Löwe, Horst

Geschichte: Personen L-Z

Horst Löwe

geb. 22. 7. 21 in Berlin-Wedding
gest. am 7.8. 2004 in Berlin

Eltern: Martha Löwe, geb. Behrendt und Kurt Löwe, Maschinenschlosser, Betriebsratsvorsitzender bis 1933, Mitglied der SPD ab 1919 bis zu seinem Tode, Betriebsratsvorsitzender ab 1945 bis zu seinem Tode

Aufgewachsen im Zentrum der politischen Auseinandersetzugen im Wedding; die Kösliner Straße und die Buttmannstraße waren kommunistische Hochburgen, sie gingen 1933 mit wehenden Fahnen zu den Nazis über. Insofern sehr frühe Bekanntschaft mit politischen Extremen, die sich auch auf das Schulleben auswirkten. Von den Eltern zum bewußten Arbeiten im sozialdemokratischen Sinne erzogen, aber nie mit Zwang.

Schule:
1927-1934 225. Volksschule (Böttgerstraße)
1934-1937 132. Aufbauschule (Demminer Straße)
Die Aufbauschulen wurden von Sozialdemokraten gegründet, um begabten Kindern von Eltern mit geringem Einkommen, den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Aufnahmebedingungen, strenge Aufnahmeprüfung, Bewährungshalbjahr mit strenger Auslese, Bereitschaft gesamten Stoff in verkürzter Zeit zu schaffen. Bei Abschluß waren nur noch mein Freund und ich nicht in der Hitler-Jugend (HJ).
20. 3. 1937 mittlere Reife

Beruf:
1937-1940 Maschinenschlosserlehre bei der Firma Rheinmetall-Borsig AG
30. 9. 1940 Facharbeiterbrief mit Auszeichnung
In meinem Lehrgang waren nur zwei Lehrlinge nicht in der HJ. Aus der Fußballriege des Werksportvereins ausgetreten, als die Jugendabteilungen der Sportvereine in die HJ überführt wurden. Dennoch als Auszeichnung: "Mein Kampf" von Hitler.
1940-1942 Facharbeiter bei der Firma Rheinmetall-Borsig AG
Mitglied einer Widerstandsgruppe im Werk
1942-1945 als Soldat einberufen -> Wehrmacht
1942 Arbeitsurlaub bei der Firma Rieth und Sohn zur Vorbereitung der Aktion "Barbarossa"
Einer Anklage wegen angeblicher Sabotage gemeinsam mit zwei anderen Flaksoldaten knapp entgangen, eigentlicher Grund, wir haben französischen Kriegsgefangenen, die auch dort arbeiten mußten, Brot zugesteckt.
1945-1946 Maschinnenschlosser bei der Allgäuer Alpenmilch AG Weiding (Oberbayern)

1946 März Rückkehr nach Berlin
1946-1948 Studium an der Ingenieurschule Beuth
1948-1949 Werkstattleiter bei der Firma Gemeinschaftswerk Versorgungsring Berlin
1949-1950 Mitarbeiter im Arbeitsamt Wedding
1950-1983 Mitarbeiter in der Senatsverwaltung für Wirtschaft
Für die Förderung der Berliner Eisen- und Metall-Industrie zuständig. Mitarbeit bei Longtermplan der Berliner Industrie, Industieansiedlung, Bevorratung und Wirtschaftsberatung. Weiterbildung durch Besuch der Verwaltungsschule und der Verwaltungsakademie, Teilnahme an Seminaren und Lehrgängen, zuletzt als Regierungsdirektor und Leiter des Fachreferats tätig.

Wehrmacht:
1942-1945 Ausbildung und waffentechnischer Dienst bei der Flak, zuletzt als Obergefreiter und Waffenunteroffiziersanwärter.
1943 Strafversetzung zu einer Truppe mit besonders gefährlichen Einsätzen, wegen Widerstandes gegen ungerechte Befehle und wegen Eigenwilligkeit. Als Folge einer Belobigung für besondere Leistungen in der Fachausbildung wurde die beabsichtigte Versetzung
an die Front in Rußland in eine Versetzung zu einem ähnlich gefährlichen Kommando nach Frankreich verwandelt.
1945 Verwundung in Lauban (Schlesien) und Verlegung über das zerstörte Dresden nach Altötting (Lazarett) Verbindung über Dr. Hummel (Hummelfiguren) zum katholischen Widerstand. (1945 Aufruf über Sender München zum Aufstand)

Gewerkschaft:
1947 Gründungsmitglied der ersten studentischen Gewerkschaftsgruppe der Gewerkschaft der Werkmeister und Techniker. Bis jetzt Mitglied der DAG.

