - das war in dieser Notzeit eine dankbar angenommene Hilfe. Jeder wußte, daß es um die Freiheit geht und keiner wollte fehlen. Der Wahlaufruf der Berliner SPD stellte klar: "Wir versprechen nichts, was wir nicht halten können. Wir fordern nichts, was nicht verwirklicht werden kann. ... Wir werden die politische Auseinandersetzung immer nur auf die Sache abstellen. ... Am 20. Oktober muß sich jeder Berliner entscheiden, ob er wie im vergangenen Jahr und in den letzten 12 Jahren weiter diktatorisch regiert werden will oder mit der Sozialdemokratie eine Zukunft auf dem Boden der Demokratie und des Sozialismus wünscht."

Der 20. Oktober war ein sonniger Herbsttag. Man erwartete gespannt das Ergebnis dieser ersten freien Wahl. Die Alliierten überwachten gemeinsam die Durchführung. Aber auch die Parteien hatten in jedem Wahllokal Beobachter, die sicherstellen sollten, daß die Wahl ordnungsgemäß vonstatten geht. Die Bevölkerung nahm ihr Wahlrecht in Ruhe wahr. Im Wahllokal Böttcher- Ecke Pankstraße war ein älterer erfahrener Kommunist Wahlleiter. Ich stand ihm als Stellvertreter zur Seite. Da ich jung und in Sachen Demokratie reichlich unerfahren war, sollte ich vor allem aufpassen, daß die Wahl regulär abläuft. Der Wahlleiter war völlig von dem Sieg der SED überzeugt. Er behandelte die andersgläubigen Mitglieder des Wahlausschusses ziemlich herablassend. Der Wahlgang wurde um 18.00 Uhr geschlossen, es begann die Auszählung.

Sie war noch nicht einmal zur Hälfte erledigt, als dem Leiter die Stimme versagte. Er konnte das sich abzeichnende Ergebnis nicht fassen und verließ entnervt das Lokal. Es war nun an mir, die Auszählung in eigener Verantwortung zu Ende zu bringen. Da wir alle noch unsicher waren, stand das Ergebnis erst kurz vor Mitternacht fest. Die SPD hatte hier über 60% aller Stimmen gewonnen. Insgesamt erhielt sie im Wedding 53% aller Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von über 91%. Die SED konnte trotz aller Anstrengung - sie verteilte u.a. Briketts mit der Einprägung "SED" - nur 23,5% aller Stimmen auf sich vereinen. Es war
ein großer Schock für ihre Anhänger.

Die Berliner Sozialdemokraten dankten der Bevölkerung für das Vertrauen und für die Absage an alle Totalitätsansprüche. Sie anerkannten die große Verantwortung, die ihnen damit auferlegt wurde. Diese erste Wahl nach dem Kriege sollte über Jahrzehnte die einzige freie Wahl für ganz Berlin bleiben. Die sowjetische Besatzungsmacht reagierte prompt auf die Schlappe. In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober wurden im Ostsektor Hunderte von Facharbeitern, Ingenieuren und Wissenschaftlern aus ihren Wohnungen geholt und mit ihren Familien in die Sowjetunion deportiert.

Auch die Weddinger Sozialdemokraten waren sich darüber im klaren, daß sie nicht nur eine Wahl gewonnen hatten, sondern daß ihnen die Verantwortung für einen wichtigen Bezirk übertragen worden war. Wie viel zu tun war, kann oft nur an Einzelschicksalen ermessen werden. Max Brunner, der als 2. Kreisvorsitzender und als Kreissekretär während der ganzen Zeit hauptamtlich für die Partei einstand, hatte seine Kräfte überschätzt und wurde schwerkrank. Das war gleichbedeutend mit dem Absturz in arge finanzielle Not. Das Gehalt eines Kreissekretärs betrug damals 450,-- Reichsmark im Monat. Damit konnte man durchaus leben, aber nicht für eine schwere Krankheit vorsorgen. Um ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren, beschloß der Kreisvorstand eine einmalige Zuwendung von 250,-- RM. Was heute fast eine lächerliche Summe ist, war damals für alle Beteiligten ein wesentlicher Betrag.

Zu dem Wahlausgang nahmen Dr. Kurt Schumacher und Franz Neumann am 22. Oktober in der Neuen Welt Stellung. Sie beschrieben Aufgaben und Ziele einer sozialdemokratischen Kommunalpolitik. Dr. Schumacher sprach auch vorher schon mehrfach in Berlin. So am 20. Juni im Poststadion, am 16. Oktober in den Argushallen in Reinickendorf und in der Neuen Welt und am 22. Oktober in der Neuen Welt. Seine Reden unterstützten das Entstehen eines neuen Wir-Gefühls in der Partei.

Das war notwendig, denn trotz aller Erfolge machte die Berliner SPD noch immer einen Gärungsprozeß durch. Bei der Fülle der auf einmal zu besetzenden Funktionen konnte man nicht immer den Guten, sondern höchstens den Gutwilligen, nicht immer den Fähigen, sondern höchstens den Bereiten, auswählen. Daneben rüttelten Klatsch und manchmal auch böswillige Denunziation an der Arbeitsfähigkeit der Funktionäre. Schließlich war auch nicht jeder den Anfechtungen gewachsen, die das Arbeiten in den Kartenstellen oder im Wohnungsamt mit sich brachten. In den ersten Jahren gab es eine große Fluktuation in den Funktionärkörpern der Abteilungen und des Kreises. Der Weddinger Kreisvorstand mußte viel Zeit aufwenden, um manchmal recht kleinlichen Streit zu schlichten. Diese Situation war vor allem für junge Funktionäre, die die Querelen der Parteiarbeit vor 1933 nicht kannten, recht enttäuschend. Sie wurden allerdings von den wegweisenden großen politischen Referaten von Dr. Schumacher und später von Ernst Reuter wieder mitgerissen.

Aber die neuen Aufgaben drängten. Walter Röber hatte klar erkannt, daß die SPD keine Zweifel an ihrem Führungsanspruch aufkommen lassen durfte. Er lud deshalb am 11.November die Vertreter aller Parteien zu einer Besprechung über die künftige Besetzung des Bezirksamtes ein. Er legte bereits ein fertiges Konzept vor. Nach einer Stunde und sieben Minuten wurde es von allen im Grundsatz gebilligt, nachdem zwar Unzufriedenheit geäußert, aber keine mehrheitsfähigen Gegenvorschläge gemacht wurden. Das Protokoll sagt: "Voß(SED): Wir wollen der SPD nicht die Verantwortung abnehmen. Es wäre trotz allem ein bißchen mehr Rücksichtnahme auf die anderen Parteien erwünscht gewesen. -Röber: Können Sie feste Vorschläge machen? - Schweigen -" Die SED hatte sich zunächst in Verkennung der neuen Mehrheitsverhältnisse den stellvertretenden Bürgermeister und zusätzlich eine wichtige Stadtratsfunktion gewünscht. Die Weddinger Bezirksverordneten bestätigten am 11. Dezember in ihrer ersten Sitzung Röbers Vorschläge durch die Wahl des ersten dem Volke verantwortlichen Bezirksamtes nach dem Kriege.