Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1945

Geschichte: Personen L-Z

Horst Löwe: Die SPD im Wedding 1945

Der Weddinger Sozialdemokrat Horst Löwe stellte uns seine Erinnerungen und Recherchen über den Wiederaufbau der SPD nach 1945 und die Parteiarbeit im Wedding zur Verfügung.

 

Erinnerungen an die Aufbaujahre des Bezirks Wedding nach dem zweiten Weltkrieg  von Horst  Löwe

                    Der eine wartet, daß die Zeit sich wandelt,
                    der andre packt sie kräftig an und handelt.

1945

Auch für den Wedding zeichnete sich Anfang 1945 das Ende des Krieges ab. Der Flak-Bunker am Humboldthain und einige Strassensperren und Geschützstellungen waren noch umkämpft. Am 25. Mai um 11.00 Uhr wurde das Weddinger Rathaus besetzt. Tags zuvor waren der von den Nationalsozialisten eingesetzte Bürgermeister, sowie einige Amtswalter geflohen. Die Bezirkskasse, die ca. 1,5 Mio. Reichsmark umfaßte, war verschwunden.

Die völlig unnötigen und zwecklosen Straßenkämpfe, die sich noch bis Anfang Mai hinzogen, verursachten weitere Opfer in der Bevölkerung und zusätzliche Schäden. Als das alles vorbei war, war jede dritte  Wohnung im Wedding unbenutzbar, nur wenige waren nicht beschädigt. Als Folge von Bombenangriffen und Straßenkämpfen mußten 3,5 Mio. Kubikmeter Schutt beseitgt werden.

Selbst die Weddinger Krankenhäuser wiesen schwere Zerstörungen auf. Im Kinderkrankenhaus waren die schwerkranken Kinder im Keller untergebracht. Eine Ärztin, die sich mutig vor ihre Krankenschwestern stellte, wurde von Rotarmisten mehrfach vergewaltigt. Sie war eine der vielen unbekannten Heldinnen jener Zeit.

Zu diesen gehörten auch die Mütter, die unter Lebensgefahr Milch für ihre Kinder holten. Andererseits wird berichtet, daß die einmarschierenden russischen Soldaten Äpfel und Brot an die hungernde Bevölkerung verteilten.

Der Einmarsch der russischen Armee brachte nicht die von vielen Nazigegnern erhoffte Befreiung. Aber er brachte das Ende der Kampfhandlungen und eine langsame Normalisierung. Für die Menschen im Wedding waren sowohl das Kellerleben als auch die Angst vor Bomben und Granaten vorbei. Noch war dieser Bezirk aber teilweise von den Verbindungen mit dem übrigen Berlin abgeschnitten. Die Fennbrücke wurde z.B. erst Anfang 1946 wieder passierbar.

Die kämpfende Truppe hatte offenbar kein Konzept für den Frieden sondern nur den Auftrag, den Krieg zu gewinnen. Nur so ist es zu verstehen, daß der unbekannte Weddinger Bürger Carl Schröder am 28. April zum kommissarischen Bürgermeister für den Wedding bestellt wurde. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) wurde erst unter dem Einfluß in Moskau ausgebildeter deutscher Berater zielstrebiger. Ab 8. Mai 1945 wurde Hans Scigalla - ein Kommunist, damals noch parteilos, schließlich gab es offiziell noch keine Parteien - von der SMAD beauftragt, als Weddinger Bürgermeister tätig zu werden. Seine Stellvertreter wurden Max Lange (KPD) und Dr. Heinrich Acker (SPD). Der Kommunist Wilhelm Thiele war für Personal und Verwaltung zuständig. Er sollte seinen Genossen die wichtigsten Aufgaben übertragen und damit Einfluß- und Machtpositionen sichern, außerdem hatte er die Neubildung der KPD im Wedding vorzubereiten.

In einer Zeit des Mangels und der Not sollte eine neue Verwaltung aufgebaut werden. Am Beginn des Wiederaufbaus stand die Beseitigung der Trümmer. Anfang Mai 1945 hatte die SMAD den Befehl gegeben, den Trümmerschutt wegzuräumen. Die Natur hat Berlin bei der Verteilung der Berge etwas stiefmütterlich behandelt. Der Trümmerschutt gab uns nun die Möglichkeit, die Natur zu korrigieren.So entstand im Laufe der Jahre ein hoher Berg im Humboldthain, der 1952 sogar einen Namen bekam.  

