Dietrich Stobbe: Trauerrede für Gerd Löffler, 19. Januar 2004

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Dietrich Stobbe: Trauerrede für Gerd Löffler, 19. Januar 2004

Um mich auf die Worte vorzubereiten, die ich in dieser Gedenkfeier aus Anlass des Todes von Gerd Löffler sprechen möchte, habe ich noch einmal den 1919 gehaltenen Vortrag "Politik als Beruf" von Max Weber gelesen; denn der Verstorbene war zwar Lehrer, Diplompolitologe, Direktor einer Volkshochschule - und dies mit Engagement. Aber die Politik wurde ihm zur Berufung und für viele Jahre seines Lebens zum Beruf.
Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß - nach Max Weber sind diese drei Qualitäten vornehmlich entscheidend für den Politiker:.
Leidenschaft im Sinne einer unbedingten Hingabe an eine Sache. Dies gemeint als Gegensatz zu "steriler Aufgeregtheit" sowie einer ins Leere verlaufenden "Romantik des intellektuell Interessanten".
Verantwortung bedeutet, dass der Politiker für die voraussehbaren Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Sie verlangt von ihm, den Blick in die Realitäten des Lebens mit geschulter Rücksichtslosigkeit vorzunehmen, und die Fähigkeit, diese Realitäten zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein. Verantwortungsethik und Gesinnungsethik sind dabei nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen den echten Politiker ausmachen.
Augenmaß verlangt Distanz zu Dingen und Menschen - Distanzlosigkeit und Eitelkeit sind die Hauptsünden von Politikern.

Verehrte Teilnehmer dieser Gedenkfeier, hoch verehrter Herr Bundespräsident,

Mit dem Tode von Gerd Löffler haben unsere Stadt und die Berliner Sozialdemokratie eine Persönlichkeit verloren, deren politisches Leben, so finde ich, diesen Qualitätskriterien in überzeugender Weise standhält.
Gerd Löffler war ein leidenschaftlicher Streiter für die Demokratie. Er stritt gegen Polizei und Staat für die Minderheit, als deren Rechte während des Staatsbesuches des Schahs am 2. Juni 1967 in Berlin aufs Gröbste verletzt wurden. Und er stritt für die Mehrheit der Berliner, als Minderheiten in den nachfolgenden Studentenrevolten ihre Vorstellungen mit Gewalt gegen Gesellschaft und Staat durchsetzten wollten. Beides hatte für ihn - ganz im Sinne von Max Weber - das anschließende Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zur Folge. Im ersten Fall musste dem Gewalt ausübenden Staat das Prinzip der Verhältnismäßigkeit der Mittel beigebracht und im zweiten Fall einer Minderheit bewiesen werden, dass die Mehrheit reformfähig ist. So führten staatliches Fehlverhalten auf der einen und gesellschaftliche Eruptionen auf der anderen Seite Gerd Löffler zu einem Einsatz von politischer Kraft über viele Jahre; denn die einfachen Lösungen, die gab es nicht.

Gerd Löffler wurde dadurch zu einem strukturverändernden Bildungspolitiker, genauso wie Johannes Rau in Nordrhein-Westfallen. Überhaupt war Bildungspolitik in jenem Jahrzehnt für die SPD eine Hauptantriebsfeder. In Berlin wurden die von Gerd Löffler durchgesetzten Reformen im Wissenschafts- und Schulbereich prägend für eine ganze Generation. Sie waren tragend, weil sie den Anspruch der breiten Schichten des Volkes zu gleichen Bildungschancen herbeiführten. Welch ein Kampf war das für ihn, um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Wie viel Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß waren nötig, um nicht an den Widerständen zu zerbrechen. Widerstände kamen von den hohnlachenden Minderheiten. Bewegungsunwillige Mehrheiten verursachten Blockaden.

Gerd Löffler, der Parlamentarier. Seine Reden im Abgeordnetenhaus von Berlin, die Leidenschaft seiner Worte, die strikte Bindung seiner Argumentation an die Sache, die Fähigkeit zur profunden Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, der Wille zur Durchsetzung und die Bereitschaft zum verantwortbaren Kompromiss. Wer ihm, wie ich, in jenen jungen Jahren zuhören und an seiner Seite stehen durfte, fand einen Lehrmeister. Einen, den der parlamentarische Betrieb nicht bis zur Unkenntlichkeit glatt geschliffen hatte. Sondern einen, der in freier Rede Autorität ausstrahlte, überzeugte und dadurch charismatisch führte. Charisma, wieder ein Qualitätskriterium von Max Weber.

Gerd Löffler, der Parteimann. Er stritt für parlamentarische Mehrheiten der SPD im Gefüge unseres Parteiensystems. Und er kämpfte in der SPD für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung des Gedankens der Volkspartei, wie sie das Godesberger Programm vorgezeichnet hatte. Mit diesem Gestaltungsansatz diente er seiner Partei pflichtbewusst und solidarisch in vielen Funktionen, nicht zuletzt auch als Landesvorsitzender in den Jahren 1977-79, in denen wir beide ein Team bildeten.