Partei:
1.7.1946 Eintritt in die SPD-Wedding, 10. Abteilung. Gleichzeitig ab
1.7.1946 bis jetzt Funktionär dieser Partei
Folgende Funktionen wurden jeweils über eine Zeit ausgeübt: Beisitzer der Jungsozialisten in der Abteilung, Beisitzer der Jungsozialisten im Kreis, Abteilungsschriftführer, Abteilungsleiter der 10. Abteilung, Kreisparteitagsdelegierter, Landesparteitagsdelegierter, Mitglied des Bildungspolitischen Ausschusses im Landesverband, stellvertretender Fraktionsvorsitzender BVV, Vorsitzender der Kreisschiedskommission. Zur Zeit Vertreter der Historischen Kommission in der Abt., drüber hinaus Mitarbeit in mehreren Gremien der Partei. Z.B.
1948 Auf Bitten des damaligen Kreisvorsitzenden Erich Lück Zurückhaltung im Ausüben von öffentlichen Funktionen, um notfalls für die Übernahme der Organisation für den Fall, daß die SPD erneut in den Untergrund gehen muß, bereitzustehen (u.a. Verzicht auf Kandidatur als Bezirksverordneter).
1950-1961 Übernahme diverser Referate in den SPD-Parteiorganisationen des Ostsektors

Ehrenamtliche Tätigkeit:
1946 Mitarbeit in der Studentenvertretung der Ingenieurschule Beuth und Mitbegründer des ersten Berliner Studentenparlaments (Gemeinsam mit Heinz Bergemann)
1946-1947 Vorsitzender dieses Studentenparlaments (Legislative)
1948 Vorsitzender der Studentenvertretung (Exekutive)
1950 Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen in Paris, als Mitglied der offiziellen Berliner Delegation, die damals die einzige deutsche Vertretung war. Es war meines Wissens das erste deutsch-französische Jugendtreffen überhaupt.
1950-1981 Bezirksverordneter im Bezirk Wedding, zeitweilig Mitarbeit in folgenden Ausschüssen: Jugendwohlfahrtsausschuß (zeitweilig Vorsitzender), Wirtschaftsausschuß, Gesundheitsausschuß, Haushaltsausschuß, Ausschuß für Eingaben und Beschwerden (zeitw. Vorsitzender), Ältestenrat (zeitw. Vorstzender), Sonderausschuß zur Verhinderung von Lärm- und Geruchsbelästigungen (Vorsitzender), Krankenhauskonferenz des Rudolf-Virchow-Krankenhauses
Mitarbeit in der Arbeitsgruppe zur Verminderung des Fluglärms im Wedding (mit Harry Hoffmann)
1952 Organisator der ersten Tage der Jugend in der Verwaltung
1963-1975
und 1981 Bezirksverordnetenvorsteher (1963 Von der Fraktion nach mehreren Stichwahlen mit einer Stimme Mehrheit für diese Funktion vorgeschlagen.)
Zunächst die Grundlagen für die Arbeit der BVV reformiert. Besonders beteiligt an dem Zustandekommen der Partnerschaft Holon (Israel) - Wedding. Für die Beteiligung der Bezirksverorneten an den Partnerschaften zwischen dem Wedding und anderen Städten und Gemeinden eingetreten und für eine Intensivierung gesorgt. Zeitweilig die Tagungen des Berufsschulparlaments im Weddinger BVV-Saal ermöglicht. Im Vergleich der Bezirke at die BVV-Wedding am besten abgeschnitten.

Rücktritt von Mandaten - obwohl unumstritten - um Jüngeren die Gelegenheit zu geben, Verantwortung zu übernehmen. Der Fraktinonsvorsitzende der FDP, Herr Werschnitzky, betonte als dienstältester Bezirksverordneter im Auftrage des Plenums, es sei nicht selbstverständlich in Deutschland, daß einer seinen Platz räumt, besonders wenn er ihn unangefochten einnimmt.
(Weil es bei der Aufreihung von Daten vielleicht nicht genügend deutlich wird, unterstreiche ich abschließend, daß alles was ich erleben durfte, aus Gemeinschaftsleistungen innerhalb der SPD resultiert, es waren Arbeitsergebnisse, an denen ich mitarbeitend, ideengebend, zusammenfassend oder lösungsfördernd beteiligt war.)

Horst Löwe, Stand: Frühjahr 2002



Horst Löwe ist tot

Am 7.8.2004 verstarb Horst Löwe im Alter von 83 Jahren nach einem schweren Schlaganfall in einem Pflegeheim im Wedding, dem Stadtteil, dem er zeit seines Lebens treu geblieben war.

Bekannt war Horst Löwe in Berlin als stringenter und untadeliger Bezirksverordnetenvorsteher, der er im Wedding von 1963 bis 1965 und nochmals 1981 war. Bezirksverordneter war er von 1950 bis eben 1981.