Wie in den letzten Jahren des Krieges lag auch hier die Hauptlast auf den Frauen. Die Trümmerfrauen erhielten zwar die Schwerarbeiterkarte, aber sie mußten sich diese unter den schwierigsten Umständen hart erarbeiten. Mit der Karte 5, die für den Normalverbraucher bestimmt war, konnte kaum jemand leben. Man mußte auf dem schwarzen Markt zukaufen. Dabei büßten viele Weddinger ihre letzten Geldreserven und manches von dem, was sie sonst über den Krieg gerettet hatten, ein.

Es begann auch die geistige Enttrümmerung. Ehemalige Nationalsozialisten wurden von ihren Posten entfernt. Gesucht wurden unbescholtene, vom Nationalsozialismus nicht angekränkelte Bürger. Das war in dem allgemeinen Durcheinander zunächst nicht ganz einfach. Allenthalben wurden Unbedenklichkeitszeugnisse - auch Persilscheine genannt - verlangt. Manchmal sollten sie weiß waschen, was ehemals braun war. Mancher Sozialdemokrat konnte damit auch seinen Dank für das Überleben abstatten. Unser Hausobmann kannte die Gesinnung meines Vaters genau, dennoch machte er ihm während der ganzen Nazizeit keine Schwierigkeiten. Es war Ehrensache diesem Mann zu bestätigen, daß er sich trotz seiner Zugehörigkeit zur NSDAP als ein anständiger Mensch erwiesen hat.

Der Beginn des Wiederaufbaus, an dem sich sofort auch die Sozialdemokraten, die überlebt hatten, beteiligten, war schwierig. Dennoch fuhr im Wedding am  25. Mai bereits die erste Straßenbahn und am 12. Juni nahm die U-Bahn ab Bahnhof Seestraße ihren Betrieb auf.

Sehr schnell wurden auch die alten Parteistrukturen wieder sichtbar. Aus Sicherheitsgründen gelöste Verbindungen wurden wieder geknüpft. Verborgene Gemeinschaften traten erneut zutage. Nun wurde aber auch erkennbar, wie hoch der Blutzoll war, den die Sozialdemokraten in der Nazizeit zu entrichten hatten.

Am 15. Juni 1945 wurde die SPD in Berlin wieder gegründet. Es entstand dabei nichts Neues, sondern die alte Gemeinschaft lebte wieder auf. Viele Sozialdemokraten stellten sich von der ersten Minute an dem Wiederaufbau zur Verfügung. Zu ihnen gehörten Willy Nathan und Walter Röber, die beide während der Nazizeit ein schweres Schicksal hatten.

Der in Magdeburg geborene Walter Röber wurde während des ersten Weltkrieges schwer verwundet. Er war von 1919 bis 1933 Gauleiter des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten für die Provinz Sachsen. Gleichzeitig hatte er das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mitbegründet. Er gehörte dort sowohl dem Vorstand des Gaues Sachsen-Anhalt als auch dem Bundesvorstand an. Während der Nazizeit wurde er mehrfach verhaftet und war im Gefängnis. Nur seine schwere Kriegsbeschädigung bewahrte ihn vor der Einlieferung in ein KZ. Seine kommunalpolitischen Erfahrungen erwarb er als Stadtverordneter in Magdeburg.

Es war ein Glück für den Wedding, einen Mann mit den Erfahrungen und Kenntnissen wie Röber in seinen Mauern zu haben. Dieses Glück wußte man zunächst noch nicht so recht zu schätzen. Die Gruppe "Ulbricht" hatte allenthalben dafür gesorgt, daß Kommunisten in wichtige Schaltfunktionen und Ämter kamen. Bis zu der Aufteilung Berlins unter die vier Siegermächte sollten alle wesentlichen Funktionen von linientreuen Kommunisten besetzt sein.