Verehrte Weggefährten von Gerd Löffler, liebe Genossinnen und Genossen,

Berlin, die Berliner Sozialdemokratie und vor allem die Weddinger SPD verlieren mit seinem Tod einen Mann, der nie bequem war, in der Stadt nicht und schon gar nicht in der SPD selbst; denn er war fordernd, was den intellektuellen Anspruch an die Politik betrifft. Er war einer, der mit einer Politik wirklich durchkommen wollte. Und er verlangte auch von seinen Mitstreitern, dass sie sich eines als richtig erkannten Zieles wegen anstrengten, um es auch wirklich zu erreichen. In den Politikfeldern, in denen er sich engagierte, hat er das auch oft geschafft. Deshalb war er in seiner Zeit für viele ein Vorbild; deshalb heute die große Trauer darüber, dass er nun nicht mehr an unserer Seite steht.

Verehrte Freunde von Gerd,

der, der von uns gegangen ist - Sie wissen es - war aber beileibe nicht nur ein Mann des öffentlichen Lebens. Keineswegs. Er war einer, der in alle Bereiche des Lebens hinein Freundschaften pflegte, und auch dies mit hohem Anspruch. Er förderte und suchte den intellektuellen Austausch, liebte den philosophischen Diskurs, die Beschäftigung mit der Geschichte, die kritische Befassung mit Literatur, Architektur, Malerei. Er wollte, wenn er Freunde traf, nicht einfach nur small talk machen. Er suchte nach Tiefe, ohne dabei triefend zu sein. Es ging ihm auch auf dieser Ebene seines Lebens nicht um Pattethik, sondern um Erkenntnisgewinn und Fortschritt. Wer ihm nahe stand, bekam bald zu spüren, dass Suche nach Wahrheit und Klarheit seine Person ausmachte. Wir, die wir näheren Umgang mit ihm hatten in den vergangenen Jahren, als er schon nicht mehr eine Person des öffentlichen Lebens war, trauern zutiefst um den Freund, mit dem zu reden sich lohnte, weil er immer etwas zu sagen hatte, was uns zum weiteren Nachdenken verhalf.

Liebe Regine Hübner, lieber Joachim Löffler, verehrte Angehörige,

Sie trifft dieser Tod noch ganz anders als uns, die wir mit Gerd Löffler viele Jahre unseres Lebens einen gemeinsamen politischen und beruflichen Weg gingen. Für Sie war er der Vater, der Schwiegervater, der Großvater, der Verwandte - und damit war er für Sie ein ganz privater Mensch. Sie müssen diesen Verlust jetzt noch viel mehr verkraften als wir. Da ist es - vielleicht - ein Trost für Sie, dass so viele Menschen Anteil an seinem Tod nehmen.

Hochverehrte Frau Löffler, liebe Margarete,

über Gerds Bindungen und Freundschaften stand noch etwas Anderes, Wichtigeres und für sein Leben Prägenderes. Das war seine Liebe zu Dir. Wir haben das alle gespürt, z.B. wenn wir bei Euch zu Gast waren, wenn Ihr uns eine Eurer unübertrefflichen Abendmahlzeiten gemeinsam zubereitet hattet. Wie Ihr da beide miteinander im Team das Kunststück fertig brachtet, uns köstlich zu verpflegen und gleichzeitig für eine aufgelockerte und aufgeschlossene Gesprächsatmosphäre zu sorgen! Wie Ihr von den Büchern erzähltet, die Ihr last. Wie Ihr von Euren Reisen berichtetet. Wie Ihr das Schöne gesucht habt in dieser Welt: die Wärme, das Licht, die Orte in Ländern, in denen sich unsere europäische Kultur entwickelte. Daraus sprach immer eine große Liebe und ein großes Glück. "Da war so viel Schönes" - sagte Gerd zu mir, als ich ihn bei Euch zu Hause am 19. Dezember besuchte. " Da war so viel Schönes" - es war der Moment, als er weinte, des nahen Todes gewiss, dem er so tapfer und beeindruckend beherrscht entgegen sah.
Liebe Margarete, Du hast Deinen Gerd verloren, aber nicht das Schöne, das Ihr zusammen teilen konntet. Das kann, das wird Dein Trost bleiben.