In dieser Zeit des Aufbaus und der Wandlung in der Stadt, die sich z.B. im Wohnungsbau und später in der Sanierung im Wedding besonders zeigten, prägte er die Weddinger Kommunalpolitik. Immer wieder forderte er seine SPD-Fraktion. Besonders eindringlich formulierte er dies auf einer Klausurtagung der SPD-Bezirksverordne­ten­fraktion in der Lüneburger Heide: „Fragt vorher, was Ihr mit dem Antrag oder der Anfrage erreichen wollt; seid zielgerichtet! Anfragen, um die Tagesordnung zu füllen, sind sinnlos.“

Er konnte sich es auch als sein Verdienst zurechnen, dass eine Untersuchung der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in den achtziger Jahren die Arbeit der BVV Wedding als herausragend und streng an der Verfassung und dem Bezirksverwaltungsgesetz orientiert lobte.

Horst Löwe stammte aus einer Arbeiterfamilie, die gleichzeitig Kultur und Bildung hoch schätzte. Der Vater war bis 1933 und dann wieder ab 1945 Betriebsratsvorsitzender und SPD-Mitglied seit 1919. Sein Vorbild prägte Horst Löwe, ebenso wie die sozialdemokratischen Reformpädagogen in den Aufbauschulen des Wedding.

Als Lehrling war er einer von nur zweien, die nicht zur HJ gingen und als seine Werksfußballmannschaft in die HJ überführt wurde, trat er aus und verzichtete auf den geliebten Fußballsport.

Früh betätigte sich der junge Facharbeiter im Widerstand, wie Rainer Sandvoß in seinen Werken über den Widerstand sowohl im Wedding wie in Reinickendorf dokumentierte. Auch als Soldat von 1942 bis 1945 bekam er Probleme, z.B. weil er französischen Kriegsgefangenen Brot zusteckte.

Nach Kriegsende kurzzeitig in Bayern tätig – wo er zum Kriegsende die Widerstandsgruppe um Dr. Hummel (Hummelfiguren) unterstützte, kam er 1946 nach Berlin zurück, wo er ein Studium an der Ingenieurschule Beuth begann und vollendete. Dass dort das erste Berliner Studentenparlament installiert wurde, erfüllte ihn noch im hohen Alter mit Stolz, zumal er dieses von 1946 bis 1947 leitete. Nach zwei kurzen Beschäftigungen u.a. im Arbeitsamt Wedding kam er dann 1950 zur Senatsverwaltung für Wirtschaft, die er 1983 als Regierungsdirektor und Referatsleiter in die Pension verließ. Industrieansiedlung aber auch die im kalten Krieg wichtige Notbevorratung waren u.a. seine Aufgaben.

Gleich nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde Horst Löwe Mitglied der SPD. Bis zuletzt hat er immer wieder zahlreiche Ämter bekleidet, als Abteilungsvorsitzender, Landesparteitagsdelegierter usw., zuletzt als Vorsitzender der Kreisschiedskommission.

1948 verzichtete das junge Talent in der Weddinger SPD auf Wunsch des damaligen Kreisvorsitzenden Erich Lück auf die Kandidatur für die Bezirksverordnetenversammlung. Er sollte die Organisation leiten, falls im kalten Krieg West-Berlin „geschluckt“ werden würde und die offiziellen Funktionäre verhaftet werden sollten. Nach dem Ende der Blockade kandidierte er dann 1950 und wurde die Stütze der BVV für 30 Jahre.

International trat er frühzeitig auf, so 1950 als Vertreter der Berliner Delegation - der einzigen deutschen - beim Pariser Jugendtreffen aber dann besonders auch ab 1963 beim Zustandekommen der Partnerschaft mit der Weddinger Partnerstadt Holon in Israel, zu der er institutionell wie persönlich sehr enge Beziehungen bis in seinen letzten Tage pflegte.

Obwohl Horst Löwe in den achtziger Jahren Jüngeren freiwillig Platz machte, was in der Politik nicht üblich ist, mischte er sich doch ein und stellte zumeist sehr kritische Fragen. Gefürchtet, aber immer fair als Revisor im Weddinger Heimatverein und im Weddinger Partnerschaftsverein. Auch hier hat er Maßstäbe gesetzt, die selbst Finanzämter erstaunten.

Mit Horst Löwe ist ein Genosse von uns gegangen, der nie stets den nächsthöheren Job erstrebte, sondern die ihm gestellten Aufgaben als Pflicht annahm, die es so gut zu machen galt, wie möglich. Dies hat ihm zum Vorbild auch für die Jungen gemacht. Solche Vorbilder sind rar geworden in unserer Partei. Wir werden Horst Löwe sehr vermissen.

Bernd Schimmler, MdA, in: Berliner Stimme 16-2004 vom 21.8.2004