Am 27. Juli 1945 begannen die Engländer ihren Teil von Berlin, einschließlich des Bezirks Wedding, zu übernehmen. Schon wenige Tage später wurden Wedding und Reinickendorf den Franzosen übergeben. Erster Stadtkommandant war General de Beauchesne, einer seiner ersten Mitarbeiter war Dr. Charles Corcelle, der sich über Jahrzehnte hinweg als einer der besten Förderer der deutsch-französischen Zusammenarbeit erweisen sollte. Er blieb dem Wedding auch über seine Dienstzeit hinaus ein guter Freund. Eine ebensolange Freundschaft verband den Wedding auch mit dem sprachgewandten langjährigen Protokollchef der Französischen Militärregierung, Aristide Syrigos, der eine Berlinerin zur Frau nahm, nach seiner Pensionierung in Berlin blieb und so Nord-Berliner wurde.

Zunächst aber war die deutsch-französische Zusammenarbeit schwierig. Die Franzosen waren als Siegermacht gutwillig aber arm. Sie konnten aus eigenem nicht allzuviel zur Linderung der Not in Berlin beitragen. Dennoch versuchten sie, etwas gegen die langen Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften zu tun.

Der erste Winter war schrecklich. Die Sterblichkeitsziffer schnellte bedrohlich in die Höhe. Brennmaterial war knapp. Auf Plätzen und in den Anlagen wurden Bäume gefällt. Aber auch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die so frei gewordenen Flächen wurden später parzelliert. Glücklich war der, der ein Stückchen Grabeland erhaschen konnte. Dort wurden dann Kartoffeln, Gemüse und Tabak angebaut. Zuvor mußten jedoch die Stubben entfernt werden. Ein Stubben heizt bekanntlich dreifach ein, beim Graben, beim Zerkleinern und beim Verbrennen.

Der Aufbau der Organisation der SPD war unter diesen Umständen schwierig. An der Spitze standen Robert Hensel, der auch im Bezirksamt leitend tätig war und "Pelle" Hauth, nach dem Kriege der Abteilungsleiter der früheren 23. Abteilung. Sie umfaßte in etwa das Gebiet der späteren Abteilungen 1 bis 4 und wurde vor 1933 von dem allseits geachteten Karl Napp geführt. Ihre Traditionsfahne wurde von Mitgliedern über die Hitlerzeit hinweg gerettet, sie ist heute wieder im Besitz der zuständigen Abteilung. Die Kreisleitung war genau so provisorisch, wie der am 17. Juni in der Gründerkonferenz von einigen hundert ehemaligen Mitgliedern gewählte Zentralausschuß unter der Leitung von Otto Grothewohl.

Das Gedankengut der Sozialdemokratischen Partei hatte die Nazizeit in vielen standhaft gebliebenen Mitgliedern überdauert. Nur so ist es zu erklären, daß sich die gleiche Gründungsversammlung ein Programm gab, dem man im wesentlichen auch heute noch zustimmen kann. Trotz Trümmer und unsäglicher Not keimten tatsächlich neue Hoffnungen. Das Programm forderte auch die Einheit des werktätigen Volkes. Es entsprach damit einer alten und tiefen Sehnsucht der Sozialdemokraten. Diese Forderung wurde zunächst von den Kommunisten abgelehnt, die in Überschätzung ihrer Macht glaubten, allein regieren zu können.

Solche Vorstellungen mußten sie bald unter dem Druck der Ereignisse in ihrem eigenen Machtbereich korrigieren. Otto Grotewohl nahm am 11. November in einer Gedenkfeier an die Novemberrevolution von 1918 scharf gegen jede Zwangsvereinigung Stellung. Die Veröffentlichung dieser Rede wurde durch die Zensur der Sowjets verhindert, jede Berichterstattug darüber wurde unterdrückt. Am gleichen Tage fanden in Ungarn die einzigen freien Wahlen im Ostblock statt. Die Kommunisten erhielten trotz sowjetischer Unterstützung man gerade 18%. Noch schlimmer war das Wahlergebnis am 25. November in Österreich, dort erhielten die Kommunisten lediglich 3% der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 97%. Diese Ereignisse veranlaßten die Sowjets zu noch größeren Anstrengungen, um ihren Machtbereich durch vollendete Tatsachen auch politisch zu konsolidieren. Auf freie Wahlen konnten sie nicht mehr setzen. Sie versuchten daher, durch Zwang und Versprechungen Vasallen zu finden. Es kam durch Einwirken auf Otto Grotewohl im Dezember 1945 zu Verhandlungen, die darin gipfelten, daß je 30 Verteter beider Parteien das Zusammengehen in einer gemeinsamen Entschließung befürworteten. Diese Entschließung galt nur für den sowjetischen Besatzungsbereich. Kurt Schumacher in Hannover und Erich Ollenhauer in London meldeten verständlicherweise Bedenken an, weil sie das Einschwenken der Kommunisten nur für eine taktische Maßnahme hielten. Ihre Bedenken wurden in der Partei heftig diskutiert. Auch im Wedding fanden diese Überlegungen, angesichts der einseitigen und ungerechten Bevorzugung der Kommunisten durch eine Besatzungsmacht, Beachtung.