Verehrte Trauerversammlung,

Gerd Löffler, in Lodz geboren, wuchs in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands auf, trat dort der LDP bei, kam in den Westteil unserer Stadt, wurde hier Sozialdemokrat und ein Kämpfer für Demokratie, Recht, Entspannung und Einheit. Ein Mensch aus einem zerrissenen Land also, auf das der von Deutschen begonnene 2. Weltkrieg mit so furchtbarer Logik zurückgeschlagen hatte. So war es auch 1919 gewesen, als Max Weber sich mit seinem Vortrag an die junge Generation wandte, die aus dem 1. Weltkrieg heimkehrte. Nur, dass nach dem 2. Weltkrieg die Katastrophe, die Schuld der Deutschen und die daraus erwachsenen Herausforderungen für Schaffung von Demokratie, Recht und Frieden noch viel größer waren. Politik wurde Gerd Löffler gerade deshalb zur Berufung. Er nahm diese Herausforderung an. Er hat auch den mit der Politik einhergehenden Anfechtungen und Anfeindungen standgehalten. Er hat etwas für unser Gemeinwesen geleistet.

Bei seinem Gedenken sollten wir uns bewusst werden, dass er auch ein privater Mensch war. Nicht nur die Öffentlichkeit hat ihn verloren, auch seine Angehörigen, seine Frau zuallermeist. Sein Verlust wiegt schwer und lastet auf Ihnen und auf uns.

Im Gedenken an Gerd Löffler verneige ich mich in Ehrfurcht und Trauer um einen engagierten Bürger unserer Stadt, einen wichtigen Berliner Sozialdemokraten, um einen großen Freund und um einen beeindruckenden Menschen.

Parlamentarier, Bildungspolitiker, Streiter für die Demokratie
Dietrich Stobbe zum 75. Geburtstag von Gerd Löffler

Gerd Löffler, der Parlamentarier. Seine Reden im Abgeordnetenhaus von Berlin - die Leidenschaft seiner Worte, die strikte Bindung seiner Argumentation an die Sache, die Fähigkeit zur profunden Auseinandersetzung mit dem Gegner, der Wille zur Durchsetzung und die Bereitschaft zum angemessenen Kompromiss. Wer ihm, wie ich in jungen Jahren, zuhören durfte, fand einen Lehrmeister. Einen, den der parlamentarische Betrieb nicht bis zur Unkenntlichkeit glatt geschliffen hatte. Sondern einen, der in freier Rede Autorität ausstrahlte, überzeugte, und dadurch führte.
Gerd Löffler, der strukturverändernde Bildungspolitiker. In der 2. Hälfte der 60er und in den 70er Jahren wurde Bildungspolitik zu einer Haupttriebfeder sozialdemokratischen Handelns. Sie war Chefsache. Gerd Löffler war einer von mehreren herausragenden Bildungspolitikern und stand gleichbedeutend z.B. neben Johannes Rau in NRW. In Berlin wurden die von Gerd Löffler durchgesetzten Strukturveränderungen im Schul- und Wissenschaftsbereich prägend für eine Generation. Sie waren tragend, weil sie den Anspruch der breiten Schichten des Volkes auf gleiche Bildungschancen begründeten.
Gerd Löffler, der leidenschaftliche Streiter für die Demokratie. Er stritt gegen Polizei und Staat für die Minderheit, als deren Rechte z.B. während des Schahbesuches in Berlin 1967 aufs gröbste verletzt wurden. Er stritt für die Mehrheit, als Minderheiten während der Studentenrevolte ihre Rechte mit Gewalt gegen Gesellschaft und Staat durchsetzen wollten.
Und er stritt stets für parlamentarische Mehrheiten der SPD im Gefüge unseres Parteiensystems. Gerd Löffler ist ein liberaler Sozialdemokrat. Einer, der seine Herkunft aus der LDP nie verleugnet hat - und auch nicht brauchte. Er wurde 1950 aus dem Schuldienst in Thüringen fristlos entlassen, weil er die Einheitsliste der SED ablehnte. Danach ging er, wie so viele, in den Westteil der Stadt Berlin und schloss sich bald der SPD an, die den Kampf gegen die Diktatur der SED anführte.
Gerd Löffler war nie bequem, schon gar nicht in der SPD selbst. Denn er war fordernd, was den intellektuellen Anspruch an die Politik betrifft. Kein Populist also, sondern einer, der wirklich durchkommen wollte durch die berühmten dicken Bretter, die gebohrt werden müssen, um zum Erfolg zu kommen. Der SPD hat er pflichtbewusst und solidarisch in vielen Funktionen gedient, auch als Landesvorsitzender in den Jahren 1977 - 1979, in denen wir in schwierigen Zeiten ein Team bildeten.
Wenn Gerd Löffler jetzt 75 Jahre alt wird, dann ist er immer noch umringt von einem Kreis von Freunden, die den Gedankenaustausch mit ihm pflegen. Der neuen Einsichten wegen, der Zukunft wegen.
Die Glückwünsche richten sich deshalb auch an einen Berliner Sozialdemokraten, dem das Nachdenken über das Verhältnis von Bestand und Wandel der prägenden geistigen Grundlagen seiner Partei stets wichtig waren. Die heutige SPD täte gut daran, gelegentlich genau hinzuhören, was er zur Ausrichtung der Politik zu sagen hat.

Dietrich Stobbe