Liebknecht, Karl

Geschichte: Personen L-Z

Karl Liebknecht

Karl Liebknecht, Dr. jur., Rechtsanwalt, geb. 13. August 1871 in Leipzig als Sohn des berühmten Mitbegründers der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) Wilhelm Liebknecht (1826-1900), durchlief vor dem Ersten Welt-krieg eine ganz normale Karriere in der SPD: seit 1903 Delegierter auf fast allen Parteitagen sowie auf Kongressen der Sozialistischen Internationale, Mitbegründer der Jugendinternationale und 1907 bis 1910 deren Präsident, von 1902 bis 1913 Stadtverordneter in Berlin, seit 1908 Abgeordneter im preußischen Landtag, seit 1912 Mitglied des deutschen Reichstages, 1916 Aberkennung der beiden letzteren Mandate wegen einer Zuchthausstrafe aus politischen Gründen.

Seine politischen Schwerpunkte waren: die Förderung einer selbständigen sozialistischen Arbeiterjugend und ihrer antimilitaristischen Erziehung, der Kampf gegen das undemokratische Dreiklassenwahlrecht in Preußen durch Massenaktionen, insbesondere mit Hilfe des Massenstreiks, und der Einsatz gegen den Militarismus und gegen alle Kriegsbestrebungen. Seine Anfang 1907 veröffentlichte Schrift „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung“ brachte ihm 18 Monate Festungshaft, aber auch eine breite Popularität. Als er Anfang 1913 im Reichstag einen Bestechungsskandal im Kriegsministerium – das Rüstungsunternehmen Krupp war beteiligt – aufdeckte, wurde sein Name über die deutschen Grenzen hinaus als Antimilitarist bekannt.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschied sich die SPD-Reichstagsfraktion entgegen allen Beschlüssen der Partei und der Sozialistischen Internationale zugunsten einer Bewilligung der Kriegskredite. L. beteiligte sich im August 1914 aus Fraktionsdisziplin noch an der geschlossenen Zustimmung der Fraktion im Plenum. Doch am 2. Dezember 1914 votierte er aus Treue zu den sozialdemokratischen Grundsätzen im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite und lehnte in der weiteren Kriegszeit im Reichstag zunächst allein, später mit einem zweiten SPD-Abgeordneten und ab Dezember 1915 mit einer Minderheit von weiteren 19 Abgeordneten alle Finanzmittel für die kaiserliche Regierung ab.

Sein Abstimmungsverhalten übte eine Signalwirkung zur Stimulierung der zunächst noch schwachen Opposition gegen die von der SPD-Führung und Fraktionsmehrheit praktizierte fast uneingeschränkte Unterstützung der kaiserlichen Regierung aus. Zusammen mit der Gruppierung um Rosa Luxemburg, später Gruppe „Internationale“ und Spartakusgruppe genannt, agitierte L. auf Versammlungen und mit illegalen Flugschriften, um die innerparteiliche Opposition auf sozialistischer Grundlage zu sammeln und selbst Massenaktionen für den Frieden anzuregen.

Auf der von ihm mitorganisierten illegalen Antikriegsdemonstration im Zentrum Berlins am 1. Mai 1916 verhaftet und deshalb im November 1916 zu 4 Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt, war L. für die weitere Kriegszeit als Politiker ausgeschaltet, erlebte damit 1917 den Ausschluss der Parteiopposition aus der SPD und die Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) nur durch die Gitterstäbe seines Zuchthauses.

Am 23. Oktober 1918 vorzeitig entlassen, drängte er bei den oppositionellen Berliner Metallgewerkschaftlern, den „revolutionären Obleuten“, auf eine baldige revolutionäre Erhebung der Arbeiterschaft. Nach der erfolgreichen Revolution propagierte er am 9. November 1918 vom Berliner Schloss unter dem Beifall einer riesigen Menge die „sozialistische Republik“. Auf vielen Versammlungen und in der „Roten Fahne“, der Zeitung des Spartakusbundes, kämpfte er für die Weiterführung der Revolution unter Beibehaltung des Rätesystems.

Als die USPD, der L. mit dem Spartakusbund noch angehörte, nicht auf die radikalen Forderungen dieser Gruppe einging, wurde unter Führung von L. und R. Luxemburg zur Jahreswende 1918/1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) gegründet. Ab 5. Januar 1919 entwickelte sich aus einer Protestdemonstration der unzufriedenen Berliner Arbeiterschaft spontan ein Aufstand gegen die Ebert-Scheidemann-Regierung. L. setzte sich zusammen mit dem linken USPD-Politiker Georg Ledebour und einem Vertreter der „Revolutionären Obleute“ an die Spitze der Bewegung, ohne sich mit der KPD-Führung abgesprochen zu haben. Nach dem Zusammenbruch des Aufstandes wurde L. am 15. Januar 1919 von Freikorpstruppen ermordet.

L. war ein volksnaher konsequent antimilitaristischer Politiker. Auf Grund seiner Erfahrungen im Weltkrieg zog er die Konsequenz: Nur die rasche Verwirklichung des Sozialismus könne die Welt vor Elend und einem weiteren Krieg bewahren. Einige Schriftstücke wie sein eindrucksvoller Aufruf an die Zimmerwalder Konferenz vom September 1915 („Burgkrieg, nicht Burgfriede!“) oder seine Einschätzung der revolutionären Entwicklung am 21. November 1918 in der „Roten Fahne“ („Das, was ist“) zeugen von seiner prägnanten mitreißenden Formulierungskraft und von seiner Fähigkeit zu einer scharfsinnigen Analyse der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung, auch wenn er in der Revolutionszeit die Aktionsbereitschaft der Arbeiterschaft mehrfach maßlos überschätzte.
Ottokar Luban



Literatur:
Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1958 und später, 9 Bde; Heinz Wohlgemuth: Karl Liebknecht. Eine Biographie, Berlin 1973; Helmut Trotnow: Karl Liebknecht. Eine politische Biographie, München 1980. Annelies Laschitza: Karl Liebknecht, Berlin 2007.