Kurt Schumacher war in den westlichen drei Besatzungszonen zur integrierenden Führungspersönlichkeit der sich neu formierenden Sozialdemokratie geworden. Sein Schicksal und sein kompromißloses Eintreten für die Interessen des am Boden liegenden deutschen Volkes gegenüber allen Besatzungsmächten machten ihn zum idealen Fürsprecher in der Zeit der Not. Seine bewußte Unterscheidung in Schuldige und Verführte gab vor allem der Jugend neue Hoffnung. Und seine Betonung der Tatsache, daß man zur Sozialdemokratie nicht nur als Marxist, sondern ebenso unter Betonung sittlicher Werte, aus sozialer Verantwortung, wie auch aus dem Geist der Bergpredigt finden kann, öffnete der SPD frühzeitig den Weg zu einer großen Volkspartei. Er wies z.B. am 1. November in einer Rede in Kiel den Vorwurf, daß das ganze Deutschland an den Verbrechen des Hitler-Regimes schuld sei, als unberechtigt zurück und sagte: "Wir saßen im Konzentrationslager, als andere Völker noch Bündnisse mit der Reichsregierung abschlossen. Wir kommen nicht mit Bitten und Forderungen, wir wollen gerechte und objektive Nachprüfung der Tatsachen."

Wie sich die Bilder 50 Jahre später gleichen. Wieder hat ein Teil Deutschlands eine Diktatur hinter sich gebracht und das ganze Deutschland leidet noch immer unter den Folgen. Auch in dieser Diktatur gab es Täter, Mitläufer und Mitbürger, die für sich eine Nische im System fanden. Auch diejenigen, die sich nicht schuldig gemacht haben, fürchten wie damals, mit den Tätern gemeinsam verurteilt zu werden. Diese Furcht wird von den ehemaligen SED-Funktionären und von der PDS aus Eigennutz genährt. Es war damals und ist heute die Aufgabe aller recht und billig Denkenden, denjenigen, die anständig geblieben sind und nicht mitgemacht haben, die Skrupel zu nehmen, einem Land mit dieser Vergangenheit angehört zu haben, vor allem aber den Tätern jede Möglichkeit zu nehmen, sich mit den Opfern zu solidarisieren. Diese Diktaturen sind nicht den eingesperrten Opfern und den Verführten anzulasten, auch wenn die Schuldigen den perfiden Versuch machen, das ehemals unterdrückte Volk zu einer Solidarisierung mit seinen Peinigern zu überreden. Die echten Gegner des Systems gehören sowieso zu den verdienstvollen Bürgern, denen wir zu danken und die wir zu ehren haben; denen, die trotz aller Anfechtungen anständig blieben und sich nicht korrumpieren ließen, sei gleichfalls die Hand gereicht. Andererseits sollten sich die Parteien rigoros von denjenigen in ihren Reihen trennen, die dem zweifelhaften Charme des SED-Regimes - sei es des Geldes, des Schnapses oder der alten Verbundenheit wegen - erlegen sind. Es gab und gibt genug Demokraten, die über jeden Zweifel erhaben sind. – Bei der Beurteilung ausländischer Diktaturen darf uns deren Bevölkerung aber auch nie den  Vorwurf machen können, ihre Nöte und Qualen nicht aktiv bekämpft zu haben, den Kurt Schumacher den Alliierten leider berechtigt machen konnte.

Diese Abschweifung eilt der Zeit weit voraus. Wir wollen chronologisch fortfahren.