Lipschitz, Joachim

Geschichte: Personen L-Z

Joachim Lipschitz

Gedenkveranstaltung der Historischen Kommission beim Landesvorstand der SPD Berlin anlässlich des 40. Todestages von Joachim Lipschitz im Rathaus Lichtenberg

Siegfried Heimann

Liebe Genossinnen und Genossen, Joachim Lipschitz starb am 11 Dezember 1961 - vor vierzig Jahren.
Das Datum 1961 - ein in vieler Hinsicht schreckliches Jahr: vor allem denken wir natürlich -und niemanden muss ich daran besonders erinnern - an den 13. August 1961, an den Tag, an dem begonnen wurde, die Stadt Berlin noch brutaler zu zerschneiden als es seit den Tagen der Berliner Blockade immer wieder versucht worden ist.
Das Jahr 1961 aber ist auch das Jahr, in dem uns mehrere politisch sehr engagierte Berliner Sozialdemokraten verlassen haben: Schon im Januar starb Gustav Klingelh6fer. der Stadtrat für Wirtschaft im noch gesamtberliner Magistrat. und spätere Bundestagsabgeordnete. Da ist auch Paul Hertz zu nennen. der aus der Emigration zurückgekehrte langjährige Senator für Wirtschaft -  er starb nach langer Krankheit am 23.Oktober 1961. Da ist auch der den älteren Lichtenbergern hoffentlich noch bekannte Rudi Müller zu nennen: der im Widerstand gegen den Nazismus aktive Lichtenberger Sozialdemokrat und Gewerkschafter zeichnete sich 1947/48 vor allem im Kampf gegen den von der SED mehrheitlich bestimmten FDGB aus: er starb am 8. November 1961 an den Folgen einer Krebsoperation. Und dann nur vier Wochen später -und völlig unverhofft; Joachim Lipschitz am 11.12.1961 - erst 43 Jahre alt.
Von ihm soll im folgenden die Rede sein. Franz Ehrke und Willi Diedrich - langjährige Weggefährten von Lipschitz - und Nils Diederich als ein damals noch sehr junger Zeitzeuge werden zu uns sprechen. Aber es soll nicht nur über ihn gesprochen werden von Genossen, die ihn gut kannten. Er selbst wird auch zu Wort kommen: vier kurze Auszüge aus wichtigen Reden von Joachim Lipschitz zwischen 1948 und 1961 werden wir hören. Die Tondokumente wurden ausgewählt und kurz kommentiert von Manfred Rexin.

Die Berichte der Zeitzeugen und nicht zuletzt die Reden von Joachim Lipschitz haben aus einer Gedenkveranstaltung auch eine kleine Geschichtsstunde gemacht. Die Jahre des Kalten Krieges und die in dieser Zeit nur zu verständliche unversöhnliche Haltung gegenüber der kommunistischen Bedrohung sind uns vor allem in seiner Rede vom September 1949 sehr eindrucksvoll zu Ohren gekommen, er war ja auch ein begnadeter Redner. Aber wir haben auch h6ren dürfen, wie sehr sich Joachim Lipschitz im Verlauf dieser 13 Jahre. aus denen wir Ausschnitte aus Reden gehört haben. verändert hat, wie sehr er sich vom zornigen jungen Mann zum weiterhin emotional sehr engagierten, zugleich aber realistisch die Kunst des Machbaren beherrschenden Politikers mit Augenmaß - das Gespräch mit den Schülern belegt es - gewandelt hat. Es wäre daher nichts falscher als die Biographie von Joachim Lipschitz tagespolitisch zu instrumentalisieren.
Kurt Neubauer, einer seiner Nachfolger als Innensenator, hat zum zehnten Todestag von Joachim Lipschitz aus gegebenen Anlass -es ging um die neue Ost- und Deutschlandpolitik von Willy Brandt - vor einem solchen Missbrauch eindringlich gewarnt" Neubauer fragte im Jahre 1971, ob man sich denn noch auf Lipschitz berufen dürfe, wo man doch jetzt mit denen verhandele, die Mauer und Schießbefehl zu verantworten hätten, und er gab selbst die Antwort: "Wer so argumentiert. und mag er es noch so guten Glaubens tun, hat Joachim Lipschitz gründlich missverstanden. ...Im November 1961 ging es ihm [Lipschitz] um nichts, um das wir nicht auch heute ringen".   "Dass wir für unsere Freiheit und insbesondere für unsere Wiedervereinigung dereinst einen hohen Preis werden zahlen müssen, - so Lipschitz 1961- "darüber sind sich die vernünftigen Menschen in Deutschland längst im klaren, aber Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit selbst können nicht der Preis sein, den wir dafür zu erlegen haben.". Und Neubauer zitiert Lipschitz weiter mit einem sicher prophetisch zu nennenden Satz: "Über den Weg zur deutschen Wiedervereinigung ist in den letzten Jahren viel gesprochen worden; seine Verwirklichung ist letztlich eine Frage der internationalen Politik."
Wie wahr. wie wir heute wissen.
Für Lipschitz aber gilt, wie ich meine, unverändert das Wort von Willy Brandt, gesprochen während der Trauerfeier des Berliner. Abgeordnetenhauses am 16. 12  1961:
"Hinter einer Mauer von Ironie und unerschöpflichen Witz lebend und dahinter noch die eigenen innere Verletzlichkeit verbergend ...   lässt dieser Mann sich nicht auf eine einfache Formel bringen. weil das, was er erfuhr, im eigenen Schicksal und im Umgang mit Tausenden von anderen Menschen. so vielfältig in ihm in Erscheinung trat wie in einem tausendfach gebrochenen Spiegel... Aber wir durften immer überzeugt sein von seiner aufrichtigen Gesinnung. von der unauflöslichen Verbundenheit mit seiner Partei und von seiner unübertrefflichen Liebe zu dieser Stadt und zu unserem Vaterland."

(Dezember 2001)